9punkt - Die Debattenrundschau

Auf der richtigen Seite der Geschichte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2021. Vor achtzig Jahren überfielen die Deutschen die Sowjetunion. Die taz bringt aus diesem Anlass ein großes Dossier, unter anderem mit einem Text von Karl Schlögel. In der FAZ schreibt Viktor Jerofejew. Der ägyptische Autor Wagdi al-Komi erklärt in der NZZ, warum ein Artikel über Bäume das Potenzial hat, ihn ins Gefängnis zu bringen. Die SZ findet die Ausstellung im neuen Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung gelungen. Und Andrew Sullivan erklärt in seinem Blog, warum es falsch wäre, "Critical Race Theory" an Schulen zu verbieten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2021 finden Sie hier

Geschichte

Die taz bringt ein großartiges Dossier zur Erinnerung an den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion vor achtzig Jahren (Editorial). Karl Schlögel erzählt in einem sehr persönlichen Text, wie er in den Sechzigern zum ersten Mal nach Moskau reiste, wie er lernte, die Abgründe der Geschichte auszuloten, und wie er dabei auch versagte: "Es war mir bei meinen Reisen seit den siebziger Jahren nicht klar, dass ich mich auf den Spuren meines Vaters bewegte, der - bis auf ein Jahr in Belgien und Frankreich - an der 'Ostfront' im Einsatz war. Wie viele meiner Generation, die alles besser und sich auf der richtigen Seite der Geschichte wussten, war es bald zum Bruch gekommen. Man schwieg, wo es besser gewesen wäre, nachzubohren und zuzuhören. Aber ich, der marxistisch aufgeklärte und moralisch überlegene Sohn, war an dem Gespräch mit dem Vater, dem vor dem Krieg jungen, angehenden Hoferben aus dem Allgäu, nicht mehr interessiert."

Außerdem besucht Sabine Seifert das ehemalige Kriegsgefangenenlager Sandboste und spricht mit Lars Hellwinkel, dem Leiter der Gedenkstätte. Ingo Schulze erinnert an eines der schlimmsten Verbrechen, die Blockade Leningrads - Schulze hat in den Neunzigern einige Jahre in Sankt Petersburg gelebt. Und Klaus Hllenbrand spricht mit dem Staatsanwalt Thomas Will über Ermittlungen zu Kriegsverbrechen in Kriegsgefangenenlagern. Der grüne EU-Abgeordnete Sergey Lagodinsky sagt im Gespräch mit Thomas Gerlach und Stefan Reinecke: "Wir haben Verantwortung gegenüber der russischen Bevölkerung, nicht gegenüber der russischen Regierung."

Und der belarussische Autor Sascha Filipenko erzählt im Gespräch mit Barbara Oertel, wie das Lukaschenko-Regime die Vergangenheit nutzt, um die Gegenwart gleichzuschalten. Und dabei die atlbekannten Techniken des Stalinismus nutzt: "Es gibt viele Parallelen. Jeden Tag verschwinden Menschen und werden so lange gefoltert, bis sie sagen, Lukaschenko sei ein großer Führer. Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht so viele Opfer haben wie während der Stalin'schen Repressionen. Aber wir sind ja in Belarus auch nur neun Millionen. Doch allein in den letzten neun Monaten sind 40.000 Menschen durch die Gefängnisse gegangen."

In der FAZ weist der Historiker Jochen Hellbeck, Professor an der Rutgers University, auf neue Quellen zum Überfall hin, Interviews, die direkt nach der Befreiung deutsch besetzter Gebiete geführt wurden: "Ihre Entstehung verdanken diese Interviewprotokolle einer sowjetischen Historikerkommission, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den Krieg umfassend zu dokumentieren. Zu diesem Zweck folgten kleine Teams von Historikern und Stenografinnen der Roten Armee auf ihrem Vormarsch nach Westen, um in zerstörten Städten und Dörfern mit Überlebenden zu sprechen."

Viktor Jerofejew kommt in der FAZ auf die sowjetische Mitverantwortung für die von den Deutschen fabrizierte Apokalypse zurück: "Ohne Stalin hätte es Hitler nicht gegeben. Tatsache ist, dass Stalins Politik der Möglichkeit, die UdSSR als Versuchsgelände für die Weiterentwicklung der Streitkräfte Nazideutschlands zu benutzen, Vorschub geleistet hat. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt bedeutete nicht nur die Aufteilung der Welt, sondern auch ein Befeuern des Krieges. Die Regierenden in der UdSSR freuten sich sogar naiv über Hitlers Erfolge im Westen und schickten Grußtelegramme anlässlich seiner Siege."

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Sonja Zekri hat für die SZ die Dauerausstellung im neuen Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung besucht und ist mit der Balance von deutscher Schuld und deutschem Leid in der Ausstellung ganz zufrieden: Der Weg im zweiten Stock "führt durch Räume über die NS-Expansionspolitik, über die 'Lebensraum'-Ideologie für das besetzte Osteuropa. Einzelne Vitrinen sind der deutschen Besatzung in Polen, Ungarn, der Sowjetunion gewidmet und dem Holocaust. Das alles ist knapp, aber unmissverständlich .. Und doch gab es (im ersten Stock) den siebenjährigen Eitel Koscharreck, der aus Ostpreußen in einem viel zu großen Fellmantel floh, den zehnjährigen Rudi, der in Polen ein 'N' auf der Kleidung trug, das ihn als Deutschen auswies, kann die Ausstellung den Widerspruch zwischen nationaler Verantwortung und individueller Unschuld nicht auflösen. Und sie versucht es glücklicherweise auch nicht." In einem zweiten Artikel erinnert Nico Fried an das schwierige Verhältnis von Angela Merkel und Erika Steinbach, Mitbegründerin des Zentrums, die nicht zur Einweihung eingeladen war. Im Tagesspiegel unterhält sich Udo Badelt mit der Leiterin des Zentrums Gundula Bavendamm.
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Politik

Bahman Nirumand porträtiert in der taz den neuen, mit äußerst geringer Wahlbeteiligung gewählten Präsidenten des Iran, Ebrahim Raisi, der einer der finstersten Schergen Khomeinis war: "In Raisis Biografie gibt es viele dunkle, ja pechschwarze Flecken. Er gehörte jener 1988 vom damaligen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini ernannten vierköpfigen Gruppe an, die als 'Gremium des Todes' bezeichnet wird. Raisi sollte für die 'Säuberung' der Gefängnisse sorgen. Die Gruppe ließ mehrere tausend Gefangene hinrichten. Dieser Massenmord ist der größte Schandfleck in der mehr als vierzigjährigen Geschichte der Islamischen Republik."

Der ägyptische Schriftsteller Wagdi al-Komi wollte für die Eröffnung der Solothurner Literaturtage eine Rede schreiben, die möglichst nicht das Potential hat, ihn in Ägypten ins Gefängnis zu bringen, erzählt er in der NZZ. Also schrieb er über die vielen Bäume, die derzeit in Kairo gefällt werden. Stellt sich heraus, dass dieses Thema auch nicht unpolitisch ist: Für den Bau von Hochtrassen "in Heliopolis und in Nasr City wurden alle großen Bäume gefällt, die den Straßen Schatten und frische Luft bescherten. An die Stelle der Bäume traten Asphalt und Zement, und das alte Heliopolis, einst von Baron Édouard Louis Joseph Empain angelegt, verwandelte sich in einen Stadtteil, der eher zu Abu Dhabi als zu Kairo zu passen scheint. Warum verabscheut das ägyptische Regime die Bäume? Seine Rechtfertigung lautet, dass es Hässliches durch Schönes ersetzen will. Diese bei uns 'Brücken' genannten Hochstraßen erhöhen natürlich die Mobilität der Sicherheitskräfte beim Einsatz gegen Demonstrationen."
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Ideen

Wie sollen sich Eltern dagegen wehren, wenn schon Grundschulkinder mit "Critical Race Theory" traktiert werden, in der sie lernen, dass automatisch die Macht durch sie durch geht, wenn sie weiß sind, und dass sie automatisch Opfer sind, wenn sie eine dunklere Hautfarbe haben? In einigen Bundesstaaten wird offenbar über ein Verbot diskutiert. Andrew Sullivan insistiert in seinem Blog, dass das Problem durch eine demokratische Debatte gelöst wird. "Wir müssen unmissverständlich darauf bestehen, dass all dies nur innerhalb eines liberalen Systems möglich ist - das das Individuum und die Vernunft und Gleichheit als unsere Grundlagen sieht. Der Liberalismus kann mit der 'Critical Race Theory' leben, Critical Race Theory ist in ihren Grundlagentexten dagegen dem Umsturz des Liberalismus verpflichtet. Das ist es, was zählt."

Auch Yascha Mounk hat ein Substack-Blog, Persuasion. Hier unterhält er sich mit Jonathan Rauch, Autor von "The Constitution of Knowledge: A Defense of Truth". Er macht zwei Techniken aus, die den Diskurs gefährden, Desinformation und Cancellation. Als Meister der Desinformation sieht er Donald Trump, der russische Techniken in die amerikanische Öffentlichkeit übertragen habe Die Technik nennt er "Feuersturm der Unwahrheit": "Sie setzen einfach so viele Lügen in die Welt, dass niemand mithalten kann. Es wäre sogar eine Dummheit, es zu versuchen, denn die Lügen widersprechen sich sogar. Aber sie überschwemmen die Öffentlichkeit mit so vielen Lügen und Verschwörungstheorien, dass die Leute ihre Orientierung verlieren, zynisch werden, nicht mehr wissen, wem sie trauen können." Cancellation wiederum sei nicht "mit Kritik zu verwechseln. Kritik will den rationalen Austausch von Ideen in der Hoffnung auf Wahrheit. Cancellation will die Umgebung für einen politischen Raumgewinn manipulieren. Und es ist wichtig zu verstehen, dass es hier darum geht, die Leute zu entmutigen, zur Selbstzensur zu treiben."

Außerdem: Thierry Chervel hat für den Perlentaucher eine ausführliche Chronologie des "Historikerstreits 2.0" zusammengestellt, von der Mbembe-Debatte, über das Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" bis zur "Jerusalem Declaration" und A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen" - mit LInks auf alle wichtigen Texte der Debatte.
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Europa

Englische Tories interessieren sich nicht für Schottland, Wales und Nordirland, schreibt Nick Cohen im Observer. In Nordirland herrscht durch den Brexit politisches Chaos bei der unionistischen Partei DUP, die Boris Johnson trotzdem die Treue hält. Die Situation ist aussichtslos, aber nicht ernst: "Johnson könnte den Menschen in Nordirland natürlich sagen, dass sie in Wahrheit in einer großartigen Position sind. Durch seinen harten Brexit verbleiben sie im EU-Binnenmarkt. Sie können jedem multinationalen Unternehmen sagen, dass eine Investition in Nordirland - einzigartig in Europa - uneingeschränkten Zugang sowohl zum britischen als auch zum EU-Markt bietet." Dumm nur: "Wenn er einem Teil des Vereinigten Königreichs die Vorteile eines Verbleibs im Binnenmarkt verkauft, könnte sich der Rest des Vereinigten Königreichs fragen, warum er sich so viel Mühe gegeben hat, uns aus dem Markt herauszunehmen."
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Stichwörter: Brexit, Nordirland, Cohen, Nick

Gesellschaft

Wo der Hass gegen Israel blüht, ist auch der Hass auf Frauen populär, meint Rebecca Schönenbach in der Welt: "Frauen aus mehrheitlich islamischen Ländern erkennen die Aufmärsche und Parolen wieder. Sie kennen die Täter, die sich zur Aufgabe machen, den Globus von in ihren Augen 'Unreinem' zu befreien, ob von unkeuschen Frauen oder von Juden. Dabei haben religiöse Fundamentalisten kein Monopol auf Antisemitismus und Frauenverachtung. Auch Rechtsextreme wie der Attentäter in Halle kombinieren beides mühelos. Und auch linke Gruppierungen akzeptieren Frauenhass gerne als Beifang zum Antisemitismus."
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Stichwörter: Frauenhass, Antisemitismus