9punkt - Die Debattenrundschau

Ohne Händeschütteln

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2022. Außenministerin Annalena Baerbock hat in Moskau eine gute Figur gemacht, finden die Zeitungen. Aber in der Sache gibt es keine Fortschritte. Die ukrainische Essayistin Kateryna Mishchenko fragt in der SZ, warum der Krieg noch so irreal erscheint. "Unglaublich ermüdend" findet die SZ  den Streit um die neue Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt. Bei geschichtedergegenwart.ch erklärt Mark Honigsbaum, warum wir im Jahrhundert der Pandemien leben. In einem FAZ-Artikel zum Jahrestag der Wannseekonferenz kritisiert Josef Schuster auch den postkolonialen Angriff auf die Erinnerung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2022 finden Sie hier

Europa

Nicht dass sich die Positionen angenähert hätten, aber Außenministerin Annalena Baerbock hat bei ihrem Moskau-Besuch eine gute Figur gemacht, konstatiert Barbara Oertel in der taz: "Die beiden Seiten haben miteinander gesprochen. Und dass Baerbock auf fundamentale Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern hinwies und in diesem Zusammenhang auch den seit einem Jahr inhaftierten Kremlkritiker Alexei Nawalny erwähnte, ließ aufhorchen. Sein Name steht pars pro toto für beispiellose Repression gegen Vertreter*innen der russischen Zivilgesellschaft." Unterdessen berichtet Dominic Johnson, dass zumindest die Briten Waffen an die Ukraine liefern.

Bei möglichen Sanktionen gegen Russland steht Nord Stream 2 nach neuesten vagen Äußerungen von Olaf Scholz zur Disposition, nicht aber der Ausschluss Russlands aus dem internationalen Banksystem Swift, ergänzt Kai Schöneberg in der taz: "Ein Rauswurf Russlands aus Swift - wie er bereits den Iran und auch Nordkorea traf - sei wenig ratsam, sagt auch CDU-Außenpolitiker Hardt. Deutschland müsse schließlich seine russischen Gasrechnungen bezahlen."

Sehr genau berichtet Johannes Leithäuser für die FAZ über die gemeinsame Pressekonferenz von Baerbock und Sergej Lawrow - und über ihr Ende: "Der erste gemeinsame Auftritt der beiden Minister im tief verschneiten neogotischen Gästehaus des russischen Außenministeriums endet nach einer halben Stunde ohne Händeschütteln. Die deutsche Ministerin zieht sich den Übersetzungs-Kopfhörer aus dem Ohr und geht wortlos an ihrem Gastgeber vorbei zur Tür."
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Religion

Die Folgen der russischen Bedrohung der Ukraine reichen bis hinein in die orthodoxen Kirchen Afrikas, berichtet Jan-Heiner Tück in der NZZ, die sich zu spalten drohen. Das ist auch die Folge einer Tendenz "der orthodoxen Kirchen, einen allzu engen Schulterschluss mit der Politik zu suchen und dadurch zu Nationalkirchen zu werden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sucht die Ukraine politisch die Anbindung an den Westen. Diese Neuausrichtung hat den Bemühungen um Eigenständigkeit, der Autokephaliebewegung, Rückenwind gegeben. Diese hatte sich bereits 1992 vom Moskauer Patriarchat abgekoppelt, um eine eigenständige orthodoxe Kirche der Ukraine zu gründen. Vorbild waren orthodoxe Kirchen in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks, die längst den Status autokephaler Kirchen erlangt haben."
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Stichwörter: Orthodoxe Kirche

Politik

Alexander Reid Ross erzählt im Newlinesmag die erstaunliche Geschichte von großen Geldern, die ein amerikanischer Millionär an linke Organisationen gibt, um die chinesischen Verbrechen an den Uiguren zu relativieren. Es handelt sich um den Tech-Magnaten Neville Roy Singham, Gründer der auch in Deutschland aktiven Softwarefirma Thoughtworks, die er inzwischen verkauft hat. Mit unübersichtlichen Stiftungen finanziert er verschiedene Organisationen, etwa in New York: "Der Justice and Education Fund erhielt ebenfalls großzügige 15.255.000 Dollar, was 99,5 Prozent seiner Gesamteinnahmen für 2019 entspricht. Eine weitere Gruppe, die 2019 12 Millionen Dollar aus dem Philanthropiefonds erhielt, ist das Kulturzentrum The People's Forum in Manhattan. Das People's Forum, das in seinen Räumlichkeiten in der 37. Straße einen Coworking Space, ein Theater, ein Medienlabor und ein Café beherbergt, beschreibt seine Aufgabe als 'Inkubator für die Arbeiterklasse und marginalisierte Communities, um Einigkeit jenseits historischer Trennlinien aufzubauen'." Singham, so Ross, war in seiner Jugend Anhänger maoistischer Organisationen. Er ist zusammen mit Jodie Evans, die jüngst auf einer Konferenz die chinesischen Verbrechen relativierte und deren Organisation "Code Pink" auch in Deutschland Menschenrechtspreise bekam.
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Stichwörter: Uiguren, Mäzene, Mäzenatentum

Kulturpolitik

In der SZ verdreht Gerhard Matzig genervt die Augen angesichts des Streits um die neue Berliner Senatsbausenatorin Petra Kahlfeldt (mehr dazu hier), obwohl auch er ein offenes Auswahlverfahren für die Besetzung des Postens begrüßt hätte. Doch inhaltlich findet er den Streit "unglaublich ermüdend. Als in Stuttgart am Beginn des 20. Jahrhunderts die Weißenhofsiedlung als Exempel des modernen Bauens entstand, schmähten die Nazis das Vorhaben als 'Araberdorf', das, genau, 'irgendwie' undeutsch sei. So mit Flachdächern und ohne Sprossenfenster. Andere wiederum schmähten fortan Häuser mit Satteldächern und mit Sprossenfenster als, genau, 'irgendwie' rechts. Und zack!" Eine Neuauflage dieses Streits brauchen wir nicht, findet er. Viel wichtiger ihm die Frage, ob Kahlfeldt immer noch eine Verfechterin der Privatisierung öffentlicher Immobilien ist wie in den neunziger Jahren.

Ideen

Die ukrainische Essayistin Kateryna Mishchenko fühlt sich selbst wie in dem Netflix-Film "Don't look up", erzählt sie in der SZ, so wenig real scheint für Nicht-Ukrainern die Kriegsgefahr zu sein. Wollten sich diese Menschen wirklich der Realität stellen, dann wäre jetzt vielleicht "ein guter Moment, um die Konjunktive der Vergangenheit zu analysieren und eigene politische Positionen in Frage zu stellen. Wie könnte die postsowjetische Landschaft heute aussehen, wenn man die Annexion der Krim damals nicht zugelassen hätte? Wäre die russische Besetzung des Donbass vermeidbar gewesen? Der Abschuss der Passagiermaschine MH17, die Niederschlagung der Proteste in Belarus, die Vernichtung der russischen Zivilgesellschaft? Ich schreibe diesen Text im Lesesaal der Nationalbibliothek am Europäischen Platz in Kiew. Das Bibliotheksgebäude sieht aus wie ein Palast und liegt an einem der ehemaligen Brennpunkte der Majdan-Proteste. Am Eingang hängt ein Banner mit Porträts von 107 erschossenen ukrainischen, belarussischen und georgischen Bürgerinnen und Bürgern. Ihre physische Präsenz erinnert mich daran, dass wir in der Ukraine den letzten demokratischen Umbruch im postsowjetischen Raum erleben."

Philipp Sarasin unterhält sich bei geschichtedergegenwart.ch mit Mark Honigsbaum, Autor des Buchs "Jahrhundert der Pandemien". Er skizziert zwei Neuerungen im 20. Jahrhundert: eine neue Vernetzung, die zur Globalisierung von Krankheiten führt, aber auch neue Medien, die es erlauben, die Bevölkerung zu informieren, bevor die Pandemien überhaupt eintreffen. Zum ersten Mal passiert sei das noch vor der Spanischen Gruppe, nämlich bei der russischen Grippepandemie von 1889 bis 92, "die auf die Verlegung des transatlantischen Telegrafenkabels zwischen den Vereinigten Staaten und England folgte und mit dem Boom billiger, massenhaft verbreiteter Zeitungen und der raschen Expansion von Reuters und anderen Nachrichtenagenturen zusammenfiel, die die neuesten telegrafischen Kommunikationstechnologien nutzten. Das Ergebnis ist eine neue, moderne gesellschaftliche Realität, in der sich Informationen über neue Krankheitserreger schneller verbreiten als die Viren selbst, wodurch biopolitische Diskurse und die Fähigkeit, Pandemien mit rationalen wissenschaftlichen Methoden zu bewältigen, gestört werden."
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Gesellschaft

Jedem, der es noch nicht mitgekriegt hat (zum Beispiel uns), erzählt FAZ-Autorin Andrea Diener, was es mit dem jüngsten und so sympathisch harmlosen Hype um das Ratespiel "Wordle" auf sich hat.
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Stichwörter: Wordle

Geschichte

Kann es sein, dass ausgerechnet ein Mitglied des Jüdischen Rats das Versteck der Familie von Anne Frank verraten hat, wie jüngste Recherchen behaupten (unser Resümee). Es würde ins Kalkül der Nazis passen, schreibt Klaus Hillenbrand in der taz: "Dass sich auch Juden daran beteiligten, Menschen in den Tod zu schicken, war das Ergebnis der perfiden Herrschaftsstrategie der NS-Besatzer. Diese installierten im Februar 1941 einen 'Judenrat'. Äußerlich schien diese Institution der Selbstverwaltung der verfolgten Minderheit zu diesen. Tatsächlich war der Amsterdamer Judenrat, ähnlich wie die Judenräte in den besetzten Ländern Osteuropas, ein Instrument, um Unterdrückung, Diskriminierung und den Massenmord möglichst effektiv durchführen zu können - nämlich unter Beteiligung der Opfer. Denn ihren Mitgliedern oblag es, die antijüdischen Maßnahmen auch durchzusetzen."

Georg Leppert macht in der FR darauf aufmerksam, dass es Widerspruch gegen die These gibt: "Die Beweislage sei dünn, sagte etwa der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, im NRC Handelsblad. Es gebe keine Beweise, dass der Jüdische Rat damals Listen mit Verstecken von Juden aufgestellt hatte. Der Notar sei bereits selbst im Sommer 1944 mit seiner Familie wegen drohender Deportation untergetaucht."

Auch der Historiker Gertjan Broek hat starke Zweifel an der These, berichten Antonia Kleikamp und Sven Felix Kellerhoff in der Welt. Danach soll die Hausdurchsuchung in der Prinsengracht von SS-Hauptscharführer Karl Silberbauer durchgeführt worden sein: "Die Annahme, es habe sich um eine gezielte Verhaftungsaktion gehandelt aufgrund eines Verrates (zum Beispiel durch Arnold van den Bergh) widersprach Broeks Untersuchung von 2016. Seinen Recherchen zufolge war Karl Silberbauer normalerweise nicht mit der Festnahme untergetauchter Juden befasst. Vielmehr gehörten Fragen gestohlenen und beschlagnahmten jüdischen Eigentums zu seinen Hauptaufgaben. Nur in einem einzigen weiteren Fall war Silberbauer an einer antijüdischen Razzia beteiligt. ... Die Durchsuchung des Hauses in der Prinsengracht zielte nach den Berichten überlebender Zeugen vor allem auf Formulare, möglicherweise auf gefälschte Lebensmittelkarten. Dass die Gestapo sich eine derartige Tarnung einfallen ließ, um eine Festnahme untergetauchter Juden zu kaschieren und den Hinweisgeber zu schützen, ist ziemlich unwahrscheinlich."

Sehr höflich kritisiert Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einem FAZ-Artikel zum achtzigsten Jahrestag der Wannsee-Konferenz den jüngst vom Postkolonialismus betriebenen Paradigmenwechsel im Blick auf den Holocaust, der durch die zuvor verübten Kolonialverbrechen zu relativieren sei: "Die jüngste Entwicklung in Forschung und Kultur, die Verbrechen der Kolonialzeit stärker in den Blick zu nehmen, ist zu begrüßen. Dass einige Wissenschaftler daraus eine Konkurrenz der Opfergruppen generieren, ist hingegen nicht angemessen und gefährlich. Sie spielen damit - sicherlich ungewollt - jenen Menschen in die Hände, die dem sekundären Antisemitismus wieder Aufwind verleihen."

Außerdem: Tilman Krause liest mit Hingabe für die Welt die Lebenserinnerungen von Eduard Prinz von Anhalt.
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