9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2014 - Internet

Sehr sachlich setzt sich Matthias Benz auf den Wirtschaftsseiten der NZZ mit der Google-Kampagne in deutschen Medien auseinander, die von manchen, wie Sigmar Gabriel, "zu einer Grundfrage von Kapitalismus und Demokratie hochstilisiert" würden. Forderungen nach einer Zerschlagung von Google findet Benz nach Regulierungen durch EU- und US-Behörden falsch: "Dabei ging offenbar vergessen, dass es weiterhin Konsumentensouveränität gibt und die Menschen selbst etwas tun können. Mit Blick auf die Marktmacht etwa vermögen die Nutzer Google sehr leicht 'abzustrafen', wenn sie dies wollen. Andere Suchmaschinen sind nur einen Klick weit entfernt, die Wechsel- und Vergleichskosten sehr gering."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2014 - Internet



Das Metropolitan Museum stellt 400.000 Bilder von seinen Objekten unter der Lizenz "Open Access for Scholarly Content" (OASC) online, meldet engadget.com. Unter anderem gibt es eine Sammlung von 18.000 Fotos, die publiziert werden. "Manche der Stücke kommen so zum ersten Mal an die Öffentlichkeit und ihre Abbildungen können für nicht-kommerzielle Zwecke benutzt werden." (Wobei anzumerken ist, dass Reproduktionen von Künstlern, die mehr als siebzig Jahre tot sind, ohnehin als rechtefrei anzusehen sind.) Die Abbildung unter OASC-Lizenz zeigt der Tageszeit angemessen eine "Brioche" von Edouard Manet aus dem Bestand des Met.

Christopher Lauer von der Piratenpartei antwortet in der Welt auf Mathias Döpfners Bekenntnis, dass er Angst vor Google habe. Auf die Politik zu hoffen, bringt nichts, meint Lauer und stellt den Erfindern des Leistungsschutzrechts die Open-Source-Idee vor: "Wenn man Google beikommen möchte, muss man einfach seine Geschäftsgrundlage zerstören. Und das geht am Einfachsten, indem man mit Unmengen von Geld intelligente Menschen finanziert, die einzig und alleine dafür a sind, Open-Source Suchalgorithmen zu entwickeln, die irgendwann leistungsfähiger als alles sind, was Google anzubieten hat." Lauer schlägt vor, dass Springer und weitere Medienkonzerne mindestens 500 Millionen Euro locker machen.

Der Schleswig-Holsteiner Datenschützer Jan Schallaböck begrüßt auf Netzpolitik die EuGH-Entscheidung gegen Google und antwortet auf die Frage, ob es richtig sein könne, die Suche nach einer rechtmäßigen Information zu unterbinden, ganz klar mit "Ja. Eine Suchmaschinenanfrage ist nicht dasselbe wie eine Archivrecherche. Bei der Google-Anfrage werden nahezu sämtliche im Internet offen verfügbaren Inhalte im Zusammenhang mit einem Namen zusammengeführt. Es entsteht ein umfassendes Dossier, mitunter sogar ein weitreichendes Profil einer Person. Mit einer Archivrecherche ist das nicht möglich."

Außerdem: Monique Goyens, Generaldirektorin des Europäische Verbraucherverbands BEUC, wirft in der FAZ Google vor, Suchergebnisse zu manipulieren, und dem EU-Wettbewerbshüter Joaquín Almunia, er unternehme nicht genug dagegen. Und Nina Rehfeld machte einen Kreativitätstest bei dem amerikanischen Ideenschmied und Silicon-Valley-Berater Tom Kelley.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2014 - Internet

In der FAZ freut sich Evgeny Morozov über das EuGH-Urteil zur Googlesuche: Unser "Recht auf Wissen" werde dadurch nicht eingeschränkt: "die fraglichen Informationen werden ja nicht komplett gelöscht - man kann sie weiterhin finden, wenn auch zu höheren Kosten". Eben.

Was, wenn Google künftig jede Löschanfrage "blindlings positiv" bescheidet, um den bürokratischen Aufwand der Einzelfallüberprüfung zu umgehen, den das EuGH-Urteil ihm auferlegt? Dann droht dem Konzern schon die nächste Klage, berichtet Johannes Wendt in Zeit online: "Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbandes, will zunächst das Verfahren von Google abwarten. "Wir halten den Persönlichkeitsschutz für wichtig, die Umsetzung des Urteils darf aber nicht dazu führen, dass Journalisten nicht mehr an Informationen gelangen", so Zörner. Sollte Google Löschanfragen wie einen Blankocheck durchwinken, kann sich der Journalistenverband auch vorstellen, eines seiner Mitglieder bei einer Klage zu unterstützen."

Der Völker- und Internetrechtler Matthias C. Kettemann sieht das in der Presse entspannter. So viele Löschanfragen werde es nicht geben. Da sei schon der Streisand-Effekt vor, "benannt nach der US-Schauspielerin, die 2003 versucht hat, ein Luftbild ihrer Residenz in Malibu zu löschen. Dieses war unbeachtet als eines von 12.000 online gestellt worden, um die Erosion der Küstenlinie Kaliforniens nachzuweisen. Vor ihrer Klage hatte es gerade einmal sechs Downloads gegeben, davon zwei von Streisands Anwälten. Nach ihrer Klage erhielt die Seite binnen eines Monats 420.000 Besuche - und das war 2003."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2014 - Internet

Eine Woche vor der Europa-Wahl: Der Springer-Verlag und die FAZ setzen ihre schamlose Lobby-Kampagne unter dem Mantel der Berichterstattung und Fürsorge für das Volkswohl fort: Die Bild-Zeitung brachte am Sonntag zweieinhalb Seiten über Google: "Problematisch ist Google auch in politischer Hinsicht. So gehört die Firma und ihre Führungsmannschaft zu den großzügigsten Förderern im Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama - was der angeblich mit einer sehr Google-freundlichen Gesetzgebung entlohnt. Auch in anderen Ländern investiert das Unternehmen massiv in Lobbyarbeit", zitiert Markus Beckedahl aus der Bild. Sein Kommentar: "Die Doppelmoral in der Argumentation ist aber kaum zu überbieten, wenn man zum Beispiel im folgenden Absatz einfach Google durch Axel-Springer-Verlag und Obama durch Merkel ersetzt."

In der FAZ malt der Ökonomieprofessor Max Otte unterdessen die zwei großen Teufel an die Wand, die den deutschen Bürger am friedlichen Einschlafen hindern: das Finanzkapital mit seinem Streben nach maximalem Profit und das Netz, das nicht nur Daten sammelt, sondern auch die Öffentlichkeit manipuliere: "Inhalte und Prozesse werden zunehmen auf der Basis von Aufmerksamkeit, Klicks, Werbeeinnahmen und optimierter Benutzerführung gestaltet. Öffentlicher Diskurs findet immer weniger statt. Gedankengänge und Reaktionsmuster werden durch Algorithmen berechnet, vorausgeplant und -gesteuert. Hatten gedrucktes Wort und Radio im Fernsehzeitalter noch für ein Gegengewicht zum Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie gesorgt, so erodieren viele der traditionellen Medien zunehmend und beugen sich der neuen Logik des Netzes. ... Martin Schulz hat eine längst überfällige Debatte angestoßen: Die freiheitlichen Werte Europas, in mehr als 2000-jähriger Geschichte unter unsäglichen Mühen errungen, sind gefährdet."

Der SPD-Politiker Martin Schulz, der am Sonntag Präsident der EU-Kommission werden will, fängt laut Tagesspiegel schon an, sich für die FAZ- und Springerkampagne zu bedanken: "Im Kartellstreit zwischen der EU und Google sollte nach den Worten des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz (SPD) für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten erst die neue EU-Kommission entscheiden. Die Entscheidung könne "nicht mehr von einer Kommission getroffen werden, die am Ende ihrer Amtszeit steht", sagte Schulz dem Tagesspiegel. Berichten zufolge verlautete aus Brüssel, dass EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia nach der Sommerpause eine Entscheidung über einen von Google vorgeschlagenen Vergleich fällen wolle."

Unterdessen mauert die Merkel-Gabriel-Regierung weiter gegen die EU-Datenschutzreform, meldet Netzpolitik.

Seit der EuGH-Entscheidung gegen Google (und im Prinzip auch andere Suchmaschinen) häufen sich Anfragen von Personen, die missliebige Aspekte ihrer Vergangenheit vergessen machen wollen, berichtet Syldie Kaufman in Le Monde: "In Großbritannien sind es laut BBC vor allem Menschen, die ihre kriminelle Vergangenheit vergessen machen wollen. Paradoxerweise beginnt das Recht auf Vergessen mit der Erinnerung an die Tatbestände. Und das ist nicht das einzige Paradox dieser Entscheidung des EuGH, die wie ein Blitz in einem bereits arg verdüsterten Himmel einschlug. Die minimalistische Reaktion des Google-Konzerns, der eisig seine "Enttäuschung" bekannte, täuscht niemanden. Im Hintergrund sind gewiss schon ganze Armadas von Juristen, um eine Antwort zu finden."

Leicht verrückt liest sich ein Kommentar des amerikanischen Gemanisten Per Urlaub zum Google-Urteil in der Welt: "Jene Netzaktivisten, die das Urteil des EuGH als Stärkung der Privatrechte des Nutzers feiern, loben gleichzeitig Assange und Snowden für deren Engagement zur Steigerung der Transparenz." Aber: Wo sind die Netzaktivisten, die das Urteil feiern?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2014 - Internet

Gunnar Vrang, der Beauftrage für Informationsfreiheit der OSZE, kritisiert in einem Kommuniqué das Urteil des EuGH gegen Internetsuchmaschinen: "Diese Entscheidung könnte negative Auswirkungen auf den Zugang zu Information haben und unterschiedliche Codes des Zugangs je nach Weltregion schaffen. Damit würde das Internet fragmentiert und seine Universalität in Frage gestellt."

Zwischen das FAZ-Feuilleton und SPD-Politiker wie Martin Schulz und Sigmar Gabriel passt kein Blatt Papier. Angesichts dieses Schulterschlusses ruft Christian Meier in Meedia dazu auf, "berechtigte Interessen der Gesellschaft gegenüber den Treibern und Innovatoren der digitalen Wirtschaft von Interessen zu unterscheiden, die wiederum andere Unternehmen haben. Beispielsweise Medienunternehmen." Sigmar Gabriels jetzt online stehender Knicks vor Frank Schirrmachers Kampagne gegen Google ("Sternstunde des politisch relevanten Feuilletons") wurde übrigens von Schirrmacher schon bei Horizont (unser Resümee) gönnerhaft retourniert: "Wir sehen, wie wichtig Politik für gesellschaftliche Klärungen sein kann - etwas, was wir ja fast schon vergessen haben."

Die Internetaufsicht des Kreml will Twitter sperren, meldet Benjamin Bidder auf Spon. "Eine "Blockade dieses Dienstes auf dem Territorium unseres Landes wird praktisch unausweichlich", sagte Maxim Ksenow, Chef der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor in einem Interview. Twitter zeige zu wenig Willen zur Zusammenarbeit mit den russischen Behörden, etwa bei der Sperrung von Inhalten, die gegen russische Gesetze verstoßen, sagte Ksenow. Neben mangelndem Kooperationswillen ließ er allerdings auch politische Gründe für den Unmut der russischen Behörden durchblicken. Zwischen den Zeilen beschuldigte der Roskomnadsor-Chef Twitter, im Interesse der US-Regierung zu handeln."

Die Entscheidung der amerikanischen Aufsichtsbehörde FCC zur Aufhebung der Netzneutralität (mehr hier) stößt weiter auf erbitterte Kritik. Netzneutralität bedeute gleiche Möglichkeiten für alle, argumentiert beispielsweise Tim Wu im New Yorker und verknüpft sie auf diese Weise eng mit dem amerikanischen Gründungsmythos der Frontier: "The Web"s famous openness to anyone with vision, persistence, and minimal cash recalls the geographic frontiers of earlier America and the technological frontiers of the twentieth century, as in industries like radio and early computing. As such, the mythology of the Internet is not dissimilar to that of America, or any open country-as a place where anyone with passion or foolish optimism might speak his or her piece or open a business and see what happens. No success is guaranteed, but anyone gets to take a shot. That"s what free speech and a free market look like in practice rather than in theory."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2014 - Internet

Jonathan Zittrain, Juraprofessor in Harvard, zeigt in der New York Times zwar Verständnis für die Sorge, dass die mechanische Auflistung von Sucheinträgen zu einer Person ein verzerrtes Bild ergeben kann. Aber das Urteil des EuGH verstößt seiner Ansicht nach gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit. Die Suchmaschinen sollten sich besser selbst etwas zur Lösung dieses Problems einfallen lassen (2007 hat Google es schon mal versucht, das Projekt aber wieder fallen lassen): "Wenn nicht, werden die Ergebnisse der Suchmaschinen nicht mehr von Ihrer Suchanfrage abhängen, sondern vom Standort Ihres Keyboards. Und die Suchmaschinen könnten sich in einem Katz-und-Maus-Spiel mit Zensur und ihrer Umgehung wiederfinden, das nur zu einer Fragmentierung, nicht zu einer Verbesserung des Netzes führt."

Es wurde bisher verkannt, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofs gegen Google eigentlich nicht viel mit Datenschutz zu tun hat, die Information über den spanischen Bürger bleibt ja bestehen - nur nicht bei Google, meint Anja Seeliger im Perlentaucher: "Der EuGH hat uns gestern im Handstreich eine Zweiklassen-Informationsgesellschaft beschert. Die, die für Informationen bezahlen, wissen, wer pleite gemacht hat, wer schon mal verurteilt wurde oder wer vor zwanzig Jahren eine karriereschädliche Bemerkung gemacht hat. Die anderen - lernen von den Chinesen oder wissen es eben nicht. So wird die Informationshierarchie der vordigitalen Zeit langsam wieder restauriert."

Im Tagesspiegel warnt Malte Lehming, das Urteil könne dazu führen, "dass sich das egalitäre Moment des Internets in ein elitäres verwandelt. Wer die hohen Kosten für Reputationsmanager und Spezialanwälte nicht zu scheuen braucht, kann sein digitales Image künftig noch leichter aufhübschen, während sich die Habenichtse der realen Welt mit ihrem Suchmaschinen-Charakter nach wie vor abfinden müssen."

Nicht nur die Europäer, auch die Amerikaner arbeiten fleißig an einem Zweiklassen-Internet, berichtet Johannes Kuhn auf SZ online: Die Federal Communications Commission (FCC) hat gerade ihr Papier vorgestellt, wonach Streaming-Portale oder Telemedizin-Firmen künftig gegen Bezahlung eine bessere Geschwindigkeit und/oder Qualität der Übertragung erwerben können und mit dem so gewonnenen Geld die Mindeststandards gehalten werden sollen: "Allerdings hat sich die FCC schon häufiger mit solchen Ideal-Modellen verkalkuliert und ist nun dabei, einen Präzedenzfall zu schaffen, der das Prinzip der Netzneutralität aushebelt."

Nachdem die FAZ einen so schönen Wahlkampf für den SPD-Europapolitiker Martin Schulz gemacht hat, dessen Thesen vom "digitalen Totalitarismus" so gut zur FAZ-Kampagne gegen Google passen, bedankt sich jetzt Sigmar Gabriel artig bei der FAZ (Zusammenfassung bei Spon) und verspricht den Bürgern Schutz vor den Folgen der Digitalisierung: "Aufgabe der europäischen Politik ist es, mit der Kraft einer kristallklaren Analyse, aber auch mit der Eingriffsmacht eines großen Wirtschaftsraums in der Lage zu sein, die demokratisch legitimierte Rechts- und Marktordnung des digitalen Zeitalters neu zu formulieren und dann durchzusetzen, ja durchzukämpfen, wo es sein muss." Dazu gehört für Gabriel unter Umständen auch die Zerschlagung Googles in Europa. Man könnte natürlich auch mit der Abschaffung des Listenprivilegs anfangen, das es deutschen Zeitungen erlaubt, die Daten ihrer Kunden zu Werbezwecken zu verkaufen. Aber das könnte diese "Sternstunde des politisch relevanten Feuilletons" verdunkeln.

Der Blogger Marcel Weiß unterstützt auf Neunetz, nicht ganz ohne skeptische Untertöne, das ambitionierte vorhaben der Krautreporter, die sich ihr kommendes Medium von den Lesern finanzieren lassen wollen - und er macht eine wichtige Nebenbemerkung: "Dass es Bedarf an Krautreporter gibt, ist allerdings auch ein Zeugnis des Versagens nicht nur der privaten Medien, sondern auch und besonders der öffentlich-rechtlichen Medien. Letztere setzen ihre Sonderstellung auf der Erlösseite nicht ein, um im Online-Kontext neue Wege zu gehen. Stattdessen machen sie mehr oder weniger das Gleiche wie die privaten Medien."

In der FAZ schildert Andreas Platthaus den Kampf zwischen Amazon und den Verlagen Hachette, dessen Bücher Amazon wegen Missliebigkeit verlangsamt ausliefert, und Bonnier in Deutschland. Die New York Times berichtete zuerst über ds Thema, hier unser Resümee in der Magazinrundschau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2014 - Internet

Viele Zeitungen haben gestern gejubelt über das Urteil der Europäischen Gerichtshof, das Google zwingt, Links auf Zeitungsartikel herauszunehmen, wenn Personen sich dadurch belästigt fühlen. Nebenbei bejubelten sie den Verfall ihrer Relevanz. Das Urteil liegt jetzt im Volltext vor, informiert der Lawblogger Thomas Stadler auf Carta, und er macht auf eine bemerkenswerte Passage aufmerksam: "Der EuGH spricht davon, dass Informationen erst durch Google einer allgemeinen Öffentlichkeit ("general public") zugänglich gemacht werden, was bedeutet, dass sie ohne Google nur einer eingeschränkten Öffentlichkeit zugänglich sind." Kurz: Seit gestern haben wir eine Zweiklassen-Informationsgesellschaft.

Kritische Töne zum Urteil jetzt auch bei Netzpolitik.org. Leonhard Dobusch begrüßt zwar ausdrücklich, dass das Gericht Google nun endlich europäischen Datenschutzrichtlinnen unterwirft. Er kritisiert aber den Haupttenor des Urteils: "Die Grundrechte auf Datenschutz und Privatsphäre wollen abgewogen werden gegenüber der ebenfalls grundrechtlich geschützten Meinungs- und Informationsfreiheit. Genau dieser Abwägung verweigert sich der EuGH jedoch in seinem Urteil, indem er dem Datenschutzinteresse des Einzelnen relativ weitreichenden Vorrang einräumt und qua richterlicher Rechtsfortbildung ein "Recht auf Vergessenwerden" postuliert."

Dobusch verweist auf eine instruktive Analyse Hans Peter Lehofers in seinem Blog e-comm, der ebenfalls die Ungleichbehandlung von Zeitungen und Internetdiensten kritisiert: "Eine Veröffentlichung im Online-Auftritt eines Regionalmediums könnte beispielsweise zulässig sein, und dennoch dürfte sie über Google (oder andere Suchmaschinen) nicht gefunden werden."

Petra Sorge konstatiert im Tagesspiegel, dass das Urteil mehr Fragen aufwirft als beantwortet, besonders diese: "Ab wann etwa darf ein EU-Bürger eigentlich seine Daten löschen lassen? Nur, wenn seine Zwangsversteigerung bereits 16 Jahre her ist - wie im Fall des spanischen Klägers?" Ganz genau dieselbe Frage stellt James Ball im Guardian: "After how long does a bankruptcy ruling become something that should be private?"

Und Sascha Lobo merkt in seiner Spiegel-Online-Kolumne an: "Vergessen ist etwas, was Personen tun. Maschinen vergessen Daten nicht, außer man löscht sie. Der Unterschied ist essenziell. Denn konkret wird Google auf diese Weise gerichtsoffiziell zum Gedächtnis der Öffentlichkeit erklärt."

Kaum haben die Krautreporter ihr ambitioniertes Unterfangen angekündigt, da wird es in Netzdebatten schon runtergeredet, bemerkt Martin Weigert, der in Schweden lebt, in Netzwertig. Warum ist Deutschland so demotivierend? " Im Startupbereich ist das Resultat leider, dass vieles nicht verwirklicht werden kann, weil die positive Sogwirkung fehlt, die zum Freisetzen der Kräfte benötigt wird. Deshalb hat Deutschland noch immer keine Digitalfirmen zu bieten, die es auf das ganz große Parkett geschafft haben, und deshalb sind Deutsche so "lächerlich risikoscheu", wie es der US-Wagniskapitalgeber Ben Horowitz gerade bemerkte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2014 - Internet

Das Urteil des Europäische Gerichtshofs, das Google zwingt, die Daten eines spanischen Bürgers zu löschen (während der Zeitungsartikel, auf den Google verwies, unbeanstandet bleibt), stößt auf kontroverse Reaktionen im Netz. Markus Beckedahl begrüßt es auf Netzpolitik eher, besonders weil das Gericht Google nicht mehr die Rückzugsbehauptung abnimmt, es sei gar kein europäisches Unternehmen: "Auch schön, dass es mal ein EuGH-Urteil gibt, das einen Zusammenhang zwischen Verantwortung und Werbeanzeigen-Verkaufsniederlassung bringt. Das könnte weitere Auswirkungen auf andere Player haben... Facebook und Google sitzen mit Werbeanzeigen-Verkaufsniederlassungen in Hamburg, fühlen sich aber nicht für Deutschland verantwortlich."

Skeptischer klingt der Lawblogger Udo Vetter: "Sicher ist nach dem Urteil, dass für Suchmaschinen ab heute andere Spielregeln gelten. Das mag für einzelne einen höheren Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte bedeuten. Auf der anderen Seite steigt aber auch die Gefahr, dass die Suchmaschinen künftig noch weniger die Wirklichkeit abbilden, als sie das (aus kommerziellen) Gründen schon heute tun."

Ganz kritisch sieht es dagegen der andere Lawblogger, Thomas Stadler: "Der EuGH etabliert mit dieser Entscheidung nichts anderes als eine weitere Spielart der Netzsperren, durch die die Meinungs- und Informationsfreiheit im Netz beeinträchtigt wird. Das ist für die europäischen Bürger mit Sicherheit keine gute Nachricht. Wer gegen Netzsperren aufgestanden ist, muss diese Entscheidung des EuGH ebenfalls ablehnen."

Die konservativen Google-Kritiker in den Zeitungen triumphieren dagegen - und bejubeln nebenbei ihre eigene gerichtlich verfügte Irrelevanz, denn die Zeitung Vanguardia, die über die Insolvenz des spanischen Bürgers berichtet hatte, muss ihren Bericht nicht zurücknehmen, aber Google den Verweis darauf löschen, weil er schadet, der Bericht in der Zeitung aber offenbar nicht. Ulrich Clauss jubelt in der Welt: "Es war ein kleiner Schritt für die Richter des Europäischen Gerichtshofes (EuGH), aber ein großer Schritt zur Rückeroberung des Cyberspace für den Internetbenutzer." Ähnlich Reinhard Müller im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ: "Der Riese ist getroffen. Der mächtigste Konzern der Welt ist einer Macht unterlegen, die keine Truppen hat. Der Europäische Gerichtshof setzt den Bürger in den Mittelpunkt und dem Internetsuchdienst Google Grenzen." Und Bernd Graff kommentiert in der SZ: "Das ist, nach der Aufdeckung der NSA-Affäre vor gut einem Jahr, ein richtungsweisendes Urteil zur Stärkung und Behauptung der Datenschutz-Grundsätze der informellen Selbstbestimmung. Vor allem eines, das die Diensteanbieter im Netz ins Schwitzen bringen dürfte."Außerdem berichten Zeit online (hier) und die taz (hier und hier). Martin Dahms porträtiert für den Tages-Anzeiger den Handschriftengutachter Mario Castejo, dessen Klage zu diesem aufehenerregenden Urteil geführt hat.

Stefan Niggemeier erklärt, warum die stark beachteten Krautreporter, zu denen er gehört, ein Internetmedium ganz ohne Werbung gründen wollen - um nicht ständig an die Quote zu denken: "Wild winkend, hüpfend, johlend kämpfen im Netz Artikel um meine Aufmerksamkeit, betteln darum, geklickt zu werden. Im Zweifel gewinnt eine übergeigte Überschrift, die durch den Inhalt des Artikels kaum gedeckt wird. Im Zweifel gewinnt die besonders steile These, die besonders überdrehte Pointierung, die besonders skandalisierende Interpretation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2014 - Internet

Dirk Lewandowski, Informatik-Professor in Hamburg denkt bei Irights.info über Alternativen zu Google nach und fordert "die staatliche Finanzierung eines Web-Index, auf den alle interessierten Parteien zugreifen können... Der Aufbau und Betrieb eines solchen Index ist als Infrastrukturaufgabe zu sehen - genauso wie der Bau von Straßen, die von allen genutzt werden können oder die Finanzierung von Bibliotheken, die der ganzen Bevölkerung zugute kommen."

In der FAZ widerspricht Joaquín Almunia, Kommissar für Wettbewerb der Europäischen Kommission, den Vorwürfen der FAZ und Mathias Döpfners, die EU würde Google keine Grenzen aufstecken. Er erinnert an das noch nicht abgeschlossene Kartellverfahren, und er schreibt den jammernden Zeitungen dies hinter die Ohren: "Es ist unsere Aufgabe, Marktmachtmissbrauch im besten Interesse der Verbraucher zu bekämpfen und nicht im Interesse der Wettbewerber."

Außerdem: Bei Golem resümiert Friedhelm Greis einen Artikel des Wall Street Journals, wonach die amerikanische Regulierungsbehörde FCC ihre umstrittenen Pläne zur Netzneutralität zwar nicht aufgeben, aber entschärfen will: So "wolle die FCC in Zukunft sicherstellen, dass die Netzbetreiber die Inhalte nichtzahlender Unternehmen nicht benachteiligen. Zudem wolle die Behörde dem neuen Entwurf zufolge Stellungnahmen einholen, ob eine solche "bezahlte Priorisierung" nicht komplett verboten werden sollte." In der FAZ stellt Mark Siemons den chinesischen Internetkonzern Alibaba vor, der kurz vor seinem Börsengang steht (mehr dazu in der SZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2014 - Internet

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp beschreibt das Internet im Interview mit der SZ als "rechtsfreien Raum", den es eigentlich gar nicht geben dürfe: "Das Internet ist als künstlich geschaffener Naturzustand absoluter Freiheit im Sinne des Philosophen Thomas Hobbes in manchen Bereichen ein antiwestlicher wie auch antiislamischer Hetzraum und ein Hort widerwärtiger Pornografie. Um das zu lösen und das Internet auch wieder von den Geheimdiensten zu trennen, bräuchte es Blauhelme, eine von der UN legitimierte digitale Weltregierung."

Weitere Artikel: Mladen Gladic fühlt sich in der Welt noch immer etwas überwältigt von dem überbordenden Informationsangebot auf der re:publica. In der FAZ macht sich Fridtjof Küchemann unter der Überschrift "Facebook verkauft seine Nutzer" Sorgen um das neueste Teufelszeug von Zuckerberg: das Nutzeranalysetool "Audience Insights". Und in der SZ macht sich Bernd Graff Sorgen um das "Internet der Dinge", den Internetverkehr von Bots (mehr bei The Atlantic).