Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 18.07.2006 - New York Times

In einem witzigen Essay erkundet Benjamin Kunkel die Metamorphose der Autobiografie. Wo heute Selbstmitleid und Nostalgie die vorherrschenden Schreibhaltungen sind, erklärt er nostalgisch, waren die Romantiker (Wordsworth, Thoreau!) noch richtig revolutionär: "Für sie war die Krise allumfassend: nicht um einen Platz in einer korrupten Gesellschaft ging es ihnen, sondern um eine Seinsform, die es noch nicht gab ... Die säkulare Autobiografie und das Ideal radikaler Demokratie gingen Hand in Hand." Die schlaffen Memoirenschreiber von heute, schimpft Kunkel, lehren uns zwar das Überleben, doch nicht wie man lebt.

Die Alliterationen in Josef Joffes Buch "Überpower" über Amerikas Image als Imperialmacht schicken Roger Cohen glattweg ins Delirium. Hier ein Originalzitat: "'Balance, bond and build,' he advises, invoking Britain's imperial strategy of balancing rival powers and Bismarck's late-19th-century bonding tactics placing Berlin at the hub of European relationships. He identifies a 'Baghdad-Beijing Belt,' sometimes extended to a 'Belgrade-Baghdad-Beijing Belt,' where menacing nationalism and fundamentalism thrive, and contrasts it with a happier 'Berlin-Berkeley Belt' (of which Israel is an honorary member). Only through balancing, bonding and building will the Berlin-Berkeley Belt bulge and the baleful Baghdad-Beijing Belt be bettered." Davon abgesehen hält Cohen das Buch jedoch für "eine wichtige Reflektion über eine Zeit, in der Anti-Amerikanismus die vielleicht prickelndste Idee der Welt ist".

Weiteres: Edward Rothstein findet in Edward Saids posthum kompiliertem Buch "On Late Style" (namentlich solcher Künstler wie Beethoven, Genet und Glenn Gould) leider nichts über Altersweisheit. Jennifer Senior findet Joseph Epsteins neues Buch über die Freundschaft ("Friendship") "anämisch".

Im Magazin der New York Times erzählt Daniel Coyle die unglaubliche Geschichte des Floyd Landis, der mit einer kaputten Hüfte gerade die Tour de France fährt. Mit Coyle spricht Floyd über Schmerz ("nichts, was der reine Wille bezwingen kann") und wie es ihm gelang, als jemand, der keine Treppe hochsteigen kann, zum härtesten Wettkampf der Welt zugelassen zu werden. "Zur Täuschung nahm er einen schulterrollenden, steifen Gang an. Teamkollegen spotteten, er gehe wie ein Rap-Star ... Im Gespräch wurden Codes benutzt. Man sprach von 'seinem Finger' oder 'schlimmen Rücken.'" Momentan hält Landis Platz zwei!
Außerdem: Jon Gertner besichtigt ein Atomkraftwerk und verrät, warum Kernenergie in den USA wieder eine Option ist. Und Ann Hulbert untersucht die Freundschaftsbande der Amerikaner und stellt fest: Der beste Freund ist der Partner.

Magazinrundschau vom 11.07.2006 - New York Times

In einem Essay untersucht Rachel Donadio das neue Umweltbewusstsein der Buchindustrie. Pläne großer US-Verlage zu mehr Recycling und weniger CO2-Ausstoß findet sie jedoch fragwürdig: "Wie grün kann eine Industrie sein, die von gefällten Bäumen und giftiger Tinte lebt und mit strategischer Überschussproduktion?" Besser gefällt ihr das Umwelt-Manifest "Cradle to Cradle" des Öko-Architekten William McDonough und des deutschen Chemikers Michael Braungart. Das Buch ist aus Plastik und Plastik lässt sich viel öfter recyceln als Papier.

Außerdem: Mit Douglas Brinkleys "The Great Deluge" (Leseprobe) und Jed Horns "Breach of Faith" empfiehlt David Oshinsky zwei schonungslos kritische Bücher über Hurrikan Katrina und die Folgen. Lawrence Downes bespricht illustrierte Piratenbücher für Kinder von John Matthews, Eric A. Kimmel und J. Patrick Lewis. Und Dave Itzkoff stellt Science Fiction vor von Charles Stross und Justina Robson.

Im Magazin der New York Times stellt Deborah Solomon eine Schriftstellerfamilie aus Maine vor, die sich nicht einig wird, literarisch gesehen: "Zusammen ergeben ihre Bücher eine Art New England 'Rashomon'. Verschiedene, manchmal einander widersprechende Darstellungen der gemeinsamen Vergangenheit. Und obwohl niemand ihre Romane als autobiografische Schlüsseltexte oder familiäre Abrechnungen lesen würde, lässt die Minots das Thema Kindheit nicht los - als wär's möglich, das Leben neu zu schreiben." Textproben hier, hier und hier.

Und im Interview spricht der Nahostexperte Peter W. Galbraith über sein neues Buch "The End of Iraq: How American Incompetence Created a War Without End" und seine Vision eines dreigeteilten Iraks. Die Titelgeschichte ist den amerikanischen Emigranten gewidmet.
Stichwörter: England, Irak, Recycling, Plastik, Co2

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - New York Times

Die Debatte ist eröffnet! In einer leidenschaftlichen Rede vor amerikanischen Buchhändlern, die wir auszugsweise lesen oder komplett anhören können, nimmt John Updike sein Selbstverständnis als Autor in Schutz vor der Vision der digitalen Universalbibliothek, wie sie Google und Kevin Kelly vom Wired Magazine propagieren, auf den sich Updike ausdrücklich bezieht. Anders als Kelly, der den künftigen Autor als Performer sieht, der sein Geld macht mit allem, "was sich nicht kopieren lässt", befürchtet Updike den Rückfall in barbarische Zeiten, "als nur die Gegenwart zählte": "Das gedruckte, gebundene und bezahlte Buch ... ist Schauplatz der stillen Begegnung zweier Seelen, eine der anderen folgend, zum Fantasieren angeregt, zum Disput, zu gemeinsamer Betrachtung jenseits persönlicher Begegnung."

Weitere Artikel: Gründlich verstörend (besonders für US-Leser) findet Jonathan Freedland Noam Chomskys Generalabrechnung mit den USA "Failed States". Marilyn Stasio bespricht "schräge Krimis" von Christoper Fowler, John Hart u. a. Und Luc Sante findet Robert Greenfields Biografie "Timothy Leary" (Leseprobe) fesselnd wie einen postmortalen Roman von Sinclair Lewis.

Fürs Magazin der N. Y. Times untersucht Christopher Caldwell, was sich nach den Bombenattentaten vor einem Jahr in London getan hat. Die Kombination aus verschärfter staatlicher Kontrolle und der Integration lokaler muslimischer Wortführer scheint keine Lösung zu sein: "Die gemeinsame Opposition gegen den Krieg im Irak verstärkt die Bande zwischen radikalen und nicht radikalen Muslimen sowie Teilen der westlichen Linken; dies erschüttert gängige Vorstellungen von Terrorismus." Ein weiteres Problem sieht Caldwell in den aus dem Irak zurückkehrenden Gotteskriegern: "Folgen sie dem Beispiel ihrer afghanischen Kollegen und bringen den Jihad mit nach Hause, wird Britannien es schwer haben."

Ferner: Im Interview mit Deborah Solomon verrät Jack Carter, der jetzt in Nevada für den Senat kandidiert, was ihn von seinem Vater Jimmy unterscheidet ("ich muss nicht immer die Nr. 1 sein"). Und Benoit Denizet-Lewis erklärt, wie die Pharmaindustrie das Suchtproblem in den Griff kriegen will.

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - New York Times

Nun ist er da: John Updikes neuer Roman "Terrorist" (Leseprobe) über die Radikalisierung junger Muslime in den USA. Robert Stone schreibt eine etwas lahme Besprechung dazu, als sei das Thema irgendwie schal. Ist es ja aber nicht. Beeindruckt zeigt sich Stone von Updikes Vorstellungskraft, die "glaubhafte" Charaktere und Orte hervorbringe: "Updike kann sich gut hineindenken in die moralische Entrüstung, die dieses Land in den Herzen derer erzeugt, die unterprivilegiert und zugleich überzeugte Traditionalisten sind. Andererseits ist das Buch auch keine endlose Folge von Selbstanklagen." Didaktisch möchte es sein, schreibt Stone, indem es "verschiedene Sichtweisen über die USA und ihr Image" in einem Plot zusammenführt.

Weiteres: Echte journalistische Kleinode sieht Adam Hochschild in John McPhees Porträts von Sattelschlepper- und Kohlenzug-Fahrern (Leseprobe "Uncommon Carriers"). Joe Queenan bespricht Spionage-Geschichten für Teens von Charlie Higson und Anthony Horowitz. Und Harold Bloom hält Rebecca Goldsteins Versuch, Spinozas Philosophie in einen jüdischen Kontext zu stellen (Leseprobe "Betraying Spinoza") für sympathisch, aber wenig ergiebig.

Im Magazin der New York Times untersucht Joe Nocera den Misstrauen erweckenden Wunsch des Tabakriesen Philip Morris nach mehr staatlicher Kontrolle in der Zigarettenindustrie: "Stell' dir vor, alle Hersteller müssten den gleichen Richtlinien folgen, Standards, die Zigaretten einst tatsächlich weniger gefährlich machen könnten. Stell' dir vor, es gibt keine Tabakwerbung mehr und kein Rauchen an öffentlichen Orten ... Und das nicht wegen vereinzelter Verbraucherklagen, sondern aufgrund nachhaltiger nationaler Anstrengung." Was Philip Morris davon haben könnte? Die Chance auf einen besseren Ruf, meint Nocera, und die Möglichkeit, mit harmloseren Produkten, wie rauchlosen Nikotinpräparaten, einen ganz neuen Markt zu erschließen.

Ferner: Chuck Klosterman stellt den Popavantgardisten Brian Burton aka Danger Mouse vor. Und Deborah Solomon interviewt den Komiker Jack Black ("High Fidelity").

Magazinrundschau vom 13.06.2006 - New York Times

Das Magazin der New York Times widmet sich dem Geld. Dem der anderen vor allem, denn es geht um's Schulden machen, eine Disziplin, in der die USA Weltklasse sind. Als beliebte Unterdisziplin gilt Online-Poker. Mattathias Schwartz erzählt die Geschichte eines 19-Jährigen, der eine Bank überfiel, um seine Schulden zu bezahlen, und erklärt die Faszination: "Ein Hochgefühl vergleichbar mit der Wirkung von Kokain. Blut steigt zu Kopf, die Hände werden feucht, der Mund trocken. Zeit wird zu reiner Gegenwart ... Gewinn und Verlust ununterscheidbar ... Überwiegt das Verlangen nach dem Kick des Setzens das Bewusstsein für den eigenen Besitz, 'kippt' der Spieler - er setzt zu viel, ist die Gewinnchance auch noch so gering."

Außerdem: In der zahlengesättigten Titelgeschichte über die amerikanische Staatsverschuldung prognostiziert der Historiker Niall Ferguson eine Finanzlücke von 66 Billionen Dollar. Im Interview mit Deborah Solomon wünscht sich der Multimilliardär George Soros mehr Geld. Und Jackson Lears sieht's historisch easy: Schulden gehören zu Amerika wie cherry pie.

Anders Reisen war gestern. Was Tom Bissell in Sachen Reiseliteratur in der Book Review empfiehlt, lässt noch die furchtlosesten Abenteuerurlauber wie Clubtouristen aussehen. Für "The Places in Between" (Leseprobe) durchquerte Rory Stewart 2002 zu Fuß Afghanistan und legt, wie Bissell findet, ein journalistisches Meisterstück vor, das zugleich höchsten Ansprüchen literarischen Schreibens genügt: Der Autor verfüge über "ein geradezu mystisches Naturverständnis, einen ausgeprägten Sinn für Figuren und das Timing eines Komikers". Bissell gefällt die Zurückhaltung des Schreibenden und seine Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, "ohne etwas zu verklären". Und er schätzt seine praktischen Tipps, wie: "Eine Freifläche ohne Schafskot ist höchstwahrscheinlich ein Minenfeld."

Weitere Artikel: Anlässlich von John Updikes neuem Roman "Terrorist" fragt Rachel Donadio, was es braucht, den islamischen Terrorismus zu literarisieren. In "The Possibility of an Island" (Leseprobe) von Michel Houellebecq erscheint Stephen Metcalf der Autor als langweiliger "Proselyt der Unzucht". Und Peter Dizikes erinnert an die erkaltete Darwinismus-Debatte und bespricht Bücher zum Thema von Nicholas Wade (pro) und David Stove (contra).

Magazinrundschau vom 06.06.2006 - New York Times

Dave Barry hat sein Buch der Saison gefunden. Mit Tom Lutzs Geschichte der Faulenzer "Doing Nothing" (Leseprobe) hält er die Legitimation fürs Dolcefarniente in Händen. Beweist es doch, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtstun fließend sind in einer Gesellschaft, in der kaum jemand etwas macht, das zweifelsfrei Arbeit ist, Kohle schürfen zum Beispiel: "Bei vielen wäre der gesellschaftliche Effekt, hörten sie für Monate oder gar Jahre auf 'zu arbeiten', gleich null (siehe Berater, Redakteure, Paris Hilton)." Wer unbedingt wissen will, warum wir es dennoch tun, dem empfiehlt Barry dieses "gründliche Stück Arbeit".

Weitere Artikel: Anlässlich von Phillip Lopates Anthologie "American Movie Critics" fragt sich Clive James, ob der Kinogänger die Theorie überhaupt braucht (aber ja). Brent Staples sieht in Simon Schamas Betrachtung der amerikanischen Revolution von 1775 (Leseprobe "Rough Crossings: Britain the Slaves and the American Revolution") den Autor einmal mehr als begnadeten Geschichtenerzähler. Terrence Rafferty stellt Horror-Romane für denkende Leser vor. Und Daniel Swift entdeckt ein neues Buch des Genres "post-sowjetischer Slapstick": Pauls Toutonghis Debütroman "Red Weather".

Im Magazin der Times berichtet Michael Pollan von der "biodynamischen Bekehrung" des US-Konzernriesen Wal-Mart und überlegt, was das für das schöne Exklusivrecht des Bioessers und den Rest der Welt bedeutet - nichts Gutes. Nicht nur widerspreche die fortschreitende Globalisierung des Marktes dem biodynamischen Prinzip der Nachhaltigkeit: "Mit der Industrialisierung der Biodynamik geraten ihre bisherigen Standards unter Druck. Die Vereinigung für biodynamischen Handel hat durch Lobbying bereits erreicht, dass die Verwendung synthetischer Inhaltsstoffe in ihren Produkten erleichtert wird. Und da sollte ausgerechnet Wal-Mart als Gralshüter auftreten?"

Außerdem: In der Titelstory begleitet Adrian Nicole LeBlanc Kinder und ihre Eltern auf dem zweifelhaften Weg zum Ruhm im Film- und Fernsehgeschäft. Und im Interview mit Deborah Solomon erklärt die Schauspielerin Lorraine Bracco ("The Sopranos"), was es braucht, um einen Psychiater zu spielen - viel Sitzfleisch.

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - New York Times

Lecker! Die Book Review widmet sich Büchern rund ums Kochen und Verspeisen. Köche, Gastronome und Gourmets schreiben über antiquarische Lieblingskochbücher (hier). Und Jay Jennings entdeckt in "Eat this Book" von Ryan Nerz und in Jason Fagones "Horsemen of the Esophagus", zwei Büchern zum viel zu wenig beachteten Thema "Wettessen", die Quintessenz dieses schönen Sports: "Je mehr wir über die Wettesser erfahren, desto größer wird unser Respekt. Sie trainieren, sie nehmen es ernst." Der Leser lerne, "wie die Übertreibung der eigenen Schwächen diese in Stärke verwandeln" könne.

Weitere Artikel: Liesl Schillinger gefällt die Verbindung von Sex und Küche in Gael Greenes glamourösem Erinnerungsbuch "Insatiable". Adam Platt findet die Memoiren des Weinpapstes Hugh Johnson ("A Life Uncorked") passenderweise "lieblich". Und Dorothy Kalins empfiehlt zwei Bücher, die uns die Augen öffnen möchten, nicht den Mund: "The Way We Eat" von Peter Singer/Jim Mason sowie Marion Nestles "What to Eat".

Im Magazine beleuchtet Rob Walker das von Firmen wie Mozilla und General Motors genutzte "consumer-generated advertising", bei dem keine sakrosankte PR-Maschine den Spot produziert, sondern der Verbraucher: "Für die Firmen ist es entweder ein Segen (das Marketing wird an eine loyale Kundschaft delegiert) oder eine Bedrohung (es gerät in die Hände von unkontrollierbaren Amateuren)."

Ferner: Matt Bai untersucht die Bedeutung der Blogosphäre für die politische Kultur am Beispiel des megaerfolgreichen Politikblogs Dailykos.com. John Wray berichtet über neueste Verwandlungsformen des Heavy Metal im Klangkreis des kalifornischen Labels Southern Lord. Und Randy Kennedy sieht die Zukunft des Fernsehens winzig klein - demnächst auf Ihrem Mobiltelefon.

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - New York Times

Nur ein gut beworbenes Buch ist ein gutes Buch. Soviel versteht Rachel Donadio nach Gesprächen mit führenden US-Verlegern. Ihr Essay über die rätselhaften Gepflogenheiten des Marktes zeigt die Kniffe und das Taktieren der Involvierten (wie krieg ich die Frontauslage bei Barnes & Noble?) auch innerhalb der Verlage: "Lektoren wetteifern um Werbe- und Ausstattungsetats. Ihre Rolle wird mehr und mehr die eines Geschäftsmannes und Lobbyisten, der die eigenen Leute, den Handel und die Presse begeistern muss, Monate bevor das Buch erscheint."

Eine von der New York Times initiierte Umfrage unter Autoren, Kritikern und Verlegern kürt Toni Morrisons "Beloved" zum besten amerikanischen Prosatext der letzten 25 Jahre (alle Plätze samt Rezensionen hier). A. O. Scott kommentiert: "Die Top-5 sind allesamt befasst mit Geschichte, ihre Schöpfer entstammen einer einzigen Generation (der heute 70- bis 75-Jährigen) ... Da wird Vergangenheit geklärt und Platz geschaffen für die Literatur von morgen."

Weitere Artikel: Terrence Rafferty empfiehlt Carlos Fuentes' "brillanten" politischen Briefroman "The Eagle's Throne". Und in einer inspirierten Besprechung nennt Dave Itzkoff Douglas Couplands neuen Roman "JPod" ein "gut abgemischtes Output".

Das New York Times Magazine ist der zeitgenössischen Architektur gewidmet. Worum dreht sich's bei den großen Architektur-Debatten von Berlin bis Lower Manhattan? Der Leiter des Design Museums London, Deyan Sudjic, stellt fest, dass Architektur allzu oft mit politischer Überzeugung gleichgesetzt wird - Flachdach = Fortschritt, historischer Stil = Tradition und so weiter: Architektur "ist von Belang, weil sie dauerhaft ist und groß und weil sie das Aussehen unseres Alltags bestimmt, doch vor allem deshalb, weil sie mehr als jede andere kulturelle Form ein Mittel des historischen Reinemachens ist." Berliner wissen, was er meint.

Weitere Artikel: Im Aufmacher erklärt Arthur Lubow am Beispiel eines Projekts von Herzog und de Meuron, was die Arbeit in China für ausländische Architekten so tricky macht. Nicolai Ouroussoff stellt die Bauten des libanesischen Architekten Bernard Khoury und seines Vaters Khalil - "Mr. Beton Brut" - vor. Im Interview mit Deborah Solomon vergleicht der britische Architekt Richard Rogers das Bauen in Europa und in den USA. Und Edward Lewine befragt Daniel Libeskind zu den raffinierten Details seines New Yorker Lofts (eine Sauna mit Fenster aufs Chrysler Building!).

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - New York Times

Muss man lesen! Im Magazin der New York Times untersucht Kevin Kelly, "senior maverick" des Wired Magazins in einem Riesentext die Auswirkungen, die Google Print auf den Buchmarkt und das Leseverhalten haben wird. Kelly schwärmt von DER universellen Bibliothek, die entstehen wird. Aber er sieht auch die Probleme. Das größte beschreibt er als "clash of business models", die mit dem Copyright zusammenhängen. Autoren, Verlage und andere Künstler haben bisher davon gelebt, dass jede Kopie etwas für sie abwarf. Dieses Modell bricht zusammen. Denn erstens kann kein Mensch alle Kopien im Netz kontrollieren. Und zweitens ist es nur zum Schaden der Künstler, wenn ihr Werk nicht im Netz steht. Denn was nicht im Netz steht, existiert nicht! Die Basis des Reichtums ist heute "Beziehungen, Links, Verbindungen", die zwischen den Texten hergestellt werden, so Kelly. "Der Wert hat sich verschoben von der Kopie hin zu den vielen Möglichkeiten einen Text zu archivieren, kommentieren, personalisieren, bearbeiten, bestätigen, ausgraben, markieren, transferieren und zu erfassen. Autoren und Künstler können ihren Lebensunterhalt damit verdienen, verschiedene Aspekte ihrer Arbeit zu verkaufen. Sie können Auftritte verkaufen, Zugang zum Künstler, Personalisierung, add-on Information, Sponsorenschaft, Subskription - kurz gesagt all die vielen Werte, die nicht kopiert werden können. Die billige Kopie wird das 'discovery tool', mit dem sich diese immateriellen Werte vermarkten lassen. Aber Dinge zu verkaufen, die nicht kopiert werden können, ist weit entfernt vom Ideal vieler kreativer Menschen. Das neue Modell ist voller Probleme (oder Chancen)."

Weitere Artikel: James Traub stellt die französische Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal vor. Abgedruckt ist weiter ein Essay aus Josef Joffes jetzt in den USA erscheinendem Buch "Überpower: The Imperial Temptation of America".

Aus der New York Times Book Review: The Horror, the Horror! Mary Roach begegnet ihm in Cline Falls, Oregon, genauer: im Tatsachenbericht "Strange Piece of Paradise" (Leseprobe) von Terri Jentz. 1977 wurde Jentz Opfer eines rätselhaften, bis heute ungeklärten blutigen Mordanschlags. 15 Jahre später kehrt sie zurück an den Ort des Geschehens und befragt sich selbst und andere über das Unfassbare. Herausgekommen ist ein Bericht, von dem Roach sagt: "Stell dir vor, Truman Capote selbst hätte das überlebt, um es zu beschreiben. Solche Kraft und solch ein Können sind hier am Werk ... In diesem Blick ist mehr Grauen als auf 100 Seiten James Frey."

Außerdem: Barry Gewen hält David Cesaranis Biografie Adolf Eichmanns ("Becoming Eichmann") für ultimativ. Robert Wright vergleicht zwei Bücher über Anti-Amerikanismus (Julia E. Sweigs "Friendly Fire" vs. "America Against The World" von Andrew Kohut und Bruce Strokes). Und in einem Extra-Dossier rund ums literarische Reisen erkundet Larry Rohter Borges' Buenos Aires und David A. Kelly gibt praktische Tipps in Sachen MP3-Hörbücher.

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - New York Times

Was Philip Roth in seinem neuen Roman "Everyman" aus höchst nüchterner Perspektive - der Held ist soeben verstorben - in guter alter Schwerenöter-Manier zu erzählen hat ("der letzte Überschwang im dahinwelkenden Körper"), macht sogar eine Nobelpreisträgerin glücklich. Nadine Gordimer jedenfalls ist hellauf begeistert: "Wenn breites Beschreiben eine Sache des 19. Jahrhunderts war, Philip Roth hat es wiederbelebt - durch die Kraft des Erzählens selbst." (Leseprobe und Autoren-Feature)

Wie verkauft man ein Buch? Henry Alford dokumentiert seinen Versuch, überholte Reiseführer und Knaller wie "Gay and Gray: The Older Homosexual Man" per Handverkauf loszuwerden: "Eine Erfahrung, die mir einen neuen Zugang zur Literatur verschaffte. Was Jago zum Bösewicht macht? Keine Ahnung. Dafür weiß ich, was es braucht, um Jagos Heißwachs-Anleitung für alte Sportwagen zu verticken: Preparation. Penetranz. Psychologie."

Ferner: James Campbell bespricht das Erinnerungsbuch "Let Me Finish" des New Yorker-Herausgebers Roger Angell ("geht perfekt mit einem Wodka Martini"). Und Marilyn Stasio stellt neue Krimis vor von Helene Tursten, James Swain und Donna Leon.