Nach fünf Tagen scheinen die
Jugendaufstände in den Vorstädten von Marseille und Paris einigermaßen zur Ruhe gekommen zu sein,
Le Monde meldet eine relativ ruhige Nacht. Emmanuel Macron aber hat seinen ersten feierlichen Staatsbesuch eines französischen Präsidenten in Deutschland seit vielen Jahren, der lange vorbereitet wurde, abgesagt (
mehr in der
FAZ) - was den meisten französischen Medien nicht mal eine Meldung wert ist.
Die Unruhen, schreibt der Autor und
Politologe Rachid Benzine in
Le Monde, offenbaren, in welchem Ausmaß die französische Gesellschaft inzwischen
blockiert ist. Die Probleme in den Banlieues einerseits und in den vielen verschiedenen Gliederungen der Polizei seien seit den achtziger Jahren bekannt, und doch hat der Staat unter den verschiedenen Präsidenten
vor allem polizeilich auf die Probleme reagiert: Statt einer Sozialpolitik wurden vor allem "Techniken zur Aufrechterhaltung der
öffentlichen Ordnung entwickelt, die mehr oder weniger denen der USA oder der israelischen Polizei nachempfunden sind. Techniken, die zwar die öffentliche Ordnung wieder herstellen mögen, die aber dazu geführt haben, dass die Spannungen zwischen den Polizeikräften und den betroffenen Bevölkerungsgruppen zugenommen haben und
jede echte Kommunikation zwischen ihnen zerstört wurde. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, sich an der
Polizei in Deutschland zu orientieren, die mehr Wert auf Kommunikation mit der Bevölkerung legt und eine viel bessere Ausbildung genießt als unsere."
Auch Harriet Wolf
beboachtet in der
taz: "Ein äußerst wichtiger Anfang wäre die
Reorganisation der Polizei. Die ist mit ihren komplizierten Hierarchien und Dienstgraden eine Art
Staat im Staat, hochgerüstet und extrem autoritär geführt. Ihre Kontrolle durch die anderen staatlichen Organe funktioniert nur sehr begrenzt." Am Ursprung der Polizeigewalt liegt auch
ein Gesetz, das der französischen Polizei seit 2017 ein erweitertes Recht auf Waffengebrauch gibt,
sagt der Soziologe
Sébastien Roché im Gespräch mit Rudolf Balmer von der
taz: "Bis Februar 2017 waren Polizisten
nur bei Notwehr befugt, ihre Waffe einzusetzen, also wenn ihr Leben oder das einer dritten Person in Gefahr war. Die Reform von 2017 gibt ihnen die Möglichkeit, die Waffe auch dann einzusetzen, wenn ihr Leben oder das von Dritten nicht bedroht ist und der mutmaßliche Straftäter nicht unmittelbar ein Verbrechen begangen hat."
Der
Autor Selim Nassib malt sich in der
taz die Situation aus, die die Polizisten bei dem 17.jährigen Nahel
durchdrehen ließ. "Uns Friedenshüter, uns Motorradpolizisten, er nervte uns, dieser kleine Idiot. Sein Lächeln, seine Augen, war doch klar.
Nicht mal alt genug für den Führerschein, und dann dieses Auto, ein Mercedes, sicher gestohlen. Papiere bitte - und er gibt Gas mit quietschenden Reifen, wofür hält er sich, wir haben Motorräder, wir sind dafür ausgebildet; eine Drehung oder zwei, und wir haben ihn. Er schämt sich nicht mal, der Kleine, er bereut es nicht mal, er lacht über uns, beleidigt uns,
kein Respekt."
Die Ausschreitungen in Frankreich sind auch eine
Reaktion auf den Rassismus, der in den französischen Medien grassiert, meint Nils Minkmar in der
SZ. Es gebe zivilgesellschaftlichen Akteure, die sich für eine Verbesserung der Situation in den Vorstädten einsetzen, aber sie kommen im öffentlichen Diskurs kaum vor, so Minkmar. Gegenrede gibt es auch nicht von der
radikalen Linken, denn die Instabilität der Situation passt Jean-Luc Mélenchon gut in seine politische Agenda: "Die ganze
rechte Hälfte des politischen Frankreichs und noch darüber hinaus sieht in der
Migration das größte Problem des Landes, und kaum jemand findet sich noch, der dieser Analyse widerspricht. Die
radikale Linke etwa um Jean-Luc Mélenchon ist
an einer Zuspitzung genau dieser Verhältnisse und einer Schwächung des Präsidenten deutlich mehr interessiert als an einer Kommunikation mit den Menschen aus der Banlieue: Der große Mèluche weigerte sich explizit, seine Anhängerinnen und Anhänger unter den Randalierern zur Ruhe aufzurufen."
In der
NZZ kritisiert Lucien Scherer die Berichterstattung in vielen deutschen Medien: "Mit dem Hinweis, die Täter würden alle diskriminiert und benachteiligt, werden diese
von jeder Verantwortung entbunden: Die Frage, ob sie überhaupt Teil der Gesellschaft sein wollen, erübrigt sich. ... Der tödliche Polizeieinsatz in Nanterre hat zudem eine Debatte über ein Phänomen abrupt beendet, welche die identitäre Linke gerne unterbinden würde: die
alltägliche Gewalt, die oft aus nichtigem Anlass eskaliert, sich häufig gegen Zufallsopfer richtet und maßgeblich zu einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit beiträgt", das die Schwächsten besonders hart trifft.
FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel benennt einen anderen Aspekt der Krise: "Die staatlichen Institutionen sind zusehends damit überfordert,
das Erziehungsversagen in dysfunktionalen, entwurzelten Familien auszugleichen. Das französische Schulwesen mit seinen
chronisch schlecht bezahlten Lehrern hat es in vielen Fällen nicht vermocht, das Versprechen vom Aufstieg über Bildung zu erfüllen."
======Etwas fehlt in der Diskussion um die Bedeutung des Söldneraufstands von
Jewgeni Prigoschin,
meint in der
NZZ der
Politikwissenschaftler Andreas Umland, nämlich "Prigoschins explizite
Infragestellung einer zentralen Rechtfertigung des Kremls für den russischen Großangriff auf die Ukraine seit Februar 2022." Laut Prigoschins eigener Aussage war der Krieg "'nicht notwendig, um de facto russische Bürger in unseren Bereich zurückzuholen. Nicht, um die Ukraine zu demilitarisieren und zu denazifizieren. Der Krieg war notwendig für
einen Stern [auf der Epaulette von Schoigu].' Und: 'Der Krieg war notwendig
für die Oligarchen, er war notwendig für
denjenigen Clan, der heute de facto Russland regiert. Dieser oligarchische Clan bekommt alles nur Mögliche. Wenn bei diesem Clan Unternehmen im Ausland geschlossen werden, dann teilt der Staat sofort inländische Unternehmen auf und übergibt sie dem Clan-Eigentum. Darum werden Geschäftsleute eingesperrt, werden Banken geschlossen, damit dieser Clan nicht den Umfang seiner Gelder verliert.'" Das, meint Umland, müsste "selbst für westliche Hardcore-Putin-Versteher schwer zu verdauen sein".
Die
Gefahr für Putin ist nach dem Ende des Aufstandes nicht vorbei, meint der
Politologe und Erforscher von Staatsstreichen
Naunihal Singh im Gespräch mit Johannes Böhme auf
Zeit online. Jeder Putschversuch erhöhe die Chance auf einen weiteren, so Naunihal: "Je länger ein Land keinen Putsch erlebt hat, desto wirksamer ist
das Tabu. Desto undenkbarer erscheint es, dass das Militär die Macht ergreifen könnte. Dagegen vermittelt jeder Putschversuch den Eindruck, dass die Macht eines Regimes
nicht wirklich stabil ist. Putin erscheint plötzlich sehr
viel verwundbarer als vorher. Es kann gut sein, dass das jemand ausnutzen wird." Ein Umsturz des Systems durch das Militär, berge in Russland allerdings auch
große Gefahr: "Nach einem Putsch gäbe es also die Möglichkeit, dass sich wirklich etwas verändert. Gleichzeitig könnte es sein, dass ein neuer Präsident den Krieg noch aggressiver führen würde. Oder dass er versuchen würde, ihn mithilfe von Massenvernichtungswaffen zu beenden. Einige dieser Szenarien sind so angsteinflößend, dass ich nicht denke, dass wir auf einen Putsch hoffen sollten. Mir macht der Gedanke an einen richtigen Militärcoup in Russland
große Sorgen."
König Willem-Alexander hat nach Jahrzehnten des Schweigens die richtigen Worte gefunden, und sich offiziell und in sehr persönlichen Worten für den Anteil, den die
niederländische Könlgsfamilie an der
Sklaverei hatte, entschuldigt, berichtet Thomas Gutschker in der
FAZ. Seine Rede hat er bei einem jährlichen Fest gehalten, das der Befreiung von der Sklaverei gedenkt. Allerdings ist das erst ein
erster Schritt, so Gutschker, denn die Geschichte der Sklaverei sei im öffentlichen Bewusstsein der Niederlande kaum präsent und soll darum auch in den Schulen auf den Lehrplan gesetzt werden. Zu den weiteren Maßnahmen gehört, dass Menschen mit Ursprung aus der Karibik das Recht erhalten,
ihre Namen zu ändern: "In Surinam und auf den Antillen hatten die 45.000 Menschen, die 1863 aus der Sklaverei entlassen wurden, erstmals Nachnamen bekommen, damit man sie in die Personenstandsregister eintragen konnte. Das waren oft
typisch niederländische Namen, teilweise in bizarren Kombinationen mit ausgedachten Ortsnamen wie Cairo oder Rusland. Wer die Namen ändern will, muss sich psychologisch bestätigen lassen, dass man darunter leide, und 835 Euro Gebühr bezahlen. Beides soll für eine befristete Zeit entfallen.