Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 03.10.2006 - New York Times

Im New York Times Magazine porträtiert Arthur Lubow den deutschen Bariton Thomas Quasthoff (mit Audio Clips) als begnadeten Sänger und Lehrer: "'Können Sie sich eine Situation vorstellen in der Sie auf einem Stein sitzen, und plötzlich hören Sie im Kopf eine Melodie?' fragt er eine junge Sopranistin, die Schuberts Lied 'Im Frühling" singt. 'Hoffentlich erinnert Sie das an eine Liebesgeschichte mit einem gutaussehenden Mann und nicht - entschuldigen Sie bitte - mit einem deutschen Bauern... Sie erinnern sich beim Singen, wie glücklich Sie einmal waren. Wenn Sie so gucken, sehen Sie aus, als hätten Sie ein Verdauungsproblem. Aber wenn Sie während dieser Phrase lächeln, werden Sie feststellen, dass Ihre Stimme aufleuchtet. Lächeln Sie.' Viele seiner Ratschläge haben mit der physischen Präsentation zu tun. Vielleicht weil seine eigenen Möglichkeiten auf diesem Gebiet begrenzt sind (Quasthoff ist ein Contergan-Kind), hat Quasthoff starke und überlegte Ansichten über die korrekte Positionierung eines Liedersängers. Ihm missfällt die Art wie sein Freund, der englische Tenor Ian Bostridge, auf der Bühne herumlümmelt. Quasthoff glaubt, dass ein Sänger mit gedankenlosen und unnötigen Bewegungen eine intensive Verbindung mit dem Publikum zerstört."

Und Matt Bai fragt im Aufmacher: "Is Howard Dean willing to destroy the Democratic Party in order to save it?"

Der Anfang des Essays von Gary Shteyngart (mehr hier und hier) über eine neue Ausgabe von Iwan Gontscharows Roman "Oblomow" in der Book Review ist wirklich sehr hübsch: "Um elf, als ich gerade noch die letzten Momente eines erquickenden Schlafs auskoste, bringt mir ein Bote die Neuübersetzug des 'Oblomow' vor die Tür, jenes berühmten Slacker-Romans aus dem 19. Jahrhundert, dessen Held, ein Mitglied des faulen russischen Landadels, den größten Teil des Tages im Bett verbringt. 'Scheine im falschen Augenblick gekommen zu sein', sagt der Kurier mit einem Augenzwinkern. Er missversteht meine übliche nachlässige Erscheinung als Symptom eines unterbrochenen Koitus. Ich kehre in mein Bett zurück und werfe einen unglücklichen Blick auf den dicken Band in meiner Hand. Vorerst fühle ich mich schläfrig." Die neue Übersetzung ist von Stephen Pearl, und wenn Sie weiterlesen, werden Sie sehen, dass er wirklich ganze Arbeit geleistet hat.

Außerdem in der Buchbeilage der wichtigsten Zeitung der Welt: Paul Berman bespricht zwei neue Bände über den in den USA legendären Journalisten I.F. Stone. David Orr liest Stephen Frys Plädoyer für die Form in der Lyrik "The Ode Less Travelled" (Auszug). A.O. Scott befasst sich mit der gastronomischen Revolution in den USA, die in David Kamps Buch The United States of Aragula" (Auszug) beschworen wird.

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - New York Times

Ein starkes Stück "investigativer Empathie" nennt Ron Rosenbaum Daniel Mendelsohns "The Lost" über das Schicksal seiner Familie im Holocaust: "Mendelsohns Suche nach lebendigen Einzelheiten bringt uns der Erfahrung der mächtigen Katastrophe näher als es möglich schien. Dieser Blick auf die Menschen nicht als bereits vom Schatten der kommenden Tragödie Gezeichnete, sondern als durch ihre unschuldige Einfachheit Erleuchtete ist selten in der Literatur über den Holocaust." (Hier ein Audiointerview mit dem Autor.)

In einem Essay stellt Rachel Donadio die extrem erfolgreiche "For Dummies"-Buchreihe vor - eine "Parallelgeschichte zeitgenössischen Bewusstseins", findet sie, und typisch amerikanisch: "Liebenswürdig und ungefährlich, sind diese Bücher weniger von populistischem Antiintellektualismus geprägt als von dem tiefen Glauben, dass Wissen etwas Demokratisches ist, dass sich die Dinge meistern lassen, ohne Hilfe von Experten, die auf einen herabschauen."

Außerdem: Jennifer Senior hält Lewis H. Laphams "Pretensions to Empire" und Sidney Blumenthals "How Bush Rules" (Leseprobe) für zwei abschreckende Beispiele von Bush-feindlicher Regierungskritik. Ron Powers freut sich über "brillante" literaturkritische Essay von E. L. Doctorow (Leseprobe "Creationists" + Autorenfeature). Und in seiner Sci-Fi-Kolumne outet Dave Itzkoff sich als "Dunehead", Fan von Frank Herberts 40 Jahre alter "Dune"-Saga.

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - New York Times

Wer könnte besser über die Bush-Regierung schreiben als ein ehemaliger Theaterkritiker? Ian Buruma ist begeistert von Frank Richs "The Greatest Story Ever Sold", das den Irak-Krieg als den kolossalen Schwindel beschreibt, der er war. Wie lässt sich der Ausfall einer kritischen Berichterstattung in den USA erklären? Buruma findet die Antworten im Buch: "Die neue Informationsgesellschaft hat Journalisten ungewöhnlich defensiv werden lassen. Dass jeder überall seine Meinung kundtut, hat die Autorität der Presse untergraben ... Angst, gute Verbindungen zu verlieren oder seiner liberalen Gesinnung wegen geächtet zu werden, sowie die Überbewertung von Zitaten einflussreicher Leute haben die Presse verkümmern lassen, als sie nötiger war denn je. Frank Rich ist ein exzellenter Vertreter seiner Zunft, und wird sie je ihren guten Ruf wieder erlangen, wird er dafür mit verantwortlich sein."

Weitere Artikel: Terrence Rafferty hält Haruki Murakamis neue Short-Story-Sammlung "Blind Willow, Sleeping Woman" für einen tollen Gemischtwarenladen. Lawrence Levi findet David Thomsons Biografie über Nicole Kidman (Leseprobe) zu spekulativ. Neil Gordon kann an John Le Carres neuem Roman "The Mission Song" (Leseprobe) keinen Realitätsmangel feststellen. Und Marilyn Stasio fällt auf, dass sich Kleinstadtschnüffler neuerdings mit globalen Waffenschiebereien und Terroristen herumschlagen müssen - in neuen Krimis von Steve Hamilton, Reggie Nadelson u.a.

Im Magazin der New York Times ruft Wyatt Mason das Zeitalter der Satire aus. Wenn Spott, das hehre "Verlangen nach dem Besseren" in unzulänglichen Zeiten, inflationär wird, meint Mason, wird's glitschig. Beispiel Bush: "Auf die Reporter-Frage nach der Gewalt im Nahen Osten antwortete Bush sarkastisch ... Nicht mit dem eleganten, treffsicheren, artistischen Sarkasmus eines Twain oder Colbert, sondern völlig unpassend und zugleich doch ganz entsprechend seines normalen rhetorischen Modus'. Denn Bush ist nicht unartikuliert, er ist gewissermaßen zu artikuliert: sein konsequent herablassender Ton verrät sein Überlegenheitsgefühl, wie bei einem Satiriker. Diesen unbekümmert sarkastischen, gedankenlos ironischen, willkürlich sardonischen Ton hören wir allerorten. Bush, das sind wir."

Außerdem: In einem irre langen Text dokumentiert Tim Golden die (vergeblichen) Bemühungen, aus Guantanamo einen menschlichen Ort zu machen. Lynn Hirschberg stellt den französischen Regisseur Michel Gondry vor. Michael Berube beschreibt den Zwist zwischen Konservativen und Liberalen an amerikanischen Universitäten und meint: Kein konservativer Student muss sich diskriminiert fühlen. Und im Gespräch mit Deborah Solomon erklärt der Kulturkritiker Lee Siegel, wie es kam, dass er sich im Blog des New Republic unter Pseudonym selbst beweihräuchern musste: Die Blogosphäre sei nämlich nichts für den Intellekt.

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - New York Times

In seinem Buch zum Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh ("Murder in Amsterdam") erkundet Ian Buruma die Grenzen der Toleranz. Christopher Caldwell hat es gelesen: "Buruma interviewt darin die beiden charismatischen Islam-Reformer Ayaan Hirsi Ali und Afshin Ellian. Beide glauben, dass der Islam den gleichen Skeptizismus und Spott erfahren muss, mit dem Voltaire und andere Aufklärer den Katholizismus überschüttet haben. Buruma bezweifelt dies. Er fürchtet, dass viele von denen, die die Aufklärung beschwören, nur eine konservative Ordnung verteidigen wollen. 'Voltaire hat seine Beschimpfungen gegen die Katholische Kirche gerichtet, während Ayaan nur riskierte, eine Minderheit zu beleidigen.' Das ist unfair. Voltaire riskierte mit seinen Äußerungen nicht, sich eine Milliarde Feinde zu machen, die sein Gesicht kennen und sich übers Internet mit Leuten austauschen können, die ihn ermorden wollen. Buruma hat aber Recht, wenn er nahe legt, dass Hirsi Alis Lob der Aufklärung als eine Bewegung, 'die jede Kultur abstreift und nur das menschliche Individuum übrig lässt', einiges mit den Versprechen des Islamismus gemein hat, der auch die Kultur abstreifen möchte, um nur das Individuum und Gott übrig zu lassen."

Die Uni ist links. Gut so, findet der Politikwissenschaftler Alan Wolfe in seiner Besprechung von Michael Berubes "What's Liberal About the Liberal Arts?", das den Zorn der Konservativen über diesen Fakt erklärt: "Die politischen Siege des Konservatismus, so Berube, können so schwer nicht wiegen, solang sich schwule Paare küssen und junge Menschen nur selten die Werte ihrer Eltern teilen. Ohne den Einfluss der Universitäten ist der Erfolg der Konservativen ein flüchtiger und das wissen sie."

Ferner: Will Self zeichnet Celines Lebensweg nach und liest die "Reise ans Ende der Nacht" wieder - als misanthrope Antithese zu Joyces "Ulysses" und La Rochefoucauld auf LSD. Marilyn Stasio bespricht neue Krimis von Philip Kerr ("The One From the Other"), Ellen Crosby ("The Merlot Murders") und anderen. Amy Krouse Rosenthal freut sich über ein zeit- und kindgemäßes "Cinderella"-Remake von Barbara Ensor.

Das Magazin der Times ist New York gewidmet. Einer Stadt, die so eng ist, dass selbst die Avantgarde kein Sache von Finesse, sondern von Immobilienpreisen ist. Und wenn auch der letzte Winkel von Brooklyn gentrifiziert ist, was dann? James Traub beobachtet, dass die kulturellen und ökonomischen Kräfte die gute alte Boheme und ihre Orte zu "Enklaven urbaner Eliten" und ganz schön beliebig gemacht haben: "Jeder Unangepasste ist heute hip. Hipness dgagen zieht Sneaker-Stores, Bistros und sogar Paare mit Kindern an. Die Derriere-garde holt auf; die Avantgarde fällt ihren eigenen Lockungen zum Opfer. Wenn Rodolfos Galeriefreund Marcello aus Puccinis La Boheme heute Vernissage hätte, würde Absolut das Catering besorgen."

Weitere Artikel: Jonathan Mahler stellt New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und dessen Visionen für Lower Manhattan vor, das künftig wieder mehr von Menschen als vom Geld regiert werden soll. Im Interview mit Deborah Solomon erklärt der Star-Gastronom Danny Meyer den Big Apple zur Restaurant-Hauptstadt der USA. Und wir lesen Auszüge aus Susan Sontags Tagebüchern: "NYC ist wie der Vatikan - ein Staat im Staat, mit enormer Macht und Reichtum, aber für sich."

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - New York Times

Im Magazin der New York Times bezweifelt Ann Hulbert, dass "private Diplomatie" für Amerikaner im Ausland ein probates Mittel ist, um das angeschlagene Image der USA aufzupolieren. Vom betont bescheidenen Auftreten nicht-arroganter, nicht-hässlicher Amerikaner hält sie wenig: "Vor lauter Selbstbeherrschung könnte uns entgehen, wie verwirrend eines anderen Landes eigene Mischung aus Unverschämtheit und glühendem Glauben, aus Offenheit und Missachtung, aus Rückständigkeit und Fortschrittlichkeit und internen Differenzen sein kann. Anzunehmen, wir seien der Hauptgrund für die Identitätskrisen anderer, ist genauso narzisstisch, wie zu glauben, wir allein hätten die Lösungen. Die schmerzhafte und befreiende Wahrheit ist: So wichtig sind wir gar nicht."

Außerdem: Lynn Hirschberg porträtiert die talentierte Charakterdarstellerin Vera Farmiga, für die Hollywood erst noch ein paar anspruchsvolle Rollen schreiben muss. James Traub denkt über Chinas neues Selbstbewusstsein auf dem UN-Parkett nach. Und im Interview mit Deborah Solomon spricht die Frauenrechtlerin Gloria Steinem über ihr neues Projekt eines "all-female" Talkradios mit Jane Fonda.

Zum fünften Jahrestag von 9/11 bespricht die New York Times Book Review Bücher, die sich dem Schrecken auf subtile Weise nähern. So beschreibt Garrison Keillor "Watching the World Change", David Friends Buch über die Geschichten hinter den Fotos, die wir alle kennen, als wichtigen Beitrag zur Wahrheitsfindung: "Fotos können die Fehler der Geheimdienste oder der Stadt New York bei der Koordination der Einsatzkräfte oder bei der Konstruktion des WTC nicht beschreiben. Wenn die Bilder allgemeingültig werden, braucht es Worte, um die Wirklichkeit zu sehen." Hier ein Audiointerview mit dem Autor.

Jonathan Mahler ist da anderer Meinung. Beim Durchsehen des Bildbands "Aftermath" (Leseprobe) von Joel Meyerowitz, der die Aufräumarbeiten auf Ground Zero mit einer antiken Großformatkamera dokumentiert hat, überlässt er sich der Suggestion der Bilder: "Man sieht diese Leute den Schmerz der ganzen Nation schultern, während sie die Trümmer wegschaffen. Der Effekt ist dennoch erhebend. Sie erobern den Ort zurück und geben ihm eine Zukunft."

Weitere Artikel: Gary Giddins gefällt an Simon Callows Biografie über Orson Welles, dass sie das Genie nicht fallen lässt. Und Richard Brookhiser staunt über die geistreichen Randbemerkungen, die der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, John Adams, in den 3700 Büchern seiner Bibliothek hinterlassen hat.

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - New York Times

Alaa Al Aswanys Roman "The Yacoubian Building" (Leseprobe), ein Gesellschaftsporträt des heutigen Kairo, ist in Ägypten ein Bestseller. Die Verfilmung rief die Zensur auf den Plan, und Lorraine Adams weiß auch, warum: "Das Buch wurde gefeiert wegen seiner tabubrechenden Beschreibung von Homosexualität. Aber schwule Protagonisten gab es schon in den Romanen von Machfus und in ägyptischen Filmen. Was den Erotizismus von Aswanys Roman so provozierend macht, ist vielleicht eher die Art wie er, vergleichbar mit Milan Kunderas 'Buch vom Lachen und Vergessen' die staatliche Tyrannei durch sexuelle Lust und Verzweiflung spiegelt. Aber wo Kundera eine selbstreflexive Erzählform sucht, die das Wesen der Literatur in Frage stellt, ist Aswany (der sein Geld als Zahnarzt verdient) ein sozialer Realist."

Der Fall von John Robert Lennons Roman "Happyland" lässt Rachel Donadio am Mumm der Verlage zweifeln. Lennons Buch über die Allmachtsfantasien einer millionenschweren Puppenfabrikantin wurde von mehreren Verlagen abgelehnt. Grund: Die Hauptfigur hat ein reales Vorbild. Unverständlich, meint Donadio: Nicht nur sei's "selten, dass eine nicht-öffentliche Figur eine solchen Fall gewinnt", die hier Betroffene habe gar keine Lust zu klagen. "Happyland" erscheint nun als Fortsetzungsgeschichte in Harper's Magazine.

Weitere Artikel: Meghan O?Rourke lobt Claire Messuds "The Emperor?s Children" (Leseprobe) als gänzlich unamerikanischen Roman über Amerika. Wyatt Mason vergleicht den zweiten (Leseprobe "Voyage Along the Horizon") mit dem jüngsten ("Your Face Tomorrow") Roman von Javier Marias. Und Adrian Desmond riecht den Bekehrungseifer in David Quammens Darwin-Biografie "The Reluctant Mr. Darwin": Hallo Kreationisten!

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - New York Times

Robert Macfarlane hat die undankbare Aufgabe, einen "außerordentlich schlechten" neuen Roman von Irvine Welsh zu besprechen. "The Bedroom Secrets of the Master Chefs", eine Schmuddeladaption von Wildes "Bildnis des Dorian Gray" mit zwei subalternen Restaurantinspektoren in den Hauptrollen, haut mit Wucht in jede Kerbe des schlechten Geschmacks: Tautologien, unreine Metaphern, Fehler ("der Gebrauch des Wortes 'sorgfältig', wo 'vorsichtig' gemeint ist") und verunglückte Doppeldeutigkeiten (Welsh beschreibe die Erektion einer Figur als "sich durch das Material der Hose bohrend", was nahelege, dass der Mann einen ungewöhnlich spitzen Penis habe). Macfarlane kann die Knaller gar nicht alle aufzählen. Klischees ohne Ende, billige Bildlichkeit und, was das Schlimmste ist: "Welsh kann nicht mal richtig übers Trinken schreiben."

Weitere Artikel: Caroline Weber schlüpft in James Sullivans "faszinierende" Kulturgeschichte der Jeans. Terrence Rafferty findet Richard Pevears Neuübertragung von Alexandre Dumas' "The Three Musketeers" so toll, weil sie die Grellheit des Originals bewahrt. Und in einem Essay vergibt Rachel Donadio Sterne für Künstler-Camps in den USA; Kategorien: Arbeit und Sex.

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - New York Times

Online lesen dürfen wir schon Michael Youngs höchst informatives Hintergrundstück über das vertrackte politische und konfessionelle System der libanesischen Demokratie, das eigentlich erst in der nächsten Woche im Magazin der New York Times erscheinen soll. Ausführlich beschreibt Young die vergeblichen Versuche der libanesischen Politik, die Hisbollah einzubinden und straft alle israelischen Hoffnungen eine Illusion, die Miliz zu schwächen. "Die große Angst vieler Libanesen ist, dass das Land weder mit einem Sieg der Hisbollah gegen Israel fertig werden würde noch mit ihrer Niederlage. Wenn die Hisbollah diesen Krieg als politische und militärische Organisation einfach nur übersteht, kann sie den Sieg für sich beanspruchen. Das Ergebnis könnte ein größerer Einfluss der Partei auf das politische System sein, dank ihrer Waffenstärke und ihrer Macht über die libanesische Armee, die auf einer erheblichen schiitischen Basis ruht. Dies wiederum würde zu einer Festigung des iranischen und der Wiederherstellung des syrischen Einflusses führen. Eine Niederlage der Hisbollah dagegen, würde von den Schiiten als Niederlage ihrer Gemeinschaft insgesamt angesehen werden und das System bedeutend schwächen."

Weiteres: Übernommen wurde Bernard-Henri Levys Bericht über seine Reise in die Kampfzonen Israels. (Hier die deutsche Übersetzung in der Welt, hier das französische Original in Le Monde). Lynn Hirschberg stellt den 29-jährigen belgischen Modedesigner Olivier Theyskens vor, der nach einer Blitzkarriere arbeitslos wurde, weil er mehr Talent als Selbstvermarktungsgeschick besitzt. Und im Interview mit Deborah Solomon spricht die Mitherausgeberin des Bitch magazine Andi Zeisler über Feminismus in postfeministischen Zeiten.

In der Book Review:  Einen Thriller nennt Dexter Filkins Lawrence Wrights Buch über die Vorgeschichte zu 9/11 (Leseprobe "The Looming Tower"). Wright erwecke ein Personal zum Leben (bin Laden, al-Zawahiri oder den F.B.I.-Terrorexperten O'Neill), von dem Krimiautoren träumen, dokumentiere Unmengen Tonmaterial und lege die Wurzeln islamischer Militanz und die Fehler der Geheimdienste offen. Der Thrill hat aber noch einen Grund: "So erstaunlich diese Geschichte für sich ist, sie ist noch nicht zu Ende."

Sie lesen immer zwei, drei Bücher auf einmal? Joe Queenan liest 25, und er ahnt, warum: "Erst dachte ich, ich sei auf der Suche nach dem richtigen Buch. Falsch. Jedes dieser Bücher ist das richtige. Sie sind alle so gut, dass ich mir Zeit nehme; die schlechten habe ich in ein paar Stunden durch."

Weitere Artikel: Rachel Donadio hält Alexander Stilles Buch "The Sack of Rome" über Berlusconis Italien für eine klare Analyse mit wenigen, verzeihlichen Romantizismen. Und Nick Tosches findet, Alessandro Bariccos Nacherzählung der Ilias (Leseprobe "An Iliad") sei eine Schande.

Magazinrundschau vom 01.08.2006 - New York Times

Noah Feldman stellt zwei neue Bücher vor, die sich der Frage widmen, wie Amerika das Thema "Irak" in den Griff bekommen könnte: "The End of Iraq" (Leseprobe) von Peter W. Galbraith und Fouad Ajamis "The Foreigner's Gift" (Leseprobe). Insbesondere in Galbraiths bereits von führenden US-Demokraten werbewirksam übernommenen Vorschlag eines zweigeteilten Iraks und eines unabhängigen Kurdistans sieht Feldman ein traditionsreiches, "sich in Byrons Liebe zu Griechenland, wie in T. E. Lawrences arabischem Nationalismus widerspiegelndes" Problem: "Auch wenn die Kurden einen Anspruch auf Selbstbestimmung haben, sollte es doch ihnen selbst überlassen bleiben, mehr Autonomie zu fordern als sie gegenwärtig genießen."

Vor zwei Jahren veröffentlichte Chris Anderson seinen Aufsehen erregenden Essay "The Long Tail", in dem er all den bisher unverkäuflichen Backlist-Büchern dank des Online-Handels einen neuen Markt versprach. Denn im Gegensatz zum Einzelhandel ist der Internet-Handel nicht an Quadratmeter gebunden und muss sich nicht auf Bestseller beschränken. Nun hat er seine Theorie zu einem Buch ausgearbeitet, Rachel Donaldio aber immer noch nicht überzeugt. Denn Andersons Theorie ignoriert völlig, so schreibt sie, dass es sich die Verlage nicht mehr leisten können, schlecht verkäufliche Backlists in Druck zu halten: "So weit erkennbar profitieren in dem 'Long Tail'-Szenario nicht die Verleger, sondern die Online-Händler und die Datenbanken."

Weiteres: Will Blythe bespricht das wahrscheinlich eintausendste Buch von T. C. Boyle : "Talk Talk" - ein Thriller! Jim Holt vermisst die griffige These in Deirdre N. McCloskeys Wälzer über Kapitalismus und Moral (Leseprobe "The Bourgeois Virtues"). In einem Essay erklärt Rachel Donadio, was eine Backlist ist und wer davon profitiert.

Im Magazin der New York Times untersucht Rob Walker, wie rebellische Jugend sich heute artikuliert. Nicht zynisch, sondern optimistisch, pragmatisch. Nicht in Kunst oder Musik, sondern als Marke. Strikt nicht-utilitaristisch versteht sich, in der Welt der 1000 Gegenkulturen: "Wenn der Tanz zwischen Subkultur und Mainstream von Kompromissen lebt und jede neue Boheme unternehmerischer ist als die vorherige, ist eine auf Produkten basierende Gegenkultur vielleicht unausweichlich. Vielleicht bedeutet Subkultur, seinen Lebensstil zum Geschäft zu machen, und der alte Gegensatz ist schlicht ungültig."

Außerdem befragt Deborah Solomon den israelischen Schriftsteller A. B. Yehoshua über sein Leben in Haifa. Und Heidi Levine und Stephanie Sinclair fotografieren die gepeinigten Menschen im Libanon und in Israel.

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - New York Times

David Margolick hat "Fear: Anti-Semitism in Poland after Auschwitz" (Leseprobe) von Jan T. Gross (mehr) gelesen und stimmt Jan Karskis Urteil von 1940 zu, wonach der Antisemitismus der Nazis "eine Art Brücke bildete, auf der sich die Deutschen und ein großer Teil der polnischen Gesellschaft in Harmonie traf". Doch wie kam es, dass der polnische Antisemitismus nach dem Krieg ungebrochen weiter lebte? "Gross glaubt, die Polen hätten sich schuldig gefühlt: Sie waren so sehr in die jüdische Tragödie verwickelt - (den Nazis) helfend, begünstigend, enteignend - dass der bloße Anblick dieser Wracks, die überlebt hatten, dieser Leute, die das schmutzige Geheimnis der Polen kannten und die ihren Besitz zurückforderten, einfach zu viel für sie war. Darum ermordeten sie die Juden oder verjagten sie." Über diese Theorie kann man streiten, meint Margolick, aber ihm ist das "warum" ohnehin nicht so wichtig wie die Tatsache "dass". Die polnischen Pogrome nach 1945 dokumentiert und erinnert zu haben, ist für ihn das größte Verdienst von Jan T. Gross.

Weitere Artikel: Ben Macintyre empfiehlt aufgeklärten Lesern Pankaj Mishras Buch über Indien, Pakistan und Afghanistan im Strudel der Modernität (Leseprobe "Temptations of the West"). Liesl Schillinger bespricht zwei Romane des literarischen Senkrechtstarters Will Clarke: "Lord Vishnu?s Love Handles" und "The Worthy" (Leseprobe). Und Henry Alford widmet sich in einem Essay der ungemein spannenden Frage: Lesen wir auf dem Klo, weil hier Zeit und Ruhe ist oder weil es "ein symbolischer Akt des Ersetzens dessen ist, um das wir uns erleichtern"? Alford weiß es genau: "Wie die Erstausgaben von Noam Chomsky, die wie zufällig die alten Nummern des Lifestyle-Magazins verdecken, wenn Gäste kommen, so sind die Bücher auf dem Klo genau diejenigen, die der Gast sehen soll."

Im Magazin der New York Times sucht John Hodgman das Erfolgsrezept des asiatischen Horrorfilms. Im Interview mit Deborah Solomon erzählt der Ex-Microsoftler und jetzige Vollzeitphilanthrop John Wood über sein Alphabetisierungsprojekt. Stephen Mihm verfolgt die Spur der weltbesten Geldfälscher und landet bei der nordkoreanischen Regierung. Und Walter Kirn empfiehlt die lässige Atmo der neuen, direkt fliegenden "microjets": "5, 6 Leute zusammen wie bei einer Dinnerparty; Zeit zum Schwatzen und Flirten ... Diese erhabene Gemeinschaft. Dieser erregende Luxus. Fliegen wie ein Vogel. Im Schwarm."