In der Duma wurde gerade ein neues Gesetz verabschiedet, das die
Mobilisierung weiterer Männer für den Krieg erlaubt - und daraus lässt sich für den Politologen
Alexander Gabuev vom
Carnegie Russia Eurasia Center in Berlin nur eine Folgerung ziehen; "Wladimir Putin ist weit davon entfernt, einen Ausweg aus seinem katastrophalen Krieg in der Ukraine zu suchen, sondern bereitet sich auf einen
noch größeren Krieg vor",
schreibt er in der
Financial Times: "Von nun an kann die Regierung in aller Ruhe Einberufungsbescheide an so viele Männer verschicken, wie sie für notwendig hält. Die
obere Altersgrenze für die Wehrpflicht wird von 27 auf 30 Jahre angehoben und könnte in Zukunft noch weiter angehoben werden. Sobald ein elektronischer Einberufungsbescheid ergangen ist, werden die
Grenzen Russlands für den Empfänger sofort geschlossen, um eine massive Abwanderung von Männern im wehrfähigen Alter zu verhindern, wie sie Russland im letzten Herbst erlebt hat. Auch die Strafen für die Verweigerung des Dienstes wurden verschärft. Diese Maßnahmen in Verbindung mit massiven staatlichen Investitionen in den Ausbau der Waffenproduktion dürften Putin helfen, eine größere und
besser ausgerüstete Armee aufzubauen."
Deutschland hat zahlreiche
russische Spione ausgewiesen, die es über Jahrzehnte geduldet hatte, berichtet Markus Wehner in der
FAZ: "Das ist eine einschneidende Wende ... Da große Teile der politischen und wirtschaftlichen Eliten
russlandfreundlich gestimmt waren, konnte Putin im Zentrum der deutschen Politik, vor allem in der Union und in der SPD, seinen Einfluss geltend und Deutschland energiepolitisch erpressbar machen. Putin verschaffte sich durch die Buddy-Freundschaft zu Gerhard Schröder und den angespannten, aber doch engen Kontakt zu Angela Merkel über zwanzig Jahre lang möglichst viel Beinfreiheit." Besonders
in der AfD, so Wehner, vermuten Sicherheitsdienste allerdings neue Einflussagenten.
Ist es sinnvoll, bei Warnungen vor der AfD immer wieder an
Weimar zu erinnern? Im
Interview mit der
NZZ empfiehlt der Historiker
Thomas Weber, nicht immer nur auf die Katastrophen zu blicken: "Die Geschichtswissenschaft zeigt leider an Konflikten mehr Interesse als an deren Vermeidung oder Meisterung. Es ist irgendwie cooler, ein Buch zu schreiben über Diktaturen und Revolutionen als darüber,
wie etwas verhindert worden ist. Wir vergessen so, dass es auch in den 1930er Jahren die Krisenwahrnehmung in Ländern gegeben hat, in denen die
Demokratie überlebt hat. Ein gutes Beispiel sind die
Niederlande. Es gab dort damals auch ein großes Krisengefühl. Die konservative Elite des Landes sprach sich zwar nicht immer frenetisch für die Demokratie aus, hat aber aus Eigeninteresse auf das Überleben innerhalb der Demokratie gesetzt. Man hielt
ganz bewusst Distanz zum Radikalismus, egal ob links oder rechts. Es durfte zwar radikale Parteien geben, aber sie wurden
als unehrenhaft dargestellt." Eine Strategie, die Hilmar Klute heute in der
SZ auch Friedrich Merz empfiehlt.
In Europa droht kein neuer "Faschismus",
meint der
Observer-Kolumnist
Kenan Malik angesichts des Aufstiegs rechtpopulistischer und -extremer Parteien in fast allen Ländern. Gefährlicher ist die
Normalisierung ihrer Diskurse: "Sie sind von einer verachteten, marginalisierten Gruppe zu einer
zentralen Kraft in der europäischen Politik geworden. Rechtsextreme Denkweisen, insbesondere in Bezug auf Einwanderung und Identität, sind in den Mainstream eingesickert. Im Bereich der Einwanderung wurden viele rechtsextreme Kernpunkte - die Militarisierung der Grenzkontrollen, die massenhafte Inhaftierung und Abschiebung von Migranten ohne Papiere, die Forderung, dass Flüchtlinge nur außerhalb der EU Asyl beantragen dürfen - in die Politik übernommen worden, und zwar nicht nur in der EU."
Beim jüngsten
AfD-Parteitag, wo der rechtsradikale EU-Abgeordnete
Maximilan Krah zum Spitzenkandidaten für die AfD-Liste zur Europawahl aufgestellt worden ist, bot die Partei zugleich ein bizarres Bild,
berichtet Gareth Joswig in der
taz: Man schwimmt oben. Noch inniger als der Hass auf den "Mainstream" ist aber der Hass der einen auf die anderen AfD-Leute: "Es ist das erste Mal auf einem AfD-Bundesparteitag, dass sich das völkische Lager auf offener Bühne
derart streitet - das ist auch Ausdruck einer neuen Machttektonik innerhalb der extrem rechten Partei. Die Radikalisierung zu einer
geschlossen rechtsextremen Partei mag abgeschlossen sein, die großen programmatischen Debatten vorbei - befriedet ist die AfD deswegen aber noch lange nicht."
Kann auch in Deutschland die Brandmauer gegen rechtsextremistische Parteien bröckeln? Das geht ganz leicht,
erklärt Can Dündar auf
Zeit online am Beispiel Erdogans: 1998 wurde der heutige Präsident der Türkei für seine
islamistische Politik noch vom Militär verhaftet. Daraufhin nahm er eine "Lagebeurteilung" vor, in deren Folge er sich zum vorgeblich "gemäßigten Islamisten" wandelte. Mit großem Erfolg, wie wir heute wissen: "Aus dem Westen regnete es
Lob. In der Politik war die Bahn frei für ihn. Großkapital und Establishment, die sich zuvor ferngehalten hatten, begannen, ihn zu unterstützen. Mit diesem Rückhalt kam er nach drei Jahren, (...), an die Macht. In seinen ersten Regierungsjahren festigte er mit liberalen Maßnahmen die
Unterstützung des Westens wie auch seine Macht im Inneren. Aufgrund dessen konnte er die Justiz und die laizistische Armee, die er als größtes Hemmnis für sich betrachtete, ausschalten. Nachdem diese Hindernisse aus dem Weg geräumt waren, streifte er das alte
radikale Hemd wieder über und verwandelte sich in einen Autokraten. Nun verfügte er über die absolute Machte und brauchte in keine andere Rolle mehr zu schlüpfen, um irgendjemandes Unterstützung zu erhalten."