
"Die Charaktere geniessen unsere Aufmerksamkeit, aber nicht unsere Sympathie." Distanziert interessiert könnte man Kathryn Harrisons
Haltung zu
"The Stranger at the Palazzo d'Oro" (
erstes Kapitel) nennen, dem 25. Buch von
Paul Theroux (
mehr). Vier Geschichten, in denen die Protagonisten um Lust,
Verführung und Verderben kreisen. "Die untreue Hausfrau, die Mittag-Sex mit dem Milchmann hat; der Priester, der kleine Kinder bezahlt, damit sie ihn berühren; die
behaarte Nonne, die eine versteckte Sadistin ist; der reiche Mann, der stirbt, indem er sich mit seiner
Hermes-Krawatte an dem Türgriff seines
Lexus aufhängt (...) Jeder von ihnen verschafft dem Leser ein Stück
festes Terrain in einer Erzähllandschaft, in der er sonst stolpern könnte."
"Literary Occasions", eine Auswahl kritischer Essays von
N.S. Naipaul (
mehr) der vergangenen 40 Jahre hat Lynn Freed großes Vergnügen
bereitet. "Hinter dem Werk - als eine Art Treibstoff - steckt etwas was man
Wut nennen könnte. Es ist die Art Impuls, die Art von bedingungslosem Drang, mit der Sprache zur
Wahrheit durchzudringen."
In ihrer wunderbaren Last-Word-Kolumne
denkt Laura Miller diesmal über die berüchtigte
Schreibblockade und ihre weniger bekannte Schwester
Hypergraphia (Schreibzwang) nach. Eine Kur hat sie auch schon, zumindest fürs Erstere. "Denken Sie sich ein grandioses, langfristiges,
weltveränderndes Projekt aus wie den guten alten 'Großen Amerikanischen Roman'". Und schon wird alles Andere ein Kinderspiel.
Aus den weiteren Besprechungen: Auf den Titel hat es
Anne Tyler (
mehr) mit
"The Amateur Marriage" (
erstes Kapitel) geschafft. William Pritchard
hält den Roman, in dem Tyler das Auf- und Ab eines Paares von 1941 bis 2001 verfolgt, für ihr "bisher ehrgeizigstes Werk". Stephen Orgel hat drei neue Bücher über
Shakespeare gelesen und ist
beeindruckt, wie alle Verfasser es schaffen, dem bekannten Sujet noch etwas Originelles abzugewinnen. Etwas undurchsichtig
urteilt James Traub über
William Shawcross' polemische Rechtfertigung für den aggressiven außenpolitischen Kurs der USA.
"Allies" sei ein wichtiges Buch, nicht so sehr wegen dessen, was der eigentlich
liberale Internationalist Shawcross das so geschrieben habe, "sondern dass er es überhaupt geschrieben hat".
Außerdem in dieser inhaltsreichen Ausgabe ein
Porträt über
Franco Moretti: Der Professor für vergleichende Literaturwissenschaft
in Stanford scheint ein wenig der
Mann der Stunde zu sein. In Italien bringt er eine fünfbändige
neuartige Enzyklopädie des Romans heraus (die
FAZ berichtete
neulich). In den USA und Britannien macht er durch ein dezidiertes Plädoyer für
quantitative Methoden in der Literaturwissenschaft von sich reden, das er in der
New Left Review veröffentlichte (mehr
hier und
hier).
Im
New York Times Magazine porträtiert Peter Maass den offensichtlich brillantesten neuen Kopf der
Kriegsforschung, Major
John Nagl, selbst Veteran des ersten Golfkriegs, der dann in Oxford studierte und sich auf das jetzt im Irak so aktuelle Thema des
Counterinsurgency spezialisierte. (Zwei Essays von Nagl
hier.
Hier sein Buch.)