9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit der SZ weist die Schriftstellerin Arundhati Roy darauf hin, dass es den bürgerlichen Kreisen in den Großstädten auch in der Corona-Krise noch gut geht. Ganz anders "die Arbeiterklasse, die Arbeitsmigranten", von denen es in Indien fast fünfeinhalb Millionen gibt und die jetzt wegen der Ausgangssperren ihre Arbeit und damit auch ihre Unterkünfte verloren haben: "Sie hatten buchstäblich keinen Ort mehr, an den sie hätten gehen können. Es gab keinen öffentlichen Nahverkehr mehr, also haben sie sich auf den langen Marsch in ihre Dörfer aufgemacht, die Hunderte Kilometer entfernt liegen. Es war ein unfassbarer Anblick. Die Polizei hat sie geschlagen und gedemütigt, weil sie sich nicht an die Ausgangssperre hielten. Das waren Hunderttausende Menschen. Die Ausgangssperre, die eigentlich eine soziale Distanzierung erreichen sollte, führte hier zu einem physischen Zusammenpressen von Menschen."

Wirklich traditionell ist der Verzehr von Pangolinen und ähnlichen Wildtieren in China nicht, sagt der in Houston lehrende chinesische Tierschützer Peter Li im Gespräch mit Livia Gerster in der FAS: "Der Handel mit wilden Tieren kam erst in den letzten vierzig Jahren auf. Die Händler behaupten, das Fleisch des Pangolins mache potent, und seine Schuppen heilten Krankheiten. In China sind die Tiere mittlerweile so gut wie ausgestorben. Nun werden sie aus Südostasien und sogar aus Afrika ins Land geschmuggelt und dann für horrende Preise in Restaurants angeboten. Die Industrie hinter der traditionellen chinesischen Medizin bewirbt nicht nur Schuppen, sondern auch Bärengalle, Leopardenknochen, Tigerpenis und Elefantenhaut als Wundermittel. Nichts davon hat eine wissenschaftliche Grundlage. China braucht diese Pseudomedizin nicht, aber leider lassen sich viele von den Profiteuren einlullen."

In der SZ schickt Felwine Sarr Impressionen aus dem stillgelegten Dakar und stellt fest, dass es für die globalisierte Oberschicht ungewöhnlich ist, nicht zu wissen was kommt, keine Pläne und Termine machen zu können. "Für andere, und das ist die Mehrheit, war das Morgen immer gefärbt von Ungewissheit. Es brachte seinen Teil an Herausforderungen und plötzlichen Engpässen, manchmal Überraschungen und Tröstungen. Die ungewissen Zukunftstage, man lernte und wusste mit ihnen zurechtzukommen. Man zähmte die Zeit durch eine Runde Tee, durch das Netz einer Unterhaltung, die sie in einen Ort gehobener Qualität veredelte."

Wie ein Rohrspatz schimpft Autor Ulf Erdmann Ziegler in der taz über all die Zwangsmaßnahmen, die der Staat seinen Bürgern zumutet, und dann auch noch föderal unkoordiniert: "In Berlin darf man einen Buchladen offenhalten; in Hessen durfte der Buchhändler wochenlang die Bücher nicht einmal einzeln zur Tür herausreichen, aber durchaus einen Boten in mein Treppenhaus schicken. Wo endet die Für- und Vorsorge, und wo beginnt die Willkür?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2020 - Gesellschaft

Heike Haarhoff hatte in der taz Ende März gefordert, die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus wissenschaftlich zu begleiten (unser Resümee). Daraufhin hätten sich viele ältere Leute bei ihr gemeldet, berichtet sie nun in einem zweiten Artikel. Sie hätten vorgeschlagen, dass Ältere sich in freiwillige Quarantäne begeben, damit die Jüngeren wieder ihren Tätigkeiten nachgehen könnten. Sie zitiert etwa aus einem Brief der Leserin Marianne Erlenbruch: "Dass Unmengen von Menschen in die Vernichtung ihrer materiellen Existenz getrieben werden durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Insolvenz etc. Während wir, die Alten von heute, die reichste Rentner- und Pensionärsgeneration sind, die Deutschland je hatte! Die Alten, die luxuriöse Kreuzfahrten machen und in eigenen Immobilien leben. Die über Alterseinkünfte verfügen, die oftmals exorbitant über dem mageren Einkommen alleinerziehender Mütter liegen. Die den Jungen eine klimaverwandelte Erde hinterlassen, auf der diese kaum noch überleben können. Wir schämen uns für unsere reiche Altengeneration, die die Jungen über jedes erträgliche Maß hinaus belastet."

Ähnlich folgert Michael Maier, Herausgeber der Berliner Zeitung: "Statt Geheimhaltung ist maximale Transparenz aller Daten erforderlich. Das ist anonymisiert und in großer Schnelligkeit über das Internet möglich... Die Gelder, die man nun in Unternehmen stecken muss, die durch die Maßnahmen in die Pleite getrieben werden, wären wesentlich besser verwendet, würde man Pflegeeinrichtungen und Altenheime wirksam finanzieren und menschenwürdig schützen." Und was machen wir mit denen, die nicht freiwillig in Quarantäne gehen?

Die transparenten Daten der Johns-Hopkins-Universität heute: in Frankreich gibt es jetzt 13.000 Tote, in Spanien 16.000, in Italien 19.000, allein in der Region New York 6.000.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2020 - Gesellschaft

Mit der Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten sind wir dazu übergegangen, die Bekämpfung des Todes für selbstverständlich zu nehmen, schreibt Thea Dorn in einem Essay bei Zeit Online. Sie warnt bei allem Verständnis für Statistiken und Maßnahmen davor, dass die "Scoring- und Rating-Mentalität" den Blick für die "elend" in Isolation sterbenden Menschen versperrt: "Ich fürchte, wir müssen - auch in Deutschland - viel mehr über das reden, was in der Antike das allerselbstverständlichste Thema war: darüber, was ein 'guter Tod' sein könnte. Indem wir den Tod als ebenso katastrophalen wie gewissermaßen peinlichen Störfall betrachten, den es um jeden Preis hinauszuzögern gilt, indem wir ihn als GAU behandeln, als größten anzunehmenden Unfall, bei dem unsere Individualität ihre Kernschmelze erlebt, machen wir ihn noch schockierender, als er ohnedies ist."

Nun haben wir "die berührungslose Gesellschaft", die die Journalistin Elisabeth von Thadden in ihrem gleichnamigen Buch diagnostizierte - und die uns auf Dauer ebenfalls krank machen wird, schreibt Anna-Lisa Dieter in der Welt: "Covid-19 verändert unsere erotische Kultur. Wie lange wird es dauern, bis man wieder einen fremden Menschen küssen kann, ohne dabei 'Tröpfcheninfektion' zu denken? Nach dieser Krise werden wir Intimität neu codieren müssen."

Bevor wir über die Zukunft nach der Corona-Krise nachdenken, müssen die Voraussetzungen für eine breite gesellschaftliche Debatte geschaffen werden, schreibt Stefan Brandt, Direktor des Berliner Zentrums für Zukunftsgestaltung im Tagesspiegel. Er fordert ein interdisziplinäres Begleitgremium von Medizinern, Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen, Kulturwissenschaftlern und anderen, die die Bundesregierung beraten: "Wollen wir nach der Krise zurück zum ökonomischen Status quo, in dem die Produktionskette für ein Kleidungsstück zehn und mehr Länder umfasst - oder finden wir eine andere Balance zwischen Globalisierung und Lokalisierung? Wollen wir den Massentourismus der Vor-Corona-Zeit wiederbeleben - oder können wir Erholung und Welterfahrung auch auf nachhaltige Weise suchen? Aus diesen und vielen weiteren Fragen setzt sich 'Wie wollen wir leben?' zusammen."

Im Interview mit Julia Grass (Berliner Zeitung) erklärt der Angstforscher Borwin Bandelow Hamsterkäufe und die Angst vor Corona: "Immer wenn eine neue Gefahr kommt, die unbeherrschbar ist, haben wir davor mehr Angst als vor bekannten Gefahren. Vor zwei Jahren im Winter 2017/2018 gab es etwa 25.000 Grippetote in Deutschland. Nicht auszudenken, wir hätten jetzt 25.000 Corona-Tote, dann wäre hier wirklich Panik. Die Angst vorm Unbekannten beobachtet man auch nach Terroranschlägen oder anderen Virusepidemien. Das menschliche Gehirn hat ein Vernunftgehirn, das Argumente abwiegen und Zahlen und Fakten verstehen kann. Und dann haben wir ein Angstgehirn. Das ist auf der Stufe eines Huhnes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2020 - Gesellschaft

Es gibt doch ein Unbehagen der Meinungsbranche, dass sie im Moment grad nicht so gefragt ist. In seinen "Corona-Aperçus" schreibt Welt-Autor Thomas Schmid: "Für alle aber, die Politik von der antiken Polis her denken und die Debatte für das Königsmedium einer guten Gesellschaft halten, stellen das gegenwärtige Quasi-Regiment des Robert-Koch-Instituts und die Aussetzung zentraler bürgerlicher Freiheitsrechte eine gewaltige Provokation dar." In der Zeit fordert der Medienwissenschafttler Bernhard Pörksen: "Es geht in dieser zweiten Phase jetzt darum, die gesellschaftspolitische Debatte zu öffnen. Es braucht Ökonomen, Soziologen, Psychologen, Philosophen und Juristen. " Und in der taz zitiert Stefan Reinecke fromm die Theologen vom Ethikrat.

Es war ja nur eine Frage der Zeit, wann die Diskussion über die Atemmasken in den Kontext der Diskussion über das Kopftuch gezogen wird. Hinter dem Argument, die Maske entspreche nicht europäischen Vorstellungen davon, dass das Gesicht Ausdruck einer freien Person sei, steht für Julia Hauser, Professorin für "Global History" nur das altbekannte "Othering" des imperialistischen Zeitalters. In geschichtedergegenwart.ch schreibt sie: Schon "Reisende des 19. Jahrhunderts .. nahmen die Verschleierung überwiegend negativ wahr, und zwar nicht nur, weil sie mit ihr einen Mangel an Lebendigkeit und an Freiheit assoziierten. Wie die Geschlechterforscherin Meyda Yegenoglu argumentiert, irritierte sie westliche Beobachter*innen ebenfalls aus zwei anderen Gründen. Zum einen erlaubte sie es der Trägerin ihre vermeintlich wahre Natur zu verbergen. Zum anderen ermöglichte sie es ihr, zu sehen ohne gesehen zu werden - und verlieh ihr damit Macht." Das eigentliche Geheimnis der Burka ist also, dass die Frauen unter ihnen die Macht haben!

Aaron Thomas hat im Guardian noch ein anderes Argument gegen Atemschutzmasken: "I'm a black man in America. Entering a shop with a face mask might get me killed."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2020 - Gesellschaft

Inzwischen mehren sich die Vorschläge, wie die Kontaktsperren nach dem 20. April sukzessive gelockert werden könnten: Erst dürfen die Jungen, Gesunden und die raus, die den Virus schon gehabt haben. Oder: Erst dürfen die Frauen raus, wie Susan Vahabzadeh heute in der SZ mit der italienischen Virologin Ilaria Capua vorschlägt, denn "Covid-19 verläuft den meisten Statistiken zufolge für Männer wesentlich häufiger tödlich als für Frauen, dort ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern höher als zwischen den Infektionszahlen. Frauen könnten also, fand Capua, vielleicht öfter und früher als 'rote Ampeln' in der Gesellschaft fungieren - Menschen, die sich schon frei bewegen dürfen, weil sie die Erkrankung bereits überstanden haben und vorerst immun sind gegen eine weitere Ansteckung. Und vielleicht, scherzte Capua, würden dann nach der Krise 'manche Männer ihre Stühle besetzt vorfinden'."

Martin Schallbruch vom Digital Society Institute der ESMT Berlin hat eine andere Idee: Er plädiert für einen "differenzierteren Risikobegriff". Wer nachweisbar Maßnahmen ergreift, die eine Ansteckung verhindern oder zumindest erschweren, soll nicht weiter beschränkt werden dürfen: "Wer eine Maske trägt und zudem permanent eine App verwendet, die im Infektionsfall alle Kontakte alarmiert, stellt eine weit geringere Gefahr für die Allgemeinheit dar als jeder andere. Warum erlauben wir nicht denjenigen, die solche Schutzmaßnahmen ergreifen, wieder auf den Spielplatz zu gehen, ein Restaurant zu öffnen, ein Restaurant zu besuchen oder im Hotel zu übernachten? Warum bringen wir die Wirtschaft nicht dadurch wieder in Schwung, dass wir jedem Menschen unter solchen Auflagen die Rückkehr zum Alltag erlauben. Das wäre keine Pflicht zur Nutzung der App, sondern eine Auflage bei gefährlichem Tun, wie der Führerschein, der TÜV für das Auto oder der Waffenschein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit Zeit online erklärt der Medizinsoziologe Matthias Richter, warum arme Menschen ein deutlich höheres Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken: "Menschen aus dem unteren Fünftel der Gesellschaft haben ein rund zwei bis dreifach höheres Risiko für chronische Krankheiten als Menschen aus dem oberen Fünftel. Das gilt für Krebs, Diabetes, koronare Herzkrankheit aber auch schweres Asthma. Das sind quasi fast alle Erkrankungen, die einen Menschen besonders anfällig für eine Covid-19-Erkrankung machen."

Lockdown, Home-Office, Home-Schooling und vor allem Social Distancing - seit wann sind wir eigentlich unfähig, neue Phänomene auf Deutsch zu beschreiben, fragt sich Urs Bühler in der NZZ. "Wie unsinnig dieses Begriffspaar ist, merkt spätestens, wer sich unbefugterweise an die Übersetzung macht: 'soziale Distanzierung'. Predigen nicht jene, die uns diese Maßnahme so dringlich ans Herz legen, wie entscheidend just in diesen Krisenzeiten der soziale Zusammenhalt sei? Die Begriffswahl ist also gewissermaßen die Umdrehung des Fehlgriffs, Kanäle mit anerkanntermaßen ziemlich asozialem Potenzial als 'soziale Medien' zu bezeichnen. Nicht ohne Grund distanziert sich die Weltgesundheitsorganisation deshalb seit einigen Tagen ganz offiziell vom Begriff 'Social Distancing' und versucht, der Ersatzlösung 'Physical Distancing' zum Durchbruch zu verhelfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2020 - Gesellschaft

"Lasst das Los entscheiden!" fordert der Staatsrechtler Tonio Walter in einem Gastbeitrag auf Zeit Online mit Blick auf das Triagieren. Den Ärzten darf man eine solche Entscheidung nicht zumuten, fährt er fort und nimmt den Staat in die Pflicht - bei Stimmengleichheit in einer Bürgermeisterwahl entscheide auch das Los: "Schon die Prämisse (ist) falsch, das Grundgesetz verbiete es, einem Leben Vorrang vor einem anderen einzuräumen. Wäre es so, dürfte es nicht erlaubt sein, einen Angreifer in Notwehr zu töten. Denn das räumt dem Leben des Angegriffenen Vorrang ein gegenüber dem des Angreifers. ... Was das Grundgesetz tatsächlich verbietet, das sind bestimmte Begründungen dafür, einem Leben Vorrang vor einem anderen einzuräumen. Klares Beispiel einer solchen verbotenen Begründung ist das Alter eines Menschen - das die medizinischen Fachgesellschaften daher verfassungsrechtlich zutreffend als Vorrangkriterium ausschließen." 

Nach einer gesellschaftlichen Phase der Ohnmacht, die durch die Politik und Aufklärung gemeistert wurde, treten wir nun ein in die Phase der Polarisierung, sagt der Psychologe Stephan Grünewald im FR-Gespräch mit Bascha Mika: "Für die Politik wird es nun sehr viel schwieriger, den Prozess zu steuern. Denn viele Menschen stellen sich die Frage: Muss das überhaupt alles sein? Sind die Maßnahmen angemessen? Wie lange soll der Zustand noch dauern? Die über alle politischen Parteien hinweg beschworene Einheit wird in den kommenden Tagen und Wochen Risse bekommen - und die im Netz kursierenden Verschwörungstheorien neue Nahrung."

Warum haben Europäer Probleme mit dem Tragen der Maske, fragt bei Zeit Online der Philosoph und Sinologe Kai Marchal mit Blick auf die Geschichte des Maskentragens in asiatischen Ländern: "Offenbar beschwört er bei vielen Menschen in Europa, nach all den Debatten um den Islam und die Verschleierung, tiefere Ängste herauf. Durch das Gesicht offenbart sich im öffentlichen Raum meine Authentizität, meine Freiheit, und die möchte ich mir nicht nehmen lassen. Doch so wird eine Maske plötzlich zum Objekt kultureller Kämpfe. In Europa und den USA sind Chinesen oder chinesisch aussehende Menschen schon körperlich angegriffen worden, weil sie einen Atemschutz getragen haben; und in Ostasien werden die Europäer jetzt für ihren verantwortungslosen, unmaskierten Individualismus moralisch gebrandmarkt."

Die Toilettenpapier-Panikkäufe waren gar keine, sondern haben eine völlig simple Erklärung (die sich sicher auch auf die leeren Nudelregale übertragen lässt), schreibt der Blogger Will Oremus in einem viel retweeteten Artikel auf Medium: "Die Toilettenpapierindustrie ist in zwei weitgehend getrennte Märkte aufgeteilt: den gewerblichen und den Verbrauchermarkt. Die Pandemie hat den Löwenanteil der Nachfrage auf letzteren verlagert. Die Menschen müssen während der Pandemie tatsächlich deutlich mehr Toilettenpapier kaufen - nicht, weil sie mehr zur Toilette gehen, sondern weil sie mehr davon zu Hause kaufen." In Amerika etwa seien drei Viertel aller Menschen zu Hause, eine völlig untypische Zahl.

Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch mit Marie-Joelle Eschmann sinniert der Soziologe Hartmut Rosa über die Chancen von Kontrollverlust und Entschleunigung, befürchtet zugleich aber Massenarbeitslosigkeit und eine Spaltung der Generationen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 - Gesellschaft

Wenn sich die derzeitigen Einschränkungen längere Zeit hinziehen, "dann hat der liberale Rechtsstaat abgedankt", sagt der Staatsrechtler und ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier bei allem Einverständnis mit den aktuellen Maßnahmen im SZ-Gespräch mit Wolfgang Janisch. Auch die Empfehlungen, die Medizinische Fachgesellschaften an Ärzte herausgegeben haben, für den Fall, dass diese triagieren müssen, findet er mit Blick auf das Luftsicherheitsgesetz rechtlich problematisch: "Das Bundesverfassungsgericht hat damals betont: Leben darf nicht gegen Leben abgewogen werden. Jedes Leben ist gleichrangig und gleich wertvoll, es genießt den gleichen Schutz. Und es geht nicht an, dass dann jemand entscheidet, dieses oder jenes Leben ist vorzugsweise zu schützen oder zu retten. Ich kann den Ärzten also nur raten, sich an diese Empfehlungen nicht blindlings zu halten. Es kann ja immerhin um den möglichen Vorwurf der fahrlässigen Tötung gehen."

Der wirtschaftliche Schaden der Krise kann nicht gegen Menschenleben aufgewogen werden, schreibt der Philosoph Gunzelin Schmid Noerr in der FR mit Blick auf die Ausgangsbeschränkungen: "Kant zufolge sind (…) alle Mittel, die Menschen zu ihrem Nutzen einsetzen, letztlich austauschbar und durch das allgemeine Tauschmittel Geld verrechenbar, nicht aber die Zwecksetzung selbst, die Ausdruck der menschlichen Freiheit ist. Als vernunftbegabte Wesen haben Menschen eine unverrechenbare Würde, und es ist gegen diese Würde, sie auf bloße Mittel zur Erlangung fremder Zwecke zu reduzieren. Daraus folgt: Ethische und wirtschaftliche Gesichtspunkte lassen sich nicht verrechnen, es sei denn, man verstünde die ethischen Gesichtspunkte selbst bloß als Kostenfaktoren."

In der NZZ möchte sich Pascal Bruckner gar nicht ausmalen, wieviele Corona-Tagebücher uns im Herbst als "Heldenepen" verkauft werden. Überhaupt mahnt er zur Relation: "Der Krieg, den wir laut Rhetorik des französischen Präsidenten jetzt alle führen, ist für die Masse ein vergleichsweise angenehmer." (…) "Fast könnte man sagen, dass sich in dieser Krankheit die Ängste unserer Gesellschaft spiegeln, wenn auch auf verzogene Weise: Gestern noch fürchteten wir die Fremden, heute versetzt uns der Mieter von nebenan in Sorge. Von einer Angst sind wir so zur anderen gekommen: Die Agoraphobie der Globalisierung, die Furcht vor großen Räumen ohne Wälle und Grenzen, ist einer neuen Klaustrophobie gewichen, wir zittern jetzt vor der Enge der Selbstbegrenzung."

Weitere Artikel: Auf Zeit Online stellen Lisa Hegemann und Meike Laaf zuversichtlich das Framework für die angedachten Apps vor, die über den Kontakt mit Corona-Infizierten aufklären und zugleich Daten schützen sollen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2020 - Gesellschaft

Eine der schrecklichsten Folgen von Corona ist das einsame Sterben der Menschen. Angehörigen und Geliebte dürfen nicht mehr Abschied nehmen, oder nur mit einer Plastikwand zwischen sich. Und auch bei den Beerdigungen muss auf Abstand geachtet werden: keine Umarmungen, kein Trost. Doch ohne das alles ist es sehr schwer, den Tod eines Menschen überhaupt zu begreifen, sagt im Interview mit der SZ der Arzt und Psychoanalytiker Eckhard Frick und erklärt die heilende Wirkung von Begräbnisritualen: "Weil ich zum einen merke, ich bin nicht allein, ich kann mich mit Leib und Seele auf jemanden stützen. Und es bringt zum Ausdruck, dass der Tod uns zwar vereinzelt, indem er den Gestorbenen aus der Gemeinschaft herausnimmt, dass er aber auch unser gemeinsames Los ist. Wenn wir von jemandem in der Bestattung Abschied nehmen, feiern wir auch immer unsere eigene Vergänglichkeit."

Das höchste Gut, das zu verteidigen ist, sei nicht das Leben an sich, sondern das "Leben in Würde", schreibt der Rechtsprofessor Uwe Volkmann in der FAZ. Ziel könne "nicht der totale Schutz vor der Krankheit ohne jede Berücksichtigung der gesellschaftlichen Folgekosten sein; bei Lichte besehen ist das überhaupt kein Ziel, das sich realistischerweise anstreben lässt. Es kann vielmehr nur darin liegen, den Zustand zu vermeiden, in dem das Würdeversprechen, das sich diese Gesellschaft in ihrer Verfassung gegeben hat, auf eine fundamentale Weise aufgehoben erscheint."

Der Virologe Christian Drosten hat "langsam wirklich ein Problem damit", wie Medien und Öffentlichkeit ihn entweder zur Heils- oder zur Hassperson stempeln, berichtet Torsten Harmsen in der Berliner Zeitung. "Drosten sieht es als dringend notwendig an, die Stellung der Wissenschaft in dieser Krise klarzustellen. Die Wissenschaft trifft laut Drosten keine politischen Entscheidungen, auch wenn sie Empfehlungen geben kann. Wer Drostens Podcast verfolgt, der hört, dass sich der Virologe dabei zunehmend zurückhält. Er verfolgt neueste Studien und anhand dieser äußert er seine wissenschaftliche Meinung. Dabei kann er sich auch korrigieren, was ihn von manchen unterscheidet, die zurzeit ebenfalls in der Öffentlichkeit auftreten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2020 - Gesellschaft

Wie kompliziert das Leben für freie Künstler ist und wie wichtig, dass sie nun an Hilfen kommen, erzählt Sabine Seifert in einer taz-Reportage - etwa am Beispiel des Schauspielers und Regisseurs Oliver Bauer: "'Ich bin ein Musterexemplar als Freier im Kulturbetrieb', sagt Bauer und erklärt, dass er quasi in 'drei Systemen' arbeitet: als Regisseur ist er selbstständig, muss sich selbst versichern; als Schauspieler ist er zeitweise angestellt und wie jeder Arbeitnehmer arbeitslosen- und rentenversichert; und als Synchronsprecher ist er 'unständig beschäftigt', wird tageweise beziehungsweise 'pro Dreh' bezahlt. Das Switchen zwischen den Kategorien und Systemen gehört dazu; 'da hilft nur ein guter Steuerberater', sagt er und lacht."