9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2019 - Geschichte

Dass es in Berlin ein Mahnmal geben sollte, das an die Zerstörung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt und durch die deutschen Truppen erinnert, steht für den in der FAZ schreibenden Historiker Felix Ackermann außer Frage. Er will aber mehr - ein Dokumentationszentrum, das die Nazipolitik als einen innereuropäischen Kolonialismus darstellt und das darum im Stadtschloss richtig verortet wäre: "Hat sich an Rhein und Spree jemals ein Verständnis dafür durchgesetzt, dass deutsches Großmachtstreben eine Form innereuropäischen Kolonialismus war, der letztlich auch das Ende des Deutschen Reiches verursacht hat? An der seit Jahren geführten Debatte um die zukünftigen Inhalte des Berliner Schlosses kann man wie unter dem Brennglas verfolgen, dass das Erbe des Kolonialismus in Deutschland noch immer vor allem mit dem Streben nach Überseekolonien und dem Kunstraub jenseits Europas assoziiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2019 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den Hitler-Stalin-Pakt, der heute vor achtzig Jahren unterschrieben wurde. Und Birgit Holzer besucht das zum 75. Jahrestag der Befreiung von Paris eröffnete Musée de la Libération in Paris. Und noch einmal Arno Widmann, der erzählt, wie die Christen das Konzept des Gottesstaates als Ersatz für das untergegangene Rom entwickelten.
Stichwörter: Hitler-Stalin-Pakt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2019 - Geschichte

Der vor achtzig Jahren geschlossene Hitler-Stalin-Pakt werde bis heute in der Geschichtsschreibung unterschätzt und löse ein eigenartiges Unbehagen aus, schreibt die Historikerin (und Autorin zum Thema) Claudia Weber in der NZZ, als sehe man den Krieg lieber als die Konfrontation zwischen Nazis und Kommunisten,  die dem Pakt folgte: Aber "der Hitler-Stalin-Pakt gehört in die Mitte des europäischen Kriegsgeschehens. Denn das 'Dritte Reich' besetzte Frankreich, die Benelux-Staaten und Teile Skandinaviens im Frühjahr 1940 während und aufgrund des Bündnisses mit Moskau. Die sogenannten Blitzkriege und der aus ihnen hervorgehende Mythos von der deutschen Unbesiegbarkeit wären ohne den Pakt, der einen Zweifrontenkrieg verhinderte, nicht möglich gewesen."

Rudolf Hermann erinnert in diesem Kontext an die Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, mit der die baltischen Länder am 23. August 1989 - also lange vor dem Mauerfall - an den Pakt erinnerten.

Frank Herold macht im Tagesspiegel klar, dass sich die Zeitgenossen der vollen Katastrophe des Paktes noch nicht einmal beewusst waren: "Was zu diesem Zeitpunkt außerhalb des Kremls und der Berliner Schaltzentralen niemand weiß: Dies ist nicht bloß ein Nichtangriffspakt zwischen zwei Staaten, wie es ihn zu diesem Zeitpunkt einige in Europa gibt. Das ist nur der offizielle Teil. In einem geheimen Zusatzprotokoll enthält der Hitler-Stalin-Pakt faktisch die Verabredung zur Vernichtung Polens und der baltischen Staaten sowie zur Teilung Osteuropas in geopolitische Interessensphären."

Der Hitler-Stalin-Pakt war nicht die erste Manifestation deutsch-russischer Zugetanheit - und nicht die letzte, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Die Furcht, man könne Moskau provozieren, führte die Bundesregierung etwa dazu, 2008 die von den USA gewünschte Aufnahme Georgiens und der Ukraine in das Militärische Aktionsprogramm der Nato zu torpedieren. Der Kreml beantwortete dieses vorauseilende Entgegenkommen mit der Invasion Georgiens 2008, mit der Krim-Annexion 2014 und dem verdeckten Einmarsch in die Ostukraine im selben Jahr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2019 - Geschichte

Vor 400 Jahren werden erstmals Sklaven in Nordamerika erwähnt. Aber einen größere Ausbeutung von Sklaven gibt es erst ab Ende des 17. Jahrhunderts, schreibt der Historiker Manfred Berg in der Zeit: "Die Pflanzer Virginias und Marylands decken ihren Arbeitskräftebedarf deshalb lange mit Schuldknechten aus dem Mutterland. Diese sogenannten indentured servants (Knechte auf Zeit) verpflichten sich vertraglich zur Arbeit für einen Dienstherrn, der ihnen die Überfahrt in die Kolonie bezahlt und sie während ihrer Dienstzeit, üblicherweise drei bis sieben Jahre, versorgen muss. Dieses System funktioniert recht zuverlässig. Der Kauf von Sklaven erweist sich allerdings als rentabler: Zwar sind sie in der 'Anschaffung' teurer, können aber lebenslang ausgebeutet werden - und ihre Nachkommen sind ebenfalls unfrei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2019 - Geschichte

Rudolf Walther erinnert in der taz an den Pazifisten und Heidelberger Universitätsprofessor für Statistik Emil Julius Gumbel, der zu Zeiten der Weimarer Republik von Rechten bekämpft wurde. Ihm widmet das Heidelberger Universitätsmuseum derzeit eine Ausstellung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2019 - Geschichte

Der Kolonialismus brauchte Diskurse, die die europäische Expansion rechtfertigte und besonders die vermentliche Überlegenheit der Europäer über die vorgefundenen Bevölkerungen erklärte, und ausgerechnet die Aufklärung lieferte diese Diskurse, schreibt der Historiker Christian Geulen in einem online nachgereichten Essay für die Zeit: "Ja, auch die Bewohner außereuropäischer Länder waren Menschen, aber Menschen einer unteren Entwicklungsstufe, die erst noch zivilisiert werden mussten, um wahrhaft Teil des europäischen Konzepts von Menschheit zu sein. Dies war eines der überzeugendsten Narrative, um in den folgenden 150 Jahren den imperialen Kolonialismus zu rechtfertigen."

Die Petersburger Schriftstellerin Elena Chizhova hat im Mai in der NZZ Stalin für die Hunderttausenden Toten der Belagerung Leningrads mitverantwortlich gemacht (unser Resümee). Ulirch M. Schmid teilt diesen Vorwurf nicht in dieser Schärfe, aber er zeigt, welch ein Tabu Chizhova allein mit diesem Thema berührte: "Mittlerweile sind die diskursiven Verteidigungslinien für den Heldenmythos der Leningrader Blockade in aller Deutlichkeit gezogen. Der oppositionelle Fernsehsender Doshd führte auf seiner Website im Jahr 2014 eine Umfrage durch: 'Hätte man Leningrad nicht besser aufgeben sollen, um dadurch Hunderttausende Menschenleben zu retten?' Allein die Frage löste eine Welle der Empörung aus. Zahlreiche Kabelnetzwerke nahmen Doshd aus ihrem Angebot, seither ist der Kanal fast ausschließlich auf Einnahmen aus Internetabonnements angewiesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2019 - Geschichte

Die Rolle der Hohenzollern im Übergang zum Nationalsozialismus war keineswegs "umstritten", wie es bisweilen heißt, stellt der Historiker Norbert Frei in der SZ klar und verweist noch einmal auf seinen Historikerkollegen Stephan Malinowski (Unser Resümee): "Wiederholt, unlängst auch in der SZ (Ausgabe vom 6. August), hat Malinowski daran erinnert, was diesbezüglich konkret zu den Hohenzollern zu sagen ist - von des 'Kronprinzen' Wilhelm von Preußens früher Bewunderung für den italienischen Faschismus über sein Planspiel mit Hitler vor der Reichspräsidentenwahl 1932 bis hin zur stilisierten Legitimation des 'jungen Deutschland' durch die alten Mächte beim 'Tag von Potsdam' am 21. März 1933, bei dem natürlich auch Wilhelm nicht fehlte. Der Kronprinz a.D. schmückte die Inszenierung nicht nur; seine Präsenz verhalf dem neuen Regime zu wachsendem Ansehen auch bei noch immer monarchisch denkenden Bürgern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2019 - Geschichte

In der Zeit erinnert der Historiker Andrej Angrick an die kaum erforschte Geheimaktion 1005 - jene Aktion, mit der die Nationalsozialisten vor 75 Jahren alle Spuren des NS-Genozids in der Sowjetunion und Osteuropa auslöschen wollten: "Die NS-Führung ist besorgt, dass durch die propagandistische Verbreitung solcher 'Gräuelmeldungen' die Loyalität der NS-'Volksgemeinschaft' zum Regime erodieren könnte. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels fürchtet darüber hinaus, dass die Nachgeborenen womöglich nicht mehr die 'Tatkraft' und die 'Wachheit des Instinkts' besäßen, um die 'Judenfrage einer endgültigen Lösung zuzuführen', wie er am 7. März 1942 in seinem Tagebuch notiert. Intern beschönigt man die eigenen Verbrechen also nicht. Das Gewissen der gemeinen Volksgenossen aber soll nicht mit dem Wissen über das nationalsozialistische Vernichtungsprogramm belastet werden: Man will die 'innere Wehrhaftigkeit' der Bevölkerung nicht gefährden. Früh untersagt man deshalb private Foto- und Filmaufnahmen von Exekutionen."

Die New York Times präsentiert heute eine Sonderausgabe der New York Times Magazine mit dem "1619 Project", das auch online sehr prächtig geraten ist  - zum 400. Jahrestag der ersten Sklaven, die auf einem Boot in Amerika anlandeten. Es handelt sich um das größte Projekt dieser Art, das die Times je stemmte. Frauke Steffens berichtet in der FAZ über das Projekt: "Dass die New York Times diesen Aufwand betrieb, ist der Autorin Nikole Hannah-Jones zu verdanken. Sie hatte die Idee und überzeugte erst die Redakteure und dann renommierte afroamerikanische Historikerinnen, Dichter und Aktivisten von dem Projekt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2019 - Geschichte

Amerikas Zustand erinnert einige Kommentatoren, wie gerade Andrew Sullivan im New York Magazine (tief Luft holen, bevor Sie den Artikel anklicken und auf Trump als fetten römischen Imperator blicken), an die letzten Tagen der römischen Republik. Der Historiker Niall Ferguson, der als Gegenmittel Tom Hollands NYRB-Essay "Amerika ist nicht Rom. Es glaubt nur, dass es das ist" empfiehlt, winkt in der NZZ ab: Die amerikanische Verfassung unterscheide sich doch ziemlich stark von der römischen, "alle Präsidenten reiben sich an diesen Beschränkungen, aber keiner hat sie wirklich überwunden. Das wird auch Trump nicht schaffen. Der hervorstechendste Fehler der Hypothese vom präsidialen Imperator ist aber, dass Trump keinerlei Gelüste auf ein Imperium hat. Es juckt ihn, amerikanische Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Er hat vom Betreiben eines Regimewechsels in Venezuela Abstand genommen. Sein Ansatz für alle Auslandengagements der USA ist rein geschäftlich ('Bezahlt für unseren Schutz, oder wir sind weg'). Er hat eine Art von kaltem Krieg mit China angefangen, wird aber versuchen, ihn abzublasen, wenn er zu dem Schluss kommt, die Kosten könnten seine Hoffnung auf Wiederwahl gefährden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 - Geschichte

Der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki jährt sich in diesen Tagen zum 74. Mal. Im Tagesspiegel fordert Malte Lehming den Abwurf als "Kriegsverbrechen" einzustufen: "Gilt im Krieg keine Moral? Sind alle Mittel erlaubt? Eine solche Auffassung widerspricht sowohl dem universellen Gültigkeitsanspruch ethischer Normen als auch den gängigen Urteilen über kriegerische Handlungen. Wenn alles erlaubt ist, gibt es zwischen einem Gewehrschuss und dem Einsatz bakterieller oder chemischer Kampfstoffe keinen Unterschied. Das Bombardement eines Mehrfamilienhauses, in dem sich neben Hunderten von Bewohnern angeblich auch ein gegnerischer Soldat befindet, dürfte dann eben so wenig Entrüstung verursachen wie das Foltern von Kindern, um deren Eltern zur Aufgabe zu zwingen. Die Beispiele zeigen: Auch über Kriegshandlungen werden moralische Urteile gefällt. Es wird durchaus unterschieden zwischen erlaubt und unerlaubt."

Mexikos Präsident López Obrador verlangt zum 500-Jahr-Gedenken der spanischen Eroberung von Mexiko im Jahre 1519, dass sich Spanien entschuldige, was Ministerpräsident Pedro Sánchez ablehnt, berichtet Michi Strausfeld in der NZZ. Immerhin wurde eine Historikerkommission eingesetzt, die Fakten zur Eroberung und zur Kolonialherrschaft neu bewerten soll - Vorsitzende ist allerdings die  Autorin María Elvira Roca Barea, die mit ihrem Buch "Imperiophobie und Schwarze Legende" in Spanien einen umstrittenen Bestseller landete, bemerkt Strausfeld kopfschüttelnd: "Namentlich bekämpfte sie die Behauptungen, Spanien sei ein rückständiges Land, das die Aufklärung ausgesperrt, die Inquisition jedoch dies- und jenseits des Atlantiks praktiziert habe. Sie trat den angeblich von Protestanten verbreiteten Legenden über die Verwüstung und Ausbeutung seiner Kolonien entgegen, wo doch bloß deren Reichtum den Neid der europäischen Mächte geweckt habe. Spanien habe Lateinamerika jedenfalls viel gegeben - nicht nur den Katholizismus (auch wenn er mit Feuer und Schwert durchgesetzt worden war), sondern auch die Sprache, die Kultur, die Technologie der modernen Welt."