Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 15.03.2004 - New York Times

Die interessantesten Artikel stehen diesmal nicht in der Book Review, sondern im New York Times Magazine. Michael Ignatieff begründet in einem Essay noch einmal, warum er für den Irak-Krieg war und kritisiert die Kriegsgegner: Natürlich "hat ein Regimewechsel erhebliche Kosten - tote Irakis, tote Amerikaner, die Spaltung zwischen Amerika und vielen seiner Allierten sowie den Vereinten Nationen. Ich könnte jeden respektieren, der sagt: Diese Kosten sind einfach zu hoch. Was ich schwieriger zu respektieren fand, war, wie gleichgültig meine Antikriegsfreunde gegenüber den Kosten waren, die durch einen Verbleib Saddam Husseins an der Macht entstanden wären. Diese Kosten - die entstanden wären, wenn wir 'richtig' gehandelt hätten - wären alleine von den Irakis getragen worden."

Weiteres: Jennifer Senior führt die groß angelegte Reihe über Störenfriede im Haus Saud mit dem Anwalt Ron Motley fort, der prominente Saudis wegen Mithilfe zum Terror vor Gericht bringen will. Ein Special über Männermode präsentiert unter anderem einen Artikel von Cathy Horn, die die Schauen von John Galliano (Video) und Hedi Slimane (Bilder) vergleicht. Und Lynn Hirschberg verabschiedet Gucci.

Die New York Times Book Review: Jayson Blair ist berüchtigt. Der 27-Jährige stürzte die New York Times in eine ihrer schwersten Krisen. Vier Jahre lang konnte er gefälschte und abgekupferte Artikel in einem der renommiertesten Blätter der Welt veröffentlichen, bis er endlich aufflog (hier der Abschlussbericht der internen Untersuchungskommission, mit allen in Frage kommenden Artikeln). "Burning Down My Master's House" hat er seine Bekenntnisse betitelt, und mit der Anerkennung für den treffenden Titel endet auch das Lob, das Jack Shafer für seinen geschassten und "fabulierenden" Ex-Kollegen übrig hat. "Reue ist ein Gericht, dass in diesen Memoiren überhaupt nicht serviert wird. Er hätte gestehen können, aber alles, was er zustande bringt, sind Entschuldigungen. Er macht seine manische Depression für sein Verhalten verantwortlich."

Weitere Artikel: Will Blythe empfiehlt "Little Children" (erstes Kapitel), Tom Perottas "außergewöhnlichen Roman über Ehebruch und Kindserziehung in den Weiten der amerikanischen Vorstadt. "Was ist Perotta Anderes als ein amerikanischer Tschechow, dessen Charaktere sogar in ihrem lächerlichsten Moment von einer leuchtenden humanen Aura gesegnet und erhöht werden?" A.O. Scott lobt Chang-rae Lee, der in "Aloft" (erstes Kapitel hier, eine Lesung zum Anhören hier) das Genre des Vorstadtromans mit der Einwanderererzählung verbindet. Immerhin "sympathisch" findet Brooke Allen schließlich Jeffrey Myers kompakte Biografie (erstes Kapitel) des glamourösen Schriftstellers Somerset Maugham.

Magazinrundschau vom 08.03.2004 - New York Times

3299 Seiten, 20 Jahre Arbeitszeit. William T. Vollmann (mehr) präsentiert "Rising Up and Rising Down", ein Monster von Buch, das nicht weniger sein soll als eine erschöpfende Analyse der Gewalt. "Ein seltsames Buch", meint Scott McLemee, "rigoros wie die euklidische Geometrie, und doch verschlungen wie eine Bretzel." Vollmann möchte Formeln entwickeln, die bestimmen, wann Gewalt legitim ist. Der Rezensent glaubt, er hat sich damit übernommen. "Manchmal verbinden sich die narrativen und theoretischen Erzählstränge und der Autor scheint kurz davor, sein Material zu synthetisieren... Aber solche Passagen werden schnell von der Flut an Logorrhöe weggespült." Keine Einzelperson wisse wohl mehr über Gewalt als der obsessive Vollmann, konstatiert der Rezensent schließlich, aber im Endeffekt sei diese Studie vor allem "ein beachtenswertes Beispiel des Buchs als Möbelstück".

Als "Südafrikas einzigen tragikkomischen Roman von Weltformat" preist Rob Nixon Marlene van Niekerks Debüt "triomf", das zehn Jahre nach seinem Erscheinen nun ins Englische übertragen wurde. Die inzestuöse weiße Benades-Familie will vor der Demokratie in den Norden fliehen, falls die ersten Wahlen im Jahr 1993 an die Schwarzen gehen. Niekerk zeige uns "Menschen, deren Voreingenommenheit und leichthändige Brutalität sich mit wachsender Zärtlichkeit und Liebe zu vermischen beginnen, wie das im Leben oft geschieht. Die Benades sind Geschichte, aber sie sind auch eine der unterhaltsamsten Familien der Gegenwartsliteratur."

Interessiert besprochen werden auch Sarah Dunants Renaissance-Roman "The Birth of Venus" (erstes Kapitel) über die Liebe zu Botticelli und den Klatsch als historische Kraft, Graham Robbs "Strangers", eine Untersuchung über die überraschend weit verbreitete Homosexualität im 19. Jahrhundert sowie Paul Baileys "Uncle Rudolf", eine Erzählung des "Herrn der Briefe" über das Gefühl, am falschen Platz zu sein.

Das New York Times Magazine startet eine Serie von Elizabeth Rubin über "Eindringlinge in das Haus Saud". Im ersten Teil liefert sie ein großartiges Porträt von Mansour al-Nogaidan, der sich vom fanatischen Islamisten in einen Liberalen verwandelte.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - New York Times

Alma Guillermoprieto hat sechs Monate lang versucht, jungen Kubanern modernen Tanz beizubringen. Zum Glück für uns ist Guillermoprieto nicht nur Tanzlehrerin, sondern auch eine wundervolle Beobachterin, frohlockt Katha Pollitt, die von der Menschlichkeit, dem schlauen Humor und der Neugier der Autorin sehr beeindruckt ist. So werde "Dancing With Cuba" zu einem lesenswerten Porträt von Castros Reich. "Die Kunstakademie ist so arm, dass nicht einmal Essen, Kleidung oder Spiegel für die Tanzstudios gestellt werden können. Moderner Tanz ist das Letzte, woran die meisten Kubaner denken. Die ganze Insel ist eingenommen von den übermenschlichen Anstrengungen, die die Zafra verlangt - die zehn Millionen Tonnen schwere Zuckerernte."

Weitere Artikel: Sehr genossen hat Claire Dederer die Lektüre von Lucy Ellmanns Roman "Dot in the Universe". Ellmanns Geschichte über die völlig sinnlose Existenz der Ehefrau Dot, die erst beendet und dann wieder neu begonnen werden muss, kommt der Rezensentin vor wie einer dieser "verrückten, fulminanten Briefe mit vielen Großbuchstaben und leidenschaftlich durchgestrichenen Phrasen und ungebührlichen Ausrufezeichen". Hier kann der Autorin beim Lesen aus ihrem Buch zugehört werden. Daphne Merkin empfiehlt außerdem Lucasta Millers "großartiges" Porträt der Bronte Schwestern. Hingewiesen sei zudem auf Lenora Todaros respektvolle Besprechung von "The Swallows of Kabul", der dritte Roman des algerischen Ex-Offiziers Mohammed Moulessehoul alias Yasmina Khadra, der sich mit der Taubheit beschäftigt, die auf die Gewalt folgt.

Im New York Times Magazine beschreibt Fernanda Eberstadt den wachsenden Antisemitismus in Frankfreich: "Die meisten europäischen Intellektuellen bestehen auf der Unterscheidung zwischen selbst der schärfsten Kritik an Israel und Antisemitismus. In jüngster Zeit allerdings wurde diese Unterscheidung unscharf. Bei Demonstrationen im Mai 2002, die von den wichtigsten antirassistischen Organisationen in Frankreich organisiert wurden, brüllten die Demonstranten antisemitische Slogans und versuchten vorbeigehende Passanten zu attackieren, die sie für Juden hielten. Linke Veteranen wie Stora, die sich und ihre Kinder mit einem neuen und sehr realen Antisemitismus konfrontiert sehen, fühlen sich von ihren früheren Kameraden verraten: 'Ich war 15 Jahre lang Mitglied der trotzkistischen LCR. Wir kämpften für die Rechte der Frauen, der Homosexuellen, der Immigranten. In den Achtzigern waren wir an der Spitze der Antirassismus-Bewegung' ... Mit bitterem Humor fasst Stora die Veränderung in der französischen Linken vom Antiklerikalismus Zolas bis zur heutigen Sympathie für die Islamisten: 'Die Väter und Großväter fraßen die Priester, die Söhne kämpfen für das Kopftuch.'"

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - New York Times

Es ist Wahlkampf in den USA, und auch die Literaturredaktion der York Times trägt ihr Scherflein dazu bei. Stolze acht Bücher stellt Ethan Bronner im Aufmacher vor, alle kritisieren die Missachtung der Bürgerrechte wie der Privatsphäre nach dem 11. September. "Die meisten legen den Schwerpunkt auf die Gesetzesänderungen, die Bush-Regierung und Kongresses im Namen der Terrorbekämpfung durchgesetzt haben. Die Autoren behaupten, dass die Änderungen die Sicherheitslage nur wenig oder gar nicht verbessern und eher dem Machtzuwachs einer paranoiden, machthungrigen Regierung dienen. Dies sind ernstzunehmende und zunehmend bekannte Vorwürfe, und es ist hilfreich, sie einmal etwas ausführlicher zu diskutieren und sie historisch einzuordnen, wie es die besten der vorgestellten Bücher auch tun. Der zweite Problemkreis, der in diesen Büchern angesprochen wird, geht über die Bürgerrechte hinaus und geht dem auf den Grund, was wir heute unter Privatsphäre verstehen."

Charles Taylor nutzt die Besprechung von Ian Rankins neuem Krimi "Question of Blood" (erstes Kapitel), um die neue schottische Schriftsteller-Generation um Val McDermid, Denise Mina und Louise Welsh zu preisen, die "dieses Genre gerade am stärksten prägen und voranbringen". Ranking selbst steche durch seine Realitätsnähe heraus, etwa in der Beschreibung der Polizeiarbeit, am meisten beeindruckt hat Taylor aber, dass der Autor "uns am Schluss mit einem größeren Rätsel zurücklässt als zu Beginn des Buches".

"Ich kann mir nicht helfen", stöhnt Michel Tomasky über Douglas Brinkleys "Tour of Duty" (erstes Kapitel), aber das schnellgeschriebene Buch über John Kerry und den Vietnam-Krieg "scheint mir weniger eine historische Arbeit zu sein als eine Wahlempfehlung für Präsident Kerry". Sharon Waxman kann Peter Biskinds "Down and Dirty Pictures" (erstes Kapitel) über Harvey Weinstein, Sundance und das unabhängige Kino nur bedingt empfehlen, aber immerhin sei Biskind einer der Wenigen, die Hollywoods Entertainment-Industrie zumindest mit einem Minimum an Ernsthaftigkeit zu interpretieren versuchen. Und Laura Miller lüftet in einem informativen Letzten Wort den großen Betrug rund um den Da-Vinci-Code, mit dessen verführerischer Plausibilität sich Dan Brown gerade eine goldene Nase verdient.

Hingewiesen sie außerdem auf das New York Times Magazine und Deborah Solomons großes Porträt von Roy Disney, dem lange stillen Neffen von Walt Disney, der jetzt zu einem Kreuzzug aufgebrochen ist, um das Imperium wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Magazinrundschau vom 16.02.2004 - New York Times

Ein Comicgefühl hat Jonathan Mahler bei der Lektüre von Colin Harrisons neuem Roman "Havana Room" (erstes Kapitel) beschlichen, und das "im besten Sinne des Wortes". Mahler feiert die Kombination aus "schnellem Geschehen und grafischer Bildsprache" überschwänglich als "Technicolor noir". Die Handlung ist schnell erzählt: Das Lebens des Anwalts Bill Wyeth wird von einem mächtigen Investmentbanker zu Grunde gerichtet, der sich für den Tod seinens Sohnes auf einer Party von Wyeths Sohn rächt. "Am Boden zerstört trifft Wyeth Allison, auch für den gelegentlichen Noir-Leser als Frau in Not erkennbar, die unseren zögerlichen Helden erst um Hilfe bitten und dann fortfahren wird, sein Leben sehr, sehr kompliziert zu machen". Wyeth verspricht ihr zu helfen, wenn sie verspricht, ihn in den Havana Room einzuführen, "eine Privatbar, in der ein unbekanntes Ritual abgehalten wird".

In ihrer Kolumne fragt sich Margo Jefferson auf gewohnt lesenswerte Weise, warum die Hautfarbe eine so starke Bedeutung erlangen konnte. Sie empfiehlt zu den Fragen über Visualität und Rassismus den ausgezeichneten Katalog zur New Yorker Ausstellung "Only Skin Deep" (mehr), in der die Fotografie der vergangenen zweihundert Jahre in Bezug auf ihren rassistischen Gehalt untersucht wurde. Jefferson ist nicht nur von den gezeigten Bildern, sondern auch von den intellektuell umfassenden Essays des Bandes angetan. "Was wir da lesen, ändert unsere Art des Sehens."

Weiteres: "Die arbeitenden Armen, das sind in Wahrheit wir", weiß Ron Suskind nun, nachdem er David K.Shiplers (Audio-Interview) ergreifende wie komplexe Reportage "The Working Poor" über die 35 Millionen Armen Amerikas gelesen hat, von denen die meisten überraschenderweise einen Job haben. Und Adam Cohen stellt zwei Bücher über Larry Ellison vor, den ego- und exzentrischen Gründer des Software-Giganten Oracle. Hier das erste Kapitel von "Softwar" und hier die ersten Seiten von "Everyone else Must Fail".

Magazinrundschau vom 09.02.2004 - New York Times

Lisa Zeidner empfiehlt uns wärmstens, doch Debra Weinsteins "köstlich gemeinen" Erstlingsroman "Apprentice to the Flower Poet Z" (erstes Kapitel) zu lesen. Eine Literaturstudentin ist ihrer Professorin und Lieblingsdichterin restlos verfallen, bis sie merkt, dass sie einer kaltblütigen Betrügerin aufgesessen ist. Elizabeth Bovardine ist eine anerkannte Professorin für kreatives Schreiben, bekannt für ihre berührend originellen, leicht feministischen Gedichte. Die Erzählerin hilft Bovardine bei der Recherche und schließlich bei der Erstellung der Stücke. Besonders gut ist das Buch laut Zeidner in der Darstellung der "Heimtücke und des Konkurrenzgehabes" unter ausgewiesen feministischen Lyrikerinnen. Und "Weinstein hat offensichtlich Zeit in Lyrik-Workshops verbracht; ihr Roman fängt sowohl den Kauderwelsch als auch die komische Schwere dieser Veranstaltungen ein."

Weitere Besprechungen: Fareed Zakaria hat David Frums (mehr) und Richard Perles (mehr) neokonservatives Manifest "An End to Evil" (erstes Kapitel) nur wegen der hochkalibrigen Autoren gelesen, und ist auch nach der Lektüre keineswegs überzeugt, dass Amerika die Welt ändern muss. Jonathan Rieder stellt drei neue Bücher über Martin Luther King vor (Bilder vom Propheten der Bürgerrechtsbewegung). Gary Krist bemängelt an Andrew Sean Greers "The Confessions of Max Tivoli" (erstes Kapitel) zwar stilistische Exzesse und andere technische Probleme", empfiehlt es aber wegen der "emotionalen Ehrlichkeit" des Protagonisten trotzdem. Der hat zumindest ein interessantes Problem: Er wird immer jünger.

Das New York Times Magazine liegt mal wieder ganz weit vor und bringt diesmal eine lange Reportage über jugendliche Viren-Schreiber. Clive Thompson hat eine ganze Reihe getroffen (sehen Sie sich mal die Fotos an!). Die meisten leben übrigens in Europa.

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - New York Times

Eine große Zukunft sagt Dwight Garner dem "Fountain at the Center of the World" (erstes Kapitel) voraus. Es würde mich tatsächlich nicht wundern wenn Robert Newmans Buch zu einer Art "Catch 22" (mehr) der Antiglobalisierungsbewegung werden würde", schreibt Garner. "Es liest sich so, als wäre Tom Wolfe (mehr) in den Kopf von Noam Chomsky (mehr) eingestiegen - elegant und wütend verbrennt es eine ganze menge Erde."
Und auch Richard Eder kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. "Großartig, komisch und menschlich unerbittlich" schildere A. B. Yehoshua in "The Liberated Bride" (erstes Kapitel) die "brillante und verwunderliche" Reise eines israelischen Professors auf einen anderen nahen Planeten: die Welt seiner arabischen Studenten. Was den Roman so bemerkenswert mache, ist die einfache aber erstaunliche Beobachtung des Autoren. "Selten sind nicht die Fälle, in denen Juden Arabern helfen, selten ist dagegen, dass sich jemand helfen lässt."

Weitere Besprechungen: Der Ton ist alles in Elmore Leonards (mehr) vierzigstem Buch, konstatiert Ann Beattie, und natürlich ist "Mr. Paradise" (erstes Kapitel) wieder ein Krimi. Ironisch gehalten, aber mit ernsten Themen: Moral, Verantwortung, die Fehler der Geschichte. Und der brillanten Feststellung, dass "es oft dumme Leute sind, die über den Ausgang wichtiger Vorgänge entscheiden". Für bedeutsam hält James K. Galbraith David Cay Johnstons Untersuchung des amerikanischen Steuersystems, "Perfectly Legal" (erstes Kapitel). Und David Gates gratuliert Ezra Pound (mehr auf einer ertragreichen japanischen Seite). Mit der voluminösen Ausgabe seiner frühen Gedichte und Übersetzungen sei er endlich da angelangt, wo er schon längst hingehöre: an die Seite von Poe, Emerson, Frost und Stevens. Diesen Platz hat er sich auch mit Übersetzungen chinesischer Lyrik verdient. Zum besseren Verständnis ein Beispiel aus ''The River-Merchant's Wife: A Letter'': ''The paired butterflies are already yellow with August / Over the grass in the West garden, / They hurt me."

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - New York Times

Auf eine beachtliche "Bibliothek der Verdammung" ist George Schmemann gestoßen, als er nach amerikanischen Büchern gesucht hat, die sich (wie das Mutterblatt) kritisch mit der Bush-Regierung auseinandersetzen. In einer Mammutrezension stellt er die sieben besten vor, sein Liebling ist "America Unbound" (erstes Kapitel) von Ivo H. Daalder und James M. Lindsay (ein Interview zum Anhören), deren einwandfrei belegte These lautet, dass George Bush eben nicht die Schießbudenfigur der Cartoonisten ist, sondern der Puppenspieler selbst." Besonderes Lob findet auch "The Bubble of Supremacy" (erstes Kapitel) des vormals berüchtigten Finanzspekulanten George Soros (Selbstdarstellung), der Bushs Wiederwahl "mit allen Mitteln" verhindern will und nun in seinem Werk "überlegt und didaktisch gekonnt darlegt, wie die Regierung den 11. September für ihren radikalen Kurs instrumentalisiert."

Weitere Artikel: Endlich, seufzt Andrew Sullivan ob Irshad Manjis (Homepage) Suada "The Trouble With Islam", wird der islamische Fundamentalismus auch mal aus den eigenen Reihen attackiert. Allerdings warnt er die Autorin wegen ihrer unverblümten Art auch vor dem bevorstehenden Gegenangriff. Walter Kirn ist froh, dass David Denby (schreibt auch Kinokritiken für den New Yorker) kein erfolgreicher Börsenspekulant geworden ist, sonst hätte er nicht den Stoff für sein lesenswerten Erfahrungsbericht "American Sucker" (erstes Kapitel) gehabt. Kirn hat daraus einiges über die "Natur der Sünde" heutzutage gelernt. "Nicht unsere privaten Teile sind die größte Quelle für Ärger; es sind unsere Brieftaschen, die wir nicht in der Hose behalten können."

"Das amerikanische Copyright System wurde erfunden, um Innovationen zu fördern, heute wird es benutzt, um sie zu zermalmen." Im New York Times Magazine beschreibt Robert S. Boynton in einem langen Artikel die "Tyrannei des Copyrights". Streitfälle der jüngsten Zeit umfassten "Versuche, von den Girl Scouts Tantiemen für das Singen von Liedern am Lagerfeuer zu fordern bis zu dem Prozess, den die Nachlassverwalter von Margaret Mitchell gegen die Veröffentlichung von Alice Randalls Buch 'The Wind done gone' anstrengten (es erzählt die Geschichte von 'Vom Winde verweht' aus der Perspektive eines Sklaven) und den Versuchen von Celera Genomics, Patente auf menschliche Gene einzuklagen." Inzwischen hat sich eine Gegenbewegung gebildet, die sich "Copy Left" nennt und fordert, dass Copyright für intellektuelle und künstlerische Ideen auf eine kürzere Zeit zu beschränken (mehr hier, hier und hier). In Amerika sind diese Rechte in den letzten Jahrhunderte von 14 Jahren (1790) auf 70 bis 95 Jahre (heute) ausgedehnt worden.

Magazinrundschau vom 19.01.2004 - New York Times

John le Carre (zum Anhören) "ist ein alter Profi mit dem leidenschaftlichen Herzen eines Amateurs, weshalb er immer noch fähig ist, einen so seltsamen, unbeholfenen und packenden Roman wie 'Absolute Friends' (erstes Kapitel) zu schreiben, staunt Terrence Rafferty. Carre identifiziert sich mit seinem Held Ted Mundy, der einer Art Post-Kalter-Krieg-Tristesse verfallen ist, über den Irak-Krieg schäumt und ein letztes großes Projekt plant. "Ob es funktioniert? Nicht wirklich. Der heftige Sarkasmus auf den letzten Seiten des Buches fällt diesem Schriftsteller nicht leicht. Aber in gewisser Weise ist es das, was le Carre erreichen wollte ... die fröhliche Schläue zu unterlaufen, die besonders häufig Engländer und Thriller-Autoren zu befallen droht."

Warum wurde Time Warner damals an den schäbigen Internet-Provider AOL verkauft? Adam Liptak hat zwei Bücher darüber gelesen und weiß jetzt mehr, besonders dank Nina Munks "Fools Rush In", das "bislang beste" Werk zum Thema. "Munk verbindet Fallbeispiele mit lebendiger, klarer Schreibe und beweist überzeugend - nein, erschütternd, dass der Warner-Vorsitzende Gerald M. Levin (mehr) das Erbe des Gründers Henry Luce ruiniert hat, nur um sein Ego aufzupolieren."

Weiteres: Alles über Al Capone & Co erfährt man in Thomas Reppettos gescheiter wie solider Studie über die amerikanische Mafia, lobt Dan Barry. Reppetto ist auch vom Fach, als Präsident der Citizens Crime Commission von New York (gibt es in vielen Städten). James E. Young findet Eva Hoffmanns autobiografische Überlegungen (erstes Kapitel) zu den Nachwirkungen des Holocaust auf das Leben ihrer Altersgenossen bereichernd, und Stephanie Zacharek wischt sich gerührt eine Träne weg nach der Lektüre von Gavin Lamberts "elegischem, wehmütigen" Porträt (erstes Kapitel) der Schauspielerin Natalie Wood (Filmografie).

Im NY Times Magazine schreibt Michael Sokolove eine dieser wunderbaren langen Reportagen. Sie handelt von der Zukunft des Doping, die in Genmanipulation bestehen dürfte. In einem Laboratorium der Universität von Pennsylvania ist Sokolve dieser Zukunft schon angesichtig geworden - in Gestalt von Mighty Mice: "Ich hatte schon von diesen 'mächtigen Mäusen' gehört, aber ihr Anblick schockierte mich doch. Da waren sie in ein paar kleinen Käfigen, zusammen mit normalen Mäusen. Alle knabberten Trockenfutterkügelchen. Die 'mächtigen Mäuse' sahen aus wie ein anderes Tier. Sie waren wie Fleischrinder gebaut, mit dicken Nacken und kräftigen Lenden. Sie schienen in eine Art Maus-Rodeo zu gehören." Ein Bild dieser übrigens nicht ganz neuen Züchtung haben wir hier gefunden.

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - New York Times

"Die Charaktere geniessen unsere Aufmerksamkeit, aber nicht unsere Sympathie." Distanziert interessiert könnte man Kathryn Harrisons Haltung zu "The Stranger at the Palazzo d'Oro" (erstes Kapitel) nennen, dem 25. Buch von Paul Theroux (mehr). Vier Geschichten, in denen die Protagonisten um Lust, Verführung und Verderben kreisen. "Die untreue Hausfrau, die Mittag-Sex mit dem Milchmann hat; der Priester, der kleine Kinder bezahlt, damit sie ihn berühren; die behaarte Nonne, die eine versteckte Sadistin ist; der reiche Mann, der stirbt, indem er sich mit seiner Hermes-Krawatte an dem Türgriff seines Lexus aufhängt (...) Jeder von ihnen verschafft dem Leser ein Stück festes Terrain in einer Erzähllandschaft, in der er sonst stolpern könnte."

"Literary Occasions", eine Auswahl kritischer Essays von N.S. Naipaul (mehr) der vergangenen 40 Jahre hat Lynn Freed großes Vergnügen bereitet. "Hinter dem Werk - als eine Art Treibstoff - steckt etwas was man Wut nennen könnte. Es ist die Art Impuls, die Art von bedingungslosem Drang, mit der Sprache zur Wahrheit durchzudringen."

In ihrer wunderbaren Last-Word-Kolumne denkt Laura Miller diesmal über die berüchtigte Schreibblockade und ihre weniger bekannte Schwester Hypergraphia (Schreibzwang) nach. Eine Kur hat sie auch schon, zumindest fürs Erstere. "Denken Sie sich ein grandioses, langfristiges, weltveränderndes Projekt aus wie den guten alten 'Großen Amerikanischen Roman'". Und schon wird alles Andere ein Kinderspiel.

Aus den weiteren Besprechungen: Auf den Titel hat es Anne Tyler (mehr) mit "The Amateur Marriage" (erstes Kapitel) geschafft. William Pritchard hält den Roman, in dem Tyler das Auf- und Ab eines Paares von 1941 bis 2001 verfolgt, für ihr "bisher ehrgeizigstes Werk". Stephen Orgel hat drei neue Bücher über Shakespeare gelesen und ist beeindruckt, wie alle Verfasser es schaffen, dem bekannten Sujet noch etwas Originelles abzugewinnen. Etwas undurchsichtig urteilt James Traub über William Shawcross' polemische Rechtfertigung für den aggressiven außenpolitischen Kurs der USA. "Allies" sei ein wichtiges Buch, nicht so sehr wegen dessen, was der eigentlich liberale Internationalist Shawcross das so geschrieben habe, "sondern dass er es überhaupt geschrieben hat".

Außerdem in dieser inhaltsreichen Ausgabe ein Porträt über Franco Moretti: Der Professor für vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford scheint ein wenig der Mann der Stunde zu sein. In Italien bringt er eine fünfbändige neuartige Enzyklopädie des Romans heraus (die FAZ berichtete neulich). In den USA und Britannien macht er durch ein dezidiertes Plädoyer für quantitative Methoden in der Literaturwissenschaft von sich reden, das er in der New Left Review veröffentlichte (mehr hier und hier).

Im New York Times Magazine porträtiert Peter Maass den offensichtlich brillantesten neuen Kopf der Kriegsforschung, Major John Nagl, selbst Veteran des ersten Golfkriegs, der dann in Oxford studierte und sich auf das jetzt im Irak so aktuelle Thema des Counterinsurgency spezialisierte. (Zwei Essays von Nagl hier. Hier sein Buch.)