Magazinrundschau - Archiv

The Quietus

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Magazinrundschau vom 27.09.2022 - Quietus

Seit 40 Jahren gibt es die CD - und dem anhaltenden Vinyl-Boom zum Trotz ist sie auch weiterhin mit deutlichem Abstand das am meisten verkaufte Musikträger-Medium, hält Daryl Worthington in einer großen Würdigung fest. Dennoch gilt die CD kaum als Fetisch- oder wenigstens kultisches Objekt, was sich auch daran zeigt, dass ästhetische Experimente mit der Medienmaterialität der CD über vereinzelte Versuche (wie etwa ein Album, das so konzipiert war, dass man es durch die Random-Funktion immer wieder neu zusammensetzen konnte) nie hinauskamen - anders als beim Vinyl-Knistern oder Tape-Rauschen, mit sich Klangkünstler immer wieder beschäftigt haben. "Zum Teil dürfte sich dies mit der relativen Allgegenwärtigkeit der CD erklären lassen. Sie ist als physisches Medium so vertraut, dass sie keine Distanz aufweist, um exotisiert oder fetischisiert zu werden. Eine weitere Erklärung hat weniger mit dieser Distanz, sondern mit dem Objekt selbst zu tun. In seinem Journalartikel 'In Memoriam: The CD and its Ends' vertrat Will Straw 2009 die Ansicht, dass die CD in ihrer Rauschreduktion ein Opfer ihres eigenen Erfolgs gewesen ist. 'Wenn die Materialität der Technologie, um Musik abzuspielen, die Bedeutung der Musik in keiner wiedererkennbaren Weise mehr formt, dann wird aus dieser Technologie wenig mehr als bloß der zeitweilige Träger für Musik.' ... Ein interessantes Paradox umgibt die CD. Während sie das ideale Format dafür ist, die Hörerfahrung individuell anzupassen, den Fluss eines Albums zu unterbrechen oder Musik in endloser Schleife wiederzugeben, ist sie auch das Format par excellance für das Album als in sich schlüssige, in sich ruhende Form, die an einem Stück durchzuhören ist. The Necks ist das perfekte Beispiel für eine Band, deren Musik für CDs geradezu maßgeschneidert ist. Ganz ähnlich verdeutliche auch Thomas Ankersmits atemberaubende elektro-akustische Welt aus dem Jahr 2021, 'Perceptual Geography', dass die CD für sie das ideale physische Trägerformat ist. ... Sie mögen keine der spezifischen Unzulänglichkeiten haben, die Tape oder Vinyl für viele so attraktiv machen, und doch sind CDs ein einzigartiges Format, das mit einer ganzen Bandbreite von Möglichkeiten kommt. Sie sind mehr als bloß ein kurioser Zwischenschritt im digitalen Wandel und haben, im Guten wie im Schlechten, eine ganz bestimmte Weise eröffnet, wie sich mit Sound umgehen lässt - ob nun verspielt oder funktional."
Stichwörter: Cd, Musikmedien, Vinyl

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - Quietus

Miranda Remington erinnert an das zwar kurzlebige, aber umso aufregendere japanische Label Vanity Records, dessen zwischen 1978 und 1981 entstandene Diskografie vor nicht allzu langer Zeit in der Box "Tolerance" neu aufgelegt wurde. "Der sonische Schatten dieses Label greift auch nach den aufmerksamen Ohren von heute, ein vergnüglicher Schock, den schroffen Resonanzen zum Trotz. Das Spektrum der Stile, die sich hier im Lärm verwischen - Post-Punk-Seltsamkeiten, grimmiger New Wave, Minimal-Synth und Ambient-Experimente mit Radiorauschen - bringt in den Ohren internationaler Plattensammler auf verführerische Weise eine Saite zum Klingen." Das Label "erschien prophetisch an der Schwelle zu einem wichtigen kulturellen Moment - ihre bröckelnden Klanglandschaften spiegeln die kulturellen Turbulenzen im Japan der Nachkriegszeit wider, als Tokio nach einem Wirtschaftswunder und einem Technologieboom zum Ground Zero einer kommerziellen Explosion wurde und die bis dahin allgegenwärtige traditionelle Umgebung in alarmierendem Tempo ersetzt wurde. In einer völlig technisierten Gesellschaft schwelgen Vanitys Klänge mit neu verfügbaren monophonen Synthesizern, Sequenzern und Drumcomputern in fetischistischen Geräuschbehandlungen, die das Unbehagen an der Schattenseite der Gesellschaft lautstark zum Ausdruck bringen. Die metallische Atmosphäre von 'Tolerance' in den Alben 'Anonym' und 'Divin' spricht unsere mutierte Psyche an, indem sie eine künstliche Welt mit sinnlichen Echos auskostet. 'Sympathy Nervous' fixieren sich auf kalte, gebrochene Synthie-Bleeps und verwenden für ihre Kompositionen eine geheimnisvolle Erfindung, einen selbst programmierten Computer namens U.C.G. (Universal Character Generator) zusammen mit einem Theremin. Die Atomisierung der japanischen Angestelltenbevölkerung wird in den White-Noise-Experimenten von "Salaried Men Club' mit einem nebligen Minimalismus dargestellt, der wie eine musikalische Entsprechung zu Shinya Tetsukamotos Cyberpunk-Horrorfilm 'Tetsuo: The Iron Man' klingt. Die Themen der modernen Entfremdung, die der Westen erforscht hat, werden im Klang geschärft und in ihrer Resonanz erhöht, mit einer fremdartigen Obskurität, die so verlockend ist wie Geräusche aus einer fernen Welt."



Außerdem spricht Joe Banks mit Iain McIntyre, Ko-Herausgeber der Essay-Anthologie "Dangerous Visions And New Worlds", die den Modernisierungsschub der literarischen Science Fiction von 1950 bis 1985 in den Blick nimmt. Und Mat Colegate erklärt in einem spaßigen Essay, wie man im Grunde des Herzens schundiger Fantasy-Filme aus den Achtzigern auf wahre Filmkunst stößt.

Magazinrundschau vom 21.12.2021 - Quietus

Man macht sich kaum einen Begriff, was für ein Desaster der Brexit für die britische Musikszene darstellt. Dass Touren auf dem europäischen Festland für viele Künstler wegen des damit verbundenen, erheblichen Aufwands kaum mehr infrage kommen, war schon häufiger Thema. Als neue Drangsal hinzugekommen ist nun, dass der Zollfreibetrag für Lieferungen auf dem Postweg gefallen ist und sämtliche Labels ihre Lieferungen entsprechend deklarieren müssen. Der kaum entwirrbare Wust an unklaren Behördenzuständigkeiten stellt insbesondere kleine Labels vor erhebliche Herausforderungen. Auf der immer wichtiger werdenden Plattform Bandcamp kommen derweil nur die großen Seller in den Genuss eines automatisierten Verfahrens, wie Daniel Dylan Wray recherchiert hat. Lieferungen der Kleinen hingegen sind kaum noch zustellbar. "Derzeit kommen ziemlich genau 100 Prozent aller Pakete nach Deutschland zurück. Wir kriegen nach Deutschland einfach nichts rein", sagt Natalie Judge vom Londoner Plattenlabel und -laden World of Echo. "Manchmal brauchen wir drei Anläufe und jedes Mal kostet uns das für eine einzelne Platte 7,80 Pfund, wir verlieren also mit jeder Bestellung Geld.' ... Mat Handley vom Label Woodford Halse hat zwar Zugang zu Bandcamps Abrechnungsnummer, aber dies macht sein Leben auch nicht leichter. 'Ich weiß, wie ich das handhaben muss: Die deutliche Angabe der Nummer, die beigefügte Quittung, die eindeutig belegt, dass der Kunde die Einfuhr bereits bezahlt hat - und dennoch gibt es genug Zustellungsdienste auf dem Festland, die die Regeln einfach nicht kennen. Ich habe Kunden in Deutschland, die die Steuer noch einmal zahlen sollen, dazu noch Bearbeitungsgebühren für jede Bestellung. Ich habe Kunden in Portugal und in den Niederlanden, deren Pakete mir einfach zurückgeschickt werden, ohne Zustellungsversuch oder Benachrichtigung.' ... 'Es ist überwältigend, wie viele Informationen wir mittlerweile auf die Paketen kleben, und es ist geradezu lachhaft, wenn sie zurückgesendet werden', sagt Judge. 'Man kann hier auf offener Straße einen Postboten abfangen und ihn fragen, was denn los sei, was wir falsch gemacht hätten. Die Antwort ist stets: 'Keine Ahnung, man hat uns nichts gesagt.'"
Stichwörter: Brexit, Musikindustrie, Portugal

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - Quietus



In der Tate Modern nimmt Robert Barry tapfer die Maske ab: Anicka Yis aktuell dort gezeigte Kunstinstallation arbeitet mit unterschiedlichen Düften. Konzipiert wurde sie lange bevor die Aussicht darauf, dass viele Menschen in einem geschlossenen Raum mal gemeinsam tief einatmen, zu Nachfragen geführt hätte. Zu erleben ist "ein von Woche zu Woche wechselndes Programm von Düften, die mit Blick darauf gestaltet wurden, alles von der vormenschlichen Vergangenheit bis zu einer möglichen Maschinenzukunft zu evozieren. 'Luft ist dieser aufgeladene Ort für gesellschaftlichen und politischen Diskurs', sagt Yi mit Nachdruck. 'Mit jedem Atemzug inhalieren wir die Vergangenheit der Erde... Womöglich atmen wir Atomkerne aus Jeanne d'Arcs Asche ein ... Wir sind Gefäße wechselseitiger Abhängigkeiten und damit füreinander verantwortlich.' Und da sich das olfaktoscher Menü von Woche zu Woche ändert, musste einfach jemand die naheliegende Frage stellen: Was riechen wir eigentlich gerade? 'Im Moment die Cholera', sagt Yi, ohne eine Miene zu verziehen. ... 'Viele Philosophen beziehen sich auf den Blick', schreibt Michel Serres, 'wenige aufs Hören; noch weniger setzen ihr Vertrauen auf das Taktile oder Olfaktorische.' Dem Geruch wurde lange Zeit Bedeutung abgesprochen. ... Er galt immer als zu fleischig, zu intim. Doch nachdem wir so viel Zeit zuhause in Isolation zugebracht und nur via Zoom oder Gruppenchats kommuniziert haben, sind es vielleicht gerade diese körperlichen Qualitäten, die diesem Sinn so viel Attraktivität für die Gegenwart verleihen. Man kann einen Geruch nun mal nicht herunterladen."

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - Quietus

Vom alten, grauen, baufälligen Westberlin, aus dem die Einstürzenden Neubauten einst ziemlich hungrig gekrochen kamen, um aus Schutt Instrumente und aus Geröll Musik zu machen, ist in Zeiten hipper Cafés, schöner Boutiquen und sanierter Albauten quasi nichts geblieben, stellt Jeremy Allen in seinem Rückblick auf das vor vierzig Jahren erschienene Neubauten-Debütalbum "Kollaps" bekümmert fest. Wie kam dieses Album eigentlich zustande, fragt er sich mit Blick darauf, dass Musikkarrieren heutzutage nach allgemeinem Verständnis nur jenen möglich sind, die schon von zuhause aus oder dank Förderung mit viel Geld ausgestattet sind. "Die Umstände, unter denen die Neubauten arbeiteten, waren düster, und doch gestatteten ihnen die einmaligen Rahmenbedingungen in Westberlin wahre Wunder. ... Wenn die Neubauten ihre eigenen Instrumente aus Metallschrott und objets trouvés bauten, sollte es dann heutzutage wirklich nötig sein, Bands zu finanzieren? Künstler können heute zwar ziemlich einfach Kunst machen, doch es ist das Marketing, das problematischer ist" und "Elend oder nicht - Westberlin bot damals einen wahren Sturm an Kreativität. ... London heute und das Berlin von damals - ein großer Unterschied besteht darin, wen diese Städte anziehen wollen. London baut unendlich viele teure Wohnungen, die von reichen Auswärtigen aufgekauft werden, während die Westberliner seinerzeit subventioniert wurden, um in einer Stadt zu leben, in der niemand wohnen wollte, außer wenn es darum ging, sich vor dem Militärdienst zu drücken. Traurigerweise gibt es heute keine Subventionen für die Existenzangst, die man heutzutage in Tory-Britannien erduldet. Die Kultur wird von der schrecklichsten Sorte Philister (und zwar mächtigen) demontiert, außerhalb von UK zu touren ist wegen des Brexits unnötig bürokratisch und nicht lukrativ, während die Sozialleistungen den Ärmsten der Gesellschaft genau zu jenem Zeitpunkt entrissen werden, an dem sie ihrer am dringendsten bedürfen, von einer Regierung, die offensichtlich noch nicht zufrieden ist mit all dem Elend, Leid und unnötigem Tod, den sie mit einer Politik der Sparsamkeit und der falschen Handhabung der Pandemie verursacht hat. Während die Rechnungen für Gas und Strom steigen und es keine Garantien dafür gibt, dass wir in diesem Winter noch das Licht anschalten können, mag es sich in der Tat kathartisch anfühlen, mit Metall auf Dinge einzuprügeln und dabei den Mond anzuheulen, während alles um uns herum kollabiert."

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - Quietus

Heute kennt man den britischen Autor Stephen Thrower vor allem als Filmhistoriker und Spezialist für abseitige filmische Themen. Für eine Weile in den 80ern spielte er aber auch in der stilbildenden Post-Punk/Industrial-Band Coil mit, über die er anlässlich der Wiederveröffentlichung des Albums "Love's Secret Domain" zum 30-jährigen Jubiläum ausführlich spricht. Die kommerzielle Popwelt hatte damals wenig Interesse an ihnen, erinnert er sich: "Wir waren zu offensichtlich schwul. Unsere Sexualität war eine klarer und präsenter Faktor in unserer Ästhetik, in unserer Musik und in unserem Stil war - insofern war Coil eine seltene Band. Damals steckten nahezu alle schwulen Musiker entweder noch völlig im Schrank oder waren, nun ja, sehr zurückhaltend, was das Thema betrifft. ... Eine Sache, die insbesondere Geff - Sleazy wohl eher nicht so, denke ich - ziemlich nervte, war, dass die schwule Presse von uns kaum einmal Notiz nahm. Es entsprach wirklich dem Klischee: Wenn Du Discohasen- oder House-Musik spielst, dann wurde in der schwulen Presse über Dich vielleicht berichtet. Aber wenn Du nichts spieltest, was dieser ziemlich oberflächlichen Ästhetik entsprach, die damals in der schwulen Musik einfach üblich war, dann würdigten sie Dich keines Blickes. ... Man würde ja denken, dass der politische Akt, eine Single wie 'Tainted Love' zu veröffentlichen, deren Erlöse 1985 an den Terrence Higgins Trust ging, zu mehr Respekt und Anerkennung führen würde. Aber dem war nicht so. Für diese Welt waren wir nahezu unsichtbar, zumindest in der geschrieben Form. Sicher hatten wir schwule Fans, die die schwule Presse nicht brauchten, um sich sagen zu lassen, für was sie sich interessieren sollten. Aber es stimmt schon, die schwule Presse damals war einfach ziemlich konservativ, was ihren Blick auf Musik betrifft." Hier die ziemlich düstere Coverversion des Soulklassikers "Tainted Love", in der wirklich der Schmerz einer ganzen Generation steckt:

Magazinrundschau vom 16.03.2021 - Quietus

Die ersten Klänge, die mit einem Außenmikrofon von der Atmosphäre des Mars übertragen wurden, waren eher enttäuschend, schreibt Chloe Lula in The Quietus. Kein Wunder: Bei dieser dünnen Atmosphäre ist mit wenig zu rechnen. Was nicht heißt, dass es im Sonnensystem nicht toll klingende Orte gibt. Der Physiker Timothy Leighton etwa sieht in den Mars-Tönen lediglich NASA-PR in eigener Sache. "'Der musikalisch interessanteste Planet ist die Venus, da der Effekt einer flüssigkeitsgetränkten Atmosphäre dort großartig ist', sagte er mir. 'Wenn die Atmosphäre aus einem wässrigen Mix besteht, eröffnet sich die Möglichkeit, mit Blasen, berstenden Wellen, plätschernden Bächen und Wasserfällen ganz andere Sounds hervorzubringen.' Würde man Klangsensoren in den Eisfeldern von Jupiter und Saturn anbringen, würde sich 'eine unglaublich reiche Umgebung' offenbaren - voller knarzendem Eis und geothermischer Aktivität, fügt er hinzu. Auch auf weiteren Planeten und Monden unserer Galaxie entstehen andere, faszinierende Klänge - von den Methanseen auf Titan, erdähnlicher Donner und atmosphärische Blitze auf der Venus und Kryo-Vulkane auf Io und Europa, die strömeweise Kohlenwasserstoff, Mineralien und Ammoniak ausspucken."

Außerdem: Aug Stone erinnert an die legendäre Westberliner Kneipe Risiko, wo man - je nachdem - mit etwas Glück oder etwas Pech mitten in der Nacht auch mal von Blixa Bargeld vermöbelt werden konnte. Nicholas Burman spricht mit dem Filmemacher John Smith, dessen experimentelle Quarantäne-Filme - unter anderem kompiliert er Boris Johnsons Pressekonferenzen - jetzt auf Mubi gezeigt werden.

Magazinrundschau vom 14.07.2020 - Quietus

Luke Turner hat mit Werner Herzog geskypt, der gerade seinen neuen Film "Family Romance, LLC" promotet. Um diesen geht es allerdings gar nicht, dafür um allerlei Herzogiana, was dem Filmemacher offenbar so sehr schmeichelt, dass er mittendrin sogar ein Live-Interview mit der BBC skippt. Was man erfährt: Herzog nutzt Corona, um wie ein Wirbelwind zu schreiben ("Ich habe meinem Verleger bereits Auszüge geschickt - die sind schön völlig am Durchdrehen"), kennt keine der großen Krautrock-Bands, die Platten veröffentlichten, als er seine ersten Kinoerfolge feierte ("Ich habe diese Namen noch nie gehört"), außerdem outet er sich als verkapptes Mathe-Ass, das gerne mal über die Riemannsche Vermutung (viel Spaß beim Nachlesen...) brütet, aber auch darüber nicht vergisst, ganz Werner Herzog zu sein: "Die Verteilung der Primzahlen wird uns kein harmonisches Gleichgewicht in den Zahlen offenbaren, das wird einfach nicht passieren. Wir wissen das, weil wir bereits Milliarden von Primzahlen kennen, und sich darin keinerlei Muster zeigt oder etwas, das harmonisch wäre. Das Faszinierende an der Mathematik ist, dass fast alles, was in der Mathematik gemacht wurde, in der tiefsten aller Naturen der Zahlen wurzelt und auf ihnen beruht, und zwar in den Primzahlen. In den zweieinhalbtausend Jahren seit Euklid hat es Versuche gegeben, sie zu verstehen. Riemann und andere waren diejenigen, die begannen, ein Muster zu finden, das richtig zu sein scheint. Aber wenn Riemann mit seiner Hypothese nicht Recht hat, hätte dies katastrophale Folgen für die Gültigkeit vieler, vieler mathematischer Konstrukte. Vieles würde zusammenbrechen."

Außerdem: Die 70er waren keine gute Zeit für die Beach Boys, erzählt Thomas H. Sheriff. Jonathan Wright befasst sich ausführlich mit "Closer", dem vor 40 Jahren erschienenen letzten Album von Joy Division. Und Patrick Clarke spricht mit Jeff Parker über dessen aktuelles Album "Suite For Max Brown". Wir hören rein:

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - Quietus

Matt Colquhoun befasst sich in einem langen Essay mit der Frage, inwiefern von den Hauntology-Theorien des 2017 durch Suizid gestorbenen Politik- und Popkultur-Theoretikers Mark Fisher noch Strahlkraft für die Gegenwart ausgeht. Ein jüngeres Lesepublikum legt dessen Thesen - in nuce: die Gegenwart erstickt am Pastiche-Druck der Vergangenheit, in dem sich das Scheitern früherer prognostizierter Zukünfte zeigt - jedenfalls zusehends zu den Akten. "Zumindest der politische Aspekt in der zentralen Kritik von Hauntology ist dabei in jüngster Zeit tiefer in den Mainstream vorgedrungen als man sich das je ausgemalt hätte. Greta Thunberg etwa hat mit ihren Deklarationen, dass ihrer Generation die Zukunft gestohlen worden sei, weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Dasselbe lässt sich von unseren Verhältnissen zu unseren kulturellen Artefakten behaupten - ein Diebstahl, der vor sehr viel längerer Zeit und unter deutlich weniger Protest stattgefunden hat. ... Die Kampfarena, auf der dieses Recht auf Zukunft heute ausgefochten wird, ist der Einfluss der Streaming-Monopole und wie diese die Alternativen ersticken. Ich für meinen Teil bin mir der Tatsachen akut bewusst, dass mein Zugang zu Kultur heute erheblich eingeengter ist als vor zehn Jahren. So viele Dinge sind online erhältlich, aber es braucht erheblich höheren Aufwand und Finanzkraft, um Zugang zu ihnen zu finden als früher. Die anderen Medien, die wir konsumieren - MP3, physische Platten, DVDs und Bücher -, werden von den neuen Streaming-Monopolen im Plattform-Kapitalismus zusehends als veraltet hingestellt. Spotify, Netflix und Konsorten wollen uns den Eindruck vermitteln, dass Newness stets zum Greifen nah sei, doch die Realität zeigt, dass das, was auf diesen Plattformen angeboten wird, weit weniger originell ist und deutlich begrenzter als das, was es früher in den offenen Straßen und dunklen Ecken der Peer-to-Peer-Torrent-Seiten gab, die im Laufe der letzten zehn Jahre zergeschlagen wurden. Dieser Zugang und diese Vielfalt wurden angeblich reduziert, um die Musikindustrie von der Piraterie zu retten, doch die Streaming-Monopole bleiben insofern umstritten, als es ihnen nicht gelingt, jene kulturelle Produktion finanziell zu unterhalten, von der sie abhängig sind."

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - Quietus

Jack King erinnert in The Quietus an William Friedkins vor vierzig Jahren veröffentlichten Serienmörderthriller "Cruising", in dem Al Pacino undercover in der schwulen New Yorker Lederszene der Siebziger ermittelt. Seinerzeit führte der Film zu einem heftigen Aufschrei aus der schwulen Community, die sich dämonisiert sah. Heute ist der Film als Bilddokument einer verloren gegangenen Subkultur rehabilitiert und "stellt ein Echo der frühesten Erschütterungen der Gay Liberation dar und kam gerade einmal 17 Monate vor jener berüchtigten Schlagzeile der New York Times am 3. Juli 1981 auf den Markt: 'Seltene Krebssorte befällt 41 Homosexuelle.' ... Betrachtet man diese für eine hegemoniell heterosexuelle Herangehensweise konzipierten Bilder aus einer zeitgemäßen queeren Perspektive, stellen sie sich in einem völlig neuen Licht dar. Die Szenen massenhafter Dekadenz unter Männern erwecken in einer Post-AIDS-Welt eine Ahnung des Spirituellen: Ohne hier mit stumpfen Phrasen kommen zu wollen, kann man aber doch davon ausgehen, dass ein Großteil der Männer in den Bars, die 'Cruising' zeigt, im folgenden Jahrzehnt gestorben sind - Opfer eines sehr heterosexuellen Völkermords durch Vernachlässigung. Es handelt sich um verschwommene, melancholische Erinnerungen, die im Zelluloid dieses Films für immer festgehalten sind: eine Phantasmagorie von Männern, deren Befreiung keine Legislative bewerkstelligte, sondern die unter den zurückgezogenen Bedingungen von Lederbars und Cruising-Treffpunkten geleistet wurde. Die unverhohlene Weise des Films, Sexualität zu zeigen, macht es einem schwer, sich dem Gefühl eines katastrophalen Verlusts zu entziehen." Vor allem auf diese ekstatische Szene kommt King zu sprechen: