Magazinrundschau - Archiv

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301 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 31

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Eurozine

Rachael Jolley stellt das Projekt "Land der Erinnerung" vor, ein Grenzprojekt zwischen Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Belgien, das gerade in Zeiten des Ukrainekriegs besonders wichtig ist. Es soll jungen Menschen helfen, die Zerstörungen der Weltkriege des 20. Jahrhunderts und ihre menschlichen und sozialen Folgen zu verstehen. Teil davon "ist der Gedenkpfad Schumanns Eck, der sich durch die Wälder Luxemburgs in der Nähe von Wiltz schlängelt, wo im Dezember und Januar 1944/5 Tausende von Menschen im eisigen Winterkrieg der Ardennenschlacht, auch bekannt als Ardennenoffensive, starben. Auf der Grundlage von mehr als 500 Interviews, die der Gründer des Lehrpfads, Frank Rockenbrod, im Laufe von 25 Jahren geführt hat, haben sie eine Reise durch diese pockennarbigen Wälder und durch die Erinnerungen der Menschen, die hier gelebt und gekämpft haben, zusammengestellt, mit lebensgroßen Bildern von Soldaten und Zivilisten. Ihre Geschichten werden den Besuchern mit Hilfe von QR-Codes (Quick-Response-Codes, die auf Smartphones abrufbar sind) und Reiseführern erzählt. Wenn man durch den Wald spaziert und die winzigen Vertiefungen im Boden sieht, in denen sich die Soldaten stunden- und tagelang im Schnee versteckten, ohne Winterkleidung (einige waren direkt aus der Normandie gekommen) und nur mit den Zweigen der Bäume, die sie warm hielten, wird diese Geschichte viel realer. Die Vertiefungen im Boden, die Verstecke für Männer und Ausrüstung, bleiben erhalten. Wir erfahren auch von mutigen Momenten des Widerstands während der Nazi-Besatzung, als die Luxemburger gegen das Diktat streikten, das von ihnen verlangte, ihre Sprache aufzugeben."

Natalija Jakubova versucht sich zu erklären, wie so viele Russen Putin auf den Leim gehen können: "Putin hat sowohl das Militär als auch die Zivilbevölkerung mit einer sadistischen Frage konfrontiert: Was werdet ihr tun, wenn ein riesiges, scheinbar unglaubliches Verbrechen in eurem Namen oder durch eure Hände verübt wird? Wir wissen bereits, wie die Mehrheit der Zivilbevölkerung geantwortet hat: Sie leugnet die Existenz des Verbrechens. Als virtuelle Komplizen können sie sich nicht vorstellen, dass sie mitschuldig sind. Und die Leugnung ist für das Militär noch schlimmer. Sie begehen ein Verbrechen, sobald sie die Grenze überschreiten. Einige ergeben sich. Die meisten gehen in ihrer Verzweiflung 'bis zum bitteren Ende'. Sie haben sich mit einem Verbrechen infiziert. Dies ist wirklich eine Plage. Die meisten Russen sind auf dieses moralische Dilemma nicht vorbereitet. Eine gesunde Reaktion wäre gewesen, die unangenehme Wahrheit anzuerkennen, dass das 'Unmögliche' geschieht, und öffentlich zu erklären, dass sie die Legitimität dessen, was getan wird, nicht akzeptieren werden, dass sie nicht zulassen werden, dass ihre Regierung dies in ihrem Namen tut. Stattdessen ist in den meisten Fällen genau das Gegenteil eingetreten, nämlich die Bereitschaft, die Phantasien und Lügen zu glauben, die staatliche Rechtfertigung für den Krieg zu akzeptieren und ihn zu unterstützen und zu verbreiten. Täten sie das nicht, würden sie sofort mit Schamgefühlen und Verantwortung konfrontiert werden."

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - Eurozine

In der vom PEN Ukraine veranstalteten Gesprächsreihe #DialoguesOnWar haben sich Anfang Juni Francis Fukuyama und der ukrainische Autor Valerii Pekar unterhalten. Ob Putin Atomwaffen einsetzt, wird vor allem davon abhängen, ob er glaubt, damit davonzukommen, meint Pekar: "Wir kennen Russland und die russische Führung recht gut und wissen daher, dass Putin Atomwaffen einsetzen wird, wenn er sich stark und nicht schwach fühlt. Wenn er sich stark genug fühlt, wenn er das Gefühl hat, dass es außer diplomatischen Gesprächen keine Reaktion geben wird, wenn er das Gefühl hat, dass die ihn umgebende russische Elite ihn unterstützt und um ihn herum konsolidiert ist, dann wird er es tun." Für Fukuyama hat dieser Krieg ein Gutes: "dass die Menschen die Alternative zum Liberalismus sehen können - Putin ist die Alternative. Ich denke, der Ausgang des Krieges in der Ukraine wird große Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. Wenn es Putin gelingt, einen großen Teil der Ukraine einzunehmen und zu halten, wird er sagen können: 'Vergessen Sie das frühere Ziel, das Regime zu stürzen, wir haben es geschafft, den Donbass zu sichern und die Ukraine wirtschaftlich zu ersticken'. Er wird dies als eine Art Sieg darstellen können, und das wird viele Populisten rechtfertigen, die ihn unterstützt haben ... Deshalb denke ich, dass der Krieg eine viel größere Auswirkung auf die globale liberale Ordnung hat. Deshalb müssen andere liberale Demokratien auf der ganzen Welt der Ukraine weiterhin die größtmögliche Unterstützung gewähren, die sie leisten können."

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - Eurozine

Der Krieg gegen die Ukraine wird gelegentlich als Zeichen eines neuen oder alten russischen Imperialismus gewertet. Doch der Historiker Igor Torbakow sieht in der Invasion eher das Gegenteil, nämlich ein Ende des Imperialismus, was die Dinge nicht weniger gefährlich mache: "Als Wladimir Putin Ende Februar russische Panzer in die Ukraine rollen ließ, herrschte er noch immer über ein imperialistisches Staatswesen, das weitgehend die Methoden der indirekten Herrschaft bevorzugte. Vier Monate später gleicht Russland eher einem gekränkten, aggressiven Nationalstaat, der sich auf das 'Ansammeln von Land' konzentriert, als einem wohlmeinenden, regionalen Hegemon... Moskaus Ziel ist es nun, den postsowjetischen Raum neu zu gestalten und einen starken und lebensfähigen russischen Nationalstaat aufzubauen. Ein solches Bestreben wird seit langem von mehreren einflussreichen russischen Denkern unterstützt, von Petr Struve und Iwan Iljin bis hin zu Alexander Solschenizyn. Die beiden letztgenannten sind in diesen Tagen bei der Kremlführung besonders beliebt. In seinem umfangreichen politischen Kommentar aus den frühen 1950er Jahren prophezeite Iljin, dass das künftige Russland nach dem unvermeidlichen Fall des Kommunismus nur ein 'nationales Russland' sein könne. Ein ganz ähnliches Bild zeichnete Solschenizyn 1990 in seinem Pamphlet 'Wiederaufbau Russlands', in dem er Russlands 'imperiales Syndrom' entschieden anprangerte, Michail Gorbatschow aufforderte, sich unverzüglich von den 'kulturell fremden' Grenzgebieten im Südkaukasus und in Zentralasien zu trennen, und vorschlug, sich auf den Aufbau der von ihm so genannten 'Russischen Union' zu konzentrieren."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - Eurozine

In Eurozine stellt Olesya Yaremchuk einige der ethnischen Minderheiten in der Ukraine vor, die durch den Krieg auch in ihrer Vielfalt zerstört wird: Krimtataren, die Nachfahren von Estlandschweden, die 1782 von der Insel Dagö in die Südukraine kamen, weil Katharina II. sie als Bauern angefordert hatte, türkischsprachige Mescheten, die von den Sowjets von Georgien nach Usbekistan deportiert worden waren, bevor sie vor den Pogromen dort in die Donetsk-Region flohen. Und die Griechen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die "Stadt Mariens", Mariupol, erbauten, nachdem die Russen sie von der Krim deportiert hatten. Viele von ihnen starben bei der Vertreibung, ebenso nach 1937, als Stalins Geheimdienst NKVD sie beschuldigte, gegen die Sowjetunion zu spionieren. "Nach Angaben des Historikers Ivan Dzhukha wurden bis Mai 1938 mehr als 20.000 Griechen wegen 'konterrevolutionärer Aktivitäten' in der Sowjetunion verhaftet. 93 Prozent von ihnen wurden erschossen. Heute ist Russland dabei, die nord-asowischen Griechen zum dritten Mal zu vernichten. ... Die Geister der Sowjetunion erheben sich aus ihren Gräbern und vergiften unser Land, indem sie Flüsse aus Blut hinterlassen. Die Verbrechen der Sowjetunion wurden nicht aufgearbeitet, auch nicht die Verbrechen gegen nationale Minderheiten in der UdSSR. Wir hatten keine Nürnberger Prozesse. Böse Taten blieben ungesühnt. Die Menschen wurden wie eine Ware behandelt, die sortiert wird. Die Russen haben in diesem Jahr bereits Zehntausende von Menschen aus den besetzten Gebieten Asow, Donbas, Slobozhanshchyna und Sivershchyna gewaltsam nach Russland deportiert. Es finden Vertreibungen wie im Zweiten Weltkrieg statt. Wie lange muss man das noch herausschreien?"

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - Eurozine

Bulgariens neue Regierung hat den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilt und trägt auch die internationalen Sanktionen mit, aber eigentlich wäre dem Land eine neutrale Position lieber, schreibt die Politikwissenschaflerin Rumena Filipova. Ihrer Ansicht nach hat Bulgarien seinen Platz in Europa noch immer nicht gefunden: "Westeuropa wird sowohl als eine utopische, überlegene Art der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Organisation begriffen, die es nachzuahmen gilt, als auch als ein feindliches, exklusives und fernes Gebilde, das die Staaten an seiner Peripherie nicht wertzuschätzen weiß. Bulgariens ideeller Ausschluss aus der europäischen Kultur findet seine Entsprechung im Begriff des Balkans, dem Synonym für Rückständigkeit, Konflikt, Tribalismus und Widerstand gegen die Moderne. Nachdem Bulgarien dem Osmanischen Reich zugeschlagen worden war, blieb es am Rande der großen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Transformation in Westeuropa. Reformation, Aufklärung, Industrielle und Französische Revolution trugen dort zur Entfaltung von Liberalismus, Rechtsstaat und freier Marktwirtschaft als den zentralen europäischen Werten bei. Oberflächlich betrachtet waren diese 'importierten' Werte nie Bestandteil der nationalen bulgarischen Identität. Die Bulgaren eiferten ihnen nach, um gegenüber dem Westen aufzuholen, aber sie waren nicht Teil einer eigenen historischen Entwicklung. Auf der anderen Seite spielte Russland eine wichtige Rolle bei der Bildung kultureller Sensibilitäten und emotionaler Bindungen. Religiöse, ethnische und sprachliche Ähnlichkeiten, verbunden mit historischer Dankbarkeit (Bulgariens Befreiung von osmanischer Herrschaft verdankte sich russischer Unterstützung), machten Russland zu einem wichtigen Akteur bei der Wiederherstellung moderner bulgarischer Staatlichkeit. Im allgemeinen Bewusstsein spielt Moskau die Rolle eines Befreiers und Beschützers, nicht nur in osmanischer Zeit, sondern auch während des Kalten Krieges."

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Eurozine

Javor Siderow erzählt vom schweren Kampf der neuen bulgarischen Regierung unter Kiril Petkow gegen die Korruption im Lande. Lange Zeit litt das Land unter dem Regime Bojko Borissows, der wie Viktor Orban ein Liebling der Europäischen Volkspartei war. Der russische Einfluss im Land ist drückend. Aber immerhin: "Die Regierung Petkow war bei der Verringerung der russischen Energieabhängigkeit wesentlich entschlossener als die Regierung Borissow. Eine Pipeline nach Griechenland, die den Zugang zu billigem Gas aus Aserbaidschan ermöglichen und damit die Schlinge um Gazprom lockern soll, wird eilig fertiggestellt. Vor der russischen Invasion in der Ukraine erklärte der stellvertretende Premierminister und Finanzminister Asen Vassilev, dass Bulgarien in die Kernenergie investieren werde, und das Land unterstützte den französischen Antrag, Kernenergie im Hinblick auf den bevorstehenden Green Deal der EU für 'grün' zu erklären. Laufende Verträge werden eingehalten, aber es werden keine neuen Geschäfte mit Gazprom abgeschlossen, bis der Krieg in der Ukraine beendet ist."

Magazinrundschau vom 26.04.2022 - Eurozine

Seit 1990 arbeiten belarusische Intellektuelle an einer kritischen Dekonstruktion des russischen Imperialismus, schreibt der Lyriker und Philosoph Ihar Babkou in einem von Eurozine übernommenen Artikel bei Dekoder. Dabei rekurrieren sie auch auf postkoloniale Theorien, denn eigentlich gründe die ideologische Doktrin der "russischen Welt" auf einem postkolonialen Verhältnis Russlands zu den osteuropäischen Nachbarstaaten. Babkou fordert, diese Stimmen auch in Westeuropa endlich wahrzunehmen: "Die heutige 'Russische Welt' umfasst Praktiken des brutalen und aggressiven Neoimperialismus, die vor allem gegen die direkten Nachbarstaaten gerichtet sind. Sie trägt aber auch eine allgemeine 'geopolitische' Vision von der ganzen Welt in sich. Die Vorstellung von einer Zukunft der Menschheit, in der starke Herrscher effektiv und straffrei Ressourcen und Territorien unter sich aufteilen. Die wichtigste konzeptionelle Emotion, die der 'Russischen Welt' zugrunde liegt, ist die postkoloniale Haltung eines Beleidigten, die an die Oberfläche tritt als ein 'Warum mag man Russland nicht', 'Warum werden Russlands Interessen nicht berücksichtigt' und 'Warum haben sie Russland vergessen'. Daher sind die Kriege an der Peripherie und die Destabilisierungsversuche der globalen Ordnung nur als Instrumente von Bedeutung, um Russlands Eintritt in die schöne neue Welt zu ebnen, in der es auch 'Rechte haben' wird. Recht auf Krieg. Auf Lügen. Auf Mord und Inhaftierung kritischer Stimmen. Auf zynisches Ignorieren der öffentlichen Meinung. Auf eine Welt, in der mit Russland 'gerechnet werden' muss."

Magazinrundschau vom 15.03.2022 - Eurozine

"Ich bin der Gefangene eines Weges, den ich nicht gewählt habe", zitiert Andreas Kossert in einem Essay über das Weggehen den französischen Schriftsteller Léon Werth und macht klar, dass Fliehen Verlust bedeutet, nicht Verzicht (wir rückübersetzen aus dem Englischen): "Am Ende kommen alle Geflüchteten und Vertiebenen irgendwo an. Sie halten an dem fest, was ihnen gehört, gegen die reservierte oder offen feindselige Gesellschaft, die sie empfängt, egal ob im Transit oder bei der Aufnahmeprozedur, Lagerhierarchien, Unterkünften und neuen sprachlichen oder kulturellen Umgebungen. Das erfordert emotionale Anstrengung, denn ihre Flucht und das Zurückgelassene, bleibt bei ihnen, auch wenn sie versuchen, ein neues Leben aufzubauen. Ankommen ist immer ein fortlaufender Prozess. Aber es ist vielsagend, wie materialistisch unsere Idee von einem neuen Leben ist. Wenn Menschen flüchten, können sie meistens nicht mehr retten als ihre Leben und ihre körperliche Unversehrtheit."
Stichwörter: Werther

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - Eurozine

Nein, sie habe keine Koffer gepackt, erklärt die Journalistin Angelina Kariakina, es wird in der Ukraine allerdings sehr viel über die gepackten Koffer gesprochen, allein weil die westlichen Medien ständig danach fragen. Die meisten Menschen haben für den Fall einer großen Invasion ein Notfall-Protokoll, schließlich befinde sich die Ukraine seit acht Jahren im Krieg mit Russland befinde, aus jedem Haushalt habe mindestens ein Mann an der Front kämpfen müssen. Doch die militärische Bedrohung sei nicht das Einzige: "Russlands Strategie besteht darin, mit hunderttausend Mann säbelrassend vor den Toren der Ukraine , die Demokratie des Landes zu unterminieren. Und auch wenn dieses Mal der Einsatz höher ist als jemals zuvor, kann man kaum sagen, dass eine Invasion unvermeidlich sei. In Wahrheit zerstören Polarisierung und Misstrauen eine Gesellschaft, ohne dass überhaupt ein einziger Schuss abgefeuert werden muss. Nach acht Jahren Krieg sind Russlands Soziale Medien und Fernsehsender in der Ukraine zwar verboten, aber die russische Propaganda findet trotzdem ihren Weg in die Öffentlichkeit. Ihr großes Narrativ, dass die Ukraine ein gescheiterter Staat sei, vom bösartigen Westen beherrscht, entspricht dem Weltbild einiger Menschen, das sich leicht in Verschwörungstheorien und allgemeines Misstrauen auswächst. Deshalb muss es ebenso sehr die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der bürgerlichen Teilhabe gehen wie um die Aufrüstung der Armee."

Der Sheffielder Politikwissenschaftler Peter J. Verovšek verteidigt in der Grundrechtsdebatte zur Pandemie Jürgen Habermas, der in den Blättern für deutsche und internationale Politik den Solidaritätspflicht der Staatsbürger über die Freiheitsrechte der Privatperson gestellt hatte und dafür von Andreas Rosenfelder in der Welt beschuldigt wurde, er rede einer Corona-Diktatur das Wort (unser Resümee).

Magazinrundschau vom 25.01.2022 - Eurozine

Slavenka Drakulić bringt - vorerst nur auf Kroatisch - ihre Essays zu feministischen Themen heraus. Zsófia Lóránd erzählt den Werdegang der erst seit den Neunzigern auch in Deutschland bekannten Autorin. Der Feminismus entstand im damals noch ungeteilten Jugoslawien fast gleichzeitig wie hierzulande. Drakulić gehörte zu den Autorinnen, die Gloria Steinem oder Simone de Beauvoir in Jugoslawien bekannt machte. Drakulić musste sich gegen etwas wehren, dass auch ihren Kampfgenossinnen in anderen Ländern nicht fremd war, und das sie mit der kroatischen Wortschöpfung "Mudologija" fest in den Griff nahm: "die Sprache der Eier". In Jugoslawien sprach die "Mudologija" sozialistisch. Die Funktionäre glaubten, die Frauenfrage längst gelöst zu haben und geißelten darum die "Todsünden des Feminismus"(darauf spielt der Titel ihrer Essaysammlung "Die Todsünde des Feminismus" an). Aber der Marxismus konnte den Feminismus nicht denken: "Die Konzentration auf Klasse bringt die entscheidenden Fragen nicht auf den Tisch: Wir brauchen Feminismus, um bestimmte Themen überhaupt erst zu Themen der politischen Debatte zu machen. Die offizielle Politik der 'Frauenfragen' sprach nicht über Prostitution, Vergewaltigung, häusliche Gewalt, unbezahlte Hausarbeit oder Sexismus in der Bildung. Dabei geht es genau hier um Leben und Tod von Frauen."