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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2005. Die Welt schlägt die bench mark der Kathederprophetie: Giorgio Agamben. Die NZZ besucht Christian Diors Geburtshaus in Granville. Die FR besichtigt die Bauten von Alvaro Siza in Porto. In der SZ fragt der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler: Wer hat meinen Daimler Chrysler so zerstört? In der FAZ erklärt der irische Schriftsteller John Banville, warum sich die IRA nicht auflöst.

Welt, 03.08.2005

Daniel Binswanger, Frankreich-Korrespondent der Zürcher Weltwoche, überlegt, warum der Philosoph Giorgio Agamben den intellektuellen Nachwuchs Europas fasziniert: "Agamben setzt eine neue bench mark der Kathederprophetie", glaubt er. "Es ist das Parfüm des Radikalen, das er allen voraushat. Agambens Demokratie-Kritik könnte schärfer nicht sein: Die heutigen Rechtsstaaten sind ihrem Wesen nach große Konzentrationslager, wie Agamben in 'Homo sacer' (1995) durch einen eklektischen Abriss abendländischer Rechtsgeschichte zu demonstrieren versucht. Der moderne Staat sei eine totalitäre Veranstaltung zur effizienten Verwaltung des nackten biologischen Lebens, denn die heutige Form der Souveränitätausübung sei die Biopolitik - die Kontrolle des nackten Lebens. Nach Agamben ist die von keiner Rechtsform gehinderte Verfügungsmacht, welcher der Häftling des Konzentrationslagers ausgeliefert ist, die geheime Matrix der modernen Verwaltungsstaaten." Diese Botschaft lieben auch militante Globalisierungsgegner. Binswanger ist nicht beeindruckt. "Jede Epoche hat die Modephilosophie, die sie verdient. Die unsere scheint wieder dürftig zu werden", schließt er.

NZZ, 03.08.2005

Marc Zitzmann hat Christian Diors Geburtshaus im normannischen Granville besucht. Zum hundertsten Geburtstag des Couturiers ist dort eine Ausstellung zu sehen, die Zitzmann offenbar sehr gefallen hat: "In der Beletage fliegen die Erinnerungen nur so hin und her. Hier ein Tailleur von Robert Piguet und ein Abendkleid von Lucien Lelong, für die Dior als 'Modeliste' arbeitete. Da der berühmte Stern aus Gusseisen, dessen Fund den abergläubischen Modezeichner 1945 bewogen hatte, das Angebot des Industriellen Marcel Boussac anzunehmen und sein eigenes Haus zu eröffnen. Dort das goldgeränderte Stöckchen, das der Couturier bei der Probevorführung neuer Modelle auf missratene Details zu richten pflegte: 'Wirklich, das gefällt mir nicht.'"

Weitere Artikel: Ludger Lütkehaus ist genervt, dass immer mehr Quad- und Motocross-Fahrer seine bevorzugten Wanderlandschaften in einen "Offroad-Bereich" verwandeln. Andreas Maurer verkündet die heutige Eröffnung der Filmfestivals in Locarno, mit dem sich die Festivalleiterin Irene Bignardi verabschieden wird. Samuel Herzog schreibt zum Tod des niederländischen Malers Constant Nieuwenhuys, genannt Constant.

Besprochen werden Bücher, darunter Klaus Modicks Aufzeichnungen "Vatertagebuch", Horacio Vazquez-Rials Buenos-Aires-Roman "Tango, der dein Herz verbrennt" und eine Doppelbiografie zu Elisabeth I. und Maria Stuart (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 03.08.2005

Heute tritt der Islamist Mahmoud Ahmadinedschad sein Amt als iranischer Staatspräsident an. Für Katajun Amirpur muss dies nicht das Ende der Reformbewegung bedeuten: "Wenn der Islam nicht mit der Demokratie und den Menschenrechten vereinbar ist, dann ist er es eben nicht. Aber Demokratie und Menschenrechte wollen wir trotzdem", beschreibt sie die Stimmung im Iran.

Weiteres: Reinhart Wustlich erkennt bei der Besichtigung der portugiesischen Hafenstadt Porto und den Bauten des großen Architekten Alvaro Siza, "in welcher Weise eine Stadt Mühe macht". Elke Buhr erinnert in Times Mager an die qualvolle Wirkung von Nato-Draht. Besprochen werden politische Bücher, darunter die beiden Annäherungen an Angela Merkel von Gerd Langguth und Evelyn Roll.
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TAZ, 03.08.2005

In Paul Haggis' Film "L.A. Crash" hat Diedrich Diederichsen den alltäglichen Rassismus als "eine Art Tourette-Syndrom" erlebt, als Triebabfuhr in Stresssituationen: "Jeder Dialog, der eine Person in Paul Haggis 'L.A. Crash' einführt, beginnt mit rassistischen Beleidigungen. Und fast jede seiner Personen hat einen Job beim Staat oder verwandten Institutionen: als Staatsanwalt, ermittelnder Kriminalpolizist, Streifencop, bei Krankenversicherungen und Fernsehgesellschaften. An den Arbeitsplätzen herrscht nun wiederum ein institutioneller Antirassismus, den der Film als mindestens so übel vorführt wie den spontanen Rassismus schimpfender Autofahrer und schikanöser Polizisten."

Weiteres: Mirko Heinemann stellt die deutsch-holländisch-brasilianische Band Zuco 103 vor, die man auf keinen Fall mit dem Label "Brasilectro" versehen sollte. Katrin Bettina Müller meldet, dass Frank Castorf bis 2010 Intendant der Berliner Volksbühne bleiben wird. Besprochen wird außerdem die Retrospektive der amerikanischen Fotografien Diane Arbus im Folkwang Museum Essen.

Und Tom.

SZ, 03.08.2005

50 Milliarden Euro des Unternehmenswerts von Daimler Chrysler hat Jürgen Schrempp seit 1998 vernichtet. Aber der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler will ihm nicht allein die Schuld an der Misere geben: "Was er gemacht hat, dafür hatte er zehn Jahre im Aufsichtsrat die Mehrheit gehabt. Das ganze Gremium ist verantwortlich. Mindestens die gleiche Verantwortung trägt der Aufsichtsratsvorsitzende, das ist in dem Fall Hilmar Kopper von der Deutschen Bank." Überhaupt sei es gerade die Beteiligung von Banken oder Ländern wie Niedersachsen bei VW, die die deutsche Wirtschaft in den Abgrund gerissen hat und nicht die vielfach kritisierten privaten Investoren. Die, so Händler, tun der Wirtschaft eher gut: "Wenn man dieses Geschäft völlig leidenschaftslos und vorurteilslos angeht, passieren solche Dinge nicht. Die Sucht nach Größe hat ökonomisch nur Sinn, wenn sie sich auszahlt. Ein strategischer Investor oder ein Hedge-Fonds kennt aus Prinzip nicht die schiere Sucht nach Größe."

"Die Helden der Sowjetunion und Russlands traten Anfang Juli in der Hungerstreik. Sie waren aufgebracht, weil die Regierung das Gesetz zur Neuregelung des Heldenstatus ohne ihre Beteiligung auf den Weg gebracht hat", berichtet Sonja Margolina, die nur gebremste Sympathie für die Streikenden aufbringt. Immerhin wurden in letzter Zeit sogar Kriegsverbrecher wie der tschetschenische Warlord Ramsan Kadyrow als Helden ausgezeichnet - ohne dass irgendjemand protestiert hätte. "Bislang stützte sich das Ansehen der Helden darauf, dass ihre hohen Leistungen von der Gesellschaft anerkannt wurden. Angesichts ihrer zahlreichen Privilegien wiegten sie sich in der Illusion staatlicher Anerkennung. Das ist insofern nicht erstaunlich, als die meisten Helden eng an den Staat gebunden waren und es noch heute sind. Viele von ihnen gehören der Regierungspartei an, sie tragen die Verantwortung für unsoziale Entscheidungen und die Korruption in den Ämtern mit. Erhöben sie einen Anspruch auf moralische Führung, müssten sie in den vorderen Reihen der Opposition stehen. Erst als ihre Privilegien bedroht waren, regte sich Widerstand."

Weitere Artikel: Franziska Augstein argumentiert heftig gegen die Vorstellung von Jürgen Habermas, die EU könnte kosmopolitisch sein. Der Regisseur Paul Haggis spricht im Interview über die Arbeit mit Clint Eastwood und seinen neuen Film "L.A. Crash". Ulrich Peters wird Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters, meldet Wolfgang Schreiber, das Ensemble ist damit nicht sehr glücklich, es befürchtet von Peters "Kunst-Populismus". Eye gibt die aktuelle "Schreckensnachricht für eine ganze Generation" weiter: Der New Yorker Punkclub CBGB's soll geschlossen werden. Joseph Hanimann schreibt zum achtzigsten Geburtstag des Soziologen Alain Touraine. Hans-Christoph Dittscheid schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Jörg Traeger und Holger Liebs zum Tod des Malers, Gelehrten, Musikers und Urbanisten Constant Nieuwenhuys, genannt Constant.

Besprochen werden Paul Haggis' Film "L. A. Crash", dessen "unerschrockene und kompromisslose Künstlichkeit" Tobias Kniebe lobt, die Ausstellung "Zeitschichten", ein Rückblick auf 100 Jahre Denkmalpflege seit Dehio, im Residenzschloss Dresden und Bücher, darunter Lichtenbergs Vorlesungen zur Naturlehre (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und schließlich ein Gedicht von Juri Andruchowytsch über Andrzej Stasiuk, "More than a Cult". Übersetzt hat es Joachim Sartorius.

"Stasiuk ist Stasiuk ist Stasiuk ist Stasiuk ist Stasiuk.
Stasiuk sieht alles.
Das Organ seiner Liebe ist das optische Gedächtnis.
Das Organ seines Atems ist die Zigarettenschachtel.
Das Organ seiner Schrift ist eine ausgeleierte Schreibmaschine.
Und da sie ausgeleiert ist, schreibt er mit der Hand.
Das heißt, von der Hand, von sich, von mir, von dir.
Das heißt, er ist einer von uns, obwohl, vielleicht, der beste.
Diese Schrift ist unnachahmlich, in Wirklichkeit nennt sie sich Handschrift.
An diesem Merkmal erkennt man einen Schriftsteller oder einen Serienkiller.
Das heißt, man erwischt ihn nie beim Betrug.
Doch hat er tausend verschiedene Mankos.
..."

FAZ, 03.08.2005

Der irische Schriftsteller John Banville fragt sich, warum die IRA in ihrer jüngsten Erklärung zwar ihren Gewaltverzicht, aber nicht die Selbstauflösung bekanntgab. Seine Antwort ist wenig optimistisch: "Der 'bewaffnete Kampf' ist beendet, aber die Kriminalität wird weitergehen, vielleicht sogar noch dreister und brutaler, nun da die IRA faktisch keine Verantwortung für die Aktivitäten ihrer Mitglieder mehr übernimmt. Viele der 'harten Kerle', die auf den Straßen von Belfast und Derry und auf den abgelegenen Wegen in South Armagh das dreckige Geschäft des Krieges betrieben, gehören heute zu den aktivsten und brutalsten Kriminellen in Europa, Russland eingeschlossen."

Weitere Artikel: Götz Aly antwortet auf die Kritik Wolfgang Seibels, dem Herausgeber des Sammelbands "Networks of Nazi Persecution", der Alys Buch "Hitlers Volksstaat" am 25. Juli Fehler im Detail und "Scheingenauigkeit" im allgemeinen vorwarf: "Seibel verkennt das zentrale Ziel des als Arisierung bezeichneten Staatsraubes. Zum Teil mag sich seine Kritik als Offensive eines in seiner Unwissenheit Ertappten erklären. Es ist eben falsch, wenn in dem von ihm mitverantworteten Band behauptet wird, die Aktien der deutschen Juden seien bis 1941 nicht verkauft worden. Tatsächlich wurden sie fortlaufend Stück für Stück, unter sorgfältiger Beachtung der Kursentwicklung bis zum Ende des NS-Staates in den Aktienmarkt eingespeist, hauptsächlich 1939 und 1940."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings verweist in der Leitglosse auf das anhaltende politische Engagement unserer Jungschriftsteller am Beispiel Juli Zehs, die sich aber nicht für Gerhard Schröder, sondern im Namen der "Vier Pfoten Stiftung" für bulgarische Tanzbären einsetzt. Thomas Wagner schreibt zum Tod des Malers Constant. Gerhard R. Koch hat die Gustav-Mahler-Wochen in Toblach besucht. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Flötisten Karlheinz Zoeller. Gemeldet wird, dass die deutschen Kinozahlen im ersten Halbjahr katastrophal sind. Klaus Ungerer glossiert in der Rubrik "Nichts als die Wahrheit" einen Prozess gegen einen Berliner, der einen Motorbootunfall auf dem Müggelsee verursachte. "Bat" annonciert eine Gedächtnisausstellung zum 175. Jubiläum der Museumsinsel in Berlin. Michael Gasssmann besuchte die Ensemble-Akademie in Freiburg, bei der Spezialisten für Alte und Neue Musik musizieren. Und Henning Ritter schreibt zum Tod des Kunsthistorikers John Michael Montias.

Auf der Medienseite berichtet Michael Martens, dass die Belgrader Zeitung Politika, eines der Objekte des WAZ-Konzerns im Balkan, zum Objekt eines heftigen Streits um Geld und politischen Einfluss wurde.

Auf der letzten Seite schreibt Andreas Rosenfelder über die inflationäre Zunahme alternativer Parallelwährungen wie dem "Justus" in Gießen. Dieter Bartetzko berichtet, dass die Steigenberger-Gruppe in Dresden unmittelbar bei der Frauenkirche eine Kopie eines ehemals dort befindlichen Hotels des 19. Jahrhunderts bauen wird. Und Patrick Bahners porträtiert eine amerikanische Spechtart (den Campephilus principalis), die so scheu und selten ist, dass praktische keine Fotos von ihr existieren.

Besprochen wird der Film "L.A. Crash" von Paul Haggis.