9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Gesellschaft

Ziemlich präzise beschreibt Timo Feldhaus im Freitag die stillen Tage der Coronakrise in Berlin: "Berlin Alexanderplatz, ein paar Jungs kicken einen Fußball in hohem Bogen über die riesige, menschenleere Betonplatte. An den Wohnhäuserwänden stehen Pappkartons mit Aussortiertem, die Leute misten aus, von dem sie sich lange nicht trennen konnten, jetzt zu verschenken. Auf der Straße achten alle aufeinander. Choreografiert und artifiziell wirken ihre Bewegungen, wie in einem Film von Jacques Tati. Es ist so irre still, die Luft riecht frisch und gut. Ein Rabe sitzt auf einer noch zuckenden Taube und isst ihren Kopf. Die Tauben sind schwach. Wir geben nichts mehr."

Im NZZ-Gespräch mit Jörg Scheller erklärt der Historiker Andreas Möller, weshalb uns die Krise derart aus der Bahn wirft - auch wenn Pandemien erwartbar sind: "Die Auswirkungen von Corona sind nicht banal, sondern im Guten wie im Schlechten ein Spiegelbild unserer engen Vernetzung und Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten. Wir registrieren plötzlich Stellschrauben im System, die wir sonst kaum wahrnehmen, beispielsweise das Fehlen von Erntehelfern. Für die Alltagswahrnehmung der Bevölkerung dürften die Bilder leerer Regale in Discountern, aber auch die täglichen Nachrichten über Infizierte oder Verstorbene ebenso bedeutend sein - der permanente Kontrast von Nah- und Fernhorizont."

Michael Wuliger fragt in seiner Kolumne in der Jüdischen Allgemeinen, warum der Begriff des "Philosemitismus" so negativ besetzt ist: "Interessanterweise findet man diese Herabwürdigung von Sympathie auch nur, wenn es um Juden geht. Frankophile, die jedes Jahr in die Dordogne fahren, Georges Brassens hören und ausschließlich französischen Wein im Keller haben, werden vielleicht wegen ihrer Marotte belächelt. Auf die Idee, sie ideologisch oder psychologisch zu hinterfragen, gar zu brandmarken, käme keiner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Gesellschaft

Der Psychiater und renommierte Gutachter Hans-Ludwig Kröber beharrt in der Zeit darauf, dass die Tat des Attentäters von Hanau trotz mancher rassistischer Motive in seinen irren Manifesten eher als ein "finaler psychotischer Amoklauf denn als ein ideologisch motivierter Terroranschlag" gesehen werden müsse: "Es war ein maximal gewalttätiger Ausstieg aus einem Kampf gegen eine finstere Macht, die weder von Türken noch Kurden, noch Roma oder überhaupt einer benennbaren Personengruppe gesteuert wird. Diese nicht zu bewältigende Macht war das seine Existenz zersetzende, psychotische Grauen."

Mit leichtem Schaudern erinnert sich der in Berlin lebende irakisch-deutsche Schriftsteller Najem Wali in der SZ angesichts der Maßnahmen, die Deutschland zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus ergriffen hat, an Isolation, Denunziation, Haft und Überwachung im Irak der Siebziger: "Wenn sich damals ein Ex-Häftling versehentlich mit einem Bekannten oder Freund traf, der bereits selbst unter Verdacht stand, musste er vor der Behörde erscheinen und die Art der Beziehung zum anderen erläutern. Manchmal wurde er erneut verhaftet, weil er gegen die Isolationsauflagen verstoßen hatte. Wenn der Entlassene in eine andere Stadt reiste, stellte er fest, dass sein Name bekannt war und er kontrolliert wurde, bevor er die neue Stadt betrat. Am Kontrollpunkt musste er die Gründe für seine Reise erklären, als würde er aus einem Ländern einreisen und sich nicht innerhalb der Grenzen seines Landes bewegen."

Von Agamben über Zizek bis zu Heinz Bude oder Naomi Klein - Philosophen und Soziologen rufen den Systemwechsel nach der Coronakrise aus. Aber vielleicht geht es auch eine Nummer kleiner, meint Hannes Soltau im Tagesspiegel: "Nicht zu verleugnen ist, dass die Störanfälligkeit der Gesellschaft offenbar wird. Doch eine Lehre aus der Krise ist ohne die gründliche Reflexion auf die Gründe und ohne eine Analyse der ihr zugrunde liegenden sozio-ökonomischen Verhältnisse nicht zu haben. Im besten Falle entstehen dafür derzeit Risse in der Verpanzerung des alltäglichen Betriebs. Ein Knacks, der Frischluft in die blinde Betriebsamkeit bringt.(…) Man denke an beschämende Arbeitsverhältnisse und schlechte Bezahlung in der Care-Arbeit bis hin zur Ausrichtung von kritischer Infrastruktur an Profitinteressen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2020 - Gesellschaft

Die Absage des Münchner Oktoberfestes macht Felix Lee in der taz klar: Die Lage wird sich noch bis weit ins nächste Jahr nicht normalisieren. Ohne Impfstoff wird es immer wieder Lockdowns geben, "wahrscheinlich mehrfach. Das zumindest ist die Erfahrung, die Taiwan, Hongkong, Singapur und Südkorea gerade machen. Durch rasches Handeln war es ihnen gelungen, die Epidemie zu stoppen. Sie konnten ihre Maßnahmen wieder lockern. Singapur wird nun von einer zweiten Infektionswelle überrollt, die anderen stehen kurz davor. Nun gelten die Sperren wieder."

In der SZ fällt Agnes Striegan auf, dass die Probleme im Homeoffice - wie kann ich Arbeit und Privates trennen, wann ist Feierabend - sehr alt sind. Jedenfalls für Frauen: "Gerade Frauen erledigten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Lohnarbeit in ihren Wohnungen: Große Teile der Textilbranche lebten davon, dass Frauen zu Hause Hutbänder und anderes mehr nähten; Produkte, für die sie keine Maschine brauchten. Eigentlich stammt unsere Vorstellung von der Wohnung als arbeitsfreie Zone aus der Zeit nach 1945. Und diese Vorstellung ist - oder war - nur dann einigermaßen realistisch, wenn mit Arbeit bezahlte Arbeit gemeint ist. Denn das Zuhause beherbergt eine Menge unbezahlter Arbeit: Kochen, Waschen, Putzen, Kinder erziehen, überhaupt das Familienleben organisieren. Man spricht auch von Care-Arbeit: Reproduktionsarbeit, Pflegearbeit, Fürsorgearbeit. Die wird nur oft übersehen."

In Indien wird die Coronakrise von Hindufanatikern genutzt, weiter Hass gegen Muslime zu schüren, berichtet der Lehrer V. Ramaswamy in einem Brief aus Kalkutta an die SZ: "Eine Versammlung der Tablighi Jamaat, einer muslimischen Religionsgemeinschaft, die vor dem Lockdown in Delhi stattfand, lieferte einen geeigneten Vorwand. Die aus fundamentalistischen Hindus bestehende Regierung in Indien und ihre Schoßhündchen unter den Medien sprangen schnell auf und beschuldigten diese Organisation und Muslime im Allgemeinen, das Virus verbreitet zu haben. Manche unterstellten sogar, dies sei absichtlich als terroristischer Akt geschehen. ...  Dieses Virus des Hasses ist weit tödlicher als das Coronavirus."

Männer sterben früher als Frauen. Aber das Alter gleicht sich an, wo Frauen gleichgestellt sind, notiert Annika Ross bei emma.de mit Bezug auf eine Studie der  Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip für das Robert Koch-Institut. Das Problem erkläre sich nicht nur durch genetische Faktoren, sondern auch aus der Tatsache, "'dass Männer tendenziell einen ungesünderen und riskanteren Lebensstil pflegen', erklärt Kolip... Dazu zählt laut Kolip vor allem, dass sie mehr trinken und rauchen als Frauen, aber auch die Tatsache, dass Männer seltener zum Arzt gehen. 'Aber auch riskantes Verhalten, wie zum Beispiel beim Autofahren, sowie die Wahl riskanter Arbeitsplätze beeinflusst die Lebenserwartung.' Außerdem haben Männer ein deutlich höheres Risiko, bei einem Unfall ums Leben zu kommen." Wo Frauen gleichgestellt sind, milderten sich diese Faktoren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2020 - Gesellschaft

Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin, schließt sich in der taz der Kritik an der Einschränkung der Grundrechte zur Bekämpfung der Coronakrise an: "Auch wenn derzeit keine Rede davon sein kann, dass wir uns im 'Krieg' befinden, dass eine politische 'Ermächtigung' stattgefunden hat und die Grundrechte 'abgeschafft' sind: Die panische Pauschalität, mit der die Seuchenbekämpfung auch völlig gesunde Menschen antastet, lässt an ihrer Rechtfertigung zweifeln. Selbst wenn der Vergleich ein wenig hinkt: Es ist, als wolle man die Kriminalität bekämpfen, indem man auch alle Unschuldigen als Gefährder einstuft und präventiv einsperrt."

Ebenfalls in der taz wirft die Kulturwissenschaflerin Susan Arndt den Deutschen "privilegienbedingte Verweichlichung" vor. Noch in der Krise seien die Deutschen rassistisch und wollten nicht einsehen, dass sie in einem "weißen Happyland" leben: "Das Entsetzen hat viel damit zu tun, dass die Menschen in Deutschland nicht einfach nur daran gewöhnt sind, dass es ihnen besser geht als Milliarden anderen Menschen. Sie sehen es als ihr Anrecht an. Eben das macht Diskriminierung aus."

In Deutschland denken immer mehr Juden über eine Auswanderung nach, meint Richard C. Schneider in der NZZ. Woanders sei es zwar möglicherweise auch nicht besser, aber "vielleicht doch so, dass man sich wieder einrichten kann und sich nicht mehr im eigenen Land fremd fühlt. Denn das ist doch der springende Punkt: Als Jude ist man in jedem Land fremd. Das ist nicht einfach. Aber im eigenen Land nicht gewollt oder erwünscht zu sein - und das nicht nur in den Augen von Randgruppen und Rassisten -, das ist unerträglich."

Und in der NZZ bestaunt der Philosoph Heiner Mühlmann die "Geburt der Höflichkeit aus dem Geist der Coronakrise".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2020 - Gesellschaft

Die iranische Schriftstellerin Fariba Vafi schickt dem Tagesspiegel einen langen Brief aus Teheran, wo die Corona-Krise die Gesellschaft immer weiter aufspaltet: "Das kranke Wirtschaftssystem versagt bei der Umsetzung von Hilfsprogrammen. Es hat sich seiner Verantwortung für die allgemeine Gesundheits- und Daseinsvorsorge entledigt und bürdet diese Last jedem einzelnen Bürger auf. Jeder muss sehen, wie er zurecht kommt. Ohne jede staatliche Unterstützung. Darüber, dass häusliche Gewalt und Prügeleien sich stark häufen, wird in den offiziellen Medien kaum ein Wort verloren. Die Scheidungsrate ist hoch. In einer Provinz im Norden des Landes ist es mittlerweile verboten, Scheidungen einzureichen. Laut Gesundheitsamt gehen aufgrund häuslicher Streitigkeiten mittlerweile dreimal mehr Anrufe ein als bisher. Corona greift indes weiter um sich. Wer unter Quarantäne steht, lebt auf Inseln, per Internet miteinander verbunden."

Wie geht es mit den Schulen weiter? Schwierig, vor allem in Berlin, notiert Christian Tretbar im Tagesspiegel. Denn hier "wurde kein Wert, mindestens aber kein Fokus auf die Digitale Bildung, auf die Digitalisierung insgesamt gelegt. An Berliner Schulen mangelt es zum Teil am Grundsätzlichen: einheitlichen Mail-Adressen für die Lehrer beispielsweise. Angeboten werden nicht etwa Standardprogramme zur Textverarbeitung oder Präsentationserstellung - sondern Krücken. Von der Hardware-Ausstattung mal ganz abgesehen. Warum? Weil man sich auf keinen Fall Datenschutzprobleme einfangen will, keine digitalen Risiken eingehen will. Nur zeigt sich jetzt, dass die Weigerung, die Skepsis, das Überbetonen der Gefahren die größten Risiken waren - und sind. Die Voraussetzung für digitales Arbeiten existiert an den wenigsten Berliner Schulen."

Weiteres: Maximilian Probst möchte in der Coronakrise weiter auf Experten hören, erklärt er auf Zeit online. Aber kritische Fragen möchte er ihnen schon stellen können. Denn die Vorstellung, sie seien "interesselose, über den Dingen schwebende Intellektuelle" ist Unsinn, findet er. In der NZZ wendet sich Eduard Kaeser gegen den neuen Moraldiskurs, der angeblich unmoralischem menschlichem Handeln die Schuld gibt an Corona: "Hüten wir uns vor einem Rückfall ins Zeitalter der Naturstrafe. Lassen wir den biomedizinischen Sachverstand nicht durch Moralviren infizieren. Krankheit ist auch ein Spiegel: Schaut man lange genug hinein, starren einem immer deutlicher die selbstgezüchteten ideologischen Gespenster im Kopf entgegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2020 - Gesellschaft

Die Schriftstellerin Mansura Eseddin schickt in der NZZ einen erwartungsgemäß deprimierendes Stimmungsbericht aus Ägypten, wo die Menschen ebenfalls seit einem Monat nicht mehr ihre Häuser verlassen können: "Irritierend ist, dass manche hier eine Ansteckung mit dem Coronavirus als Stigma betrachten, das man besser verheimlichen sollte. Als etwa ein Krankheitsfall aus einem Dorf im Nildelta - der Region, wo ich aufgewachsen bin - gemeldet wurde, stellten Verwandte von mir ein kurzes Video ins Netz: Sie bestritten jede Vermutung, das Virus könnte auch ihr Dorf erreicht haben, und schlugen dabei alle Vorsichtsmaßnahmen in den Wind, indem sie sich Seite an Seite mit den Nachbarn zeigten. Aber nicht alle lassen sich von der Angst vor dem gesellschaftlichen Ausschluss so weit treiben wie jene Mutter, die die Sanitäter anflehte, ihre erkrankte Tochter nicht von zu Hause abzuholen, damit keine Schande über sie komme."

Die brasilianische Lyrikerin Angélica Freitas erzählt im Tagesspiegel aus einem Land, in dem die Vernunft es mit dem Virus und einer zynischen Macht zugleich aufnehmen muss: "Es ist bezeichnend, dass das erste Opfer der Pandemie in Rio de Janeiro eine Hausangestellte war. Sie starb am 17. März mit 63 Jahren, war Diabetikerin und litt an Bluthochdruck. Ihre Arbeitgeberin lebt im sehr wohlhabenden Stadtteil Leblon und war von einer Italienreise zurückgekehrt. Als das bekannt wurde, twitterte jemand: Casa-grande e senzala, 'Herrenhaus und Sklavenhütte', und spielte damit auf die Sklavenhaltergesellschaft an, die Brasilien einmal war. Die Folgen sind bis heute zu spüren."

Warum ist das Feiern am Abgrund, der Tanz auf dem Vulkan eigentlich so in Verruf geraten, fragt der emeritierte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ aus dem Homeoffice-Ennui heraus. Immer nur dieses fade Gerede von Solidarität! Warum es nicht noch einmal krachen lassen wie Kleopatra und Marc Anton nach der verlorenen Schlacht bei Actium? Oder Eva Braun im Führerbunker?

FAZ-Autor Niklas Maak stürzt sich todesverachtend in die unappetitliche Lektüre von "Prepper"-Magazinen, in denen hysterisierte Waldschrate lernen, sich mit Schusswaffen, Rammbügeln und Dosenravioli vor Bio-Katastrophen zu schützen. Aber, erkennt Maak, nicht nur depravierte Rednecks kultivieren die Angst vor der Stadt, auch Kaliforniens Superreiche ziehen sich auf ihre Privatinseln im Pazifik zurück: "Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass sich 'nach Corona' zwei Trends verschärfen werden. Einerseits die Kontrolle der Städte und Flughäfen per Tracking-Apps und anderen Formen von smart surveillance und, andererseits, die Flucht aus den Städten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2020 - Gesellschaft

"Wir wählen den wirtschaftlichen Suizid, um zu verhindern, dass einzelne betagte Menschen das Zeitliche einige Jahre früher segnen, als es unter normalen Umständen zu erwarten wäre", ätzt der Jurist und Unternehmer Georges Bindschedler ganz schamlos im NZZ-Feuilleton: "Das Notrecht dient kurzfristig allen Politikern, alle wollen die Gunst der Stunde und das Notrecht für ihre Zwecke ausnutzen und missbrauchen: die Gutmenschen, die Bürgerlichen, die Grünen, die Roten. Das Notrecht wird nie wirklich aufgehoben, seine 'bewährten' Teile werden ins 'ordentliche' Recht übergeführt, und die Regelungsdichte wird erhöht, was dann euphemistisch als Ausstieg aus dem Notrechtsregime bezeichnet wird."

Kurzfristig wird uns der Verlust vieler Menschen schmerzen, aber langfristig wird uns das "soziale und ökonomische Chaos länger beschäftigen", sekundiert die Ökonomin Xenia Tchoumi ebenfalls im NZZ-Feuilleton. Und wo sind eigentlich die Soziologen, wenn man sie braucht?, fragt Urs Hafner in der NZZ. Unter dem Zeitdruck konnte die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen kaum geprüft werden, verteidigt Andreas Zielcke in der SZ die Entscheidungen der Regierung, die teils als verfassungswidrige Eingriffe in die Freiheitsrechte kritisiert wurden: "Von den Gerichten, die sich bereits mit Eilanträgen gegen die Sperrmaßnahmen befassen mussten, hat sich bisher keines die fundamentale Kritik zu eigen gemacht, auch nicht in Karlsruhe."

Die Lockerungen kommen zu früh, schreibt Florian Schumann in einer unaufgeregten Analyse auf Zeit Online. "Es ist auch gut möglich, dass der Spielraum, den wir jetzt haben, zu klein ist. Dass die zweite Welle kommt, sie uns wieder in Quarantäne zwingt und sie vielleicht größer wird als die erste. In jedem Fall werden wir nicht nur Geduld brauchen, sondern weiter auch Solidarität. Doch auch die scheint zu bröckeln, jetzt, wo Branchen streiten, warum die einen öffnen dürfen, während andere in den Ruin steuern."

Mit jedem Tag, der vergeht, "frisst" die Pandemie Frauenrechte, konstatiert Jagoda Marinic in der SZ, Bildungschancen von Mädchen in ärmeren Ländern sind in Gefahr, der Gender Pay Gap vertieft sich, das öffentliche Leben scheint "vermännlicht", schreibt sie. Zwar sterben am Coronavirus doppelt so viel Männer wie Frauen. Aber "weibliches Krankenhauspersonal stirbt 2,7 mal so häufig wie männliches, weil es oft Frauen sind, die direkt am Patienten arbeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2020 - Gesellschaft

Wer im Internet Pornos gucken will, soll künftig etwa durch Vorlage seines Personalausweises im Postident-Verfahren beweisen, dass er über 18 ist, berichtet Marie Bröckling bei Netzpolitik. Solche Maßnahmen hat Tobias Schmid von der Landesanstalt für Medien NRW jüngst angekündigt. Bröckling findet das eher fragwürdig: "In Großbritannien ist ein ähnliches Vorhaben letztes Jahr gescheitert. Bürgerrechtsgruppen hatten gewarnt, dass die Klarnamen und Geburtsdaten von Nutzer:innen mit höchst sensiblen Angaben über ihre sexuelle Vorlieben verknüpft werden könnten. Zudem wurde befürchtet, dass der Einfluss des MindGeek-Konzerns, zu dem Youporn, Pornhub und Redtube gehören, dadurch weiter wachsen könnte. (...) Schmid gibt sich zuversichtlich zur Akzeptanz in der Bevölkerung: 'Die Bereitschaft, persönlich Daten für den Porno-Konsum zu teilen, scheint bei vielen Menschen durchaus zu bestehen. Viele Portale finanzieren sich über ihren bezahlten Content und dafür müssen Nutzer ihre Kreditkarten hinterlegen.'"

Nutzen wir die Corona-Krise um über Zeitpolitik nachzudenken, schlägt der Gesellschaftswissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt in der FR vor, denn auch Zeit ist Wohlstand: "Der Staat kann die Phase des massiven Home Office nutzen, über den normsetzenden öffentlichen Dienst zeitpolitische Maßnahmen breitenwirksam in die Arbeitswelt einzuführen. Vorschläge sind die 'kurze Vollzeit für Alle', 'Lebensarbeitszeit-Konten', die mit Blick auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch zu wenig ausgereizten 'Teilzeitgesetze' oder Rechte auf temporäre Freistellungen. Studien aus Deutschland belegen, dass bereits heute viele Arbeitnehmer statt mehr Geld mehr freie Zeit als Leistungsanreiz bevorzugen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 - Gesellschaft

Es hat Papiere gegeben, die schon vor Jahren vor einer Pandemie warnten. Sie interessierten die Politik mäßig und die Öffentlichkeit gar nicht. Der Katastrophenforscher Martin Voss erkennt im Gespräch mit Georg Sturm von der taz auf kollektives Versagen: "Wie wichtig Krisenprävention ist und dass sich diese langfristig sogar ökonomisch rechnet, geht dabei unter. Paradoxerweise sieht man am Ende nicht unbedingt, ob es sich gelohnt hat. Die beste Krisenprävention hat nämlich zur Folge, dass die Katastrophe ausbleibt. Damit lassen sich keine Wahlen gewinnen. Zudem haben wir in der ganzen Welt kein adäquates Forschungszentrum, das sich mit solchen grundlegenden Risiken beschäftigt. Das ist für mich das größte Armutszeugnis. In dieser Hinsicht sind wir wirklich selbst verschuldet blind gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2020 - Gesellschaft

Im Interview mit der SZ weist die Schriftstellerin Arundhati Roy darauf hin, dass es den bürgerlichen Kreisen in den Großstädten auch in der Corona-Krise noch gut geht. Ganz anders "die Arbeiterklasse, die Arbeitsmigranten", von denen es in Indien fast fünfeinhalb Millionen gibt und die jetzt wegen der Ausgangssperren ihre Arbeit und damit auch ihre Unterkünfte verloren haben: "Sie hatten buchstäblich keinen Ort mehr, an den sie hätten gehen können. Es gab keinen öffentlichen Nahverkehr mehr, also haben sie sich auf den langen Marsch in ihre Dörfer aufgemacht, die Hunderte Kilometer entfernt liegen. Es war ein unfassbarer Anblick. Die Polizei hat sie geschlagen und gedemütigt, weil sie sich nicht an die Ausgangssperre hielten. Das waren Hunderttausende Menschen. Die Ausgangssperre, die eigentlich eine soziale Distanzierung erreichen sollte, führte hier zu einem physischen Zusammenpressen von Menschen."

Wirklich traditionell ist der Verzehr von Pangolinen und ähnlichen Wildtieren in China nicht, sagt der in Houston lehrende chinesische Tierschützer Peter Li im Gespräch mit Livia Gerster in der FAS: "Der Handel mit wilden Tieren kam erst in den letzten vierzig Jahren auf. Die Händler behaupten, das Fleisch des Pangolins mache potent, und seine Schuppen heilten Krankheiten. In China sind die Tiere mittlerweile so gut wie ausgestorben. Nun werden sie aus Südostasien und sogar aus Afrika ins Land geschmuggelt und dann für horrende Preise in Restaurants angeboten. Die Industrie hinter der traditionellen chinesischen Medizin bewirbt nicht nur Schuppen, sondern auch Bärengalle, Leopardenknochen, Tigerpenis und Elefantenhaut als Wundermittel. Nichts davon hat eine wissenschaftliche Grundlage. China braucht diese Pseudomedizin nicht, aber leider lassen sich viele von den Profiteuren einlullen."

In der SZ schickt Felwine Sarr Impressionen aus dem stillgelegten Dakar und stellt fest, dass es für die globalisierte Oberschicht ungewöhnlich ist, nicht zu wissen was kommt, keine Pläne und Termine machen zu können. "Für andere, und das ist die Mehrheit, war das Morgen immer gefärbt von Ungewissheit. Es brachte seinen Teil an Herausforderungen und plötzlichen Engpässen, manchmal Überraschungen und Tröstungen. Die ungewissen Zukunftstage, man lernte und wusste mit ihnen zurechtzukommen. Man zähmte die Zeit durch eine Runde Tee, durch das Netz einer Unterhaltung, die sie in einen Ort gehobener Qualität veredelte."

Wie ein Rohrspatz schimpft Autor Ulf Erdmann Ziegler in der taz über all die Zwangsmaßnahmen, die der Staat seinen Bürgern zumutet, und dann auch noch föderal unkoordiniert: "In Berlin darf man einen Buchladen offenhalten; in Hessen durfte der Buchhändler wochenlang die Bücher nicht einmal einzeln zur Tür herausreichen, aber durchaus einen Boten in mein Treppenhaus schicken. Wo endet die Für- und Vorsorge, und wo beginnt die Willkür?