Jonathan Zittrain,
Juraprofessor in Harvard,
zeigt in der
New York Times zwar Verständnis für die Sorge, dass die mechanische Auflistung von Sucheinträgen zu einer Person ein verzerrtes Bild ergeben kann. Aber das
Urteil des EuGH verstößt seiner Ansicht nach gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit. Die Suchmaschinen sollten sich
besser selbst etwas zur Lösung dieses Problems einfallen lassen (2007 hat Google es
schon mal versucht, das Projekt aber wieder fallen lassen): "Wenn nicht, werden die Ergebnisse der Suchmaschinen nicht mehr von Ihrer Suchanfrage abhängen, sondern vom Standort Ihres Keyboards. Und die Suchmaschinen könnten sich in einem Katz-und-Maus-Spiel mit
Zensur und ihrer Umgehung wiederfinden, das nur zu einer Fragmentierung, nicht zu einer Verbesserung des Netzes führt."
Es wurde bisher verkannt, dass das Urteil des
Europäischen Gerichtshofs gegen Google eigentlich nicht viel mit
Datenschutz zu tun hat, die Information über den spanischen Bürger bleibt ja bestehen - nur nicht bei Google,
meint Anja Seeliger im
Perlentaucher: "Der EuGH hat uns gestern im Handstreich eine
Zweiklassen-Informationsgesellschaft beschert. Die, die für Informationen
bezahlen, wissen, wer pleite gemacht hat, wer schon mal verurteilt wurde oder wer vor zwanzig Jahren eine karriereschädliche Bemerkung gemacht hat. Die anderen - lernen
von den Chinesen oder wissen es eben nicht. So wird die
Informationshierarchie der vordigitalen Zeit langsam wieder restauriert."
Im
Tagesspiegel warnt Malte Lehming, das Urteil könne dazu führen, "dass sich das
egalitäre Moment des Internets in ein
elitäres verwandelt. Wer die hohen Kosten für Reputationsmanager und Spezialanwälte nicht zu scheuen braucht, kann sein digitales Image künftig
noch leichter aufhübschen, während sich die Habenichtse der realen Welt mit ihrem Suchmaschinen-Charakter nach wie vor abfinden müssen."
Nicht nur die Europäer, auch die Amerikaner arbeiten fleißig an einem
Zweiklassen-Internet,
berichtet Johannes Kuhn auf
SZ online: Die Federal Communications Commission (FCC) hat gerade ihr Papier vorgestellt, wonach Streaming-Portale oder Telemedizin-Firmen künftig gegen Bezahlung eine
bessere Geschwindigkeit und/oder Qualität der Übertragung erwerben können und mit dem so gewonnenen Geld die Mindeststandards gehalten werden sollen: "Allerdings hat sich die FCC schon häufiger mit solchen Ideal-Modellen verkalkuliert und ist nun dabei, einen Präzedenzfall zu schaffen, der das Prinzip der
Netzneutralität aushebelt."
Nachdem die
FAZ einen so schönen
Wahlkampf für den SPD-Europapolitiker Martin Schulz gemacht hat, dessen Thesen vom "digitalen Totalitarismus" so gut zur
FAZ-Kampagne gegen
Google passen, bedankt sich jetzt
Sigmar Gabriel artig bei der
FAZ (
Zusammenfassung bei
Spon) und verspricht den Bürgern Schutz vor den Folgen der Digitalisierung: "Aufgabe der europäischen Politik ist es, mit der Kraft einer
kristallklaren Analyse, aber auch mit der Eingriffsmacht eines großen Wirtschaftsraums in der Lage zu sein, die demokratisch legitimierte Rechts- und Marktordnung des digitalen Zeitalters neu zu formulieren und dann durchzusetzen, ja durchzukämpfen, wo es sein muss." Dazu gehört für Gabriel unter Umständen auch die
Zerschlagung Googles in Europa. Man könnte natürlich auch mit der Abschaffung des
Listenprivilegs anfangen, das es
deutschen Zeitungen erlaubt, die Daten ihrer Kunden zu Werbezwecken zu verkaufen. Aber das könnte diese "Sternstunde des politisch relevanten Feuilletons" verdunkeln.
Der Blogger Marcel Weiß
unterstützt auf
Neunetz, nicht ganz ohne skeptische Untertöne, das ambitionierte vorhaben der
Krautreporter, die sich ihr kommendes Medium von den Lesern finanzieren lassen wollen - und er macht eine wichtige Nebenbemerkung: "Dass es Bedarf an
Krautreporter gibt, ist allerdings auch ein Zeugnis des Versagens nicht nur der privaten Medien, sondern auch und besonders der
öffentlich-rechtlichen Medien. Letztere setzen ihre Sonderstellung auf der Erlösseite nicht ein, um im Online-Kontext neue Wege zu gehen. Stattdessen machen sie mehr oder weniger das Gleiche wie die privaten Medien."
In der
FAZ schildert Andreas Platthaus den Kampf zwischen
Amazon und den Verlagen
Hachette, dessen Bücher Amazon wegen Missliebigkeit verlangsamt ausliefert, und
Bonnier in Deutschland. Die
New York Times berichtete zuerst über ds Thema,
hier unser Resümee in der Magazinrundschau.