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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2003. Die taz und die SZ stellen eine literarische Anthologie vor, in der amerikanische Schriftsteller im Auftrag des Außenministeriums erklären, wie schön Amerika ist. Die FAZ feiert den Fund von 500 Bändern mit Beatles-Aufnahmen als musikgeschichtlichen Coup. Die NZZ stellt das Programm der Kulturhauptstadt Graz vor.

FAZ, 13.01.2003

Ein "Coup, dessen musikgeschichtliche Bedeutung außerordentlich sein dürfte", ist nach einem Bericht von Edo Reents der niederländischen Polizei gelungen: Sie hat in der letzten Woche 500 Bänder mit Beatles-Material aus dem letztem Jahr der Gruppe gefunden - die Bänder waren 1969 gestohlen worden. "Nach Schätzung der Polizei enthalten die Bänder Material für siebzehn CDs. Ob und wann es zu einer solch umfangreichen Veröffentlichung kommen wird, hängt zum einen von der Plattenfirma EMI ab, zum anderen und vor allem von Paul McCartney, John Lennons Witwe Yoko Ono, Ringo Starr und den Erben George Harrisons", schreibt Reents. Auch die New York Times berichtet heute über den Fund.

Weitere Artikel: Mark Siemons beschreibt das alljährliche PDS-Ritual des Nelkenniederlegens am Grab von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Gerhard Rohde meldet, dass das Präsidium des Deutschen Musikrates nach dessen Insolvenz nun endgültig zurücktritt. Dirk Schümer macht auf die Rolle der Wissenschaftler bei der Entstehung des Bösen in der Welt aufmerksam ("Es ist längst nicht mehr die Frage, ob die Ingenieure Saddam eine Atombombe liefern oder ob von einem wahnwitzigen Zellbastler ein kleiner Raelianer geklont wird. Es geht nurmehr noch um das Wann.") Michael Althen schreibt zum Tod des französischen Filmregisseurs Maurice Pialat. Guenter Hottmann schreibt zur Deutschlandtournee des Jazzpianisten Jason Moran. Edo Reents verfasst den Nachruf auf Maurice Gibbs von den BeeGees. In einer Meldung wird das Wettbewerbsprogramm der Berlinale vorgestellt.

Auf der letzten Seite befasst sich Joachim Kalka mit dem Napoleon-Mythos, vor allem in der deutschen Literatur und nennt unter anderem die heute vergessene, im George-Kreis einflussreiche Napoleon-Biografie des Historikers Berthold Vallentin (1877 bis 1933). Katja Gelinsky kommentiert die Entscheidung des scheidenden Gouverneurs von Illinois, George Ryan, sämtliche Todesurteile in seinem Staat in Gefängnisstrafen umzuwandeln. Und Heinrich Wefing stellt neue amerikanische Untersuchungen vor, wonach es wesentlich wahrscheinlicher ist, "dass der Mörder eines Weißen von Staats wegen getötet wird als der Mörder eines Farbigen". Auf der Medienseite feiert Michael Hanfeld den zehnten Geburtstag des Münchner Nachrichtenmagazins Focus. Sandra Kegel porträtiert Steffen Seibert, den neuen Mann von "heute" im ZDF. Und "S. K." analysiert die Lage beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks, das unter allen Dritten das unbeliebteste ist.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Altmeisterzeichnungen aus der Sammlung Adolf von Beckeraths im Berliner Kupferstichkabinett, der Film "One Our Photo" mit Robin Williams, Johann Kresniks "Jedermann Projekt" in Essen, Jacqueline Kornmüllers Stuttgarter Inszenierung von Ibsens "Baumeister Solness" und Marguerite Donlons Tanzstück "Carmen - privat" in Saarbrücken.

NZZ, 13.01.2003

Graz ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas. Paul Jandl bereitet uns auf das Programm vor und hat auch schon das viel erwartete Stück "Butterfly Blues" von Henning Mankell mit seinem Teatro Avenida aus Maputo gesehen, das sich aus afrikanischer Sicht mit der europäischen Asylpolitik auseinandersetzt. Zufrieden ist er nicht: "Tiefer als in die Klischees, die sich der eine Kontinent vom anderen schafft, lotet er allerdings kaum. Henning Mankell hat Recht mit seiner Anklage. Er hat so sehr Recht, dass sich die ehrliche Sozialkritik auch schon mit der gut gemeinten, aber im Allgemeinen eher mittellosen Ästhetik von Schülertheatern begnügt."

Weiteres: In einem "Schauplatz Ramalaah" stellt Peter Schäfer den palästinensischen Theatermann Yakub Abu Arife vor, der die Kriegstraumata palästinensischer Kinder im Kindertheater verarbeitet. In einem langen Hintergrundartikel untersucht Lioba Reddecker die Lage von Kunstarchiven im Zeitalter der Digitalisierung. Außerdem stellt sie das Projekt "vektor" des European Art Net vor, das als Online Datenbank für die zeitgenössische Kunst in Europa dienen will. Geleitet wird das Projekt von der basis wien - Kunst, Information und Archiv. Peter W. Jansen schreibt zum Tod des Filmregisseurs Maurice Pialat.

Besprochen werden Iain Softleys Science-Fiction-Psychiatriefilm "K-PAX", drei Choreografien des Bern Balletts und eine Ausstellung der früh verstorbenen Künstlerin Ana Mendieta im Kunstmuseum Luzern.

TAZ, 13.01.2003

"Im Westen nichts Neues", lautet Tobias Rapps Fazit über die US-amerikanische Propaganda-Anthologie "Writers On America" (hier die Texte), die auf Bestellung der Regierung geschrieben wurde. "Es ist ein Buch, dessen Autorenliste gewisse Ähnlichkeiten mit einer der zahllosen 'mixed-race combat units' aufweist, die regelmäßig in amerikanischen Actionfilmen ausgesandt werden, um außerirdischen Bösewichten den Garaus zu machen." Ute Thon berichtete bereits in ihrer Post aus New York.

Auf der interkulturellen Seite: Edith Kresta und Alke Wierth haben mit dem Psychologen Haci Halil Uslucan über die kulturellen Konflikte zwischen Deutschen und Türken gesprochen, die auf unterschiedliche Erziehungsausffassungen zurückgehen. Uslucan bestätigt eine Studie, nach der ein Fünftel der türkischen Kinder in Deutschland zuhause geschlagen wird. Diese autoritäre Erziehung muss zwangsläufig, so Uslucan, die deutschen Lehrer als "lasch" missverstehen: "Es gibt eine stehende Wendung in der Türkei, wenn Väter ihre Kinder beim Lehrer abliefern, die heißt: 'Eti senin, kemigi benim' - das Fleisch ist deins, die Knochen gehören mir. Die väterliche Gewalt wird damit dem Lehrer anvertraut."

Weitere Artikel: Jan Kuhlmann berichtet, wie Afghanistan in den dreißiger Jahren, inspiriert von Rassekundlern und Sprachwissenschaftlern, seine arischen Wurzeln entdeckte und damit ironischerweise den Mythos begrub, nach dem die Afghanen jüdischen Ursprungs seien.

Auf der Medienseite findet Arno Frank die ARD-Dokumentation über den U-Boot-Krieg im Zweiten Weltkrieg eher langweilig. Außerdem hat Dieter Anschlag in der Gerüchteküche vernommen, dass WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf neuer Intendant des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) werden könnte.

Besprochen wird Philip Tiedemanns Inszenierung des frühen Horvath-Stücks "Die Bergbahn" in Düsseldorf.

Und schließlich TOM.
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FR, 13.01.2003

In Times mager hat "sez" außer Isabella Rosselinis "frei gestelltem Busen", den sie "durch die Tuilerien trägt", noch anderes im Fernseh-Napoleon entdeckt, zumal eine zeitlose Beschreibung des Krieges: "Die damaligen Kriege wirken auf uns Heutige sonderbar. Oder sind Kriege am Ende immer noch so sonderbar? Tausende stehen aufgereiht, und der Feldherr sagt: "Los", und sie rennen los und fallen zu Dutzenden wie ein einziger zerlöcherter menschlicher Schild. Der Chef persönlich hat die Fahne voran getragen, quer durch den Kugelhagel. Er bleibt unversehrt. Auch danach wieder großes Auf-die-Schulter-Geklopfe. 'Die Soldaten sagen, Sie haben gekämpft wie einer der Ihren.' Alle Achtung, so ein Kompliment machen die toten Soldaten sicher nicht jedem."

Adam Olschewski schreibt nicht nur einen Nachruf auf Maurice Gibb, sondern gleich auf die Bee Gees, und Gerhard Midding gedenkt des französischen Regisseurs Maurice Pialat.

Auf der Medienseite gratuliert Marc Schürmann dem Nachrichtenmagazin Focus zum zehnten Geburtstag, Und Susanne Balthasar stellt den türkischsprachigen Berliner Radiosender "Radyo Metropol FM" vor.

Besprochen werden Beats Furrers Musiktheaterstück "Begehren", mit dem das Grazer Jahr als Kulturhauptstadt eröffnet wurde, Jacqueline Kornmüllers bemerkenswerte Inszenierung von Henrik Ibsens "Baumeister Solness" in Stuttgart und zwei politische Bücher - Gerhard Schreibers Übersicht über den Zweiten Weltkrieg und Geza Koch-Wagners ausgezeichnete Dissertation über "Gefühlserbschaften aus Kriegs- und Nazizeit" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 13.01.2003

"Allerliebst" findet Ijoma Mangold die Idee des amerikanischen Außernministeriums mit einer literarischen Anthologie "Writers on America" endlich der transatlantischen "Schwarzmalerei" den Garaus zu machen. Allein schon dieses Projekt sei "hundert Prozent Amerika", in seiner "Kombination aus Naivität und Macht. Aus Unschuld und Berechnung. Aus Idealismus und Propaganda". Da werde der "Schmelztiegel" Text ein, Text aus gefeiert, und zuletzt sogar die protestantisch-katholische Mischehe zur "gelebten sozialen Bi-Kulturalität" aufgebauscht. "Diese United colors of America haben nur eine intellektuelle Leerstelle. Das State Department scheint überzeugt, dass die Welt Amerika lieben müsse, wenn sie erst einmal begreift, dass Amerika die Welt ist - in ihrer ganzen Verschiedenheit, Buntheit und karnevalesken Travestie. Ihr da draußen, die ihr uns feindselige Blicke zuwerft, begreift doch endlich, dass ihr längst drinnen seid. Ihr seid ein Teil von uns. Dabei ist es gerade dieser Umarmungsanspruch, dem sich viele Kulturen entziehen wollen" (siehe auch unsere Post aus New York).

Weitere Artikel: Für Henning Klüver zeigen die Brüche in Italiens linksintellektueller Oppositionsfront, wie sehr die Bewegung einen Führer braucht. Jakob Augstein fragt sich, ob Angela Merkel wohl in den Memoiren von Margaret Thatcher blättert, um das Rezept des "neuen Konservativismus" zu kopieren. Andrian Kreye bemerkt, dass New York seine impulsgebende Boheme verloren hat.

Fritz Göttler weint bitterlich über das nunmehr kinolose Venedig und schreibt einen Nachruf auf den französischen Filmemacher Maurice Pialat. Für Alan Ryan ist Jürgen Habermas der Mann, der zum "philosophischen Gewissen" der Schröder-Regierung geworden ist. Mit dem Bee-Gees-Bruder Maurice Gibb ist das "Prinzip Sympathie" gestorben, meint Oliver Fuchs und erklärt, Maurice sei "der mit dem Hut". In der Kolumne unterscheidet Franziska Augstein zwischen Rudyard Kipling, dem "Herrenrassenmensch", und Rudyard Kipling dem "demokratischen" Kfz-Tüftler.

Auf der Medienseite entspinnt sich die sechste Folge der "großen Journalisten" um den "mit Stil klatschenden" Karl August Böttiger, und Arno Makowsky ist bei einer TV-Talentshow klargeworden, "wie man sich sprachlich heute so ausdrückt".

Besprochen werden die Ausstellung "Lieber Maler, male mir" in der Frankfurter Schirn, Isao Yukisadas Film "Go", Dimiter Gottscheffs "brillante" Inszenierung von Arthur Millers "Handlungreisendem" am Deutschen Theater in Berlin, die Grazer Aufführung von Henning Mankells Stück "Butterfly Blues", in eigener Regie, ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter dem jungen Star-Dirigenten Mikko Frank, das Konzert der chinesischen Sängerin Liu Sola zum Auftakt des Berliner "transonic"-Festivals, und Bücher - Jens-Martin Eriksens Erzählband "Jonatan Svidts Verbrechen", Silvia Bovenschens und Jörg Bongs Sammlung "Rituale des Alltags" und Friedrich Ohlys Geschichte der Metapher in der Poesie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).