Magazinrundschau
Eine Logik des Standpunktes
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.04.2019. Wired erzählt von den Versuchen in Raqqa, die Leichen in den Massengräbern des IS zu identifizieren. La vie des idees begegnet polnischen "Patrioten", die keine kritischen Geschichtsdebatten wollen. Bloomberg erklärt, warum der Sudan nicht die Kornkammer Afrikas ist, die er sein könnte. Der Guardian porträtiert Freaks und Geeks des politischen Telemarketings. In Himal setzt Taran N Khan ihre große Reportage über afghanische Flüchtlinge in Deutschland fort.
Wired (USA), 03.04.2019
La vie des idees (Frankreich), 05.04.2019
Bloomberg Businessweek (USA), 02.04.2019
Sudan könnte mit seinen an sich fruchtbaren Böden eine Kornkammer Afrikas sein, zumal das Land seit wenigen Jahren nicht mehr von US-Sanktionen betroffen ist. Dennoch liegen weite Teile des Landes brach. Die Gründe: Korruption, Missmanagement, falsche politische Entscheidungen in der Vergangenheit. So hat die Regierung über 20 Millionen Quadratkilometer bestes Ackerland inklusive der Wasserrechte am Nil für wenig Geld und lange Laufzeiten (99 Jahre) an Firmen aus dem Nahen Osten, dem Libanon und Saudi-Arabien, verpachtet. Das empört nicht nur die sudanische Bevölkerung, die davon nichts hat, das verpachtete Land wird außerdem kaum bepflanzt: Gerade mal ein Zwanzigstel wird bisher für Landwirtschaft genutzt. Und dann ist da noch der mächtige Nachbar im Norden, schreibt Peter Schwartzstein in seiner großen Reportage: "Ägypten bereitet der Ausblick auf eine umfassende agrikulturelle Expansion in einem Gebiet, das im wesentlichen seine einzige Wasserquelle darstellt, erhebliche Bedenken. Nach Angaben von Mubarak al-Fadil und anderen sudanesischen Beamten habe sich das Land schon in der Vergangenheit verschworen, um Projekte zu verhindern. ... Farmarbeiter im Niltal bestätigen solche Sorgen - raunend, wenn auch ohne Beweis -, dass ägyptische Agenten die Bewässerung und das Stromnetzwerk sabotieren. Die Implikation, die sich daraus ergibt: Solange Sudans Kornkammer-Aspirationen anhalten, wird sein Nachbar im Norden jegliche Entwicklung genau im Blick behalten - und dabei vielleicht mehr als nur zuschauen."Guardian (UK), 08.04.2019
Weiteres: Lois Beckett freut sich, dass nun auch eine letzte Bastion der Segregation geschliffen wird: Liebesschmonzetten wurden auf dem amerikanischen Buchmarkt bisher strikt nach Hautfarben getrennt, nun lautet auch dort Diversität die Maxime. Sophie Elmhirst annonciert, dass auch im Influencer-Gewerbe eine neue Stufe gezündet wird. Da die Leute ein bisschen abgegessen sind von den Millionen Mode-Blogs und Makeup-Tutorials, setze die Branche wieder auf Klasse statt Masse: "Phase eins war hyperaktive Expansion - Follower-Zahlen hochpumpen, den Instagram-Algorithmus beherrschen, Deals einfahren. In Phase zwei geht es, wie Insider sagen, um Authentizität."
Tablet (USA), 05.04.2019
Außerdem im Tablet Magazine: ein Essay des Judaisten Jon D. Levenson über fortbestehende Muster christlichen Antisemitismus in weit moderneren christlichen und säkularen Diskursen.
Himal (Nepal), 09.04.2019
Taran N Khan hat Teil fünf und sechs ihrer großen achtteiligen Reportage über afghanische Flüchtlinge in Deutschland veröffentlicht (mehr zu den ersten Teilen in der Magazinrundschau von letzter Woche). Hier beschreibt sie am Beispiel von Anwar die große Unsicherheit, in der Flüchtlinge leben. Anwar ist verheiratet, seine Frau und sein Sohn leben in Dänemark, er kann sie nur heimlich besuchen, weil er Angst hat, aus Dänemark nach Afghanistan abgeschoben zu werden. "Nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass meine Fragen ihn nervös machten. Also fragte ich ihn stattdessen, was in dem großen Rucksack war, den er herumtrug. Er zog zwei große Ordner heraus, vollgepackt mit Papieren, die ordentlich gestanzt und abgelegt waren. 'Die nehme ich jeden Tag mit. Man weiß nie, was sie sehen wollen.' Wer waren 'sie', fragte ich? Die Sozialarbeiter, die Ärzte, die Verwaltungsbeamten, denen er auf seinen Runden durch die Bürokratie für eine Aufenthaltsgenehmigung begegnet war. Anwar hatte Angst, auch nur einen Fitzel zu verlieren, der möglicherweise der eine sein könnte, das das Puzzle seines Antrags vervollständigen würde, der sich als der Schlüssel erweisen würde, der das Tor öffnen und es ihm ermöglichen würde, endlich anzukommen. Als ich Anwar dabei zusah, wie er seine Papiere neu arrangierte, überfiel mich eine Erinnerung aus meiner Heimatstadt in Nordindien, wo ich gesehen hatte, wie mein Vater mit Rikschafahrern arbeitete. Mir fiel ein, wie diese Männer sorgfältig verpackte Papierballen aus ihren Brusttaschen zogen, in Plastik verpackt, mit ihrem Schweiß getränkt. Diese Päckchen enthielten jede Form von Ausweisen, die sie erworben hatten, jeden Schnipsel, der nur den kleinsten Anspruch auf Legitimität unterstützten konnte - das sie das Recht hatten, sich in der Stadt aufhalten und ihren Lebensunterhalt bestreiten zu dürfen, dass sie das Recht hatten, nicht ins Gefängnis geschickt, ihres Geldes beraubt oder irgendwie verfolgt zu werden. Ich sah zu, wie sie akribisch eine Telefonnummer auf einen Fetzen Papier schrieben, als Versicherung gegen etwas, gegen alles. Es waren diese Männer, die Fragmente von Wörtern neben ihrem Herzen trugen, die sie nicht lesen konnten und die ihnen das Recht einräumen sollten, in ihrem eigenen Land zu existieren, an die ich dachte, als ich Anwar dabei zusah, wie er seine Ordner wieder verstaute."Eurozine (Österreich), 05.04.2019
Alain Caillé ist - nach Marcel Mauss und Lewis Hyde - ein Soziologe der "Gabe". Aurore Chaillou und Martin Monti-Lalaubie führen mit ihm ein anregendes Gespräch, das ursprünglich in der Revue Projet erschien - unter anderem sieht er die Aktualität von Identitätsdiskursen darin, dass unsere Gesellschaft nicht mehr eine des "Habens", sondern des "Seins" sei. Anerkennung laufe über Identität. Auch über das Geben hat er interessante Dinge zu sagen, und mehr noch übers Nehmen. Wenn er sagt, dass die eigentliche Kunst sei, ein Geschenk anzunehmen, klingt er fast wie ein kluger Knigge. Wer eine Gabe bekomme, sei von vornherein in der Position der Schwäche. Und "man muss recht stark sein, um seine Schwäche oder den Anschein der Schwäche zu akzeptieren. Man könnte sagen, dass der eigentlich Schenkende derjenige ist, der einwilligt, ein Geschenk anzunehmen und anzuerkennen, dass das, was er bekommen hat, ein Geschenk ist und keine Verpflichtung. Denn die Annahme und Anerkennung macht aus dem Geschenk ein Geschenk. Ohne das ist es kein Geschenk. Hier ein banales Beispiel: Es ist üblich, wenn man irgendwo eingeladen ist, etwas mitzubringen (eine Flasche Wein, ein Dessert, Blumen). Mich verdrießt das. Es ist so, als müsstest du von vornherein zum Tausch antreten."Magyar Narancs (Ungarn), 07.03.2019
Der Schriftsteller und Medienkritiker Krisztián Grecsó denkt im Gespräch mit Jozsef Kling über die Kanonbildung und die missliche Lage der Literaturkritik nach: "Die Frage nach dem Kanon ist heute wesentlich polarisierter als noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren. Es gibt sehr viele Kreise. Wer oder was sorgt für Aufnahmen in den Kanon? Preise, Belobigungen, Kritiker? (...) Kritiker haben neben der sogenannten Kanonbildung eine unglaublich wichtige Rolle bei der Orientierung von Lesern und Schriftstellern. Sie zeigen, worauf es sich zu achten lohnt, welche Neuerscheinungen wichtig sind und welche nicht. Bis auf wenige Ausnahmen hat Kritik heutzutage kaum noch einen Platz, und dort, wo sie doch erscheinen kann, wird für gnadenlos wenig Geld große Arbeit erwartet. So bildet sich nur schwer eine neue Generation von Kritikern, denn es liegt nichts Anziehendes mehr darin. Es gibt nicht einmal mehr kratzige, fachliche Debatten."New York Times (USA), 07.04.2019
In einem langen Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Magazins erklären Jonathan Mahler und Jim Rutenberg, wie das Medienimperium des Rupert Murdoch die Welt verändert hat: "Die rechtspopulistische Welle, die noch vor einigen Jahren wie ein flüchtiges kulturelles Phänomen wirkte, ist zur bestimmenden politischen Bewegung der Zeit geworden und hat die alte Weltordnung durcheinandergebracht. Murdoch hat diese Entwicklung nicht verursacht, aber mehr als jedes andere Medienunternehmen förderte sein Imperium sie und profitierte davon. Im ganzen englischsprachigen Raum haben Murdoch-Medien dazu beigetragen, eher unbekannte Demagogen an die Macht zu bringen, Ethnonationalismus zu etablieren und den Wahrheitsbegriff zu politisieren. Das Ergebnis ist beeindruckend. Es mag nicht die Mission der Familie sein, weltweit Demokratien zu destabilisieren, aber genau das ist ihr Vermächtnis … Medienimperien gründen auf der Weitsicht und Kühnheit ihrer Führer, ihrer Fähigkeit, plötzliche Veränderungen in einer Branche, die sich ständig weiterentwickelt, zu antizipieren und zu akzeptieren. Aber sie basieren auch auf etwas viel Alltäglicherem: staatlichen Vorschriften. Mehr als alles andere sind es das Verschieben von Grenzen und das Umschreiben von Regeln, die es ermöglichen, Unternehmen in Imperien zu verwandeln. Solche Entscheidungen sind meist undurchsichtig, das Ergebnis eines labyrinthischen bürokratischen Prozesses und der subjektiven Definition dessen, was im öffentlichen Interesse liegt. Unter Präsident Trump waren diese Entscheidungen fast immer im Sinne Murdochs."
Kommentieren



