9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

835 Presseschau-Absätze - Seite 62 von 84

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2016 - Religion

In Leipzig ist nächste Woche Katholikentag. In einem mitfühlenden ganzseitigen Artikel im politischen Teil der FAZ schildert Mona Jaeger die einsame und unentwegte Arbeit der katholischen Priester in einer unfrommen Stadt: "Michael Poschlod kann jedem einzelnen Gottesdienstbesucher in die Augen schauen, weil es auch an diesem Sonntag nicht so viele sind." Der Humanistisische Pressedienst meldet unterdessen, dass dieser Katholikentag in Zeiten sprudelnder Kirchensteuern trotz allem vom Staat finanziert wird: Die Kirche erhält für die Organisation des Ereignisses 4,5 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen. "So werden allein durch den Freistaat Sachsen 3,0 Millionen Euro aus dem Staatssäckel gegeben. Dazu kommen eine Million Euro von der Stadt Leipzig und 500.000 Euro vom Bund. Dazu sagt André Schollbach, Mitglied der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag: 'Immer wieder werden Großveranstaltungen der Kirchen großzügig aus der Staatskasse finanziert. Dabei erhalten die Kirchen bereits jährlich wiederkehrende Millionenzahlungen vom Freistaat Sachsen.'" Und: "In der Stadt sind etwa 80 Prozent der Bevölkerung konfessionsfrei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2016 - Religion

Lasst uns endlich eine liberale Moschee gründen, ruft Seyran Ates in der Zeit. Denn ein Islam, der Frauen nicht aus dem Gebetsraum verbannt, der Homosexuelle akzeptiert, Rufe nach der Scharia übertönt und den Dialog mit anderen Religionen pflegt, "hat in Europa noch keinen Ort. Es gibt nur die etablierten kon­servativen Gemeinden, die Kritik und Zweifel kaum zulassen. Was fehlt, ist eine liberale Moschee. Dort wäre der Prophet Mohammed kritisierbar, und wir könnten die Reform unserer Re­li­gion diskutieren - über sämtliche islamischen Rechtsschulen hinweg. Warum gibt es diese Moschee nicht?"

In einem Interview hat Papst Franziskus neulich zwar die französische Laizität zunächst gelobt (unser Resümee), aber dann das Lob doch gleich wieder einkassiert und angemerkt, dass es die Franzosen mit dem Säkularismus übertreiben. "Das kommt daher, dass man Religionen als Unterkulturen und nicht als vollwertige Kulturen betrachtet. Ich fürchte, dass dieses Denken, das aus der Aufklärung kommt, auch heute überwiegt." Henri Tincq freut sich in slate.fr über diese Stellungnahme des Papstes und begrüßt seinen "Multikulturalismus": "Wir tauchen hier tief ein in die Debatte über den Laizismus, der die Linke spaltet, diese 'kulturelle und identitäre Schlacht', die, nach Manuel Valls Frankreich nach den Attentaten auf Charlie Hebdo und im November in Atem hält. Dieser Papst vom anderen Ende der Welt hat sein Lager gewählt. Es ist nicht das Lager der 'Ultralaizisten', der 'republikanisch Identitären', wie man jene nennt, die wie der Premierminister dem wachsenden Einfluss der Religionen keinen Zoll des Terrains preisgeben wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2016 - Religion

Vor einigen Tagen ist Alice Schwarzers Sammelband "Der Schock" über die Silvesternacht erschienen, in dem Schwarzer und verschiedene andere Autoren wie Bassam Tibi oder Kamel Daoud auch die islamische Kultur für die sexistischen Ausschreitungen verantwortlich macht. Dagegen wehrte sich bei cicero.de die Autorin Khola Maryam Hübsch von der Ahmadiyya-Sekte mit dem Argument, dass der Koran ein solches Verhalten verbietet und also schlecht dafür verantwortlich gemacht werden könne.

Aber das ist ein Problem aller Religion antwortet wieder bei cicero.de Thomas Baader: "Der Widerspruch, den Hübsch in Schwarzers Argumentation zu finden glaubt, entpuppt sich in Wahrheit als ein Widerspruch, der im eben beschriebenen Sinne sowohl im Verhalten von Religionsangehörigen als auch in den religiösen Schriften, und beileibe nicht nur in den islamischen, zu finden ist: Denn nicht nur das Verhalten des einzelnen Gläubigen im Hinblick auf seinen Glauben ist oft widersprüchlich, auch der religiöse Text selbst ist es."

In der Badischen Zeitung wirft Annemarie Rösch Schwarzer vor, ein muslimisches Feindbild zu pflegen. Auch sie sieht nicht im Islam das Problem, sondern denkt wie die marokkanischstämmige Frauenrechtlerin Sineb El Masrar: "Die Belästigungen seien der Wut der Zu-kurz-Gekommenen geschuldet - und weniger der Religion, entgegnete sie Schwarzer in der ZDF-Sendung Aspekte. Nach dieser Interpretation wollte der verarmte arabische Mann den wohlhabenden deutschen herausfordern, indem er seine Frau belästigte. Zwar steckt auch dahinter ein fragwürdiges Frauenbild, aber mit Religion hat das nur bedingt zu tun. So wurden auch in den Balkankriegen Frauen Opfer sexueller Gewalt, weil eine Ethnie die andere demütigen wollte. Zumeist waren die Täter christlicher Herkunft."

Im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger wundert sich Alice Schwarzer, dass die Erfahrungen der Autoren in ihrem Band hierzulande einfach weggewischt werden: "Die Hälfte der Autorinnen und Autoren, die zu meinem Buch Texte beigesteuert haben, stammen aus dem muslimischen Raum. Für die war sofort klar, dass das eine kleine Kriegsansage gewesen ist, eine Aggression mit politischer Intention. Eine algerische Autorin konnte nicht fassen, dass die Debatte in Deutschland nicht sofort in diese Richtung ging. Sie fragte mich: Sind wir für euch Deutsche so minderwertig, dass ihr nicht von uns lernen wollt? Das hat mich sehr nachdenklich gemacht."

Außerdem: In der Welt protestiert Erik Lindner gegen eine Passage im Programm der AfD, die das Schächten verbieten will Für ihn ein direkter Rückfall in die Nazi-Barbarei: "'Der Arier, soweit er nicht sittlich verroht ist, kann im Schächten nur einen Akt von größter Grausamkeit erblicken', stand im 'Handbuch der Judenfrage' von Theodor Fritsch." In der FAZ kritisiert der Theologe Abdel-Hakim Ourghi den autoritären und schematischen Koran-Unterricht in den Moscheen und setzt seine Hoffnung auf den Religionsunterricht an den Schulen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2016 - Religion

Im Interview mit Guillaume Goubert und Sébastien Maillard von der katholischen Tageszeitung La Croix sagt Papst Franziskus auf den ersten Blick überraschende Dinge: "Ein Staat muss laizistisch sein. Konfessionelle Staaten enden schlecht. Ich glaube, dass Laizität zusammen mit einem soliden Gesetz, das Religionsfreiheit garantiert, einen Rahmen bietet, mit dem man vorankommen kann. Wir sind als Kinder Gottes und mit unserer Menschwürde alle gleich. Aber jeder muss das Recht haben, seinen Glauben nach außen zu bekunden. Wenn eine muslimische Frau Kopftuch tragen will, soll sie es tun dürfen. Das gleiche, wenn ein Katholik ein Kreuz trägt." Ob er sich demnächst in Deutschland gegen den staatlichen Einzug von Kirchensteuern wendet?

Gegen Kulturkonservatismus und die Rede von "Werten" im konservativen Sinne wendet sich der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der SZ: "Man muss Einwanderern die Einsicht nahebringen, dass es in einer offenen, religiös und weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft allein die Rechtsordnung ist, die das friedliche Zusammenleben der vielen verschieden Denkenden und Lebenden ermöglicht. Rechtsgehorsam ist dabei prägnant zu unterscheiden von irgendwelchen 'einheimischen Kulturwerten', auf die manche die Zuwanderer gern verpflichten möchten. Auf der Wiesn mögen auch Deutschitaliener Tracht tragen. Aber niemand darf ihnen dies vorschreiben."

In der Welt sieht Henryk M. Broder keinen Widerspruch zwischen beidem. Er wünschte sich, hiesige Bischöfe würden einmal dies sagen: "Wir sind kein allzu christliches Land mehr. 30 Prozent der Deutschen gehören der evangelischen Kirche an, ebenso viele der katholischen. Aber 34 Prozent sind konfessionslos, und es werden immer mehr. Dennoch sind wir ein christlich geprägtes Land, deswegen feiern wir Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Allerheiligen und Weihnachten, auch wenn viele von uns nicht wissen, was diese Feste bedeuten. Eine, zwei oder drei Millionen 'mehr Muslime' werden die 'christliche Kultur' oder das, was von ihr übrig geblieben ist, nicht zum Verschwinden bringen, auch dann nicht, wenn immer mehr Kirchen zu Moscheen umfunktioniert würden. Aber die weltliche Kultur, die sich gegen zahllose Verbote mühsam durchsetzen musste, wird Schaden nehmen, nein, sie hat es schon getan."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2016 - Religion

Das Institut für katholische Theologie an der Universität Bochum bekommt 1,6 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), um Einwände gegen die Wissenschaftlichkeit der Disziplin zu entkräften, berichtet der Humanistische Pressedienst und zitiert aus der Begründung der DFG: "Das Ziel der Nachwuchsgruppe besteht darin, die in der gegenwärtigen Debatte vonseiten des Naturalismus und der analytischen Wissenschaftstheorie vorgebrachten Einwände gegen die Wissenschaftlichkeit der katholischen Theologie zu strukturieren, zu evaluieren und, durch das Entwickeln einer allgemein anschlussfähigen Wissenschaftstheorie der katholischen Theologie, zurückzuweisen." Nachfrage des Pressedienstes: "Wissenschaftliche Untersuchungen, wenn sie als solche ernst genommen werden sollen, genügen den beiden Mindestanforderungen: Neutralität und Ergebnisoffenheit." Müssen wir um den Bestand der Theologie an den Universitäten fürchten?
Stichwörter: Theologie, Neutralität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2016 - Religion

"Peter Handke sagte in einem Interview, dass der Verkehrskreisel die Sinnkrise der Gegenwart sichtbar mache. Wie recht er hat. Der Kreisel ersetzt eine Kreuzung. Vielleicht muss man das Kreuz aus seiner Abwesenheit erklären", meint der Schriftsteller Thomas Hürlimann, der im Gespräch mit dem Theologen Jan-Heiner Tück über die Verdrängung des Kreuzes aus dem öffentlichen Raum nachdenkt. "Im Jahr 2000 wurde vor der Klosterkirche Einsiedeln meine Fassung von Calderóns Welttheater gespielt. In einem Zwischenspiel hing der Tod am Kreuz. Diese Szene löste eine Kontroverse aus. Der Regisseur Volker Hesse und ich wurden der Blasphemie bezichtigt, und erstaunlicherweise waren gerade aufgeklärte, moderne Katholiken unsere überzeugtesten Gegner. In den Diskussionen merkte ich: Sie lehnten das Kreuz überhaupt ab - teilweise als 'masochistische Phantasie'. Nicht der Karfreitag, Ostern stand für diese Leute im Zentrum ihres Glaubens. Pater Gebhard, der Bibliothekar des Klosters, ein alter, weiser Mönch, hat dann das Bild des gekreuzigten Todes verteidigt. 'Am Kreuz stirbt der Tod', sagte er."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2016 - Religion

FAZ-Redakteurin Karen Krüger hat kein Problem mit dem Islam in Deutschland und freut sich über ein den christlichen Kirchen ähnliches Verwachsen mit staatlichen Strukturen: Die "Islamkonferenz, ein Meilenstein des Dialogs zwischen Muslimen und der Politik, jährt sich 2016 zum zehnten Mal; seit 2008 wird der deutschsprachige bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht flächendeckend an Schulen eingeführt, vier Universitäten bilden islamische Religionslehrer und Imame aus - dass es nicht gut sein kann, wenn nur importierte Imame aus dem Ausland in Deutschland predigen, hat nicht erst die AfD erkannt. Diese Zentren der islamischen Theologie bieten die wichtigsten Impulse für einen 'deutschen Islam', der grundgesetzkonform, friedliebend, undogmatisch und unabhängig von fremden Staaten ist."

Regina Mönch sieht das - ebenfalls in der FAZ - ganz anders. Die islamischen Verbände, die Einfluss auf den Religionsunterricht in Berlin nehmen wollen, sind alles andere als undogmatisch: "Auf einer halboffiziellen Vorschlagsliste befanden sich Dachverbände mit großer Nähe zum Netzwerk der radikalen Muslimbruderschaft und zur islamistisch eingefärbten Milli Görus. Doch auch die konservative Ditib, mit der staatliche Institutionen so gern verhandeln, wäre alles andere als ein Garant für die autonome Lehre. Wer diesen Verbänden zu viel Einfluss zugesteht, wird nicht nur die bekannten Störungen provozieren. Er liefert ihnen auch mindestens drei Viertel aller Muslime aus, die mit ihnen nichts zu tun haben wollen und die für ihre Kinder einen Religionsunterricht wünschen, der das Niveau des protestantischen und katholischen hat."

In der Berliner Zeitung wendet Maritta Tkalec ein, dass ein klares Verhältnis nur hergestellt werden kann, wenn Deutschland ein klares Verhältnis zu den Kirchen insgesamt findet.

Froh, den Islam loszusein, ist der ebenfalls in der FAS schreibende Autor Salman Ansari, der jung nach Deutschland kam und den sein Vater in einem Brief anhielt, die Kunst zu lieben: "Du bist umgeben von unermesslicher Schönheit, was Kunst, Literatur und Musik betrifft. Nutze jede Sekunde, dieses Universum zu betreten, wo und wann immer Du nur kannst! Keine Religion der Welt kann das Verlangen nach Schönheit auslöschen. Einzig die islamische Welt wehrt sich anzuerkennen, dass die Künste Ausdruck der Sehnsucht nach besseren Welten sind. Wie kann man ein besserer Mensch werden ohne die Erfahrung der Schönheit?"

Weiteres: Christian Geyer fürchtet in der FAZ eine Anerkennung der Pius-Brüder durch Papst Franziskus.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2016 - Religion

In der Zeit fordert der muslimische Theologe Abdel-Hakim Ourghi eine "vernunftgemäße Islamkritik", die Gewalt, Frauenunterdrückung und buchstabengetreue Auslegung im Namen der Religion abschafft. Ufuk Özbe hatte eine derartige Reform in der letzten Zeit noch für praktisch illusorisch erachtet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2016 - Religion

970 türkische Imame predigen derzeit in deutschen Moscheen. Sie sind dem türkischen Staat verpflichtet, kennen Deutschland nicht und predigen einen höchst konservativen Islam, berichtet Karen Krüger in der FAZ. Das Problem: Es gibt "immer mehr junge Muslime, die sich einen zeitgemäßen Zugang zu ihrer Religion wünschen. Doch selbst wenn ihnen ein intellektuell aufgeschlossener Imam zur Seite steht, haben ihre Worte in der Gemeinde kein Gewicht. Viele junge Muslime wenden sich deshalb von ihren Gemeinden ab und der Religion im Privaten zu - oder dem Salafismus. Salafisten beobachten sehr genau, wer sich in den Gemeinden gut aufgehoben fühlt und wer nicht."
Stichwörter: Imam, Islam, Salafismus, Salafisten, Türkei

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2016 - Religion

Gegenüber den AfD-Äußerungen, dass der Islam dem Grundgesetz nicht entspreche, macht der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm in der FAZ zunächst mal geltend, dass dasselbe für das Christentum gelte - das sei auch von der Religionsfreiheit gedeckt: Aber "der Absolutheitsanspruch der Religionsgemeinschaften kann .. nicht gegenüber der Allgemeinheit, sondern nur gegenüber den eigenen Gläubigen, also im Innenbereich der Religionsgemeinschaften, Geltung beanspruchen; aber auch dort nur, soweit er freiwillig befolgt wird. Der säkulare Staat darf seine Zwangsgewalt nicht für die Durchsetzung religiöser Normen zur Verfügung stellen. Aber selbst die freiwillige Unterwerfung unter religiöse Normen kann nur in Grenzen hingenommen werden. Diese Grenzen werden durch die unaufgebbaren Grundprinzipien des Grundgesetzes gezogen, allen voran die Menschenwürde."