Magazinrundschau - Archiv

NZZ Folio

85 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 9

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - Folio

Kalifornien! Es steht für Freiheit, Ideenreichtum und Chaos. Es ist farbenprächtig, es ist ungewöhnlich, und vor allem - es ist so unschweizerisch!

Kein Dossier über Kalifornien ohne den Gouvernator alias Arnold Schwarzenegger, den Gundolf S. Freyermuth schon als Präsident der Vereinigten Staaten sieht, und den er als geschickten und willensstarken Strategen porträtiert, der genau weiß, was er will, und es sich nimmt: "Beim Besuch in der Höhle des republikanischen Löwen im Weißen Haus, fühlte er sich wenig beachtet. Nicht einmal mit einem Geschenk hatte man ihn bedacht! Auf dem Weg durch den Westflügel zum Ausgang richtete sich sein Blick auf eine Büste. Sie stellte Abraham Lincoln dar, den Präsidenten, der unsere Nation durch den Bürgerkrieg in die Moderne führte. 'Wenn man kein Geschenk kriegt', verkündete Arnold dem verblüfften Publikum, 'nimmt man sich eins.' Er griff den alten Abe kurzerhand vom Sockel und wandte sich zum Gehen. Die Secret-Service-Agenten wussten nicht, was tun. Das jedenfalls berichtete die Los Angeles Times: Wollte der 38. Gouverneur von Kalifornien sie zwingen, ihm die Büste des 16. US-Präsidenten gewaltsam zu entreißen? Arnolds kalifornische Entourage hingegen kannte seinen Humor. Stabschefin Patricia Clarey lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen liefen. Zufrieden mit dem Erfolg seiner respektlosen Einlage, drehte sich Arnold um und trug grinsend den Präsidenten zurück zum Podest."

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Daniel Weber erläutert der Kalifornien-Historiker Kevin Starr, was Kalifornien so anders macht - gestern, heute und morgen. Jochen A. Siegle berichtet über die Wiege der innovativen Technologien: das immer wieder totgesagte und immer wiederauferstehende Silicon Valley. Peter Haffner stellt den Spurenleser und Grenzbeamten Miguel Hernandez vor, der mitten in der Wüste nach illegalen Einwanderern aus Mexiko Ausschau hält. Susanne Brunner berichtet über den kuriosen Umstand, dass Kalifornien trotz seiner unbändigen Freiheitsliebe Unmengen von Menschen hinter Gitter sperrt. Dafür hat Milena Moser in San Francisco tatsächlich die Freiheit entdeckt und zitiert Oscar Wilde: "Es ist seltsam - von jedem, der verschwindet, wird irgendwann behauptet, man habe ihn in San Francisco gesehen. Das muss schon eine wunderbare Stadt sein und außerdem eine mit allen Vorzügen der Nachwelt gesegnete!"

Zum krönenden Abschluss, die Duftnote. Luca Turin beschreibt mit lesbarem - und für den Leser genüsslichen - Ekel, welche Formen das Vulgäre beim Parfüm (und in der Musik) annehmen kann: das Medley oder das Duett.

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Folio

"Sterben ist aber nicht so schlimm: Die Grafik wechselt auf Schwarzweiß, man wird auf einem Friedhof wiedergeboren, muss eine Weile seine Leiche suchen, dann geht es in alter Frische weiter. Ich entdecke 34 verschiedene Arten, schwarzweiß zu werden ..." Das Videospiel, dem sich das neue NZZ-Folio widmet, macht's möglich. Tom Felber hat sich im Selbstversuch vier Tage und vier Nächte in das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" eingeloggt und dabei zwei Kilo abgenommen. Hinterher hatte er das Gefühl, "mehr erlebt zu haben als sonst in zwei Monaten, ja erlebt, nicht nur gespielt."

Steven Pool ist die Frage, weshalb Computerspiele eine derartige Faszination auslösen können, von der medientheoretischen Seite angegangen. Als "zehnte Kunst" - nach den sechs klassischen und den drei modernen Künsten Film, Fernsehen und Comic - sagt er ihnen eine glorreiche Zukunft voraus: "Sie sind heute in der gleichen Situation wie Filme oder Jazz vor dem Zweiten Weltkrieg: populär, aber verachtet, einer ernsthaften Auseinandersetzung nicht wert. Heute gibt es hingegen eine unüberschaubare Masse an ausgezeichneter Literatur über Film und Jazz, die unser Verständnis für diese Kunstformen stark erweitert hat. Ich bin überzeugt, dass dasselbe in fünfzig Jahren für Videospiele der Fall sein wird."

Weitere Artikel: Von Monika Halkort lernen wir, dass man in Südkorea als Computerspieler reich werden kann. Die "Game-Boys", fünf der weltweit bedeutendsten Spieledesigner, äußern sich zu Stichworten wie Gewalt, Kinder und Frauen. Reto U. Schneider hat sich von der Berliner Firma Yager Development in technische Details des Spielprogrammierens einweihen lassen. Und über die Computerspielindustrie als ernstzunehmende ökonomische Größe erfahren wir von Claude Settele, es gebe "Berichte, wonach in mehreren Ländern die Umsätze mit Videogames die Einnahmen an den Kinokassen übertreffen." Schließlich informiert Stefan Schmitt, dass heutige Verhaltens- und Erziehungswissenschaftler Videospielen erstaunlich viel Positives abzugewinnen vermögen.

Luca Turin unterscheidet in seiner Duftnote diesmal drei Kategorien von Herrendüften: Neben "Düften, die einfach großartig riechen", gebe es noch die Kategorien "monogrammierte Pantoffeln" und "junger Bock ... Hier bedürfen die meisten Männer (erstaunlicherweise sogar die schwulen) einer Lektion in Zurückhaltung. Die wichtigste Maxime lautet: Wenn Sie glauben, Sie müssten es tragen, lassen Sie die Finger davon."

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Folio

Zwei Drittel der Bevölkerung fürchten den Besuch "Beim Zahnarzt" - Grund genug für die NZZ, sich in ihrem neuen Folio ausführlich des Themas anzunehmen. Lilli Binzegger rechnet sich gar zu den sechs bis vierzehn Prozent, die mit einer regelrechten Zahnarztphobie leben müssen, wie sie mit der Schilderung ihrer Erlebnisse "Im Vorhof der Hölle" glaubhaft versichert: "Das blaue Zahnarzttarifblatt, das in den Wartezimmern aufliegt, liest sich wie das Drehbuch zu einem Sadomaso-Porno in Stichworten: Gingivektomie Einzelzahn. Wurzelspitzenresektion. Pulpaexstirpation! Anschlingung retinierten (renitenten?) Zahns. Da ist von intrakanalären Schrauben und von parapulpären Stiften die Rede, deren Notwendigkeit man mit einem Latero-/Protrusionsregistrat oder der Aufzeichnung sagittaler Kondylenbahnen diagnostiziert. Da wundert einen nicht, dass die Geräte dazu autoklavierbarer Köchereinsatz und Hinterkopfabsaugung heißen. War Wurzelbehandlung und Weisheitszahnextraktion denn nicht schon genug? Wie soll man das ohne Vollnarkose schaffen? Wie kam ich ohne Vollnarkose überhaupt bis hierher?"

In weiteren Beiträgen rund um den Zahn erfahren wir von Martin Lindner Wissenwertes über die Geschichte der Karies, während uns Katja Kessler in die Zahngeheimnisse Hollywoods einweiht. Felix Zimmermann sorgt sich in seinem Artikel "Krieg der Bürsten" um das Wettrüsten der Zahnbürstenhersteller und Mikael Krogerus hat die Bekenntnisse eines Zahnarztes aufgezeichnet.

Luca Turins
"Duftnote" ist eine Hommage an die zwölfjährige Arbeit des Zweiergespanns Serge Lutens/Chris Sheldrake für die Pariser Salons von Shiseido. Seit 1992 haben sie in 28 Düften ein Oeuvre vorgelegt, dessen Geheimnis in der Herausstreichung der zugrundeliegenden Idee einer Essenz liegt: "Hat man schon je an einer so schamlos animalischen Kreation gerochen wie Muscs Koublai Khan? Hat es je eine sonnigere Hommage an die wehmütige Üppigkeit von Heu gegeben als Chergui? Eine präzisere Übersetzung der kautschukartigen Herznote der Tuberose als Tubereuse Criminelle?"

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - Folio

Hauptthema sind diesmal die Schweizer "Jugos". Milica Miletic fährt in deren Heimat und besucht die Jugend auf dem "Toten Stern Belgrad". "Aufgewachsen sind diese jungen Leute mit Turbo-Folk, einer Musik, die die Kenner der guten alten Belgrader Rockszene schlicht als 'Denkmal einer gesellschaftlichen und kulturellen Katastrophe' bezeichnen. Es ist die Musik der Milosevic-Ära, der Soundtrack von Krieg, Nationalismus und Gangster-Lifestyle. Der billige Glamour aus Pelz, Diamanten und dicken Autos sollte von Armut und Elend dieser Zeit ablenken und krude Träume nähren. Das Rezept ist einfach: Man nehme eine alte Volksmelodie, bearbeite sie hemmungslos am Computer, versehe sie mit einem albernen, möglichst schlüpfrigen Text und lasse das Ergebnis von einer 'Silikonsängerin' vortragen. Noch heute ertönt der Turbo-Folk von den schwimmenden Lokalen auf der Save, und einer der Stars der Szene, Ceca genannt, ist drauf und dran, auf Europatournee zu gehen. Ceca ist die Witwe des Mafioso und Kriegsherrn Arkan, der vor fünf Jahren ermordet wurde."

Weitere Artikel: Dario Venutti hofft, dass die Immigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien es den Italienern nachmachen und sich von Flüchtlingen zu Kulturbringern entwickeln. Eva Burkhard fragt sich, warum man sich die Sprachenvielfalt an Schweizer Schulen nicht zunutze macht. Marcel Zwingli stürzt sich ins Zürcher Jugo-Nachtleben. Luca Turin schwärmt in seiner Parfum-Kolumne so schön exzentrisch vom "leichten, frischen, an erdiges Süssholz erinnernden, warmen und doch kargen, in einem Wort: intelligenten Geruch" der Vetiver-Wurzel.

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Folio

Die heutige Ausgabe von NZZ Folio ist den "Normen" gewidmet. Manfred Papst philosophiert über die Verbindlichkeit von Rechtschreibregeln und plädiert für mehr Gelassenheit. Hierfür zitiert er die Spiegel-Kolumne "Zwiebelfisch": "Gmäess eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige, was wcitiig ist, ist, dsas der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion sehten. Der Rset knan ttoaelr Bsinöldn sein, todzterm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das legit daarn, dsas wir nihct jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als Gnaezs."

Mikael Krogerus erklärt, warum wir noch immer an der völlig unergonomischen Buchstabenanordnung unserer Computertastatur Qwerty festhalten und bemerkt: "Das einzige alternative Texteingabesystem, das sich durchgesetzt hat, ist erstaunlicherweise ebenfalls elend unpraktisch: das alphabetische System beim Mobiltelefon, das für SMS genutzt wird." Andreas Heller wundert sich, dass es für alles die Euronorm gibt, nur nicht für Klamotten, und beobachtet die mühsame Arbeit des Europäischen Komitees für Normung (CEN), Gruppe "Textilien und textile Produkte" (TC 248), Untergruppe "Größensystem" (WG 10). Und Marc Schürmann zeichnet das Bild des Berliner Ingenieurs Walter Porstmann, den man wohl einen Spießer nennen müsste, wäre er nicht ein Genie: der Erfinder der Norm aller Normen, der Deutschen Industrie Norm.

Das Sportlexikon handelt heute von Schlittenfahren in "freudig gurzendem" Schnee, und Luca Turin hält in der Duftkolumne den neuen Herrenduft von Guerlain für einen "perfekten Sprung vom Zehnmeterbrett", der von Estee Lauder erscheint ihm dafür "konsequent graugrün".

Magazinrundschau vom 04.01.2005 - Folio

Das erste Heft im Jahr 2005 ist dem Thema Bomben gewidmet. Christoph Reuter, Nahostkorrespondent des Stern, beschreibt die Rückkehr des Märtyrers, eine bis vor wenigen Jahren vergessene historische Figur, die es heute schafft, die Logik der Macht außer Kraft zu setzen. Sie stammt aus der Zeit des frühen Christentums und Islams, als man gegen allmächtige Gegner kämpfte, und tritt nun im Gewand des Selbstmordattentäters auf. "Mit der Asymmetrie unserer Welt, die nur noch eine Supermacht kennt, ist die vollkommene Unterlegenheit zurückgekehrt. In einer Zeit, in der Kriege für den zum Selbstmordkommando werden, dessen Gegner mit den USA verbündet ist, erhält der alte Mythos vom Märtyrer wieder Bedeutung. Nur verfügt er heute über Mittel und Methoden, die es früher nicht gab. Aus dem Märtyrer ist der 'Sich-selbst-Märtyrernde' geworden, für den es im Arabischen sogar ein Wort gibt: Istischhadi."

Weitere Artikel: Anja Jardine beschreibt den Alltag des "Entscharfmachers" Markus Hiemer, Hauptfeldwebel in der Kampfmittelbeseitigungskompanie 21 in Baden-Württemberg, der im vergangenen Jahr zehn Wochen lang in Afghanistan Bomben entschärfte. Oswald Iten erklärt in seinem Artikel "Du sollst verstümmeln", warum Minenlegern das Töten des Feindes zu trivial ist. Gundolf S. Freyermuth beschreibt smarte Bomben und smarte Bomber. Und Otto Krätz erzählt die Geschichte des Sprengstoffs.

In der Duftnote bedauert Luca Turin, dass nur wenige Parfümeure die Duftkerze ernst nehmen. Zwei Ausnahmen gebe es: Ormonde Jayne und Patricia de Nicolai - echte Künstlerinnen und würdige Nachfolgerinnen von Michael Faraday (1791-1867).

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Folio

Viel Interessantes enthält das neue Folio zum Thema "Aberglauben". Reto U. Schneider porträtiert den Neurologen Peter Brugger. Der erforscht, warum manche Menschen an Übersinnliches glauben, andere wiederum nicht. Der Zufall spielt eine entscheidende Rolle dabei, meint Brugger, denn dieser wird landläufig unterschätzt. So neigen viele dazu, Zusammenhänge zu entdecken, wo es keine gibt: "Ausdauerndes Tanzen wird früher oder später fast zwangsläufig mit Regen belohnt", so der Neurologe, "obschon geduldiges Kratzen hinter dem Ohr zu vergleichbarem Erfolg führen würde."

Margrit Sprecher betrachtet den selbstverschuldeten Niedergang der Parapsychologie, die in Freiburg eine Art Hochburg hat. Dort sitzt das "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene", das jüngst eine Untersuchung zum Phänomen Telepathie durchgeführt hat, deren Resultat - es ist "vielleicht" möglich - als Sieg gefeiert und in Sonderdrucken geehrt wird. Außerdem wirkt im Breisgau der parapsychologische Berater Walter von Lucadou, der gerade in Krisenzeiten viel zu tun hat: "Besonders gern plagen die Geister Arbeitslose und Einsame, Sorgen- und Problembeladene. Teenager sind ihnen lieber als Senioren, Frauen ziehen sie Männern vor und Katholiken den Protestanten."

Weitere Artikel: James Hamilton-Paterson, Mitglied der Royal Geographical Society, erklärt, was Wissen dem Glauben voraushat - und was nicht. Andreas Heller widmet sich dem biodynamischen Weinbau. George Szpiro schreibt über das Phänomen der Numerologie. In der Duftkolumne wagt Luca Turin die wahnwitzige Prophezeiung: "Würzige Duftnoten werden bald eine Renaissance erleben und die Welt zurückerobern". Und Andreas Heller singt ein Hohelied auf den Metzgermeister Fritz Schiesser und seine "Churer Beinwurst, dieses archaische Meisterwerk der rätischen Fleischerzunft. Drall wie ein Rugbyball ist die Beinwurst, prall gefüllt mit ausgesuchten Fleischstücken vom Borstenvieh, aber auch mit heute verpönten Köstlichkeiten wie Schwänzchen, Öhrchen und Schnörrli."

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - Folio

Markenfetischisten und No Logo-Aktivisten dürften im aktuellen Folio gleichermaßen auf ihre Kosten kommen: Es geht um Marken. Daniel Weber hat sich mit einem anregenden Rainer Baginski, Autor und Ex-Werber, über Markenpsychologie, Branding und die moralische Verantwortung der Werbung unterhalten. Gewissensbisse, weil durch seine Arbeit möglicherweise unschuldige Jugendliche der Geißel Alkohol und dem Teufel Tabak anheim gefallen sind, hat dieser zwar keine, aber etwas betrübt war er schon, als seine Tochter mit dem Rauchen angefangen hat. "Ich wusste ja, wie die Psychologie der Zigarettenwerbung funktioniert. Rauchen gilt als Zeichen des Erwachsenwerdens, und genau das wollen die Kinder ja, erwachsen werden, das ist wunderbar. Wenn Nichtrauchen Erwachsenwerden bedeuten würde, das wär's."

Wenn Sie weiblich, ledig und jenseits der fünfunddreißig sind, hat Elisabeth Bronfen vielleicht einen Buchtipp für Sie: "Find a Husband After 35 Using What I learned at Harvard Business School" von Rachel Greenwald. Dieses 15-Punkte-Programm richte sich an Frauen, die das schlimme Stigma des Alleinseins loswerden möchten. Das geht scheinbar ganz einfach, indem man berufliche Verkaufsstrategien aufs Privatleben überträgt. Branding heißt die Devise für die Frau von heute, sich "so gestalten, dass sie ein stimmiges Produkt abgibt".

Außerdem: Luca Turin wird in seiner Markenkritik erfreulich konkret. Über Hermes: kein Objekt ist "sein Geld nicht wert", auch wenn es hässlich ist. Louis Vuitton: "Lausige Qualität (die thailändischen Imitate sind nicht viel schlechter als die Originale), zweifelhafter Geschmack (um ein Bonmot von Marx umzukehren: was in den dreißiger Jahren als Farce begann, nämlich das Futter nach außen zu wenden, ist inzwischen zu einer Tragödie geworden) und unverschämter Preis." Im "Brauseschritt" schreitet Harald Willenbrock die Coca Cola-Historie ab, Andreas Heller wirft einen Schweizer Exotenblick auf den Erfolg von Aldi, und Mikael Krogerus weiß um die zunehmenden Schwierigkeiten erfolgreicher Marketingstrategien.

Und noch einmal Turin: In der Duftkolumne kommentiert er schockiert die Nachricht, dass Guerlain "alle seine klassischen Düfte (14)" verändern will, um sie "den Normen der International Fragrance Association anzupassen", die Allergien ausschließen sollen. Für Turin ein "Akt von vorauseilendem Vandalismus".

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Folio

Zürich, Zürichbergstraße 93. Unter dieser noblen Adresse würde man keine Studenten-WG erwarten, doch die Villa ist tatsächlich fest in studentischer Hand, wie der "NZZ-Folio-Onkel" Andreas Dietrich, der dort einige Monate zu Gast war, bezeugen kann. Und - wie sind sie so, die Studenten? Sind sie hingebungsvolle Bibliotheks- und Laborinsassen? Oder sind sie der Boheme und ihren Lastern verfallen? "In den kleinen Dingen enthüllt sich das intellektuelle Fluidum, das die studentische von der kommunen Kommune unterscheidet. Die Katze Löffel zum Beispiel: Sie hat nicht bloß einen Namen, sie hat eine Nomenklatur. Ursprünglich hieß das Sheba-verwöhnte Tier 'Josephine', was im mündlichen Alltagsausdruck zu 'Josy' verkürzt oder in einer inzwischen abgestorbenen Verästelung zeitweilig von 'Luchs' verdrängt wurde; dann setzte sich aufgrund eines auffälligen anatomischen Merkmals 'Flauschig' durch, das später mittels fremdsprachlicher Artikelerweiterung zu 'Le Flauschig' veredelt wurde; durch Verkürzung und Lautverschiebung, die von einem signifikanten Teil der Sprechgemeinschaft vollzogen wurde, entstand schliesslich die aktuell gültige Bezeichnung 'Löffel' - angewandte Linguistik für die Katz."

Weitere Artikel: "Gescheit oder gescheitert?" Folio hat Studenten in der Mensa mit einem Fragenkatalog auf ihre Allgemeinbildung hin getestet. Fazit: Durchwachsen. Peter Stücheli-Herlach, Dozent für Politische Kommunikation an der Zürcher Hochschule Winterthur, sinniert über die Zukunft der europäischen Universitäten im vielbeschworenen internationalen Wettbewerb. Die Studentin Pascale Bruderer, der Geisteswissenschaftler Ulrich Rudolph und der Naturwissenschaftler Gottfried Schatz gehen im Gespräch der Frage nach, inwieweit Auswahlverfahren an den Universitäten berechtigt sind. Markus Schneider führt eine Kosten-Nutzen-Rechnung aus der Sicht des Steuerzahlers durch. Trotz wachsender Studentinnen-Zahlen stellt sich die Frauenfrage immer noch, weiß Yvonne-Denise Köchli. Von Dario Venutti erfahren wir, warum die Leistungsbewertung an Universitäten zunehmend zum Problem wird. Schließlich stellt Jürg Ramspeck die Spezies des abgebrochenen Studenten vor und plädiert für dessen Recht, "seinen biografischen Knick als interessante Wendung in seiner Vita interpretatorisch nachzubessern".

Außerdem: "Welcher Duft atmet jene Stille, die auf langen Spaziergängen, auf denen man nur von seinem Schutzengel begleitet wird, nach und nach bis in die Fingerspitzen dringt?" Luca Turin hat "den Duft zum Sonntag" gefunden. Und Reto U. Schneider berichtet von einem bezeichnenden Experiment, bei dem ein ganzes Expertengremium auf den sinnlosen, aber brillanten Vortrag eines Schauspielers hereinfiel.

Magazinrundschau vom 13.09.2004 - Folio

Schwarzes Gold oder Exkrement des Teufels? Folio widmet diese Ausgabe dem Öl und seiner, beziehungsweise unserer Zukunft.

Schon immer galt seine Leidenschaft dem Öl, zuerst als Öljäger und nun als "Kassandra der Ölindustrie": Der englische Geologe Colin Campbell erklärt im Gespräch mit Andreas Heller und Andreas Dietrich, dass es nicht darauf ankommt, wann der letzte Tropfen Öl gewonnen wird, sondern wann es zum "Ölpeak" kommt, sprich wann die Hälfte der Ölvorkommen erschöpft sein wird. "Der Ölpeak ist der größte Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Die Ökonomen sagen immer: Die Steinzeit endete nicht, weil es keine Steine mehr gab, sondern weil ein natürlicher Fortschritt stattfand zu Bronze, Eisen und so weiter. Es gab noch massenhaft Steine, aber man fand Besseres. Diesmal aber gehen uns die Steine aus, und es ist nichts Besseres in Sicht. Wir sind eine Treppe hochgestiegen, jetzt stehen wir zuoberst, nun geht es wieder runter - nicht weil wir das wollen, sondern weil uns die Natur dazu zwingt." Mehr von und über Campbell finden Sie hier.

Weitere Artikel: Daniel Litvin rekapituliert die Geschichte der Ölabhängigkeit und prophezeit uns einen baldigen Zwangsentzug. Klaus Jakob erklärt, warum Öl ein Fastalleskönner ist. Serge Enderlin war im neuen Öldorado Kasachstan zu Besuch und hat erfahren, dass Chef-Architekt Wladimir Laptew davon träumt, die kasachische Hauptstadt Astana zum Berlin Eurasiens zu machen. Markus M. Haefliger hat fünf Erdölländer gefragt, was sie aus ihren Schätzen machen. Es wird aufgedeckt, was Fönfrisuren, Hummer und Cocktails aus St. Pauli mit Öl zu tun haben. Von wegen nichts als Wasser! - Susan Boos stellt die wenigen Menschen vor, die an Öl- und Gasvorkommen im Schweizer Boden glauben. Und Victor Kocher hat das Klischee des Ölscheichs auf Herz und Nieren überprüft.

Schließlich die Duftkolumne: Luca Turin schwärmt von "Chypre" - Francois Cotys "parfumistischem Gegenstück zum Konzert in drei Sätzen" - und bedauert, dass es keine Frauen mehr gibt, die es wagen würden, solche eigensinnigen Parfums zu tragen.