9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Geschichte

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden fast alle Juden arabischer Länder systematisch vertrieben. Die Stadt Bagdad etwa war vor den Vertreibungen zu einem Drittel jüdisch - 900.000 arabische Juden siedelten sich in Israel an. Diese Geschichte sei "bislang Gegenstand einer massiven Verleugnung", zitiert Ulrich Gutmair in der taz den Historiker Georges Bensoussan, dessen Studie "Die Juden der arabischen Welt - Die verbotene Frage" jetzt auf Deutsch vorliegt: "Dabei formuliert der Historiker, der 1952 in Marokko geboren wurde, zurückhaltend. Nur in Bezug auf Ägypten spricht er ausdrücklich von Vertreibung. Meist habe es sich um 'einen schleichenden Ausschluss' der Juden gehandelt, eine Atmosphäre 'heimtückischer Trennung', wie Bensoussan den Tunesier Albert Memmi zitiert, der diese Einschätzung bereits in den 1950ern formuliert hatte. Das Ergebnis dieses Ausschlusses: Die Juden, die seit 2.000 Jahren an diesen Orten gelebt hatten, verließen sie. Bensoussan nutzt ein biblisches Wort, um den Vorgang zu beschreiben: Exodus."

"Überzeugte Demokraten stehen immer in Opposition zu faschistischen Bewegungen, während Antifaschisten nicht zwangsläufig überzeugte Demokraten sein müssen", schreibt der Historiker Jens Späth im Tagesspiegel und spürt der Ambivalenz des Begriffs historisch nach. Während der Antifaschismus zum Gründungsmythos der DDR gehörte, verdrängten in der Bundesrepublik "selbst aktive Widerstandskämpfer ihre antifaschistischen Erfahrungen und Traditionen und ordneten sich meist der Staatsdoktrin des Antikommunismus unter. In den Jahren der Adenauer-Regierung war es wichtiger, gegen den Bolschewismus Stellung zu beziehen, als an den nur oberflächlich verheilten Wunden der jüngsten Vergangenheit zu rühren. In bürgerlichen Kreisen existierte maximal ein 'Antifaschismus der Phrase', der sich nicht wissenschaftlich mit den sozioökonomischen Ursachen von Faschismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen wollte. Der marxistische Philosoph und Publizist Wolfgang F. Haug prägte dafür den Begriff des 'hilflosen Antifaschismus'."

In der NZZ kann der Historiker Volker Reinhardt mit dem Hang seiner Zunft zur Analogiebildung zwecks Zukunftsprognose nichts anfangen: "Wir bewahren euch vor Rückfällen in die Katastrophen der Vergangenheit und zeigen euch den Weg in eine bessere Zukunft! Diese Lebenslüge des historischen Metiers findet ihre regelmäßige Spiegelung in Politiker-Statements, die immer dasselbe Mantra gebetsmühlenartig wiederholen: Nur wer die Geschichte kennt, ist davor bewahrt, ihre Schrecken zu wiederholen. Zumindest in diesem Punkte darf getrost Entwarnung gegeben werden: Sie wiederholt sich nicht. Anders ausgedrückt: 2019 ist nicht 1933, und auch der 'Westen' ist nicht im Namen der Geschichte von akutem Zerfall bedroht. So ehrenhaft und moralisch vorbildlich solche Sonntagsreden sind, die vor der Wiederholung des geschichtlich Bösen warnen: Sie fokussieren nicht nur die Hoffnungen, sondern auch die Gefahren falsch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2019 - Geschichte

In der SZ findet der Historiker Stephan Malinowski es einfach absurd, dass die Hohenzollern jetzt versuchen, sich als Widerstandskämpfer gegen Hitler zu stilisieren, um Entschädigung für Enteignungen zu erhalten: "Die politische Bedeutung der Hohenzollern nach dem Ersten Weltkrieg ist auch in dem zu suchen, was 1933 und 1944 nicht geleistet wurde: die Darstellung einer konservativen Alternative zum Nationalsozialismus." Und überhaupt wird die Rolle des Adels im Widerstand übertrieben, findet Malinowski: "Wer über viele Jahre Europas Geschichte unterrichtet, stellt fest: Studenten aller Länder der Welt kennen Stauffenberg, einige haben von den Scholls gehört, niemand von der Berliner Widerstandskämpferin Elise Hampel, obwohl letztere Vorbild für die Heldin in Hans Falladas Roman 'Jeder stirbt für sich allein' war. Wenn aber, wie etwa die Verteidiger eines monumentalen Stauffenberg-Bildes fordern, 'Gewissen' die Leitkategorie zur Beurteilung von Widerstand sein soll, wäre schwer zu sehen, womit der Oberst der Wehrmacht die 21-jährige Studentin Sophie Scholl überstrahlen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2019 - Geschichte

Absolut sehenswert findet Markus M. Haefliger in der NZZ die Ausstellung "Culture under Attack" im Londoner Imperial War Museum, die ihm vor Augen führt, wie über Jahrhunderte hinweg gezielt Kulturschätze in Kriegen zerstört wurden: "Die Kuratorin Paris Agar führt die Zerstörungswut der Barbaren auf verschiedene Beweggründe zurück. 'Oft soll die Bevölkerung demoralisiert werden', sagt sie. Ein Beispiel sind die 'Baedeker-Angriffe' durch die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Der gleichnamige Fremdenführer aus der Zwischenkriegszeit hatte deutschen Touristen empfohlen, die englischen Kulturstädte Bath, Canterbury, Exeter, Norwich und York zu besuchen. Im Krieg wurden sie zum Ziel ausgewählter Bomberangriffe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2019 - Geschichte

Vor 75 Jahren schlugen die Deutschen den Warschauer Aufstand nieder - sie brachten dabei in einem gigantischen Massaker Zehntausende Warschauer Bürger um. Gabriele Lesser erzählt in der taz von einer deutsch-polnischen Ausstellung mit Fotos beider Seiten vom Warschauer Aufstand. Aber das Grauen ist nicht zu sehen: "Auch von den Leichenbergen, von denen Zeitzeugen berichteten, existieren heute keine Bilder. Die Deutschen wie auch ihre willigen Kollaborateure wollten ihr Verbrechen nicht dokumentieren, während die Fotografen der polnischen Aufstandspresse den Warschauern nicht zeigen wollten, was ihnen für ein Schicksal drohen könnte." In Polen berührt die Ausstellung so empfindliche Fragen, so Lesser, dass sie dort noch gar nicht gezeigt wurde. Mehr zur Ausstellung hier.

Kritik an der polnischen PiS-Regierung muss dennoch möglich sein, schreibt Daniel Brössler in der SZ, kann aber auch die polnische Reparationsforderungen verstehen: "Sie mögen rechtlich nicht haltbar sein, historisch aber sind sie verständlich. Die Bundesregierung sollte nach Wegen suchen, mit der doppelten Schuld umzugehen - dem polnischen Gefühl also, dass Deutschland sich auch materiell der Verantwortung für die Verbrechen der Nazis bislang nicht in einer angemessenen Weise gestellt hat. Dies wird sich nicht in Reparationszahlungen niederschlagen, könnte aber durch symbolstarke Projekte wie den Wiederaufbau des Sächsischen Palais geschehen."

Dass das Ende der Weimarer Republik nicht zwingend war, lernt Jens Bisky in der SZ im Haus der Weimarer Republik in Weimar, wo diese Woche die neue Dauerausstellung eröffnet wurde: "Mitarbeiter des preußischen Innenministeriums hatten seit Längerem Material über das Treiben der Hitler-Anhänger gesammelt und in einer Denkschrift nachgewiesen, dass die NSDAP eine kriminelle, terroristische Vereinigung war. Schon im Sommer 1930 überreichten sie ihre Denkschrift dem Ministerpräsidenten Otto Braun, der sie der Reichsregierung übergab und bat, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Es geschah nichts. Einer der Autoren hieß Robert Kempner. 1945 war er stellvertretender Hauptankläger der Vereinigten Staaten beim Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg."

Weitere Artikel: In der Zeit erinnert der Historiker Achatz von Müller daran, wie die Hohenzollern unter Wilhelm I. das Königreich Hannover unter Leitung des blinden Monarchen Georg V. selbst enteigneten, nachdem dieser aus Abneigung gegen seinen Vetter Wilhelm das Bündnis gegen Österreich abgelehnt hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2019 - Geschichte

In vielen Ländern - etwa China oder Indien - wird der großen Schlächter Vinayak Damodar Savarkar  oder Mao Tsetung wieder als Volksheiliger gedacht. Und in Gori, Georgien, gibt es nach wie vor eine Kultstätte für Stalin, die Ilija Trojanow für seine taz-Kolumne besucht hat: "Bemerkenswert, wie schnell sich beim Besucher die Ungeheuerlichkeit dieser Inszenierung abnutzt und einer neuen Normalität weicht. Nach einer Stunde hat man sich mit dieser Ikonisierung eines der schlimmsten Staatsverbrechers der Menschheitsgeschichte fast abgefunden."

Dass die Hohenzollern 1,2 Millionen Euro Entschädigung haben wollen für Liegenschaften, die die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet hatte, ist ja inzwischen bekannt. Die Historikerin Karina Urbach lehnt das im Interview mit der FR allerdings rundheraus ab: Eine Entschädigung komme nämlich nicht in Betracht, wenn die Hohenzollern einst dem "nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub" geleistet hätten. Und das war laut Urbach definitiv der Fall: "Sie waren begeistert von Hitlers Eroberungskriegen. Das war in ihren Augen echte Hohenzollernpolitik. Der Kronprinz gratulierte Hitler am 26 Juni 1940 per Telegramm: 'Mein Führer! Ihrer genialen Führung, der unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen (…) ist es gelungen, in der unvorstellbar kurzen Zeit von knapp 5 Wochen Holland und Belgien zur Kapitulation zu zwingen, die Trümmer des englischen Expeditionscorps in das Meer zu treiben. (…) Mit dem heutigen Tage ruhen die Waffen im Westen, und der Weg ist frei für eine endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion. In dieser Stunde von größter historischer Bedeutung möchte ich Ihnen als alter Soldat und Deutscher voller Bewunderung die Hand drücken. Gott schütze Sie und unser deutsches Vaterland!'" (Weiterer Satz wegen einer strittigen Textpassage im Zitat gestrichen, d.Red., 9. 9. 2019)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2019 - Geschichte

Der Historiker Jörn Leonhard, Autor des Buchs "Der überforderte Frieden - Versailles und die Welt 1918-1923", kommt in der FAZ auf die Versailler Friedenskonferenz zurück und macht auf die Zweischneidigkeit des Schlüsselbegriffs von der "Self Determination" aufmerksam, mit dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson viele beteiligte Nationen begeisterte: "Die vermeintliche Eindeutigkeit dieser Ordnungsvision, die in den Nachkriegsgesellschaften etwa Polens, der Tschechoslowakei oder des späteren Jugoslawiens mit dem Bild der Imperien als Völkergefängnisse zusammenfiel, traf in der Praxis auf eine ausgesprochene Spannung zwischen demokratischer Partizipation und einer ethnischen Definition von Staatlichkeit. Das universalistische Versprechen des Selbstbestimmungsrechts traf gleichsam auf die weiter bestehenden multiethnischen Gemengelagen Ost-, Ostmittel und Südosteuropas."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2019 - Geschichte

In der NZZ kritisiert der Zeithistoriker Andreas Wirsching die zunehmende Neubewertung der Weimarer Reichsverfassung: Dahinter stecke der Wunsch, "Deutschland mit einer positiven demokratischen Tradition auszustatten", meint er und verweist darauf, dass die Weimarer Republik nicht zuletzt am Nebeneinander unterschiedlicher Demokatiemodelle scheiterte: "Tatsächlich waren es weniger die direktdemokratischen Elemente, die der Weimarer Republik zusetzten, auch wenn das Volksbegehren gegen den Young-Plan 1929 Adolf Hitler erstmals eine große nationale Bühne verschaffte. Weitaus gefährlicher war aber die Machtfülle des Reichspräsidenten, der drei Verfassungskompetenzen kombinieren konnte. Artikel 53 der Weimarer Reichsverfassung (WRV) erlaubte ihm, den Reichskanzler zu ernennen und zu entlassen, und machte ihn damit zum Herrn über die Exekutive. Mit Artikel 25 konnte der Reichspräsident jederzeit den Reichstag auflösen und damit die Legislative zumindest temporär ausschalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2019 - Geschichte

Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider stellt das Attentat gegen Hitler vor 75 Jahren in der NZZ in einen historischen Zusammenhang: "Zumeist bleiben Attentate politische Symbole, Symbole legitimer oder grundloser Gewalt. Der versuchte Anschlag auf den Diktator Adolf Hitler ist indessen das bleibende Zeichen einer von der abendländischen Tradition getragenen Überzeugung, dass eine politische Ordnung nicht auf willkürliche Macht gegründet sein darf, sondern allein auf Recht."

Im Tagesspiegel schreibt Sophie von Bechtolsheim, die Enkelin Claus Graf Stauffenbergs, die gerade ein Gegenbuch zu Thomas Karlaufs umstrittener Stauffenberg-Biografie geschrieben hat, über Widerstand im allgemeinen (etwas allzu allgemeinen, muss man sagen): "Wir Bürger werden unserer Verantwortung nur gerecht, wenn wir bereit sind, uns persönlich im Rahmen unserer Möglichkeiten für ein friedliches, gerechtes, würdevolles Zusammenleben einzusetzen." Auch Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, würdigt den Widerstand gegen Hitler im Tagesspiegel. Im FAZ-Leitartikel zum Jahrestag schreibt Reinhard Müller gegen all jene, die an Stauffenbergs Motiven mäkeln: "Entscheidend bleibt der versuchte Tyrannenmord."

FR-Autor Arno Widmann gibt bei aller Würdigung der Widerständler, die bei Gelingen ihres Vorhabens die Soldaten zum Weiterkämpfen aufgefordert hätten, den damaligen Kriegsalliierten recht: "Schon auf der Konferenz von Casablanca zu Beginn des Jahres 1943 hatten die Alliierten sich auf das Kriegsziel einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands geeinigt. Sie würden davon nicht abrücken. Den Fehler von 1918 wollten sie nicht wiederholen. Deutschland musste besetzt und radikal reformiert werden. Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist."

Und Thomas Karlauf bleibt in der FAZ bei seiner grundsätzlichen Kritik an den Attentätern vom 20. Juli: "Natürlich waren die Verschwörer schockiert über das, was sie über die Verbrechen im Osten erfuhren - und die meisten waren früh und umfassend im Bilde. Ihre Empörung setzte jedoch 'keine unmittelbare Gegenwehr oder Auflehnung in Gang', befand schon Hans Rothfels, der erste Historiker, der sich mit dem Thema befasste. 1964 urteilte Hannah Arendt - unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses womöglich überhart -, den Verschwörern sei aus ihrer Kenntnis der Massenmorde offenbar nicht einmal ein Gewissensproblem entstanden." Karlauf nutzt seinen Artikel nebenbei zur Polemik gegen Bechtolsheim und "eine Hamburger Wochenzeitung", die "den Wimpel der Ehre dadurch hochzuhalten meint, dass sie in der aktuellen Debatte ausschließlich Enkel, Enkelinnen und Schwiegersöhne zu Wort kommen lässt".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2019 - Geschichte

Der 20. Juli sollte ein offizieller Feiertag sein, fordert die Literaturagentin und Verlegerin Elisabeth Ruge, Enkelin des deutschen Widerstandskämpfers, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, im SZ-Interview mit Joachim Käppner. Der Widerstand spiele für die Identität unserer demokratischen Gesellschaft allerdings schon seit Kriegsende 1945 keine Rolle, meint sie: "Die meisten Deutschen hatten sehr wenig Interesse, sich von den Überlebenden aus dem Widerstand den Spiegel vorhalten zu lassen und anzuerkennen, dass Widerstehen eben doch möglich gewesen war. In den Gerichten saßen viele ehemalige Nazis, und es brauchte Ausnahmepersönlichkeiten wie den Staatsanwalt Fritz Bauer, damit der Widerstand nicht weiterhin als Verrat eingestuft wurde. Später, in der linken Erinnerung seit den 68ern, gab es so ein Gefühl: Wenden wir uns dem Widerstand zu, speziell dem des 20. Juli, dann wenden wir uns von den Opfern des NS-Staates ab."

Eine Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg im ukrainischen Babij Jar 65.000 Ermordeten ist längst überfällig, schreibt in der NZZ der Historiker Bert Hoppe. Aber es gibt Einwände gegen das geplante Babij Jar Holocaust Memorial Center: Auf einem jüdischen Friedhof baue man nicht, heißt es; das Projekt werde zudem von russlandnahen ukrainischen Milliardären unterstützt, klagt Wolodomir Wiatrowich, Leiter des ukrainischen Instituts für nationales Gedenken im Gespräch mit Hoppe. Aber: "Wiatrowich ist selbst umstritten, weil er die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die anfangs mit den Deutschen kollaborierte und deren Angehörige zahlreiche Kriegsverbrechen verübten, vorrangig als Befreiungsbewegung darstellt. Die Beteiligung Einheimischer am Judenmord solle durchaus erforscht werden, so beteuert Wiatrowich nun, und die polnischen Gesetzentwürfe, Äußerungen über eine mögliche Mitschuld von Polen am Holocaust zu bestrafen, bezeichnet er als 'destruktiv'. Aber es sei ebenso notwendig, den Holocaust in die Gesamtgeschichte der Ukraine im Zeitalter der beiden totalitären Regime einzubetten. Das Verhalten der Menschen im Zweiten Weltkrieg lasse sich nicht verstehen, wenn man die Hungersnot von 1932/33 und den Großen Terror von 1937/38 ausblende."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2019 - Geschichte

Die Zeit widmet in ihrem Feuilleton mehrere Seiten dem Widerstand gegen Hitler. Christian Staas überlegt, warum sich die Deutschen mit den Widerständlern immer noch so schwer tun: "Bis heute gerät auf schwankenden Boden, wer den 20. Juli mit dem demokratischen Selbstverständnis der Bundesrepublik in Einklang bringen will - auch wenn es ein schöner Gedanke ist, den Linda von Keyserlingk-Rehbein äußert: dass allein schon in der breiten Allianz, die sich im Kampf gegen Hitler zusammenfand, etwas Demokratisch-Pluralistisches liegt. Doch sowenig sich der 20. Juli als ein 'Aufstand der Junker' abtun lässt, so wenig will er zu modernen Demokratie-Vorstellungen passen. Dass er den Deutschen keine Ruhe lässt, hat auch damit zu tun. Aber warum sollten sie mit dieser Geschichte zur Ruhe kommen?"

Karl Heinz Bohrer hat eine andere Erklärung: "Nicht umsonst ist zu hören, es gebe in Berlin keine Gesellschaft mehr, weil das jüdisch-intellektuelle, aber auch das aristokratische Element fehle. Dazu hatten Ironie, Aggressivität, aber auch Pathos und Allüre gehört. Bei Figuren wie Adam von Trott zu Solz, Helmuth James von Moltke oder Peter Yorck von Wartenburg ist dieser privilegierte kulturelle Stil besonders auffallend und distanzheischend."

Außerdem: Die Zeit-Redakteure Elisabeth von Thadden, Jens Jessen und Maximilian Probst, alle drei mit Widerständlern verwandt, unterhalten sich über den Wert von Erinnerungen.

In der taz erzählt Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, in einem Essay von der Ablehnung und Ignoranz, die die Bundesrepublik dem Widerstand entgegenbrachte: "Die nationalsozialistische 'Rechtsprechung' galt in vollem Umfang weiter. Der Deutsche Bundestag konnte sich erst 1998 dazu entschließen, die Urteile des 'Volksgerichtshofs'" und der Sondergerichte aufzuheben. Und erst 2002 hob das deutsche Parlament die Urteile der Militärjustiz auf, erst 2009 auch die Urteile wegen sogenannten Kriegsverrates - einer von den Nationalsozialisten eingeführten Norm, die immer weiter ausgeweitet wurde." Tuchel berichtet auch, wie die AfD, Pegida und ihre Postillen sich des 20. Juli bemächtigen wollen.

Interessant liest sich in diesem Zusammenhang der taz-Artikel der Historikers Sven Deppisch, der darlegt, wie wichtig es sei, dass sich heutige Polizeischüler mit der Geschichte ihrer Institution im Nationalsozialismus auseinandersetzen.