Anders als andere einschneidende Ereignisse wie der Mauerfall oder der 11. September, die wir live am Fernseher verfolgten und einschätzen lernten, hat sich die Corona-Krise sozusagen an uns herangeschlichen, beobachtetAlain Claude Sulzer in der Basellandschaftlichen Zeitung: "Wann begann sich das Virus als konkrete Bedrohung in unseren Köpfen einzunisten? (Die Frage, wann es sich wieder entfernen wird, wage ich nicht laut zu formulieren.) Kaum jemand wird sich daran erinnern; ich jedenfalls erinnere mich nicht. Es wird im Fall dieser Katastrophe oder Krise - deren Quelle und Ausgangspunkt vermutlich nie mit letzter Sicherheit erforscht werden wird - keinen Zeit-Bild-Gedächtnis-Mythos geben wie im Fall der einstürzenden Türme von New York."
Es wäre schön, wenn KrankenpflegerInnen nach der Corona-Krise nicht nur beklatscht, sondern auch besser bezahlt würden, meint Detlef Esslinger in der SZ. Ein bisschen was müssten sie dafür aber auch selbst tun, denkt er sich: "Nicht einmal jede zehnte Pflegerin in einem Altenheim gehört einer Gewerkschaft an, in Kliniken sieht es etwas besser aus. Verdi und auch der Beamtenbund tragen zähe Kämpfe aus, andere Lobbyisten im Gesundheitssystem sind wirkmächtiger als die der Pflege. ... Die Bürger in ihrer Eigenschaft als Beitrags- und Steuerzahler müssen wissen, dass sie künftig entweder etwas mehr für Pflege aufzuwenden haben und ihnen etwas weniger für Schnickschnack übrig bleibt - oder in der Pflegebranche setzt sich die Abstimmung mit den Füßen fort."
In Israel ist man Krisen gewohnt, aber Corona ist etwas anderes, erklärt der Soziologieprofessor Natan Sznaider in der NZZ. "Was wir derzeit vielleicht beobachten, ist ein 'Restart' der Moderne unter anderen Vorzeichen."
Die gemeinsame Risikoerfahrung wird nicht nur unsere Solidarität "mobilisieren", sondern auch unseren Blick auf die Daseinsvorsorge des Staates verändern, konstatiert der Soziologe Steffen Mau in der SZ, auch mit Blick auf die Geschichte krisenbedingter Veränderungen: "Vielerorts trieb man die Ökonomisierung voran, baute Personal ab, verdichtete das Arbeitspensum. Die Durchleuchtung aller öffentlichen Einrichtungen auf der Suche nach Einsparreserven hat dazu geführt, dass nur noch Dinge finanziert werden, die sich 'rechnen'. Aber mit der betriebswirtschaftlichen Brille kann ein vorgehaltenes, aber wenig genutztes Intensivbett kaum rentabel sein. Schon heute klingt das Wort 'Überkapazitäten' so ganz anders als noch vor ein paar Wochen, das Lamentoüberdie 'überhöhte Bettendichte' des deutschen Gesundheitssystems wird wohl so schnell nicht wieder aufleben."
Ebenfalls in der SZ möchte sich Friedrich Christian Delius nicht an den Gedankenspielen der Soziologen beteiligen, die darüber sinnieren, wie die Krise den Neoliberalismus verändern wird: "Das ist schon deshalb unappetitlich, weil noch gar nicht auszudenken ist, wie die armen Länder, wie die Afrikaner, die Inder, die Lateinamerikaner durch diese Katastrophe kommen werden." Stattdessen meint er: "Das neue Virus ist gnädiger als die alten Kriege, es trifft eher die Alten als die Jungen. Die Gesellschaften werden sich, auch das scheint sicher, verjüngen. Doch auch wir Älteren haben es besser, zumindest in unseren Breiten. Anders als unsere Vorfahren können wir uns rund um die Uhr informieren und mit den Nächsten austauschen, haben Telefon und Internet, Lieferketten und verantwortungsvolle Regierungen, Aufklärung und Ablenkung, Post und Mail, Skype, Video und Facetime, Facebook und haltbare Bücher. Und, ganz wichtig, wir sind nicht dazu verdonnert, uns militärisch verbiegen zu lassen und unsere Nachbarländer als Feinde zu hassen und zu vernichten."
Zwar sterben am Coronavirus mehr Männer, aber für Frauen führt sie dennoch zu größeren Ungerechtigkeiten, schreibt Carolina Schwarz in der taz aus feministischer Perspektive: "Das geht aus einer Studie hervor, die sich die wirtschaftliche Entwicklung in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit nach Ebola 2014, Zika 2015 und 2016 sowie nach Sars, der Schweine- und der Vogelgrippe angeschaut hat. Demnach finden Männer nach einer Krise viel schneller zu ihrem eigentlichen Einkommen zurück als Frauen. Da Frauen häufiger als Männer in Teilzeit, Minijobs und oder im informellen Sektor arbeiten, verlieren sie in wirtschaftlich schwierigen Phasen auch schneller ihre Jobs."
Wie sieht es nach der Epidemie aus, fragt Gustav Seibt im Feuilleton-Aufmacher der SZ, denn zur Angst vor der Krankheit kommt nun die Angst vor der ökonomischen Krise. Hätte man vielleicht doch auf "Herdenimmunität" setzen sollen? Nein, meint er, denn: "Wären die jetzigen gemeinschaftlichen Maßnahmen nicht eingeleitet worden, dann hätten sich absehbar Panikwellen durch die Gesellschaft verbreitet. Auch dann wären große Teile der Wirtschaft zusammengebrochen. Auch wenn es sich nur um einige Hunderttausende in einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen handelt: Es scheint unvorstellbar, dass eine Gesellschaft es aushalten könnte, über längere Zeit einem solchen Sterben ohne massive Gegenwehr zuzuschauen. Vielleicht werden schon bald andere Länder Beispiele dafür geben, denen man vom reichen Deutschland aus entsetzt zuschauen kann."
Im Tagesspiegelwendet Christoph von Marschall ein: "Wenn die Wirtschaft wegbricht und damit auch die Staatseinnahmen, wird bald das Geld fehlen, um das Gesundheitssystem krisengerecht auszubauen, damit es nicht überwältigt wird, mit vielfacher Todesfolge. Und wovon sollen Familien leben, wenn sie über viele Monate kein Arbeitseinkommen mehr haben, aber auch die Direkthilfen vom Staat irgendwann nicht mehr fließen? Die öffentliche Hand kann vorübergehend deutlich mehr Geld ausgeben als sie einnimmt, nicht aber auf Dauer."
Außerdem: In der tazunterhalten sich Jan Feddersen und Edith Kresta mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die verordnete Entschleunigung und das Unheimliche: "Hinter unserem Rücken kriecht Unverfügbarkeit in alle alltagspraktischen Ebenen des Lebens hinein. Weil wir den Virus nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken." In der Zeit unterhalten sich Uwe Timm und Robert Habeck (der das Nachwort für Timms jüngstes Buch geschrieben hat) über die Corona-Krise, aber auch über die Veränderung der Gesellschaft seit 1968.
Außerdem in der FAZ: Der HistorikerJeffrey Herf antwortet auf einen Artikel Stefanie Schüler-Springorums (unser Resümee), die heute das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin leitet, und attackiert dessen Ansatz: In der Tradition Wolfgang Benz' vernachlässige das Zentrum den linken und den islamistischen Antisemitismus. Ein Beispiel: "Obwohl das Zentrum für Antisemitismusforschung nicht weit von den wichtigsten Archiven der einstigen DDR entfernt liegt, hat noch kein Forscher dieser Institution bislang eine archivalisch gestützte Geschichte des diplomatischen und militärischen Angriffs der DDR auf den jüdischen Staat vorgelegt."
Das Cover des neuen New Yorker - des ersten Hefts in 95 Jahren, das komplett in Abwesenheit der Redaktion fertiggestellt wurde. Mehr Hintergrundartikel, auch zur Corona-Krise, ab heute Mittag in der Magazinrundschau des Perlentauchers! Die ungarische Regierung reichte unter dem Vorwand der Corona-Krise einen Gesetzentwurf ein, wonach die Regierungsarbeit künftig per Dekret erfolgen soll und das Parlament auf unbestimmte Zeit aufgehoben werden soll. Das Gesetz wird auf Ungarisch (in der wortwörtlichen Übersetzung) als "Ermächtigungsgesetz" bezeichnet. Kritiker sehen darin nicht nur de facto sondern auch de jure das Ende der parlamentarischen Demokratie in Ungarn. So ruft der Philosoph Gáspár Miklós Tamás im ungarischen Magazin HVG dazu auf, das Gesetz nach der ersten Lesung zurückzuweisen, zur Verabschiedung wäre eine Vierfünftel-Mehrheit im Parlament nötig. Nach einer zweiten Lesung, die bereits durch die Regierung im Falle eines Scheiterns angekündigt wurde, würde allerdings eine Zweidrittel-Mehrheit des Parlaments genügen, über die die Regierungspartei verfügt. Das Gesetz sieht unter anderem vor, die Pressefreiheit massiv einzuschränken. Kritische Berichterstattung könnte wegen "Behinderung der Krisenbewältigung" mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft werden. Wenn die Abgeordneten der Aussetzung des Parlaments zustimmen, "können die ungarische Staatsbürger denken, dass es nicht schade um dieses Parlament ist", warnt Tamas. "Inmitten der Krise die verfassungsrechtliche Ordnung zu zerschlagen: das ruft nach Shakespeare'schen Adjektiven!" Tamas hofft, dass die ungarische Politik noch zu Vernunft kommt: "Die bisherige Verfassung ist aufgrund zahlreicher Mängel und Fehler nicht wirklich populär, auch vor 2010 war sie es nicht. Es ist wie in der Weimarer Republik. Sind wir bereit etwas Unvollkommenes zu verteidigen, um das Schlimmste, die wahre Katastrophe verhindern? Gibt es noch einige wahre Menschen in Sodom?" Auf Zeit onlinenimmt Ulrich Krökel die Lage in Osteuropa genauer in den Blick.
Auch Anne Applebaumsieht in Atlantic die Gefahr, dass sich Regierungen in der Krise Kompetenzen anmaßen, die sie nach der Krise nicht mehr werden aufgeben wollen. Schon die Reisebeschränkungen in Europa hält sie für kontraproduktiv und aktionistisch. "Keine dieser harten, dramatischen Maßnahmen hat das Virus in Polen gestoppt. Die Epidemie hatte bereits einige Wochen zuvor begonnen, sich auszubreiten und breitet sich immer noch aus. Aber trotz des Chaos - vielleicht sogar wegen des Chaos - ist das hartes Durchgreifen an den Grenzen immens populär. Der Staat unternimmt etwas. Und das könnte ein Vorbote dessen sein, was noch kommen wird."
Springer-Chef Mathias Döpfnerformuliert einige Einwände zu den zu Corona zu hörenden Diskursen: "Ich bin wütend, dass es ernst zu nehmende Menschen gibt, die China als Vorbild in der Seuchenbekämpfung sehen... Aber Corona, sagen immer mehr und viel zu viele, haben sie doch irgendwie sehr gut gemanagt. Dass Journalisten, die die Wahrheit recherchieren wollen, des Landes verwiesen werden, wird verdrängt. Dass man der chinesischen Informationspolitik nicht trauen kann, wir eventuell kalt belogen werden, ebenfalls. Ist dieses Modell unsere Zukunft? Soll China zu unserem Vorbild werden, weil es die Corona-Krise so totalitär gemeistert hat?"
Ähnlich sieht das in der NZZ der israelische HistorikerYuval Noah Harari: Wir müssten uns entscheiden zwischen "totalitärer Überwachung und republikanischer Ermächtigung der Bürger", zwischen "nationalistischer Isolation und globaler Solidarität". Vor allem sollten wir jenen nicht glauben, die behaupten, es gebe nur die Wahl zwischen Gesundheit und Privatheit: "Denn es ist eine falsche Wahl. Wir können und sollten sowohl Privatheit als auch Gesundheit genießen. Wir können unsere Gesundheit schützen und die Epidemie stoppen, indem wir den Bürgern nicht ein totalitäres Überwachungsregime aufzwingen, sondern sie ermächtigen. Einige der erfolgreichsten Anstrengungen, die Corona-Epidemie einzudämmen, wurden in den letzten Wochen von Südkorea, Taiwan und Singapur orchestriert. Diese Staaten setzten zwar auch auf einige Tracking-Apps, vor allem aber auf aufwendiges Testen, auf ehrliches Reporting und auf die willige Kooperation einer wohlinformierten Bevölkerung."
Eva Illouz hat dagegen nicht das geringste Vertrauen in westliche Regierungen: Der Kapitalismus habe versagt, er sei mit seinem ausbeuterischen Verhalten schuld an Corona und anderen Pandemien, die in der Zukunft stattfinden würden. Auf der anderen Seite hätten neoliberale Regierungen in Europa unser Gesundheitssystem kaputt gespart und darauf gesetzt, dass halt die Alten sterben und die Jungen überleben, behauptet die israelische Soziologin in der SZ. Sie setzt zur Bekämpfung der Krise auf die "heroische Arbeit von Ärztinnen und Pflegern", danach aber müssten die Unternehmen in die Pflicht genommen werden: "Die Pandemie wird unermesslichen wirtschaftlichen Schaden anrichten, zu Arbeitslosigkeit, langsamerem oder negativem Wachstum führen und weltweite Auswirkungen haben. (Dabei könnten die asiatischen Wirtschaften noch als die stärkeren aus der Krise hervorgehen.) Banken, Konzerne und Finanzunternehmen werden zusammen mit dem Staat die Last der Überwindung dieser Krise tragen und künftig Partner in der Sorge um die kollektive Gesundheit sein müssen. Sie werden zur Forschung, zur Vorbereitung auf nationale Notstände und zur Schaffung von Arbeitsplätzen nach der Krise beitragen müssen, auch um den Preis geringerer Profite."
Auch der polnisch-britische PolitikwissenschaftlerJan Zielonka kritisiert, dass die Gesundheitsversorgung im Westen privatisiert wurde, er legt aber großen Wert auf globale Kooperationen von Staaten und Wirtschaft, wie er auf Zeit onlineerklärt: "Es ist nichts Falsches daran, italienische oder belgische Hygienehandschuhe oder Schutzmasken herzustellen, anstatt in einer Krise um chinesische zu betteln. Die Erfindung und Herstellung modernster antiviraler und antibakterieller Arzneimittel erfordert jedoch sowohl ein globales als auch ein regionales Mitwirken. Wirtschaftliche Autarkie fördert keine Innovation und Krisenprävention. ... All dies bedeutet, dass der öffentliche Sektor rehabilitiert wird, und eben nicht, dass die Nationalstaaten zu ihrem früheren Ruhm zurückkehren würden. Das sind nicht nur schlechte Nachrichten für Nationalisten, sondern auch für Sozialisten der alten Schule, die den Nationalstaat als den einzigen lebensfähigen Anbieter öffentlicher Güter betrachten."
Moralphilosphisch ist es ein Skandal, dass in Italien Patienten "triagiert" werden, während in deutschen Krankenhäusern noch Kapazitäten frei sind. Deutsche Krankenhäuser müssten also italienische Corona-Patienten aufnehmen, schreibt der Philosoph Bernward Gesang in der taz: "Aber wir sind nun mal national organisiert und deutsche Kassenpatienten haben vielleicht vorrangig Anspruch auf deutsche Betten. Zudem ist ein konsequenter Universalismus weder durchsetzbar noch durchhaltbar, wie die Flüchtlingskrise gezeigt hat. Es führt also kein Weg an einem Kompromiss vorbei, der aber internationaler gedacht sein muss als es unser jetziges Denken ist. Daher sollten wir gegebenenfalls nicht völlig an die Grenzen gehen und eine gewisse Anzahl an Betten oder Maschinen als Notfallreserve zurückhalten."
Boris Johnson wurde heftig dafür kritisiert, dass er zu Beginn der Corona-Krise auf Herdenimmunität durch die Ansteckung möglichst vieler Menschen mit dem Virus setzte. Aber darüber sollte man nochmal nachdenken, schlägt der Ökonom Reiner Eichenberger in der NZZ vor. Denn sobald die Regierungen die Restriktionen lockern, würden die Ansteckungszahlen eh wieder hochgehen. Eichenberger plädiert für eine "strategische Lenkung" der Infizierungen: "Es ist klar, dass gelenkte Immunisierungen auf freiwilliger Basis und unter strenger ärztlicher Aufsicht sowie mit gut organisierter Quarantäne erfolgen müssen. Gelenkte Infektionen sind für die Betroffenen und die Gesellschaft mit weniger Risiken verbunden als die ungeplanten Infektionen unter der Verzögerungsstrategie."
Die großen Internetkonzerne sind gerade dabei, in großem Stil Verschwörungstheorien und Fake news über Corona und seine Bekämpfung aus dem Netz zu entfernen. Und dann geben sie auch Millionen Dollar für die Suche nach Test- und Impfstoffen aus. In der SZ ist Bernd Graff entsetzt: Die übernehmen öffentliche Aufgaben. "Das ist nicht nur eine gute Nachricht: Unternehmen sind nie demokratisch legitimiert, sie unterliegen keinerlei Kontrolle außer der durch ihre Aufsichtsratsgremien. Philanthropie und Gemeinwohl fördern börsennotierte Konzerne gern, solange es dem eigenen Aktienkurs nützt."
"Eine "Hysterie des Überlebens" bei den Europäern diagnostiziert der Philosoph Byung-Chul Han in der Welt. Die Menschen seien in Panik, weil sie im Kapitalismus verlernt hätten, mit Negativität zu leben und die Digitalisierung sie in den letzten Jahren zudem von der Wirklichkeit abgeschottet hätte. Sollten wir überleben, werden wir wahrscheinlich im Überwachungskapitalismus a la chinoise landen, fürchtet er: "Man könnte sagen, in Asien werden Epidemien nicht nur durch Virologen oder Epidemiologen, sondern vor allem durch Informatiker und Big-Data-Spezialisten bekämpft. Ein Paradigmenwechsel, der in Europa noch nicht wahrgenommen wird. Big Data rettet Menschenleben, würden die Apologeten der digitalen Überwachung ausrufen. In Asien existiert kaum ein kritisches Bewusstsein gegen die digitale Überwachung. Vom Datenschutz redet man kaum noch, selbst in liberalen Staaten wie Japan und Korea. Niemand lehnt sich auf gegen die Datensammelwut der Behörden." Byung-Chul Han schlägt eine Neudefinition des Souveränitätsbegriffs vor: " Souverän ist, wer über Daten verfügt." In der FAZ spricht auch der Koreanist Hannes B. Mosler über den koreanischen Eindämmungserfolg.
In Zeiten von Corona denken die Menschen nur noch an sich selbst, nicht mehr an andere. Und an den Ausnahmezustand haben sich die verängstigten Massen schon so gewöhnt, dass sie ihn als normal empfinden: Das hatte Giorgio Agamben vor fünf Tagen in der NZZbehauptet. Heute fragt der Philosoph Georg Kohler den italienischen Kollegen in der NZZ, ob er sie noch alle beisammen hat: "Ausgehverbote und polizeilich überwachte Quarantäne-Maßnahmen sind ja nicht deshalb nötig, weil sich die Leute furchtsam in ihren Höhlen verkriechen. Sie sind nötig, weil noch die vernünftigsten Appelle an die gar nicht Ängstlichen, alle nicht aufs nackte, sondern aufs gute Leben zielenden Appelle zugunsten freiwilliger Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse verletzlicher Altersgruppen und zutiefst sozialer, aber extrem belasteter Institutionen staatlicher Fürsorge einfach überhört werden. Die als Abwehr solcher Haltungen begründete Ausnahmesituation mit dem Zustand einer - mehr oder weniger heimlich - herrschenden Diktatur zu vergleichen, ist verhältnisblöd."
An die Adresse jener, die vor Einschränkungen der Freiheit wegen der Corona-Krise warnen, schreibt der Soziologe Aladin El-Mafaalani (Autor des viel diskutierten Buchs "Das Integrationsparadox") in der taz: "Freiheit ist nur Freiheit, wenn das Individuum wirklich die Wahl hat. Das ist hier nicht der Fall. Um der Pandemie etwas entgegenzusetzen, müssen sich zumindest zeitweise fast alle gleich entscheiden. Das schafft man nur mit klaren Regeln, auch mit Verboten und zugleich mit Überzeugungsarbeit und Aufklärung. Denn eines ist klar: Wenn es zu einer Katastrophe kommt, weil man nicht zu drastischen Maßnahmen gegriffen hat, dann hat das extreme Auswirkungen auf die Zukunft der Demokratie und der Freiheit, denn dann werden notorische Sicherheitsfanatiker und Populisten gewinnen."
Auf die Frage Stefan Reineckes in der taz, ob nicht Grundrechte "leichthändig und fast widerstandslos" außer Kraft gesetzt worden seien, antwortet auch der Soziologe Andreas Reckwitz: "Bedenklich ist eine Einschränkung von Grundrechten immer. Als kurzfristige Maßnahme ist sie in diesem Fall wohl gut zu rechtfertigen. Bedenklich wäre es, wenn das politische Risikomanagement suggerieren würde, Maßnahmen seien alternativlos, weil von der Wissenschaft vorgegeben. Es gibt natürlich wissenschaftliche Argumente der Virologen, aber es handelt sich immer um politische Entscheidungen, die kontingent sind. Das macht ja das Politische aus."
Nach Bayern hat jetzt auch der rotgrüne Senat in Berlin eine Art Ausgangssperre beschlossen. Nur heißt sie nicht so und ist auch sonst etwas unklar: Die Berliner sollen sich "ständig in ihrer Wohnung oder gewöhnlichen Unterkunft" aufhalten, dürfen aber raus. Doch müssen sie der Polizei einen Grund dafür nennen können: Spazierengehen ist okay, solange man es allein oder mit nur einer anderen Person tut, meldet die Berliner Zeitung. Der Tagesspiegelspricht nicht von Ausgangssperre, sondern von "strikten Kontaktbeschränkungen".
Auch noch zu Corona: In der NZZbreitet der Soziologe Wolfgang Sofsky ein Weltuntergangsszenario aus, als würden wir noch in Zeiten der Pest leben. Da mag Niall Ferguson nicht zurückstehen und malt einen "Senizid" an die Wand, also das Massensterben(-lassen) alter Menschen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz dagegen bittet um Besonnenheit, "als Mitte zwischen Panik und Leichtsinn".
Die taz hat Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, und Cilly Kugelmann, ehemalige Programmdirektorin des Berliner Jüdischen Museums, zu einem sehr interessanten Streitgespräch getroffen: über die Aufgabe jüdischer Museen, die Rolle des Holocausts und die Frage, wie die Boykottbewegung BDS die Debatte kaputt macht. Und die große Frage: Ist BDS antisemtisich? "Kugelmann: Es ist ein Forum unterschiedlicher Gruppen, das antisemitische und nichtantisemitische umfasst. Im palästinensischen Kontext ist es zuerst einmal eine Bewegung, die auf Gewalt verzichtet. Jetzt erscheint BDS einzig und allein als Bewegung, die Israel vernichten will. Diese Auffassung ist zu eng. Wenzel: Das sehe ich anders. BDS ist eine Boykottbewegung, die auf die Existenzberechtigung des jüdischen Staates Israel zielt. Kugelmann: Es wäre die erste Boykottbewegung, die einen Staat vernichtet. Dieser Boykott ist eine stumpfe Waffe. Er schadet Israel nicht - dafür hat er üble Auswirkung im akademischen und kulturellen Bereich. Denn er trifft israelische Akademiker und Künstler, die oft gerade nicht die israelische Mainstreamperspektive einnehmen..."
Der Atlantic-Kolumnistin Anne Applebaum offenbart die Corona-Krise ein paar Wahrheiten über den Zustand der amerikanischen Demokratie. Sie wirft der Trump-Regierung vor, auf ähnliche Weise gezögert, beschönigt, vertuscht und verhindert zu haben wie die chinesische Regierung in den Tagen, als das Virus im Umkreis eines Fisch- und Wildtiermarktes in Wuhan bekannt wurde. Das alles, weil Trump nichts von Krise hören wollte: "Auch ohne die Bedrohungen und die gewalt des chinesischen Systems haben wir die gleichen Ergebnisse: Wissenschaftler, die ihren Johb nicht erledigen dürfen; Beamte im Gesundheitswesen, die nicht für offensiv für Tests eintreten; verzögerte Vorbereitungen - und das alles, weil zu viele Menschen fürchteten, es könnte den politischen Aussichten des führenden Politikers schaden. Ich schreibe das nicht, um den chinesischen Kommunismus schönzureden. Beileibe nicht. Ich schreibe das, damit die Amerikaner verstehen, dass unsere Regierung dasselbe Verhalten an den Tag legt wie der chinesische Kommunismus. Es bedeutet, dass unser politisches System in weit schlimmerem Zustand ist, als wir bisher annahmen." Welt-Autor Thomas Schmid setzt seine Corona-Aperçus (Resümee der Folge 1) fort: "Auf Facebook hat die Zahl der Einträge drastisch abgenommen, deren Autoren an eine Hysterie oder eine Verschwörung oder ein ganz besonders perfides Manöver des 'Merkel-Regimes' glauben. Es wird verhaltener, persönlicher, man rät einander dies und das. Kammertöne. Selbst der Journalist, der sich für den schlauesten der Republik hält, hat seine Behauptung von vergangener Woche, die Welt verfalle in einen Corona-Wahn, stillschweigend kassiert und macht nun in seinem Morgenappell auch auf Bürgersinn und Neuentdeckung des gesellschaftlichen 'Zusammenhalts'."
Und tatsächlich, der von Schmid gemeinte Gabor Steingart schreibt in seinem Morning Briefing: "Was an den Börsen zu historischen Wertverlusten führt, könnte in unserem Inneren geradezu spiegelbildlich einen Substanzaufbau befördern. Lassen Sie uns die Einsamkeit durchbrechen und einen Club der Pioniere bilden."
Apropos China. Sven Hansen zitiert in der taz aus einer Studie der demografischen Forschungsgruppe "WorldPop" der britischen Universität Southampton: "Hätte China seine drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus drei Wochen früher und damit kurz nach ersten Warnungen von Medizinern begonnen, hätten 95 Prozentder Infektionen verhindert werden können. Wäre dies zwei Wochen früher passiert, wären noch 86 Prozent ausgeblieben, bei einer Woche früher immerhin noch 66 Prozent."
Na also, geht doch, freut sich Kilian Jörg in der taz. Vor einem Jahr rief Greta Thunberg "I want you to panic!" Und jetzt: "In schier unmöglich gedachter Geschwindigkeit werden Reiseverbote erlassen, Grenzen, Universitäten, Schulen geschlossen, das öffentliche Leben beschnitten und die internationalen Produktionsketten unterbrochen. Flüge werden gestrichen, Fabriken heruntergefahren: Der globale CO2-Ausstoß ist in den letzten Wochen stark zurückgegangen - und das aufgrund einer Panik, die eigentlich nicht auf dem ökologischen Problem fußt. Abseits von virologischen Kalkülen und gesundheitspolitischen Rationalitäten sollte auch die Frage gestellt werden, inwieweit sich hier nicht auch gerade ein Bedürfnis nach Panik in unseren ökologisch katastrophalen Lebensweisen äußert."
Genau solche Fantasien von einer künftigen Klimapolitik, die sich am Kampf gegen die Corona-Krise orientiert, sind "zutiefst autoritär", ruft Ralf Fücks in der Welt. "Die Analogie zwischen Corona-Krise und Klimawandel ist auch in der Sache unhaltbar. Eine Virenpandemie ist monokausal. Dagegen ist der Klimawandel eine hochkomplexe Angelegenheit. Er speist sich aus vielen Quellen: Energieproduktion und Verkehr, Landwirtschaft und Industrie, Wohnen und Städtebau. Zu glauben, er ließe sich durch einige grobe ordnungsrechtliche Eingriffe aufhalten, ist bestenfalls naiv. Dazu kommt ein völlig unterschiedlicher Zeithorizont: Die Einschränkungen zur Bekämpfung der Virus-Pandemie sind temporär. ... Angewandt auf den Klimawandel müssten sie auf Dauer gestellt werden: nicht für Monate, sondern für immer. Wer das als mehrheitsfähige Vision verkaufen will, ist nicht von dieser Welt."
Auch René Schlott vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung sind die in diesen Tagen ergriffenen Zwangsmaßnahmen unheimlich. In der SZ schreibt er: "Das Procedere der letzten Tage liest sich wie das beängstigende Drehbuch einer rechtspopulistischen Machtübernahme. Nun, wo die Maßnahmen einmal in der Welt sind, das Exempel statuiert ist, wer will dann ausschließen, dass dieselben Einschränkungen der Grundrechte einmal im Namen einer anderen vermeintlichen Notsituation wieder aktiviert werden."
In Notzeiten wird Solidarität plötzlich wieder groß geschrieben. Wirklich? Einzelhandelskauffrau Farina Kerekes macht zur Zeit leider oft andere Erfahrungen, erzählt sie im Tagesspiegel: "Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Leute, bitte hört auf zu hamstern! Es ist genug Ware da, wenn jeder für seinen normalen Bedarf einkauft. Sonst wird es ein Teufelskreis. ... Wenn ich den Kunden erkläre, dass sie bestimmte Waren nur in handelsüblichen Mengen kaufen dürfen, fangen sie an, mich zu beschimpfen. Es sei lächerlich oder unmöglich oder schlimmeres ... Das sind Erwachsene. Ich muss denen doch nicht beibringen, wie man teilt!"
Für einen hat die Sache aber auch ihr Gute, wie Heise.demeldet. "Coronavirus: Amazon schreibt 100.000 Stellen aus."
Es ist unmöglich, ein so weltbewegends Ereignis wie die akute Corona-Krise adäquat in einer Perlentaucher-Feuilletonrundschau widerzuspiegeln. Wir suchen nach Schlaglichtern und Links zu guten Reflexionen und Informationen. Wir privilegieren Artikel, die online zu lesen sind.
Das Erfreuliche zuerst, laut Live-Blog von Zeit online: In China und Südkorea, "bisher Zentren der Pandemie, werden weniger Neuinfektionen gemeldet". Und "natürlich kann man noch einkaufen gehen", lautet die aktuelle Empfehlung des Berliner Virologen und Corona-Superstars Christian Drosten im NDR-Podcast. Hier die Transkription der Drosten-Interviews. Und ein Schnelltest auf corona wurde entwickelt, der die Bekämpfung der Ausbreitung möglicher Weise erheblich erleichtern wird, berichtet Johannes Ritter im FAZ-Net.
Der Atlantic teilt in einem Artikel mit der ebenfalls hoffnungsfrohen Überschift "The Trump Presidency Is Over" nebenbei eine Devise mit, an die sich hoffentlich auch die deutschen Medien halten: "Der Atlantic macht die Berichterstattung zu wichtigen Aspekten der Corona-Krise für alle Leser zugänglich." Die SZ tut das aber leider nicht und belässt ihren Seite 3-Artikel unter dem Titel "Die kommenden Tage" im zahlbaren Bereich. Warum im Untertitel "Über Angela Merkel, die Corona-Pandemie und eine Woche mit exponenziell steigender Dramatik" allerdings als erstes der Name der Kanzlerin figuriert, mag man sich auch fragen.
Die beste Krisenbekämpfung in China hat übrigens Taiwan, berichtet Richard Friebe im Tagesspiegel. Es ist eine Nicht-Nachricht, die eine Sensation ist, so Friebe: In Taiwan gibt es so gut wie keine Infizierten, obwohl über eine Million Taiwanesen regelmäßig zum Festland pendeln und Taiwan noch im Januar schlimmste Steigerungen vorausgesagt wurden. In den Medien wird über diesen taiwanesischen Erfolg aber so gut wie gar nicht geredet: "Der offensichtliche Grund dafür ist, dass die Volksrepublik China Taiwan als seine eigene Provinz ansieht und dass die internationale Gemeinschaft diese 'Ein-China-Politik' weitgehend und auch in teilweise absurder Konsequenz mitträgt. Taiwan ist deshalb so ziemlich von allen internationalen Organisationen ausgeschlossen. Dazu gehört auch die Weltgesundheitsorganisation WHO." Die WHO trägt sogar aktiv dazu bei, Taiwan international zu diskriminieren, indem sie alle Informationen nur an Peking sendet und Taiwan als chinesische Provinz behandelt.
Dazu passt der Aufmacher bei sueddeutsche.de: "WHO singt Lobeshymnen auf China." Das ist allerdings kritisch gemeint: Korrespondentin Lea Deuber erzählt, wie sich die WHO in die chinesische Propagandastrategie einbinden lässt. "Das Auftreten der Weltgesundheitsorganisation, ihre Lobeshymnen, offiziellen Statements (etwa dass man auch den Einsatz von traditioneller chinesischer Medizin in Betracht ziehen müsse), verbunden mit der Weigerung, auch die mangelnde Transparenz und die nur zögerliche Herausgabe von Daten zu erwähnen, erntet Kritik. In Petitionen fordern erste Aktivisten bereits den Rücktritt von Tedros Adhanom Ghebreyesus, der seit 2017 an der Spitze der WHO steht."
Zurück nach Haus. Wir "navigieren im Unheimlichen", schreibt Barbara Dribbusch in der taz: "Corona ist unheimlich, weil die Bedrohung neu ist, weil sie wächst und damit auch immer härtere Maßnahmen erforderlich scheinen, um das Unheil zu verlangsamen. Und dabei kann man nicht mit dem Finger auf irgendwelche Schuldigen, auf politisch Verantwortliche zeigen, was sehr ungewohnt ist für unsere Gesellschaft."
Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksenfragt auf Zeit online: "Was wäre unsere Wirklichkeit ohne das Internet?" Und diese Frage lässt sich auch anders stellen: "Was wäre, wenn wir, wie zu Zeiten der Spanischen Grippe im Jahre 1918/1919, die bis zu 50 Millionen Menschen dahingerafft hat, aufgrund der geltenden Zensur, den Verzögerungseffekten der Printwelt und der damals herrschenden Papierknappheit nichts Genaues wüssten von den Sterbenden in unserer Stadt oder dem tausendsten Infizierten im eigenen Land? Wären wir die, die wir heute sind?"
Welt-Autor Thomas Schmid versucht, die Krise in kleinen Geschichtenabzubilden, die ihm in den Medien und im Netz begegnen: "Severa Belotti, 82 Jahre alt, und LuigiCarrara, 86 Jahre alt, waren seit sechzig Jahren verheiratet, er früher Maurer, sie Hausfrau. Sie lebten in Albino, 13 Kilometer nordöstlich von Bergamo. Die vergangene Woche über lagen beide mit hohem Fieber zu Hause, es war schon schwierig, medizinische Hilfe zu bekommen. Am vergangenen Samstag wurde sie, am Sonntag er ins Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo eingeliefert. Am Sonntag um 9.15 Uhr starb sie, um 11 Uhr er. Der Sohn Luca Carrara konnte sie nicht mehr sehen, sich nicht von ihnen verabschieden, denn auch er befindet sich in Quarantäne."
Die Krise "stellt dieser Gesellschaft und ihren Staaten auch eine bislang ganz unbekannte Aufgabe", schreibtFAZ-Herausgeber Jürgen Kaube: "So gut wie ihre gesamte Leistungsfähigkeit auf ein einziges Problem zu konzentrieren oder jedenfalls so gut wie alles diesem einen Problem unterzuordnen. Eine solche Vereinfachung des Sozialen gelingt normalerweise nicht einmal Kriegen."
Das Kulturleben trifft es neben dem Sport und anderen Veranstaltungen besonders hart. Die tazwirft Schlaglichter auf Absagen, Verdienstausfälle und und offene Fragen: "Spannend bleibt weiterhin die Frage, ob in Cannes das wichtigste Filmfestival der Welt, für Filmbranche wie Filmkritik gleichermaßen, dieses Jahr ausfallen muss oder nicht. Noch soll am 16. April in der geplanten Pressekonferenz das Filmprogramm vorgestellt werden, das Festival bemüht sich unterdessen, die Größe der Veranstaltung und die zugelassene Zahl der Kinosaalbesucher zu begrenzen." Mehr dazu in Efeu.
Außerdem: In einer kleinen Presseschau für Netzpolitikzeigt Dominic Lammar, wie Medien die Ausbreitung der Corona-Krise visualisieren. Zu den besten Beispielen gehört eine interaktive Grafik in der New York Times, in der Nicholas Kristof zeigt, wie viel von einem frühen Zeitpunkt des Eingreifens abhängt.
Der Rowohlt Verlag veröffentlicht Woody Allens Biografie am 7. April (unsere Resümees zur Debatte). Das Statement des Noch-Verlegers Florian Illies, der auf diesen Ärger am Ende seiner kurzen Amtszeit bestimmt nicht scharf war, klingt nicht gerade begeistert. Zitiert wird er etwa im Börsenblatt: "Die Ankündigung der deutschen Ausgabe von 'Apropos of Nothing' hat in den letzten Tagen eine komplexe Diskussion ausgelöst. Wir nehmen die Sorgen von Teilen der Öffentlichkeit wie von Autorinnen und Autoren, die im Zuge der geplanten Veröffentlichung geäußert wurden, ernst. Dies betrifft insbesondere den Vorwurf, dass unsere Entscheidung als unangemessen und missverständlich gegenüber Missbrauchsopfern gewertet werden kann. Damit berührt die nun geführte Debatte grundsätzliche Fragen des Verlegens von Büchern im Spannungsfeld von Ethik und Meinungsfreiheit im digitalen Zeitalter." Den Offenen Brief einiger Rowohlt-Autoren, die Allens Buch nicht veröffentlicht sehen wollen, wertet Illies als "Zeichen der Verbundenheit" mit dem Verlag.
Die Zeit veranstaltet eines ihrer Üblichen Pro und Contras zur Debatte, ob Rowohlt die Memoiren von Woody Allen veröffentlichen soll (unsere Resümees). Adam Soboczynski erklärt nochmal den Hintergrund. Kathrin Passig, eine der Autorinnen des Aufrufs gegen die Veröffentlichung, erinnert daran, "wie erdrückend die Beweislage in solchen Fällen sein muss und wie viel investigative Hartnäckigkeit und institutionelle Unterstützung nötig sind, wenn die Aussagen der von sexualisierter Gewalt Betroffenen nicht immer wieder als unglaubhaft abgetan werden sollen." Von Unschuldsvermutung will Passig nichts hören. Sie gelte "nicht nur für Woody Allen, sie gilt auch für Mia Farrow und führt daher nicht weiter".
Daniel Kehlmann verwahrt sich gegen das Klischee, dass nur böse Künstler gute Werke schaffen: "ich glaube vielmehr, dass sich die Persönlichkeit eines Künstlers in seinem Werk ausdrückt - und gerade in dieser Hinsicht ist es nicht egal, dass Woody Allens Lebenswerk den tiefsten und wahrhaftigsten Humanismus ausdrückt. Und weil ich nun einmal den Eindruck habe, dass es nicht das Werk eines Mannes ist, der Kinder vergewaltigt, möchte ich wissen, was er selbst über sein Leben und über die Vorwürfe zu sagen hat."
Harvey Weinstein ist zu 23 Jahren Haft verurteilt worden. Gut so, kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel, aber: "Das Gerichtsurteil ist das eine, das öffentliche Urteil das andere. Wenn beides zusammenfällt, stellt sich Genugtuung ein. Ein schönes Gefühl, das Gefahren birgt. Der Sturz der Mächtigen wird gerne mit Jubel quittiert. Er übertönt jedoch, was Gewalt und Übergriffe so oft begünstigt: das Schweigekartell der Umgebung; der Mitarbeiter und Kolleginnen, auch der Fans, die ihr Idol anhimmeln. Machtmissbrauch ist Teamarbeit. Was die Täter kein bisschen entlastet."
In Paris wurde Roman Polanski wegen einer tatsächlichen und einiger angeblicher Verfehlungen bei der "Césars"-Verleihung mit Gesten äußerster Verachtung bedacht (er selbst war nicht anwesend). Viriginie Despentes schrieb in Libération, das Antisemitismus-Thema seines Films "J'Accuse" sei nur vorgeschoben, weil reiche Produzenten Polanski eine Ehrbarkeit hätten zurückgeben wollen. Für Pascal Bruckner ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten, wie er in Le Pointschreibt. "Wie können Schauspieler und Schauspielerinnen, Regisseure, die man bewundert, wohlhabende und anerkannte Schriftstellerinnen in diese Wahnsinnslogik des Sündenbocks abgleiten? Hass hält warm und schweißt eine Gruppe zusammen."
Es sind nicht die Positionen zu verschiedenen Sachthemen, die der AfD Wähler bringen, es ist der Populismus der Partei, meint der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky im Tagesspiegel. Folglich werden es die Volksparteien schwer haben, Wähler zurückzugewinnen: "Populismus (..) ist die Ablehnung des Status quo, weil man eine andere, unmittelbare, 'organische' Form des Regierens vorzieht. Populistisch eingestellt zu sein bedeutet, dass man glaubt, das 'Volk' habe über alles zu entscheiden, und zwar auch über die institutionellen Grenzen hinweg, die die liberale Verfassung garantiert."
"Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, Wutbürger in Watte zu packen", sagt Jürgen Habermas im bereits im Oktober geführten, nun veröffentlichten 28-seitigen Interview mit der sozialwissenschaftlichen Vierteljahreszeitschrift Leviathan, das man hier als PDF herunterladen kann. Im Tagesspiegelresümiert Christian Schröder das Gespräch: "Es habe viel zu lange gedauert, 'bis die Nazi-Aufmärsche, die antisemitischen Anschläge und sogar der Mord an einem Politiker eine auf Antikommunismus und Islamophobie getrimmte Öffentlichkeit alarmiert und die Behörden zu einem Perspektivenwechsel von links nach rechts veranlasst haben'(…). Bis vor kurzem sei es für Politiker quasi unmöglich gewesen, 'ein klares Wort gegen den rechten Mob zu riskieren, ohne reflexhaft - als müssten sie sich entschuldigen - auf die Symmetrie von Rechts- und Linksextremismus hinzuweisen'."
Nach sechzig Jahren und einem Shitstorm kündigt Bahlsen an, seinen Schokoladenkeks "Afrika" umzubenennen, meldet Matthias Heine in der Welt. Konsequenterweise müsste auch Afrika umbenannt werden, denn der Name wurde dem Kontinent vor 2200 Jahren von "alten, weißen" Kolonialisten und Imperialisten "übergestülpt", sinniert Heine weiter: "Es bleibt dabei, dass Afrika ursprünglich ein Sklavenname war, mit dem europäische Eindringlinge die in ihren Augen schmutzigen und primitiven Indigenen bezeichneten. ... Vielleicht ist es Zeit, den Kontinent von seinem Namen zu befreien und ihn damit auch linguistisch zu dekolonialisieren."
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