9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Zoologe im Schlachthaus

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2022. Am Moment der Wannseekonferenz zeigt sich wie in einem Brennglas, was am Holocaust singulär ist, schreibt der Historiker Konstantin Sakkas bei dlf kultur. In der SZ betont Deborah Lipstadt, dass der Holocaust auf der Wannseeekonferenz nicht beschlossen wurde - sie war eine Etappe in einer Radikalisierung, so auch Frank Bajohr in der NZZ. Die NZZ bringt auch eine scharfe Kritik Leon de Winters an den neuen Thesen zum Verrat an Anne Frank. Die Zeit analysiert, was russische Propagandisten meinen, wenn sie sagen, dass sie "Europa am Euter" fassen wollen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2022 finden Sie hier

Geschichte

Vor achtzig Jahren beschlossen die Nazis bekanntlich in der Wannseekonferenz, wie sie die Ermordung des gesamten jüdischen Volks organisieren wollten. "Buchstäblich alle Juden und Jüdinnen Europas sollten nach und nach ermordet werden" ruft der Historiker Konstantin Sakkas in dlf kultur in Erinnerung: "Hier liegt der Grund für die historische Einzigartigkeit der Shoah. Nicht allein die Juden eines bestimmten Gebiets oder mit bestimmten individuellen Merkmalen sollten getötet werden; sondern früher oder später jeder und jede von ihnen, auf dem ganzen Planeten."

Jooachim Käppner erinnert in der SZ daran, dass zum Moment der Konferenz gerade die Amerikaner in den Krieg eingetreten waren und die Sowjetunion den deutschen Angriffen keineswegs wich. "Das markiert wohl den besonderen historischen Ort der Wannseekonferenz: Der Wahnsinn änderte die Methode. Ursprüngliche Ideen, die Juden mehrheitlich erst nach dem 'Endsieg' zu ermorden, wichen dem Willen, das Höllenwerk zu vollenden, solange sich Gelegenheit bot."

Die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt betont im Gespräch mit Verena Mayer in der SZ: "Viele Leute glauben fälschlicherweise, dass am Wannsee die sogenannte Endlösung beschlossen wurde. Doch der Holocaust fand bereits statt, es ging darum, wie er organisiert werden sollte." Matti Geschonnecks Film über die Wannseekonferenz, der am Montag im ZDF läuft (hier in der Mediathek), feiern Alexander Gorkow und Joachim Käppner als Meisterwerk. Auch der Historiker Frank Bajohr hält in der NZZ fest, dass der Holocaust auf der Wannseekonferenz nicht beschlossen wurde: "Der Holocaust geht weder auf einen Besprechungsbeschluss noch auf einen 'Führerbefehl' zurück. Er entstand aus einem Prozess der schubweisen Radikalisierung."

Empört, aber auch sehr detailliert nimmt Leon de Winter in der NZZ die Thesen des Forscherteams um den Filmemacher Thijs Bayens auseinander, die behaupten, den Verräter des Verstecks von Anne Frank gefunden zu haben. Ein Notar, Mitglied des Judenrats, soll den Nazis mit einer Liste von Verstecken jüdischer Familien übergeben haben. Aber die ganze Konstruktion  hält für de Winter nicht zusammen: "Welche Adressen standen auf den Listen? Wie viele Juden hatten van den Bergh und der Judenrat verraten, die später ermordet wurden? Die schreckliche Wahrheit ist: Wir können diese Fragen nicht beantworten. Es gibt weder Beweise noch Indizien. Nichts kann aufgedeckt, enthüllt, offengelegt werden. Die Anschuldigungen des Teams Bayens sind teuflisch hohl. Vor den Augen der ganzen Welt, basierend auf nichts als dünner Luft, wird nun ein Jude zum Verräter des ikonischen Gesichts des Holocausts gemacht."
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Gesellschaft

Impfpflicht ist eine komplexe Angelegenheit und kann ins aktuelle Geschehen kaum mehr hineinwirken, meint Miguel de la Riva in der FAZ: "Um in der Zwischenzeit nicht Impfskeptikern das Spielfeld zu überlassen, auf dem diese sich mit den immer selben Zweifeln und Bedenken tummeln, sollten Politiker aus Regierung wie Opposition endlich dazu übergehen, mit Mut und Entschlossenheit auch unbequeme Punkte zur Diskussion zu stellen - allein schon, um die Öffentlichkeit vorzubereiten." In der Zeit plädiert Elisabeth von Thadden dafür, sich mit der Impfpflicht Zeit zu lassen.
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Stichwörter: Impfpflicht

Ideen

Joseph Croitoru beschreibt in der FAZ ein seit einigen Jahren betriebenes Projekt des israelischen Holocaust-Forschers Amos Goldberg und des palästinensischen Politikwissenschaftlers Bashir Bashir, die Intellektuelle beider Seiten auffordern sich über ihre respektiven Katastrophen Holocaust und Nakba auszutauschen, ohne sie gleichzusetzen. In mehreren Publikationen präsentierten sie die Früchte ihrer Arbeit: "Als hilfreich erachteten die beiden Wissenschaftler hier das Konzept der 'empathischen Verstörung' ('empathic unsettlement') des amerikanischen Historikers Dominick LaCapra. Demnach soll Empathie für die Empfindlichkeiten des Gegenübers entwickelt werden, ohne jedoch dessen Positionen übernehmen zu müssen."

Außerdem wenden sich Shimon Stein und Moshe Zimmermann ebenfalls in der FAZ gegen Wolfgang Reinhards Artikel zur "deutschen Holocaust-Orthodoxie". Sie, so die Autoren über sich selbst, "standen und stehen in Israel kritisch der Instrumentalisierung der Schoa und der daraus resultierenden israelischen Politik gegenüber und plädieren deswegen für einen anderen Umgang mit der Geschichte. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Deutschland nun die Erinnerung an die Schoa 'ausdünnen' dürfe, ist ein Versuch der Täuschung." Ist zu A. Dirk Moses' fast gleichlautender Rhetorik eigentlich ein ähnlicher Artikel der beiden überliefert?
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Kulturpolitik

Die Idee einer Parlamentspoetin beweist für Hanno Rauterberg in der Zeit, dass sich die jüngere Generation der Künstler (und -innen) mit ihrem woke-apartem Gesäusel an die Macht schmiegt. Die Politiker (und -innen) sind charmiert! Und auch "der Kapitalismus hat sich kulturalisiert, die Kritik der Künstler, ihre Unbeirrbarkeit, wird unterdessen als Ressource geschätzt und gut bezuschusst - besonders von der Kreativindustrie und auch sonst von allen, die sich für Vielfalt begeistern, für Weltoffenheit und Eigensinn. Der Schulterschluss von Geist und Macht ist, so gesehen, nur konsequent; die Gegenwart will in den Künstlern ihr besseres Selbst erblicken."

Rainer Haubrich lässt sich in der Welt von Petra Kahlfeldt erzählen, was sie als neue Senatsbaudirektorin von Berlin vorhat. Vorher erklärt sie ihm aber noch, dass sie durch die Kritik an ihrer Berufung (unsere Resümees) "das Amt der Senatsbaudirektorin beschädigt" sieht: "In Zukunft wird sich jeder Kandidat und jede Kandidatin fragen, ob er oder sie die Kraft hat, als Zielscheibe von Diffamierungen und Unterstellungen in den Ring zu treten."

Europa

Russland ist nicht schwach, warnt Michael Thumann in der Zeit. Es hat Devisenreserven von 630 Milliarden Dollar, auch dank der Abhängigkeit der atomkritischen Deutschen von seinem Gas. Putin konnte innerhalb von Stunden russische Streitkräfte nach Kasachstan schicken, "so schnell, dass westlichen Beobachtern schwindlig wurde". Putin will Angst machen: "Im russischen Fernsehen platzen Kreml-Berater und Großkommentatoren fast vor Selbstbewusstsein. Zum Beispiel der Militärkommentator Igor Korotschenko, der kürzlich dazu aufrief, 'Europa am Euter zu fassen'. 'Sie sollen unsere feste Hand spüren und wir ihren ängstlichen Puls', sagte Korotschenko. Der militärische Faktor bestimme die internationalen Beziehungen. Der Kreml-Propagandist und Talkmaster Wladimir Solowjow eskalierte am vergangenen Sonntag zur besten Sendezeit mit der Frage: 'Wer sagt eigentlich, dass man einen Nuklearkrieg nicht gewinnen kann?' Solchen kalkulierten Irrsinn hören die Russen rund um die Uhr."

Welches sind eigentlich Wladimir Putins Motive für die Bedrohung der Ukraine? Sie könnten strategischer Natur sein, rätselt Timothy Snyder in seinem Blog, aber da ist noch dieser abstruse Essay Putins von letztem Jahr (unser Resümee), wo er zwanghaft eine historische Einheit von Russland und der Ukraine konstruiert. In diesem Essay fühlt er sich als Historiker wie ein Zoologe im Schlachthaus, sagt Snyder. Und "was an Putins Essay am meisten auffällt, ist die Unsicherheit über die russische Identität. Wenn man behauptet, dass seine Nachbarn seine Brüder sind, hat man eine Identitätskrise. Dazu gibt es ein schönes deutsches Sprichwort: 'Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich Dir den Schädel ein'. Was Russland in Putins Essay fehlt, ist Zukunft, und in Nationen geht es viel mehr um Zukunft als um Vergangenheit."

Springteufel Silvio Berlusconi will am Montag italienischer Staatspräsident werden. Michael Braun gibt ihm in der taz keine großen Chancen, aber allein die Kandidatur sei ein Erfolg, weil man wieder von ihm rede. Als Präsident soll er die Einheit des Landes repräsentieren. Dabei hatte er das Land vor allem gespalten, so Braun: "Lange vor Donald Trump oder Nigel Farage spielte er auf der rechtspopulistischen Klaviatur, hetzte gegen die 'Roten', die 'Kommunisten', die Italien angeblich in eine Diktatur verwandeln wollten, gegen 'die roten Roben' auch, jene Staatsanwälte, die ihm aus vorgeblich politischen Gründen nachstellten, mit unzähligen Verfahren wegen illegaler Parteienfinanzierung, Korruption, Bilanzfälschung und auch wegen seiner Mafiakontakte, später dann wegen Stimmenkaufs im Parlament, als er einen Senator des Mitte-links-Lagers mit der Zahlung von drei Millionen Euro zum Seitenwechsel bewegte."
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