9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2014 - Geschichte


La Toussaint rouge, historische Seite 1 des Journal d"Alger

Heute vor sechzig Jahren begann mit Attentaten des FLN ("La Toussaint rouge") der Algerienkrieg. Benjamin Stora, einer der wichtigsten Historiker dieses Konflikts, konstatiert in huffpo.fr nach einer langen Zeit der Verdrängung eine Art Overkill des Gedenkens an diesen Krieg. Aber jede Gruppe - die Algerier in Algerien, die "Harkis" (also Algerier, die auf der französischen Seite waren und nach Frankreich gingen), die "Pieds noirs" (also Algerien-Franzosen, die ebenfalls nach Frankreich gingen) - erinnert sich anders: "Es bleibt nur, die Arbeit der Geschichtsschreibung fortzuführen, den Historikern jeder Seite mehr Platz zu geben, ohne den Tyrannismus bestimmter Versionen einzelner Gruppen nachzugeben. Genau darum muss jeder einzelne Standpunkt in dieser langen Geschichte wiedergegeben werden."

Die ruandisch-französische Autorin Scholastique Mukasonga ("Die heilige Jungfrau vom Nil") spricht im taz-Interview mit Carla Baum über den Genozid in ihrem Land, dem viele in ihrer Familie zum Opfer vielen. Ein Hauptfaktor ist für sie die Vorgeschichte: "Die Kolonialgeschichte hat eine wichtige Rolle gespielt, denn die Belgier haben die Spaltung zwischen Hutu und Tutsi ja überhaupt erst geschaffen. Ab 1930 stand in jedem Pass "Hutu" oder "Tutsi". Während des Genozids haben die Ausweise für die Organisation der Tötungen eine große Rolle gespielt. Als Schriftstellerin interessieren mich diese Ursachen des Genozids. Deshalb spielt die Kolonialzeit auch in meinem Roman eine große Rolle. Sie war in den 1970er Jahren zwar vorbei, aber wurde fast nahtlos durch die Entwicklungszusammenarbeit ersetzt."

Außerdem: In der Welt verbeugt sich Robert Schopflocher vor Henriette Herz, die in diesem Jahr 250. Geburtstag hat und in Berlin einen toleranten und vielfältigen Salon führte. Und im Guardian feiert Timothy Garton Ash die Eröffnung des Jüdischen Museums in Warschau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2014 - Geschichte

Oliver Grimm berichtet in der Presse über Kulturkämpfe um den Geschichtsunterricht an amerikanischen Schulen: "Seit Amerikas Konservative als Reaktion auf die ihrer Ansicht nach exzessiven gesellschaftlichen Bewegungen der 1960er-Jahre die "Culture Wars" erklärt haben, ist das in Schulen und Universitäten vermittelte Geschichtsbild eine der am wildesten umfochtenen Fragen. Je mehr die Geschichtswissenschaft sich um ein differenziertes Verständnis der Vergangenheit bemüht, desto stärker sehen sich rechte Anhänger der Idee von Amerikas Ausnahmerolle in der Welt von linken Defätisten umzingelt, die die Jugend mit Hass auf das Vaterland zu indoktrinieren versuchen."

Außerdem: Gina Thomas wirft der BBC in der FAZ vor, in einer zweistündigen Dokumentation (Ankündigung auf BBC.co.uk) über den Fall Gurlitt alle Deutschen über einen Kamm zu scheren und deutsche Restitutionsbemühungen beim Thema Raubkunst nicht zu würdigen. In der FR berichtet Jan Opielka über das neue jüdische Museum in Warschau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2014 - Geschichte

Im Interview mit Marta Kijowska in der FAZ erinnert Dariusz Stola, Direktor des Museums für die Geschichte der polnischen Juden, an die zwiespältige Haltung der Kommunisten zu den Juden in Polen. Einerseits gestatteten sie durchaus ein Gedenken: "Die Partei organisierte auch jedes Jahr Feierlichkeiten zum Jahrestag des Gettoaufstands, es gab das einzigartige Jüdische Theater in Warschau. Andererseits wurde die Erinnerung an die Ermordeten gleichsam "dejudaisiert". Das beste Beispiel ist das Denkmal in der Gedenkstätte Auschwitz, das vielen, alphabetisch geordneten europäischen Völkern gewidmet war und wo die Juden, die auf Polnisch mit dem Buchstaben Ź anfingen, ganz zum Schluss vorkamen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2014 - Geschichte

In der Berliner Zeitung möchte Götz Aly doch noch mal den Begriff Unrechtsstaat zur Diskussion stellen. Zum Beispiel bei der Kindererziehung in der Nachkriegszeit von BRD und DDR: "Cholerische, demoralisierte Väter und verhärmte Mütter prägten das Bild. In emotional erstarrten (Rest-)Familien wuchsen die Kinder psychisch frierend auf. Die betont staatliche Erziehungspolitik der DDR gab den Kindern damals mehr Halt und Wärme als im Westen; und womöglich verliefen die späteren, in der alten Bundesrepublik so harten Generationenkonflikte auch deshalb in der DDR insgesamt weicher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2014 - Geschichte

Nach zwanzig Jahren Planung wird morgen in Warschau das Museum der Geschichte der polnischen Juden eröffnet. Klaus Brill hat es für die SZ schon völlig fasziniert besichtigt: "Man betritt das Jahrtausend durch einen imaginierten Wald, der legendenhaft die Ankunft der ersten Juden vermittelt. Unter ihnen waren Flüchtlinge aus dem Rheinland, sie sollen bei einer Rast im Wald aus dem Gezwitscher der Vögel die Worte "Po lin! Po lin!" vernommen haben - was im Hebräischen und Jiddischen "Bleibe hier" bedeutet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2014 - Geschichte

Anna Steinbauer berichtet in der SZ, dass die Autorin Sabine Kienlechner ausgerechnet für einen Aufsatz in der Zeitschrift Sinn und Form verklagt wurde, in dem sie beschreibt, wie die Gerichte die Aufarbeitung der Securitate-Spitzelei erschweren: "Die Gerichte, so Kienlechners These, würden in ihren Urteilen dem Persönlichkeitsschutz der Täter meist größeres Gewicht einräumen als der Aufarbeitung und Wahrheitsfindung auf Seiten der Opfer. Der scharfsichtige Text war im Sommer durch eine einstweilige Verfügung gerichtlich verboten worden. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Claus Stephani, der von Kienlechner in ihrem Essay als "mutmaßlicher Spitzel" bezeichnet wurde, sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt."

Absolut verstörend findet der britische Historiker Richard Evans im Guardian das Buch "Eichmann vor Jerusalem" seiner deutschen Kollegin Bettina Stangneth. Stangneth wertet darin die Interviews aus, die der Holocaust-Organisators nach dem Krieg seinem niederländischen Nazi-Freund Willem Sassen gab: "Der Zynismus, die Unmenschlichkeit, die Mitleidlosigkeit und die moralische Verirrung nehmen einem den Atem." Aber Hannah Arendts "Banalität des Bösen", meint Evans, sei damit noch lange nicht widerlegt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2014 - Geschichte



(Jeremy Carvers Foto von "Stolpersteinen " in Frankfurt wurde unter CC-Lizenz auf Flickr publiziert.)

Petra Schellen berichtet in der taz von zunehmendem Unbehagen an den Projekt Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demmig, der bei Opfern der NS-Justiz den Grund der Verurteilung einfach nur in Anführungszeichen festgehalten hat: ""Gewohnheitsverbrecherin" stand also auf dem Hamburger Stein für Erna Lieske. "Als ich das sah, war ich total geschockt", sagt Enkelin Liane. "Wie kann man ausgerechnet auf einem Gedenkstein die Sprache der Täter verwenden?" Und die Diffamierung der Nazis fortsetzen, in die sich die Enkelin plötzlich mit hineingesogen fühlte." Bei anderen Verfolgten steht die Brandmarkung "Rassenschande", "Volksschädling" oder "Plünderung". In der FAZ berichtet Patrick Bahners zum Thema.

Volker Breidecker erinnert in der SZ an die Gründung der Universität Frankfurt vor 100 Jahren, die sich Georg Simmel noch als Ort höherer Studien ohne elementaren Unterricht und praktische Zwecke erträumt hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2014 - Geschichte

Aus den kommenden Erinnerungen Hans Magnus Enzensbergers an die Sixties vorveröffentlicht die FAZ eine bemerkenswert uninspirierte Reminiszenz an eine Schriftstellerreise nach Petersburg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2014 - Geschichte


(Bild: British Museum.)

Thomas Kielinger bespricht für die Welt die große Deutschland-Ausstellung im British Museum, in der Neil MacGregor bei den Briten für ein differenzierteres Deutschland-Bild wirbt: "Dem Paradox der deutschen Geschichte, ihrer Dualität zwischen hoher Kunst und tiefem moralischen Fall, geht die Ausstellung nicht aus dem Wege. MacGregor zeigt es in Gestalt des Weimar-Triptychons: Goethe, Bauhaus, Buchenwald." Eine weitere Besprecung bringt die FAZ.

Im Dossier der Zeit erklärt der Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs im Interview, warum auch heute noch gilt: "Von der Stasi-Spionage lernen heißt siegen lernen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2014 - Geschichte



Es wurde Zeit, dass er eine Deutschland-Ausstellung im British Museum organisiert, meint Neil MacGregor im Interview mit Gina Thomas in der FAZ, "weil unser Kenntnisstand vor siebzig Jahren stehengeblieben ist. Zu den verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs zählt, dass er nicht nur die ernsthafte Auseinandersetzung der britischen Bildungsschicht mit deutscher Geschichte und Kultur beendete, sondern auch das Engagement mit der deutschen Gegenwart." (Das Bild zeigt einen Screenshot von der Website des British Museum.)