Mit leichtem Grausen berichtet Friederike Böge, die Chinakorrespondentin der
FAZ, von der mit stalinistischem Brimborium inszenierten Parade zum
hundertsten Geburtstag der KP Chinas: "Die Bilder wirken im China des 21. Jahrhunderts wie aus der Zeit gefallen. Sie ähneln Massenveranstaltungen im benachbarten
Nordkorea. Dieser Eindruck wird noch durch die einheitlich pastellfarbenen traditionellen Kleider der Jugendchöre verstärkt. Es sind Bilder, die vielen Chinesen
ein mulmiges Gefühl geben dürften. Denn sie wecken Erinnerungen an das China der Kulturrevolution, als Mao Tse-tung die Jugend indoktrinierte und zu Gewaltexzessen antrieb."
Dabei werden gerade diese Erinnerungen in China unter den Teppich gekehrt,
schreibt Gregor Dotzauer im
Tagesspiegel: "Die
Hungersnot des 'Großen Sprungs nach vorn'. Das Blutvergießen der
Kulturrevolution. Ereignisse, deren
Verschweigen gerade in ausdrücklicher Würdigung von Mao Zedong mit offenem Blick auf das ikonische Gemälde des Großen Vorsitzenden unterhalb der Balustrade am Eingang zur Verbotenen Stadt, gewagt wirkt. In China scheint diese Art von
Geschichtsklitterung zu funktionieren - wie ja auch das
Tiananmen-
Massaker tabuisiert wird Schließlich fragt auch niemand, was es mit dem Marxismus-Leninismus auf sich hat, den Chinas KP nach der Oktoberrevolution aus Russland importierte. Vom heute herrschenden autoritären Staats- und Parteibuch-Kapitalismus ist er denkbar weit entfernt."
Kommunistisch ist an der Partei eigentlich nur noch der Aufbau, schreibt Christoph Giesen in der
SZ: "In einem Land, in dem
alles überwacht wird, in dem der Staat selbst Nichtregierungsorganisationen beobachtet und lenkt, sollte eigentlich auch eine Partei irgendwo registriert sein. Aber Chinas Kommunistische Partei ist nirgendwo gemeldet. Nur in der Präambel der chinesischen Verfassung ist sie erwähnt. Entsprechend flexibel wird ihre Rolle interpretiert. Nach der wirtschaftlichen Öffnung Chinas, Ende der Siebzigerjahre, verwandelte sich die Partei in eine äußerst
pragmatische Machtmaschine, ausgerichtet auf ein ständig wachsendes Bruttoinlandsprodukt."
Die Ideologisierung von Bildung strahlt auch in
deutsche Universitäten aus, berichtete schon am Mittwoch Anna Schiller auf den Wissenschaftsseiten der
FAZ.
Chinesische Einflusspolitik drückt deutsche Universitäten: "Professoren müssen damit umgehen, dass sich chinesische Gaststudenten in Seminaren unter Umständen gegenseitig kontrollieren. Oder sie müssen sich in
taiwanische Studenten hineinversetzen, die sich damit konfrontiert sehen, dass die Unabhängigkeit ihres Heimatlandes von Kommilitonen angezweifelt wird." Mitarbeiter des Berliner "Mercator Institute for China Studies" (MERICS) dürfen nicht mehr nach China einreisen.
Die Deutschen haben uns im Stich gelassen, klagt
Ahmad Jawil Sultani, langjähriger Übersetzer für die
Bundeswehr in Afghanistan, in der
SZ an. Unter Todesangst wartet er auf seinen Antragsprozess: "Heute bedauere ich sehr, dass ich für die Bundeswehr gearbeitet habe. In den Augen der
Taliban habe ich mit dem Feind gearbeitet, und auch in der Nachbarschaft gibt es Gerüchte, dass ich ein Spion gewesen sein könnte oder
mit den Deutschen Schweinefleisch gegessen hätte, dass ich kein guter Muslim sei. Meine Nachbarn sagen nun zu mir: 'Weißt du nicht, dass die Taliban vor der Stadt stehen? Du wirst ihr erstes Ziel sein, in ihren Augen bist du ein Verräter.' Manchmal denke ich daran, dass die Taliban, sobald sie in die Stadt eingedrungen sind, zu unseren Häusern kommen und an die Türen von uns Übersetzern klopfen werden. Für den Fall hoffe ich, dass sie
mich gleich erschießen. Es wäre furchtbar, wenn sie mich
foltern und zur Schau stellen würden, um anderen eine öffentliche Lektion zu erteilen."