9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2278 Presseschau-Absätze - Seite 142 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2019 - Ideen

In der NZZ wünscht sich Lukas Leuzinger eine Debattenkultur, in der nicht die "Stammeskrieger" dominieren, sondern politische Wesen, mit "Verständnis für Andersdenkende". Ekaterina Makhotina erklärt, warum sie Masha Gessens Thesen über den Homo sovieticus in ihrem neuen Buch "Die Zukunft ist Geschichte" nicht überzeugen: Denn der scheint "überall da, wo die Autorin mithilfe ihrer Protagonisten genauer hinschaut, gerade nicht in der Nähe zu sein: Der Homo sovieticus, das sind immer die anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2019 - Ideen

Es gibt neue rechtsextreme Intellektuelle - die türkische Autorin Elif Shafak zählt im Guardian dazu Jordan Peters und Thilo Sarrazin - die nicht nur gefährlich, sondern auch gut argumentieren, ja sogar interessante Bücher schreiben, warnt Shafak. Das führe zu einem kulturellen Wandel: "Um ihn zu verstehen, müssen wir uns auf die seismischen Veränderungen in der Verlagsbranche konzentrieren. Es gibt eine neue radikal-rechte Intelligenz, und sie stellen das fehlende Bindeglied zwischen der Welt der Kunst und den Rändern dar, sie legitimieren reaktionäre Politik und den Rückschlag gegen progressive Reformen, sie verzerren systematisch Fakten, schreiben die Geschichte unverschämt um und nutzen ihre Worte und ihren sozialen Status, um Feindseligkeit und Trennung zu schüren. Und sie schaffen es, all dies mit einem glänzenden Furnier von intellektueller Raffinesse zu tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2019 - Ideen

Seid panisch, rief die schwedische Schülerin Greta Thunberg ihren Mitdemonstrantinnen kürzlich zu. Empört euch, hatte vor einigen Jahren Stéphane Hessel gerufen. Beide haben Recht, meint der Philosoph Harald Seubert in der FR, aber man sollte sie nicht mit den Spaltern von links und rechts verwechseln: "Obwohl hier wie dort eine Grundstimmung an die Stelle des Arguments tritt, besteht eine himmelweite Differenz. Hier das Ressentiment der 'Wutbürger', die von 'Sorge' sprechen, aber Spaltungen meinen, dort die Manifestation einer Panik, die implizit nicht weniger meint als die Erhaltung des begrenzten, aber umfassenden Globus. Der 'panische' Hinweis auf den Notstand kann, angesichts der um sich greifenden politischen Irrationalitäten, eine hochrationale Funktion erfüllen."

Religion oder aus religiösen Vorstellungen gespeiste moralische Werte bestimmen heute immer mehr die Politik, obwohl für über 60 Prozent der Bevölkerung Religion keine Rolle mehr spielt. In der NZZ denkt Maximilian Zech mit Max Weber und Jürgen Habermas über die Folgen nach: "Der liberale Staat dürfe seine Bürger 'nur mit Pflichten konfrontieren, die diese aus Einsicht nachvollziehen können', schreibt Habermas. Darum müssten religiöse Glaubensinhalte, wenn sie nach politischer Umsetzung verlangten, sprachlich und inhaltlich so gestaltet sein, dass sie auch für Andersgläubige und Atheisten plausibel erscheinen - so wie es bereits die Aufklärer gefordert haben. Eben an solcher Übersetzungstätigkeit mangelt es in der gegenwärtigen Debatte. All jene, die aus den christlichen Liebesgeboten eine bestimmte Politik ableiten wollen, müssen sich darum nicht nur die Frage gefallen lassen, wie realistisch diese Forderung ist. Mit welcher Legitimation? Auch darauf müssen sie eine Antwort finden."

Die Spaltungen vieler Gesellschaften heute rührt zum Teil auch aus der immer größer werdenden Kluft zwischen Stadt- und Landbewohnern her, meint die in Berlin lebende amerikanische Autorin Anjana Shrivastava in der Welt. Die Städter sollten es sich dabei nicht allzu gemütlich machen mit der Vorstellung, sie seien die modernen hier und die Bauern die rückwärtsgewandten, meint sie: "Doch heute ist es mit einer Umerziehung der noch vorhandenen Bauern nicht getan. Eher sollten die Städter selbst beunruhigt sein, eher müssen sie sich selbst erziehen. Denn weder die Natur noch die ländliche Gesellschaft liefern heute noch ein unerschöpfliches Reservoir an frischer Luft, Arbeitskraft oder sonstiger frischer Ingredienzien für die Stadt. Vielmehr spiegeln die Verhältnisse auf dem Lande die immer wachsenden Bedürfnisse der modernen Stadt wider, an diesen Bedürfnissen erschöpft sich gerade die Natur und mit ihr das Land selbst".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2019 - Ideen

Thea Dorn denkt in einem Zeit-Essay über die grassierende Kultur des Beleidigtseins in vielen jüngeren Debatten nach und fordert von allen Seiten mehr Toleranz: "Toleranz ist die Haltung des, wenn man so will, erwachsenen, zu einer gewissen Komplexität fähigen Menschen, der unterscheiden kann zwischen dem, was er tatsächlich befürwortet, und dem, was er mit Blick auf den gesellschaftlichen Frieden lediglich erträgt, obwohl er es eigentlich ablehnt. Diese charakterlich reife, differenzierte Haltung als 'beleidigend' zu bezeichnen ist, Pardon, idiotisch. Es nimmt der offenen Gesellschaft die Luft, die sie zum Atmen braucht."

In der NZZ denkt der Schweizer Manager Simon Ingold darüber nach, was in Zeiten der Postintellektuellen wie Jordan Peterson, Sam Harris oder Joe Rogan heute eigentlich einen "public intellectual" ausmacht: "Im Unterschied zu den Postintellektuellen haben Figuren wie Adorno und Derrida, aber auch Chomsky, mit ihrer Arbeit die Initialzündung für politische Bewegungen gegeben. Die Postintellektuellen betätigen sich hingegen als Nach-Denker: Sie interpretieren und artikulieren, was an rudimentären Meinungen und Ahnungen bereits vorliegt. Islamismus, Veganismus, Sexismus, Rassismus, Spiritualismus, Drogenliberalisierung, Lohnungleichheit, Kindsmissbrauch - all diese Themen werden von den Postintellektuellen durchexerziert, abwechselnd als Gegenstand der Kritik oder der Zustimmung."

Außerdem: In der Zeit gibt Emeritus Wolfgang Streeck seiner allgemeinen Unzufriedenheit mit der EU Ausdruck und beklagt "die, zur Beförderung von 'mehr Europa', unterstellten Aggressionsabsichten Russlands, entsprechend der amerikanischen Übertragung des sowjetischen Feindbilds unter den Clintons und Obama auf das postsowjetische Russland". In der NZZ denkt der Philosoph Philipp Hübl über den Zusammenhang von Fake News und Stammesdenken nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2019 - Ideen

Natürliche Dummheit kann weitaus mehr Unheil anrichten als künstliche Intelligenz, versichert die amerikanische Entwicklungspsychologin Alison Gopnik in einem Artikel, den die SZ aus einer der KI gewidmeten Reihe von edge.org übernommen hat. Doch im Augenblick ist die KI noch wesentlich dümmer als ein vierjähriges Kind. Denn Kinder saugen Daten nicht nur auf, sie schlussfolgern auch: "Mein eigener Enkel erklärte mir beispielsweise kürzlich, dass ein Erwachsener, der wieder zum Kind werden wolle, versuchen sollte, kein gesundes Gemüse zu essen: weil gesundes Gemüse ein Kind zum Erwachsenen heranwachsen lässt. Diese Art der plausiblen Hypothesen, die kein erwachsener Mensch jemals anstellen würde, ist für junge Kinder charakteristisch. Meine Kollegen und ich haben systematisch nachgewiesen, dass Kindergartenkinder besser darin sind, unwahrscheinliche Hypothesen aufzustellen, als ältere Kinder und Erwachsene. Wir wissen allerdings fast gar nichts darüber, wie diese Art des kreativen Lernens und der Innovation möglich ist."

In der NZZ denkt Thomas Ribi über das Böckenförde-Dilemma der Demokratie nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2019 - Ideen

Seit dem Massaker in Christchurch werden die Forderungen lauter, Hassreden im Netz zu zensieren. Passt auf, was ihr euch wünscht, warnt Kenan Malik im Guardian linke wie konservative Befürworter einer solchen Einschränkung: "Eine direkte Verbindung zwischen Murrays Schrift und den Morden in Christchurch zu sehen, ist so wenig plausibel wie die Behauptung, dass der Koran den Dschihadismus erklärt. Tarrants 'Manifest', das er online veröffentlichte, um seine Taten zu rechtfertigen, ist ein düsteres Durcheinander aus anti-muslimischem Hass, weißer Identitätspolitik, Globalisierungsfeindlichkeit und der Verteidigung des Umweltschutzes. Der Angriff von Christchurch, schreibt er, 'war kein Angriff auf die Vielfalt, sondern ein Angriff im Namen der Vielfalt. Um sicherzustellen, dass verschiedene Völker vielfältig bleiben, getrennt, einzigartig, unverwässert und uneingeschränkt in ihrer kulturellen oder ethnischen Ausdrucksform und Autonomie.' Es ist eine Art tollwütiger Mischmasch von links und rechts, der oft am weißen nationalistischen Rand sowie unter Dschihadisten zu finden ist. Es zeigt, dass der rechtsextreme Terror ein komplexeres Phänomen ist, als viele auf der linken Seite glauben wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2019 - Ideen

In der NZZ ermuntert Hans Ulrich Gumbrecht, den postmodernen französischen Denker Jean-François Lyotard neu zu entdecken. Und Roman Bucheli denkt über den Widerstreit zwischen Neuem und Hergebrachtem nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2019 - Ideen

Maxim Billers kürzlich in der Welt geäußerte Kritik an "Linksrechtsdeutschen", also jenen, die links reden, aber rechts handeln, (Unser Resümee) trifft einen wunden Punkt, schreibt in der SZ die Schriftstellerin Jagoda Marinic, die der politischen und kulturellen Elite eine Verweigerung des Diskurses vorwirft: "Auch Verlage und Medien nähern sich in ihren Strukturen nicht der Diversität des Publikums an, das sie erreichen könnten. Man betrauert den eigenen Bedeutungsverlust, statt für die Öffnung in den eigenen Reihen zu sorgen und so neue Debatten und Blickwinkel zu integrieren und neue Zielgruppen zu erschließen. Die Populisten wettern, 'die Medien' stünden zu weit links. Wie kann es dann sein, dass die Quoten von Mitarbeitern mit Migrationsgeschichte sich auch dort im einstelligen Bereich befinden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2019 - Ideen

Die Welt druckt die Rede, die Masha Gessen gestern anlässlich des Buchpreises zur Europäischen Verständigung für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte" auf der Leipziger Buchmesse hielt. Gessen führt noch einmal aus, wie das Erbe des Totalitarismus eine liberale Demokratie in Russland bis heute verhindert, indem Menschen in der Sowjetunion der Möglichkeit beraubt wurden, auf ihre Geschichte zu blicken, wodurch, Gessen zitiert Erich Fromm, eine "psychische Leere" entstand: "Auf Befehl von Lenin wurden mehr als zweihundert der führenden Philosophen, Historiker, Soziologen und andere Gelehrte des Landes auf Schiffe verfrachtet und ins Exil geschickt. Dies, so sagte er, sei die 'humane Alternative zur Todesstrafe' - und anderen erging es noch schlimmer. Im nächsten Jahrzehnt wurden ganze Disziplinen verbannt. Die Soziologie fiel Lenins idiosynkratischer Abneigung zum Opfer - und der Angst des Regimes vor dem Wissen, über das sie verfügen könnte. Die Psychologie wurde faktisch wegtheoretisiert. In der Vision der Bolschewiki von einer marxistischen Gesellschaft würden die Bürger in perfekter Harmonie mit sich selbst und allen anderen existieren. Die Geschichte musste nach den imaginären Gesetzen der totalitären Ideologie neu geschrieben werden."

In der FR ist Arno Widmann sehr zufrieden mit der Auszeichnung für Gessen: "Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass Deutsche und Franzosen oder gar Polen und Russen mehr Verständnis füreinander haben. Sie versteht Putin - sie hat ein großartig wütendes Buch über ihn geschrieben -, aber gerade darum bringt sie kein Verständnis für ihn auf. Wer Verständnis für Putins Trauer um den verlorenen Weltmachtstatus aufbringt, wer bereit ist, mit ihm den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu empfinden, der hat die Lage nicht nur nicht verstanden. Er weigert sich, die Augen zu öffnen, um die Welt zu sehen, wie sie ist."

Weiteres: In der NZZ denkt Herfried Münkler sehr grundsätzlich über das Wesen von Grenzen und Strömen nach und plädiert mit Blick auf die EU für ein "praktikables Arrangement" aus beiden. Jens-Christian Rabe (SZ) und Rene Scheu (NZZ) gratulieren Slavoj Zizek zum Siebzigsten. In der auf einer Textsammlung von John Brockmann basierenden SZ-Serie zum Thema "Künstliche Intelligenz" versucht der Psychologe Steven Pinker Ängste vor KI zu entkräften.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2019 - Ideen

Der französische Philosoph Pascal Bruckner fürchtet um die Demokratie in Europa. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie gehasst wurde und jetzt scheint es wieder so weit zu sein, schreibt er in der NZZ. Was die "Empörten" derzeit am meisten aufbringt, ist ihr schillernder Charakter, den man gleichwohl unbedingt bewahren muss: "Das Unvollendete ist ein Wesenszug der Demokratie. Ihre Herrschaft ist immer eine kommende, und man würde sie betrügen, wenn man sie mit einem fest definierten Regime gleichsetzen würde. Wenn sie sich wie in Frankreich drei ebenso widersprüchliche wie unrealisierbare Ziele setzt und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit proklamiert, dann hält sie damit einen Konfliktherd für die Ewigkeit bereit. Und genau darum ist dieses System auch so verletzlich."

Der britische Historiker Niall Ferguson klagt in einem sehr langen Interview mit der NZZ über die vielen Schneeflocken unter den amerikanischen Studenten, über den Kulturkampf der Linken, der Konservative und Liberale zunehmend in die rechte Ecke drängt und den damit einhergehenden Niedergang des akademischen Diskurses: "In den 1980er Jahren hieß das: Vielfalt an Ideen, Positionen, Zugängen. Heute heißt es: Diversität von Hautfarben, Geschlecht, sexuellen Präferenzen. Die neue Diversität ist das Gegenteil von echter Vielfalt. In ihrem Namen werden all jene diskriminiert, die nicht der gewünschten Weltanschauung entsprechen."