9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2020 - Medien

Noch eine Zeitung der Dumont-Gruppe, die an einen Branchen-Außenseiter geht. Die Hamburger Morgenpost ist an Arist von Harpe gegangen, einen Manager der Plattform Xing, berichten Marco Carini und Peter Weissenburger in der taz. Von Hapern verspricht, auch die Print-Zeitung, und nicht nur das Portal mopo.de fortzführen: "Laut taz-Informationen ist für die hochdefizitäre Morgenpost aber ein negativer Kaufpreis in einstelliger Millionenhöhe fällig geworden, den der Käufer als Mitgift erhält."

Boris Johnson ist kein Freund der BBC. Gina Thomas schildert die Schwierigkeiten des Senders in der Diskussion über die Gebühren. Die sind auch selbstverschuldet, etwa wegen eklatanter Ungleichbezahlungen, die jetzt vor Gericht kommen: "Im Dezember urteilte ein Arbeitsgericht zugunsten einer Moderatorin, die auf eine Nachzahlung von 700.000 Pfund klagte, weil ein männlicher Kollege 3.000 Pfund für eine vergleichbare Aufgabe in einer vergleichbaren Sendung verdient habe, während ihr Honorar nur 440 Pfund betrug. Das Urteil könnte Signalwirkung haben."

Wehmütig blickt der Philosoph Wilhelm Schmid in der NZZ auf die Ära der Print-Zeitungen zurück: "Die Kunst, Zeitung zu machen, bestand darin, der Wirklichkeit eine überschaubare Form zu geben. Sie war eine Definition der Wirklichkeit, bevor diese vom Sog der Ereignisse wieder fortgerissen wurde. Dem entsprach die Kunst, Zeitung zu lesen, die ihren höchsten Genuss darin fand, wenigstens morgens um sieben die Welt noch für überschaubar zu halten. (…) Online rennt der Zeit hinterher, Print hatte etwas mehr Zeit dafür, Schneisen in den Dschungel der wuchernden Informationen zu schlagen, Komplexität in einem vertretbaren Maß zu reduzieren, Information von Desinformation zu unterscheiden, Themen zu gewichten, Bedeutung einzuschätzen und unterschiedliche Sichtweisen zu berücksichtigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2020 - Medien

Gegen den Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich wurden neulich neue Vorwürfe laut - eine Ex-Kollegin warf ihm vor, sie noch vor seiner IM-Zeit angeschwärzt zu haben (unsere Resümees). Stefan Winterbauer berichtet nun bei Meedia, dass Friedrich den Historiker Hubertus Knabe auf Unterlassung verklagte, weil Knabe einige Details über Friedrich im Focus falsch dargestellt habe. Der Artikel von Knabe steht mit Korrekturen nach wie vor online. Knabe insistiert dort, dass Friedrich Teile seiner IM-Akte, die er nur persönlich einsehen konnte, trotz Empfehlung von Marianne Birthler nicht öffentlich gemacht habe. Winterbauer berichtet: "Um Missverständnisse auszuschließen, erklärte sich Knabe nach eigenen Angaben in einer E-Mail an Friedrichs Anwalt Schertz bereit, auf seiner Website das Wort 'Stasi-Akte' durch 'IM-Akte' zu ersetzen. Er habe Focus Online gebeten, dies ebenfalls zu tun. Nach Auskunft der Redaktion sei das Portal bislang nicht abgemahnt worden. Knabe: 'Da ich als Privatmann keinen Rechtsschutz habe, kann ich dies nur als gezielten Einschüchterungsversuch des neuen Inhabers des Berliner Verlags verstehen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2020 - Medien

Der Auflagenverlust der Zeitungen begann schon vor dem Internet, und er hält an. Die Gesamtauflage ist in den letzten zehn Jahren laut einer Statistik, die der Blogger Christian Jakubetz präsentiert, von 20 Millionen auf 13,5 Millionen gesunken. Zu den Zahlen des letzten Jahres sagt er: "Wenn man sich zudem die Zahlen der digitalen Angebote ansieht, ahnt man schnell, wo das Problem liegt. Rund 660.000 verlorenen Zeitungsexemplaren steht lediglich ein Plus von 200.000 digitalen Ausgaben gegenüber. Wenn man hier also permanent von einem Plus spricht, ist das eine verblüffende Schönfärberei. In toto handelt es sich um einen Netto-Verlust von über 400.000, der unter dem Strich bleibt. Von den Rückgängen im Anzeigengeschäft reden wir an dieser Stelle noch gar nicht."

Die SZ hatte gestern berichtet, das WDR-Intendant und ARD-Vorsitzender Tom Buhrow sich für dieses Jahr Kommunikationsberater für 580.000 Euro engagiert hat und außerdem ein größeres Kommunikationsteam hat als sein Vorgänger. Im Gespräch mit Christoph Sterz vom Deutschlandfunk spricht Buhrow seinen Interviewer persönlich an: "Wir haben das Beitragsjahr, das heißt das, was Sie bekommen als freier Mitarbeiter, das, was Ihre festangestellten Kolleginnen und Kollegen bekommen, das, was für unsere Programme an Finanzen zur Verfügung gestellt wird, das wird alle vier Jahre entschieden. Das ist ein sehr komplizierter und auch sehr umstrittener Prozess. Und der ist genau in diesem Jahr... Wir haben uns für dieses schwierige Jahr so vorbereitet, dass wir, glaube ich, für alle Eventualitäten gewappnet sind. Es geht darum, dass man Dinge erklärt."

Nach dem Fall Relotius hat der Spiegel nun ein internes Regelwerk mit "Spiegel-Standards" vorgelegt, das immerhin 74 Seiten umfasst, berichtet Erica Zingher in der taz, die allerdings ein kleines Problem sieht: Im Spiegel-Standard finden sich "zur Fehlerkultur nur schlappe zwei Seiten. Da heißt es, dass man mit Fehlern offen umgehen und Fehlerquellen strukturell beheben wolle. 'Dazu gehört eine vertrauensvolle, kommunikative Atmosphäre, in der sich Beschäftigte nicht eingeschüchtert fühlen.' In Konferenzen soll künftig über häufige Fehlerquellen, Streitfälle, aber auch über die Abläufe und Standards der Verifikation diskutiert werden. Außerdem wird die Dokumentation wiederkehrende Fehlermuster bei Kolleg*innen überwachen und analysieren. Das heißt, in der berühmten Factchecking-Abteilung des Hauses könnten bald individuelle Fehlerprofile vieler Autor*innen hinterlegt sein."

Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle wehrt sich gegenüber Michael Hanfeld von der FAZ gegen den Guardian-Bericht über Missbrauch und angeblich unhaltbare Missstände beim Sender (unsere Resümees). Jüngst hat es noch einen Brief anonym bleibender Mitarbeiter an die Leitung gegeben. Limbourg verspricht Besserung und ein Öffnung der Gesprächsatmosphäre: Man müsse "bedenken, dass für manche unserer Mitarbeitenden der Aufenthaltstitel in Deutschland mit der Tätigkeit bei uns verbunden ist. Das kann für Einzelne eine besondere Drucksituation darstellen und bedeuten, dass man zögert, Missstände zu benennen. Das haben wir erkannt und entwickeln weitere Möglichkeiten für alle Mitarbeiter, jeden Missstand angstfrei anzuzeigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2020 - Medien

Neulich wurde ausgerechnet im Guardian über Missstände in der Deutschen Welle berichtet (unsere Resümees). Die Leitung des Senders gab sich zwar gesprächsbereit, wies die Vorwürfe aber zurück. Nun haben erneut 250 Mitarbeiter des Staatssenders einen Brief an die Intendanz geschickt, berichteten am Samstag Pascale Müller und Juliane Loeffler in Buzzfeed Deutschland. Darin heißt es: "Wir möchten unser großes Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass die Geschäftsleitung der DW versucht, die gegen sie erhobenen Vorwürfe zu leugnen und herunterzuspielen, und verurteilen Ihre Reaktion auf die gegenwärtige Berichterstattung." Peter Weissenburger berichtet nun in der taz von einer Reaktion Peter Limbourgs, des Intendanten der Deutschen Welle, der in einer Mail schreibt: "Wenn sich offenbar mehr als 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veranlasst sehen, sich anonym an den Intendanten zu wenden, scheint tatsächlich einiges nicht zu funktionieren."

Außerdem: Die Welt am Sonntag meldet, dass der Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich bereits 1985, also vor seiner Verpflichtung als Stasi-IM (unsere Resümees), eine Kollegin beschuldigt haben soll, dass sie die DDR verlassen wolle. "Zu dem Sachverhalt liegen Welt am Sonntag eidesstattliche Versicherungen und Schilderungen von Zeitzeugen vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2020 - Medien

Da Journalismus ein Problem mit dem Geschäftsmodell hat, werden immer mehr journalistische Projekte über Stiftungen finanziert. Daniel Bouhs fragt in der taz, wie sich das auf die Unabhängigkeit auswirkt und nennt eine Studie der Medienwissenschaftlerin Anna Driftschröer: "Sie hat sowohl Journalist*innen interviewt, die von Stiftungen finanziert werden, als auch Vertreter*innen von Stiftungen. Das Ergebnis ist zwiespältig. Einerseits hätten die Stiftungsvertreter*innen berichtet, dass sie mit den geförderten Redaktionen 'in einem eher engen Kontakt stehen'. Andererseits hätten die Journalist*innen allesamt erklärt, 'bisher keine Erfahrungen gemacht zu haben, dass Förderer versuchten, die redaktionellen Inhalte oder die Art und Weise der Berichterstattung zu beeinflussen oder gar vorzugeben'."

Außerdem: Die Berliner Zeitung installiert mit Matthias Thieme einen zusätzlichen Chefredakteur, der eine "Digital First"-Politik verwirklichen soll (mehr hier). Mit-Herausgeber Michael Maier erklärt in einem Brief an die Leser, warum er das Internet als eine Chance für den Journalismus sieht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2020 - Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender dürften den Vorschlag der Finanzierungskommission Kef für eine Erhöhung der Gebühren auf 18,36 Euro akzeptieren, vermutet der Medienjournalist Daniel Bouhs in der taz - und das obwohl der Vorschlag kaum mehr Geld bringt, denn die Sender konnten bisher zusätzliches Geld verbrauchen, das die Bürger nach Einführung des neuen Gebührenmodells zu viel bezahlt hatten: "Warum so zahm? Das dürfte mit der politischen Lage zusammenhängen. Einen höheren Rundfunkbeitrag müssen erst alle Landesregierungen, dann die Landtage beschließen. Bei Änderungen des Rundfunkrechts gilt das 16:0-Prinzip. Da ist eine Erhöhung realistischer, wenn die Sender den Vorschlag der Kef nicht bekämpfen. Das gilt noch mal mehr in Zeiten, in denen die FDP für die Halbierung des Beitrags kämpft, die AfD sogar für eine Abschaffung dieses Modells."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2020 - Medien

In der NZZ erinnert Manfred Schneider daran, dass gerade mal vor hundert Jahren das Radio in die Haushalte einzog. Und zack wurde es auch sofort für Propaganda missbraucht: "Niemand begriff so schnell die politische und mediale Macht der Radionachrichten wie der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin. Er funkte am 12. November 1917 das soeben vom Sowjetkongress beschlossene Friedensdekret 'An alle. An alle'. Diese Adresse war der Taufspruch für das Radio. ... Noch im Jahr 1930 hoffte Albert Einstein auf der Berliner Funkausstellung, dass der Rundfunk zur Völkerversöhnung beitragen werde. Das 'An alle' schien ein solches Versprechen zu enthalten. Aber kaum zehn Jahre später war es allen Deutschen untersagt, neben dem Nazi-Staatsrundfunk anderen Sendern zu lauschen. Aktualisiert lautete Döblins Diktum jetzt: 'Radio, dein Mund heißt Goebbels!'"

"Es ist nicht alles schlecht im Deutschlandfunk, doch auf die Dauer entfaltet das Programm anästhesierende Wirkung", schreibt Hansjörg Müller ebenfalls in der NZZ, dessen Selbstversuch mit dem Sender wir nachtragen: Zwei Tage lang hat er sich ausschließlich über den Sender informiert, mit zwiespältigem Ergebnis: "Ausgewogenheit beginnt in der Themensetzung. Wer die oftmals aufgeregten Debatten in den sozialen Netzwerken verfolgt und dann den Deutschlandfunk einschaltet, meint, in ein anderes Land ausgewandert zu sein. Kriminalität, Integrationsprobleme und Asylpolitik spielen zumindest an diesen zwei Tagen praktisch keine Rolle; Umwelt- und Klimapolitik dominieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 - Medien

NZZ-Autor Reto Stauffacher kann das Gejammer von jungen Influencern nicht mehr hören: Mit ihren Millionen Followern wollen sie das große Geld verdienen, aber wenn ihnen der Unsinn, den sie verzapfen, um die Ohren gehauen wird, dann geben sie die verfolgte 18-jährige Unschuld. Influencer und Influencerinnen sind Profis, meint Stauffacher, und sollten auch so zur Verantwortung gezogen werden: "Cyrill Hauser ist Chief Client Officer bei der Marketingagentur Jung von Matt/Limmat in Zürich und dort Experte fürs Influencer-Marketing. Die Agentur entwickelt Marketingstrategien und -konzepte für Schweizer Unternehmen. Er sagt: 'Ich kenne fast keinen erfolgreichen Influencer, der ohne professionelle Unterstützung arbeitet.'"
Stichwörter: Influencer

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2020 - Medien

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) droht mit einer schnellen deutschen Umsetzung des neuen Leistungsschutzrechts auf europäischer Basis (nachdem das deutsche Gesetz schmählich scheiterte), berichtet Christian Rath in der taz, der den Entwurf referiert: "Lizenzfrei nutzbar sind weiterhin 'einzelne Worte oder sehr kurze Auszüge' eines Beitrags. Wie viele Worte kostenfrei genutzt werden können, lässt der Entwurf aber ebenso offen. Er stellt jedoch klar, dass die Überschrift lizenzfrei bleibt, ebenso Bild- und Tonsequenzen bis zu drei Sekunden sowie schlecht aufgelöste, kleine Vorschaubilder mit maximal 128 x 128 Pixel. Längere Zitate bleiben in Ausnahmen möglich. Journalisten können zudem eigene Beiträge auf ihren Websites mit längeren Snippets kostenlos bewerben."

Außerdem: Bei Radioeins schreibt Stefan Niggemeier über jüngste Meldungen zur Zeitungkrise und greift einen Vorschlag von Leonhard Dobusch auf, der öffentlich-rechtlich geförderten Lokaljournalismus will (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2020 - Medien

Der Chef der BBC, Tony Hall, tritt zurück. Die Anstalt sieht sich Attacken von den Torys ausgesetzt. Steffen Grimberg beschreibt in der taz ihren Status, der nicht so behaglich ist wie der der hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender: "Die sogenannte Royal Charta, die das Existenzrecht der Sendeanstalt festschreibt, gilt jeweils für zehn Jahre. Sie regelt die Finanzierung, die Aufgaben und die Rechte der BBC. Alle zehn Jahre, wenn dieses Papier neu verhandelt wird, kann also theoretisch auch das Ende oder ein kompletter Neuanfang der BBC beschlossen werden - ganz anders als bei den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern ARD, ZDF und Deutschlandradio."

Mitarbeiter der Hamburger Morgenpost demonstrieren, berichtet Jan Kahlcke, ebenfalls in der taz. Die Zeitung gehört zu den Titeln, die die Dumont-Gruppe verkaufen will: "Als aussichtsreichster Bieter wird derzeit die Funke-Mediengruppe gehandelt, die bereits das Hamburger Abendblatt besitzt. Die Essener möchten aber offenbar weder die Zeitung übernehmen, noch ihre Mitarbeiter*innen. Dem Vernehmen nach bietet sie lediglich auf die Web-Domain mopo.de. Das löst in der Mopo-Belegschaft große Sorge aus."