Im
Welt-Gespräch kritisiert der Philosoph
Arnd Pollmann, der vergangenes Jahr die Studie
"Menschenrechte und Menschenwürde" veröffentlichte, nicht nur die
Lieferung von Streumunition durch die USA an die Ukraine, sondern auch das
Schweigen aus Deutschland. Das Dilemma, das sich dadurch ergibt, dass Russland Streumunition einsetzt, sieht er zwar. Aber: "Deutschland hat sich in Artikel 21 des besagten Übereinkommens ausdrücklich verpflichtet, jene Staaten, die noch nicht Vertragsparteien sind, vom Einsatz von Streumunition abzubringen und zum Beitritt zu bewegen. Wenn sich die Bundesregierung daran jetzt nicht hält,
stiehlt sie sich aus der Verantwortung. Oder sie hat schlicht nicht verstanden, was es heißt, so einen Vertrag zu unterzeichnen. Sicher, die USA, die Ukraine und auch Russland sind nicht selbst an das Vertragswerk gebunden, aber sie haben deshalb nicht schon das 'Privileg',
humanitäre Verbrechen zu begehen."
Vor etwa 150 Jahren riefen Michail Bakunin, Errico Malatesta und der Schweizer Uhrmacher Adhémar Schwitzguébel die "
Anarchistische Internationale" aus, nachdem sie sich von der "Ersten Internationale" unter
Karl Marx losgesagt hatten. Die Gründungsveranstaltung fand im Schweizer Jura im Ort Saint-Imier statt, wo sich letzte Woche wieder
4.000 Anarchisten versammelten. Dabei ging es auch in Bezug auf den
Ukraine-Krieg hoch her,
schreiben Anna Jikhareva und Kaspar Surber in der
taz. "Wie arrogant die
westliche Weltsicht auch unter Anarchist:innen sein kann, müssen insbesondere die Teilnehmer aus Russland, Belarus und der Ukraine erfahren. An praktisch jedem Workshop zum
russischen Angriffskrieg und dem richtigen Umgang damit kommt es zu Belehrungen über den wahren Antimilitarismus. Die Osteuropäer, viele von ihnen vom Krieg und der Repression
sichtlich gezeichnet, wirken ob der Ignoranz gegenüber ihren Standpunkten ziemlich ermüdet. 'Wenn dein Land von einer imperialen Macht angegriffen wird, hast du nicht mehr die Zeit, auf die
ideale soziale Revolution zu warten. Dann musst du dich verteidigen', bringt es eine Ukrainerin in einer Diskussionsrunde auf den Punkt."
Im Interview mit
Spon erklärt der Russlandexperte
Mark Galeotti die Verhaftung des nationalistischen russischen Kriegstreibers
Igor Girkin (der Kreml definiere damit, "wie viel Kritik er zu akzeptieren bereit ist"), Putins vergleichsweise freundlichen Umgang mit
Prigoschin (er wird gebraucht und darf daher "seine Loyalität neu unter Beweis stellen" und die Vergeblichkeit der Hoffnung auf eine erneute Meuterei: "Das russische Regime ist immer noch ein
sehr putschsicheres System, in dem sich die Institutionen gegenseitig kontrollieren. Noch stehen die Dinge in Russland nicht so schlecht, dass das Risiko, sich gegen Putin zu stellen, kleiner erscheint als das Risiko des Nichtstuns. Prigoschin war in der Lage zu tun, was er tat, weil er in gewisser Weise ein anomaler Außenseiter war. Aber es gibt natürlich Leute in Russland, die sich über einen Putsch freuen würden, wenn ihn
jemand anderer macht."
Am Montag hat
Wladimir Putin ein
Gesetz unterzeichnet, das
queeren Menschen in Russland künftig verbietet, ihren
Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumenten zu ändern, zudem erhalten
Trans Personen keinen Zugang mehr zu Hormonbehandlungen oder geschlechtsangleichenden Operationen. Außerdem werden Ehen, bei denen eine Person nach der Heirat ihren Geschlechtseintrag geändert hat, annulliert, berichtet Alexander Kauschanski auf
ZeitOnline. "Die transfeindliche Staatspropaganda ist mittlerweile in die Gesellschaft eingesickert. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des unabhängigen Levada-Zentrums für Meinungsforschung von 2020. Dort sprachen sich nur etwa neun Prozent der Befragten dafür aus, queeren Menschen zu helfen. Ein Drittel fand, man solle queere Menschen
von der Gesellschaft isolieren, ein anderes Drittel, man solle sie sich selbst überlassen. 18 Prozent gaben an, man solle queere Menschen '
liquidieren'."
In
Polen häufen sich Fälle, in denen Ärzte
Abtreibungen nicht mehr vornehmen, obwohl Gefahr für das
Leben der Mutter besteht - aus Angst, sich wegen illegalen Schwangerschaftsabbruchs strafbar zu machen, berichtet Viktoria Grossmann in der
SZ: "Auf unheimliche Weise zeigt sich, dass die rechtsgerichtete PiS-Regierung nicht einmal alle Gerichte in der Hand haben und alle Gesetze umschreiben muss, um ihre Ziele zu erreichen. Sie hat erfolgreich eine
Atmosphäre der Unsicherheit und Angst geschaffen und in Behörden übereifrige Pflichterfüller eingesetzt. Ärzte, Frauen, Aktivistinnen werden eingeschüchtert. So wurde im Januar eine Frauenarztpraxis in Stettin durchsucht oder im März eine Aktivistin verurteilt, die Abtreibungsmedikamente verschickt hatte."