Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

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Magazinrundschau vom 28.11.2017 - Eurozine

In rechtsextremen weißen Kreisen in den USA, aber auch Irland und Großbritannien kursiert der Mythos vom "irischen Sklaven", der meist Ausdruck des gegen Schwarze in den USA gerichteten Rassismus ist. Tatsächlich haben sich Iren vom 17.  bis ins 20. Jahrhundert bei Plantagenbesitzern und andern Unternehmern "verdingt"  - um ihre Überfahrt nach Amerika zu bezahlen, allerdings mit der Perspektive, aus dieser Knechtschaft entlassen zu werden. In der Karibik schufteten sie etwa auf Zuckerplantagen. Eine Sklaverei war das aber nicht, schreibt Bryan Fanning in der Dublin Review of Books (online bei Eurozine). Und wie immer ist Geschichte viel komplexer als die Fanatiker es sich ausmalen: "Berichte aus dem Jahr 1656 erzählen, dass Cornelius Bryan, ein Ire in Barbados, wegen 'aufrührerischer Reden' zu 21 Peitschenhieben auf seinen nackten Rücken verurteilt wurde. Dreißig Jahre später hinterließ er seiner Frau und seinen sechs Kindern ein Farmhaus, 22 Acres sowie 'elf Neger und ihre Nachkommenschaft'."

Außerdem in Eurozine: Eine Rede Slavenka Drakulics beim "Central European Forum" in Bratislava über ein berühmtes Foto des Fotografen Ron Haviv, das zum Symbol des Schreckens der Kriege in Bosnien wurde.

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - Eurozine

Maurice Earls gibt in der Dublin Review of Books (online in Eurozine) seiner herzlichen Schadenfreude über den Brexit-Schlamassel Ausdruck. Als Ire sieht er natürlich den Anti-Katholizismus als einen Faktor des britischen Exzeptionalismus. Sein Spott konzentriert sich dann ganz auf die Mohnblume im Knopfloch, mit der die Briten ihrer Veteranen, aber auch vergangener Größe gedenken: "David Cameron und Michael Gove waren bei einem Besuch in China einige Jahre nach der Rückgabe Hongkongs empört, dass man sie bat, ihre Mohnblumen zu entfernen, die in diesem Land als ein Symbol der nationalen Erniedrigung während der Opiumkriege angesehen werden. Sie sagten nein und beriefen sich auf ihre politische Freiheit. Damals glaubte der Westen noch, dass Kapitalismus nicht ohne parlamentarische Demokratie funktionieren könne. Nach dem Brexit wird das Vereinigte Königreich, oder was davon geblieben sein wird, Handelsbeziehungen mit der massiven chinesischen Wirtschaft suchen, und seine Repräsentanten könnten sich veranlasst sehen, die Mohnblume wegzustecken. Das Problem mit den Chinesen ist allerdings, dass sie ein gutes Gedächtnis haben. Und sie sind nicht die einzigen: Die Inder sind auch ein bisschen so."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - Eurozine

Eurozine hat einen Essay des russischen Autors Sergei Lebedew ins Englische übersetzt, der die Arbeit des Gulag-Forschers Yuri Dmitriew zum Thema hat. Dmitriew hat den unheimlichen Instinkt jener, die in Katastrophengebieten Opfer suchen, so Lebedew: "Sie fühlen, ahnen, sehen vorher, wo eine Gruppe gestorben sein könnte, was sie getötet haben könnte. Anderenfalls würde man sie nie finden, die Taiga ist zu riesig. Dmitriews Gabe, zusammen mit seinen erstaunlichen Fähigkeiten als Archivar und der Beharrlichkeit des Forschers mit dem entwickelten Gespür des Taiga-Spezialisten, ist von dieser Art. Diese Gabe ist ein Ruf und eine traurige Pflicht zu suchen; man kann sie nicht ablehnen, sublimieren, in etwas anderes umleiten. Solche Menschen sind lebende Radare; jeder auf einer bestimmten Wellenlänge. Sie können schwierig sein im Leben; die Gabe gibt nicht nur, sie nimmt auch. Sie kümmern sich nicht um wichtige Dinge und verstehen das Offensichtliche nicht. Sie wissen nicht, wie man aufhört, wie man seine Gefühle und Aktionen einteilt. Manchmal sind sie so selektiv blind wie sie selektiv sehend sind, fähig zum Hellsehen und zu Visionen. Sie sind die legendären Figuren des Nordens, Protagonisten der professionellen Folklore, Lokalhelden. Sie wissen wie man die disparaten kleinen Wörter des Nordens findet und zu etwas Ganzem zusammensetzt. Die Forscher und Scouts sind die ersten Agenten der Zivilisation, die Pioniere, die die Straßen bauen. Yuri Dmitriew bringt die Zivilisation zurück zu Orten, wo sie einst gewesen ist, in der kranken und antizivilisatorischen Form des Gulags, der nur die verborgenen Geschwüre der namenlosen Lagergräber hinterließ."

Außerdem: Manfred Sapper und Volker Weichsel schreiben anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution über die russische Erinnerungspolitik. Naubet Bisenov erzählt, dass die Annexion der Krim die russlandfreundlichen Kasachen vorsichtig gemacht hat.

Magazinrundschau vom 07.11.2017 - Eurozine

In Eurozine ruft Steven Beller die Osteuropäer dazu auf, ihren Frieden mit der Europäischen Union zu machen. Als Teil eines supranationalen Reichs ging es den osteuropäischen Ländern immer denn als unabhängige Staaten, vor allem unter den Habsburgern: "Das Reich bot ihnen eine Raum, in dem die Enge nationaler Kategorien überwunden und beiseite gestellt werden konnte. Das Reich war in politischer Hinsicht auch, Ironie der Geschichte, eine Brutstätte des Nationalismus und des Antisemitismus. Doch außerhalb der politischen Sphäre bot der imperiale Raum die Chance für eine andere Logik, für die große Mitte und das Sowohl-Alsauch anstelle des Entweder-Oder. Es ermöglichte Hybride, Bindestrich-Identitäten und das Überschreiten konventioneller Identitäten, mit glänzenden Ergebnissen in vielen kulturellen, intellektuellen und künstlerischen Feldern, die, wie wir jetzt sehen, das Mitteleuropa von 1900 zu einem innovativen Zentrum des modernen Kunstschaffens und Denkens. All dies wurde mit dem Ersten Weltkrieg aufgegeben. Er führte 1918 zum Ende des Habsburgerreich und zur Errichtung des nationalistischen Systems an seiner Stelle. Nach dem Scheitern der Nationalismen zwischen 1918 und 1945 wurde Ostmitteleuropa das kommunistische System aufgedrückt, das ebenfalls scheiterte. Währenddessen entstand in Westeuropa eine neue multinationale Struktur, der Beginn der Europäischen Union. Sie war zum teil von der Erinnerung an das Heilige Römische Reich inspiriert, das seinerseits der Ursprung der imperialen Idee des Habsburgerreichs und seines modernen Nachfolgers war - auch wobei die EU in den meisten Punkten die weit überlegene, modernere, demokratischere Institution ist."

Magazinrundschau vom 31.10.2017 - Eurozine

In einem sehr faktenreichen Artikel zeichnet Anton Shekhovtsov für Eurozine nach, wie Russland nach dem Georgien-Krieg, den es als militärischen Sieg, aber propagandistische Niederlage ansah, seine Soft Power mit Medien wie Russia Today (RT) anreicherte, indem es den Sender skrupellos rechtsextremen "Experten" (und nebenbei willfährigen westlichen Interviewpartern wie Corbyn oder Gabriel) zur Verfügung stellte. Russland hat dabei bekanntlich mehr Siege als Niederlagen eingesteckt. Shekhovtsov ist auch der Meinung, dass der überraschende Wahlerfolg der AfD nach einer monatelangen Schwächephase dieser Partei, russischer Hilfe und der Mobilisierung der Russlanddeutsche mit zu verdanken sei: "Bei der Bundestagswahl bekam die AfD 12,6 Prozent der Stimmen und wurde damit zur drittstärksten Partei in Deutschland - ein historischer Erfolg für die extreme Rechte in Deutschland. Viele Berichte und Analysen bestätigten, dass ein großer Teil der 'russischen Welt' in Deutschland für die AfD stimmte, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland. Im Mai 2017, das heißt vor dem Start der aggressiven Phase der Anti-Merkel-, Anti-Flüchtlings-, Pro-AfD- und Pro-Russland-Kampagne, die von russischen und westlichen Aktivisten der extremen Rechten massiv verstärkt wurde, hatten Umfragen der AfD noch 7 bis 9 Prozent der Stimmen zugebilligt."

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - Eurozine

Geradezu etwas unheimlich liest sich dieses kluge Interview mit der kroatischen Autorin Slavenka Drakulic, die über ihre Erinnerung an die Kriege im ehemaligen Jugoslawien spricht, nicht nur weil sie die Medien und Intellektuellen für den Konflikt mit verantwortlich macht, sondern auch, weil die Fragen von einem spanischen Online-Magazin, El Confidencial, gestellt werden (englisch in Eurozine). Am Ende wird sie gefragt, ob sie Parallelen zum aktuellen Konflikt in Spanien sieht: "Meine Erfahrung ist, dass das Haupthindernis für Krieg ein psychologisches ist. Man geht nicht einfach raus und bringt seine Feinde, Spanier oder Katalanen, um, das wäre ja verrückt. Man braucht eine Rechtfertigung für den Akt des Tötens. Man muss überzeugt sein, das richtige zu tun, sich selbst gegen einen Feind zu verteidigen, der einem schaden will. Bei Ihnen erwacht der nationalistische Virus, aber für einen realen Konflikt müssten Sie erst eine psychologischer Rechtfertigung finden, Sie müssten Menschen überzeugen, anstecken, um den Konflikt in Gang zu setzen. Die Leute müssen für offensichtliche Ziele töten und sterben wollen - dann ist Krieg möglich. Das braucht zum Glück Zeit. Hoffen wir also, dass es noch Gelegenheiten gibt, einen fatalen Konflikt in Spanien zu vermeiden."

Außerdem in Eurozine: Milena Iakimova und Dimitar Vatsov schreiben über russische Einflussnahme in Bulgarien.

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Eurozine

Ernesto Córdoba Castro untersucht (auf Englisch in Eurozine, original im slowenischen Magazin Razpotja) die linken Quellen und Argumente, mit denn Marie Le Pen geschickt ihre rechten Ansichten zusammenkleistert und verkauft: "Eine der intellektuellen Referenzen, die Le Pen sich angeeignet hat, ist der Poststrukturalismus - den die angelsächsische Welt, immer so verspätet mit ihren Übersetzungen, immer noch als die neueste Mode in der kontinentalen Philosophie hält, obwohl ihre Autoren längst tot sind: die sogenannte Französische Theorie. Wie Le Pen in einer Rede vom 12. Februar 2011 erklärte: 'Ich werde die Präsidentin der Rückkehr zum Realen sein. Eingeschlossen in ihrer Blase, die wie alle spekulativen Blasen platzen muss, hat die Kaste den Kontakt mit dem Realen verloren. Die Welt, die sie uns aufgezwungen hat, die die ihre ist, hat nichts mit unserer zu tun, die real ist. Ihre Welt ist virtuell' - das hätte so ausgezeichnet von Baudrillard, Jacques Lacan oder Iñigo Errejón (dem Chefideologen von Podemos, einem Schüler von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe und einer der Intellektuell, der die Bezeichnung 'Kaste' für die politische Klasse in Spanien populär gemacht hat) geliefert werden können."

Außerdem: Jiri Priban bereitet uns darauf vor, was Tschechien und Europa bevorsteht, wenn der Milliardär und Populist Andrej Babis die am 20. Oktober anstehenden Parlamentswahl gewinnt.

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Eurozine

Mehr Kommunikation führt nicht zu besserem Verstehen;  Botschaften sickern heute nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben; politisches Engagement ist ersetzt worden durch oberflächliches Fantum: Die sozialen Medien haben die Demokratie und der Öffentlichkeit nicht gerade verschönert, überlegt Manuel Arias Maldonado in einem Text aus Letras Libres, aber sie sind auch nicht schuld an der Krise: "Gleicht die Öffentlichkeit eher der von uns so idealisierten griechischen Agora oder einem öffentlichen Platz rüder Kakofonie? Für Davide Panagia hat die mit Jürgen Habermas verbundene Hyperrationalität wenig zu tun mit den Realitäten von Demokratien, die per definitionem laut, emotional und konflikthaft sind. Vielleicht hat die Digitalisierung nur die Diskrepanz deutlich gemacht zwischen dem demokratischen Ideal und seiner Realität, die natürlich der Diskrepanz zwischen dem idealen und dem realen Bürger entspricht, aber auch der zwischen einer rationalen Überlegung zum Allgemeinwohl und einer menschlichen Kommunikation, die ungesteuert die Identitäten und Interessen verschiedener sozialen Gruppen vereint. Was für eine Enttäuschung!"

Magazinrundschau vom 26.09.2017 - Eurozine

Eurozine hat einen Artikel von Daniel Gascón aus Letras Libres übernommen, der mit den Katalonen sehr scharf - und auch auf Englisch - ins Gericht geht. Das autokratische, undemokratische Spanien sei eine Schimäre, schreibt er, und die politische Kritik an Madrid, an der Austeritätspolitik oder dem unvorteilhaften Finanzausgleich rechtfertige nicht den Angriff auf Spaniens Verfassung: "Das ganze illegale Unternehmen, das sich nicht auf das abgesetzte Referendum beschränkt, ist ein postmoderner Staatsstreich. Mit einem neuen Label zwischen Kitsch und Cool hat sich eine national-populistische Bewegung formiert und geschickt bestimmte Begriffe gesetzt. Dazu gehören 'das Recht zu entscheiden' als Euphemismus für Selbstbestimmung, die Verwechslung von Abstimmung und Demokratie, das Prestige einer Rebellion gegen das Establishment (dass wie beim Brexit die Anführer dieser Rebellion zu eben diesem Establishment gehören, spielt keine Rolle) und die seltsame Vorstellung, dass eine Demokratie zur Autokratie wird, wenn die eigene Seite nicht gewinnt. Und wie Fernando Vallespin schrieb, erlaubt das Versprechen der Unabhängigkeit jedem, auf die Zukunft zu projizieren, was er mag, und auszublenden, was er nicht mag. So wurde es für die einen zum Protest gegen Austeritätspolitik, auch wenn die Separatisten sie als erste implementiert hatten. Es wird als linke Bewegung angesehen, obwohl es eine Allianz zwischen der Rechten, den Kommunisten und einer Koalition ist, und obwohl es eine Bewegung gegen Umverteilung ist, mit der die Reichen versuchen, sich von den Armen zu befreien."

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - Eurozine

Eurozine bringt einen Essay von Douglas Kerr aus der September/Oktober-Ausgabe des Nachrichtenmagazins New Eastern Europe. Kerr porträtiert Joseph Conrad als einen der profiliertesten Chronisten und Kritiker des Imperialismus, noch dazu einen, der nicht in seiner Muttersprache Polnisch schrieb: "Abgesehen von den Pionieren, den Führern, den Kriminellen, den Visionären, wie Lingard in der Malay-Trilogie oder Kurtz in 'Heart of Darkness', war Conrad interessiert am ausführenden Personal der Herrschaft, den Arbeitern, die die Post brachten, die Geschäfte unterhielten, den Transport übernahmen. Als Seefahrer galt ihm eine Schiffscrew als Ideal der Arbeit und Gemeinschaft … Überall auf der Welt sah und bewunderte Conrad Leute, die ihre Arbeit machten, auch wenn er ihr Ideal des Dienens verdächtigte, auf unrealistischen Vorstellungen zu beruhen. Für diese Leute war Arbeit eine Art, nicht über die Motive und Methoden des imperialistischen Unternehmens nachzudenken, dem sie dienten. 'Wenn du dich so mit den Dingen an der Oberfläche beschäftigst', sagt Marlow in 'Heart of Darkness', 'verschwindet die Wirklichkeit aus dem Blick. Die innere Wahrheit bleibt verborgen - zum Glück.' … Conrad ist einer der größten Chronisten der geteilten, ungleichen Welt der Imperien. Doch wie jeder große Schriftsteller, schuf er Fiktion, die nicht umhin konnte, immer auch zu zeigen, was die Menschen eint."