Magazinrundschau
Viel riskantes Spiel
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.03.2019. Der New Yorker blickt nach Brasilien, wo nicht erst seit Jair Bolsonaro die drei Bs herrschen: beef, bullets and bibels. In Lidove noviny spricht die Schriftstellerin Kateřina Tučková über die Erinnerung an die Vertreibung der Sudetendeutschen. Die New York Review of Books annonciert eine Revolution in Tunesien, wenn Frauen bei Erbschaften künftig die Hälfte bekommen. Der Guardian packt einen Caravaggio aus. La vie des idees fragt, wie "garrosianisch" die amerikanischen Verfassung ist.
New Yorker (USA), 01.04.2019
In einem Text für die aktuelle Ausgabe des Magazins zieht Jon Lee Anderson Parallelen zwischen Brasiliens Staatspräsident Jair Messias Bolsonaro und Donald Trump: "Als Bolsonaro im Juli 2018 die Nominierung seiner Partei gewann, schien er eine Wende der politischen Macht und Ideologie zu verkörpern. Das Militär, das sich laut Verfassung aus der Politik herauszuhalten hat, unterstützte ihn offen, ebenso eine Reihe von Geschäftsleuten. Sein stärkster Konkurrent, Lula, wurde ins Abseits gedrängt; Sérgio Moro, der Richter, der die Car-Wash-Prozesse leitete, hatte ihn wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt … Bolsonaros Regierung besteht zu einem Teil aus militärischen Führungsfiguren, acht der 22 Kabinettspositionen werden von ehemaligen Generälen besetzt. Seine Ideen stammen von Olavo de Carvalho, einem Philosophen und ehemaligen Astrologen, dessen exzentrische Interpretationen von Machiavelli, Descartes u.a. eine große Anhängerschaft finden. Carvalho, einundsiebzig, lebt in Richmond, Virginia, wo er sich mit der amerikanischen 'Redneck'-Kultur identifiziert, indem er Bären jagt, raucht und trinkt. Auf seine Empfehlung hin wurden zwei aktuelle Kabinettsminister ernannt: der Bildungsminister Ricardo Vélez Rodríguez, ein konservativer Theologe, und der Außenminister Ernesto Araújo. Beide halten an Carvalhos Vorstellungen fest, dass der 'kulturelle Marxismus' die westliche Gesellschaft verpestet hat und der Klimawandel eine marxistische Idee ist. Carvalho verleiht den Vorschlägen von Bolsonaro eine Patina des Intellektualismus. Kürzlich sagte Carvalho in einem Interview, Brasiliens Problem mit Gewaltkriminalität hätte abgewendet werden können, wenn das Militärregime die richtigen zwanzigtausend Menschen getötet hätte. Ein Großteil der politischen Unterstützung von Bolsonaro kommt von der Agrarwirtschaft, der Rüstungsindustrie und der religiösen Rechten, einem Machtzusammenhang, der als die drei 'B's, beef, bullets and bibels, bezeichnet wird." (Mehr zum Thema auch in unserer neuen Post aus Brasilien.)Außerdem: Peter Hessler berichtet von den Erfahrungen eines schwulen Ägypters in seiner Heimatstadt Kairo. John Lanchester liest ein Buch über die kleine Eiszeit. Für Lauren Oyler ist Andrea Dworkin längst noch nicht außer Mode. Und Anthony Lane sah im Kino Jordan Peeles "Us".
Lidove noviny (Tschechien), 22.03.2019
New York Review of Books (USA), 04.04.2019
Die Tunesier haben es geschafft, ihre Demokratie stabil zu halten. Aber die Korruption ist immer noch endemisch, die Bevölkerung verarmt und echte Reformen bleiben aus, heißt es. Das stimmt, aber dann auch wieder nicht: Der Vorschlag einer von President Beji Caid Essebsi eingesetzten Kommission, Erbschaften künftig gleichmäßig zwischen männlichen und weiblichen Verwandten aufzuteilen, hat gewaltige Unruhe hervorgerufen, erzählt Ursula Lindsey. Bisher galt die Scharia, die Männer in der Regel bevorzugt. "Der Gesetzesvorschlag verursachte letzten Sommer einen Aufruhr: Er wurde als großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung gelobt und gleichzeitig als inaktzeptabler Bruch mit islamischen Prinzipien verdammt. Wenn ein solches Gesetz nicht nur verabschiedet, sondern auch angewandt würde, wäre es eine wahrhaft revolutionäre Reform, die die Wirtschaft und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern neu gestalten würde. Aber es ist ein großes 'wenn'. Tunesiens düstere Lebensverhältnisse scheinen die vielen Vorbehalte zu rechtfertigen, die ich selbst von jenen gehört habe, die für Gleichberechtigung sind. Mir wurde gesagt, das Gesetz sei nur eine Schau, ein Ablenkungsmanöver, unrealistisch. Doch selbst die, die es unnütz fanden, hatten viel dazu zu sagen. Der Vorschlag ist Teil einer wachsenden, heftig geführten Debatte über Erbschaft und Gleichberechtigung hier und in anderen arabischen Ländern." In den nächsten Monaten soll über das Gesetz im Parlament abgestimmt werden.Außerdem: Mark Mazower liest zwei neue Bücher über den Genozid an den Armeniern: Taner Akçams "Killing Orders: Talat Pasha's Telegrams and the Armenian Genocide" und Hans-Lukas Kiesers "Talaat Pasha: Father of Modern Turkey, Architect of Genocide". Und Susan Tallman besucht die Hilma-af-Klimt-Ausstellung im Guggenheim.
La regle du jeu (Frankreich), 21.03.2019
Roberto Saviano ist in Italien eine einsame und doch viele Bürger motivierende Stimme der Kritik an der linksrechtspopulistischen Regierung. Laurent David Samama erzählt, wie Saviano den Zorn des Lega-Nord-Chefs Matteo Salvini erregte, der ihn nun wegen eines Tweets mit Prozessen überzieht. Aber Saviano äußert sich immer wieder in Videos gegen die drakonische Flüchtlingspolitik Salvinis. Auf Twitter gibt es inzwischen eine Soli-Bewegung unter dem Hashtag #iostoconsaviano. Und die Gegenseite zeigt, dass sie bereit ist, sehr weit zu gehen - etwa durch kompromittierende Artikel wie in dem Magazin Panorama: "Nicht nur dass die 'Recherchen' gegen Saviano die Finanzen des Autors offenlegen und ihn diabolisieren, man gibt vor allem Hinweise auf seine Wohnsitze, den Namen seiner Sekretärin und seiner Jugendfreunde sowie eine Menge Details über seine Gewohnheiten und seine Verbindung zur jüdischen Tradition. Unmöglich, darin nicht eine Einladung an die Schergen der Mafia zu sehen. Und man muss nur ein bisschen graben, um den Ursprung dieser Gehässigkeit zu finden. Das Wochenmagazin Panorama, das einst zu Mondadori, also Berlusconi gehörte, ist von der rechtspopulistischen Zeitung La Verità gekauft worden. Man muss nur einige Zeilen lesen, um die ideologische Nähe zu Salvinis Lega Nord zu spüren."The New York Times en Español (USA), 24.03.2019
Eurozine (Österreich), 22.03.2019
Vielleicht sollten wir aufhören, eine gemeinsame historische Ursache für den Aufstieg des Populismus zu suchen, überlegt die amerikanische Historikerin Holly Case. Was könnte geschichtlich auch die Länder verbinden, in denen Viktor Orbán, Jaroslaw Kaczyński, Donald Trump und Jair Bolsonaro an die Macht gekommen sind? Globalisierung, Kapitalismus oder die Moderne könnten vielleicht das Warum erklären, nicht aber das Warum jetzt? Umgekehrt werde ein Schuh draus, glaubt Case. Die Populisten verbindet die gemeinsame politische Strategie, die es erforderlich mache, die Geschichte umzudeuten: "Um zu erklären, was er mit illiberaler Demokratie meine, sagte Orbán: 'Illiberale Demokratie ist, wenn die Liberalen nicht gewinnen.' In seiner Ansprache zum Ende des Jahres 2006 bemerkte er genüsslich, dass alle, die dachten, die liberale Weltordnung sei unveränderbar', dass sich die Annahme, 'die Nationen sind am am Ende und können mit ihren Anhängern ins Museum wandern', als falsch erwiesen habe. Die Geschichte sei 1989 nicht an ihr Ende gelangt, schloss er, 'sie hat eine scharfe Wendung genommen, brach durch durch die sorgsam konstruierten Absperrungen und verließ den Pfad, der für sie vorgesehen war.' 1989 funktioniert nur als die Stunde Null des Liberalismus, die Ereignisse, die Francis Fukuyamas 'Ende der Geschichte' beflügelten. Wenn Orbán vorhatte, den Liberalismus zu unterminieren, dann musste er 1989 entsorgen."Guardian (UK), 21.03.2019
La vie des idees (Frankreich), 21.03.2019
Außerdem in La Vie des Idées: Giulia Fabbianos leider etwas impressionistischer Essay über die Ereignisse in Algerien.
Hazlitt (Kanada), 18.03.2019
Mit seinem Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" hat der jamaikanische Autor Marlon James auch hierzulande für Aufsehen gesorgt. Jetzt ist in den USA der Nachfolger "Black Leopard, Red Wolf" erschienen und Thea Lim gehen schier die Augen über angesichts der überbordenden und drastischen Erzählfantasie von James, der hier ein prächtiges Stück Afro-Fantasy mit einer waghalsigen Story-Architektur vorgelegt hat - James selbst bezeichnete sein Werk als "afrikanisches 'Game of Thrones'". Für Lim ein Grund mal genauer nachzufragen - in dem Gespräch geht es insbesondere auch um die Darstellung von Gewalt, bei der sich James als nicht gerade zimperlich herausstellt, auch wenn der Autor entsprechende Kritik ablehnt: In Actionfilmen wie "Die Hard" würden viel mehr Menschen sterben, man sehe nur nie, wie. "Aber wenn in diesen Filmen eines der Todesopfer in den Bauch geschossen wird - und ich nehme den Bauchschuss als Beispiel, weil das eine sehr schmerzhafte und langsame Art des Sterbens ist -, können Sie sich dann vorstellen, dass einer von den hunderten von Leuten, die auf Willis' Konto gehen, ein Vater war, drei Kinder hatte und zu dem Job gezwungen war oder einfach nur das Sterben durchleiden muss? Das wäre ein komplett anderer Film. 'Oh mein Gott, 'Die Hard' ist so ein verstörender Film!', hieße es dann statt ''Die Hard' ist ein Weihnachtsfilm!' ... Diese Filme verkaufen Gewalt ohne das Leid. Und ich denke, der Grund, warum mir das Gewalt-Label angeheftet wird, liegt darin, dass ich beides nicht voneinander trenne. ... Denn Gewalt führt zu Leid und Gewalt kommt mit einem Nachspiel. Wie kann man nicht-explizit über Gewalt schreiben? Gewalt ist ein expliziter Akt. Manchmal reißt man einen Körper buchstäblich auf. ... Man muss respektvoll schreiben, aber explizit. Oder, wenn nicht explizit, dann zumindest eindeutig. Wenn man davor zurückschreckt, beleidigt man die Leute, die leiden müssen, in gewisser Weise."Magyar Narancs (Ungarn), 21.02.2019
Der Philosoph Mihály Vajda kommentiert aus der Sicht der Geisteswissenschaften die Umstrukturierung der Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und ihre Eingliederung in ein hierfür erschaffenes Ministerium. "Allein über die Lage der Humanforschung wollte ich reden: über einen Zweig der Forschung, bei dem es lediglich in einer sehr abstrakten Bedeutung möglich ist, über 'Gewinnabwurf' zu sprechen. Nur dann nämlich, wenn die Herrschenden in der Lage sind, auch in anderen Kategorien zu denken als Geld und Macht. Genauer: Ich kann mir auch vorstellen, dass sie an die Geisteswissenschaften genau deshalb keine Gedanken verschwenden möchten, denn wenn diese tatsächlich 'Gewinn' bringen würden, wenn die Ergebnisse der Humanforschung von breiten Kreisen 'angeeignet' würden, dann wären die Menschen in der Lage kritisch zu denken, ihre Gedanken zu formulieren und zu äußern. Und vielleicht hätten sie auch - siehe da - Gedanken, welche die Machtinhaber kritisierten, und sie könnten diese Gedanken dann auch noch mit Argumenten untermauern. Damit es klar ist: Ich denke hierbei nicht an die Philosophie, sondern an alle Bereiche des Denkens, wo das Ergebnis nicht mal vom weitem eindeutig ist."The Atlantic (USA), 01.04.2019
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