9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2020 - Gesellschaft

Aria Adli, Romanist in Köln, der für Forschungsprojekte viel mit der Universität von Teheran zusammenarbeitet, erklärt im Interview mit der SZ, was sich an den Protesten im Iran geändert hat. Im letzten Herbst noch habe man wegen der schlechten Wirtschaft protestiert, jetzt aber gehe vor allem die Mittelschicht auf die Straße, die wütend sei über die stockende Aufklärung des Flugzeugabschusses durch das iranische Militär, aber auch politisch ganz anders drauf: "Diejenigen Iraner, die nicht nur schimpfen, sondern sich wirklich für eine Öffnung ihrer Gesellschaft einsetzen, sehen den Westen keineswegs als plakatives Vorbild."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2020 - Gesellschaft

Auf den Klimawandel zu reagieren, indem man ständig den individuellen Verbraucher an den Pranger stellt, bringt uns nicht weiter. Und sehr politisch gedacht ist es auch nicht, meint Zacharias Zacharakis auf Zeit online nach Lektüre eines FAS-Interviews mit Agrarministerin Julia Klöckner. "Politikerinnen und Politiker schieben die Verantwortung für ihre Versäumnisse auf die Bürgerinnen und Bürger und geben ihnen die Schuld dafür, durch ihren übermäßigen Konsum die Welt zu einem schlechteren Ort zu machen. Aber da muss man einmal fragen dürfen: Wo leben wir eigentlich? Richtig, in einer Marktwirtschaft. Und in dieser gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wer es zulässt, dass gewisse Produkte zu gewissen Preisen in Geschäften angeboten werden, der darf sich nicht darüber wundern, dass die Menschen diese Dinge auch kaufen."

Im Gespräch mit Annika Leister von der Berliner Zeitung gibt sich Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit", der seine Warnungen an die Konservativen mit Asche toter Juden untermauern wollte, (unsere Resümees) zerknirscht. Auf die Frage, ob seine Aktion ein Erfolg war, sagt er: "Nein, die Aktion hat ihr Ziel völlig verfehlt. Sie ist gescheitert. Natürlich scheitern alle unsere Aktionen auf ihre Art. Aber hier liegt schon ein außergewöhnliches Scheitern vor." Aber an seiner Stele an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper hält er fest: "Wir haben uns entschuldigt und radikale Schritte vollzogen: Wir haben die Asche, den Glutkern, entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben. Wir. Jetzt hat sie nichts mehr mit der Schoah zu tun. Sie fordert seither dazu auf, die Verteidigung der Demokratie zu schwören." Ziemlich sauer reagiert in der FAZ Hannah Bethke auf die jüngsten Äußerungen Ruchs.

Frankreich hat eine neue #metoo-Debatte. Ausgelöst oder vielmehr neu angefacht wurde sie durch die Schauspielerin Adele Haenel und die Schriftstellerin Vanessa Springora, die öffentlich machten, wie sie als 13- bzw. 15-Jährige von sehr viel älteren Künstler-Männern sexuell ausgebeutet wurden, berichtet Nadia Pantel in der SZ. Teile des kulturellen Milieus finden das immer noch unerheblich: "'In den Siebziger- und Achtzigerjahren war Literatur wichtiger als Moral, heute ist die Moral wichtiger als die Literatur', schreibt der Kulturjournalist Bernard Pivot auf Twitter. Pivot lud Matzneff fünfmal in seine Talkshow Apostrophes ein. Schaut man heute die Beiträge von früher, entsteht nicht der Eindruck, es gehe in erster Linie um Literatur. So fragte Pivot in einer Sendung 1990, warum Matzneff 'junge Miezen' sammele. Der Literat erklärte, volljährige Frauen seien schon 'zu verhärtet', Mädchen seien 'viel lieber', und würden erst ab 18 'sehr hysterisch'." Unsere Resümees zur Affäre um den einst gefeierten Autor Gabriel Matzneff.

Warum werden Veränderungen von Sprache stets als Verfall wahrgenommen, fragt der Sprachhistoriker Peter Eisenberg in der FAZ. Er weiß, wovon er redet, denn er hat jahrelang Briefe von Sprachfreunden an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung beantwortet: "Nicht selten hatten die Diskurse dieselbe Struktur: Ein Journalist im Ruhestand macht geltend, es müsse heißen 'Sie hat gewinkt'. Auf die Frage, woher er das wisse, antwortet er, das wisse doch jeder vernünftige Mensch. Auf die Mitteilung, aus Erhebungen in Zeitungstexten gehe hervor, dass seine Kollegen gegenwärtig die Form 'Sie hat gewunken' präferieren, kommt als Antwort, das sei eine Verfallserscheinung, die Masse habe eben keine Ahnung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2020 - Gesellschaft

Auf Zeit online träumt sich Walter Osztovics die Welt, wie sie 2030 nach Umsetzung der EU-Klimaziele aussehen könnte. Zum Beispiel in der Landwirtschaft: "Müssen die großen Rinderzuchtbetriebe schließen, weil sie die Methan-Grenzwerte überschreiten? Müssen Sie sich durch Emissionshandel freikaufen? Oder wird Rindfleisch schlicht durch Treibhausgas-Steuern verteuert? Ein durchaus plausibles Szenario geht davon aus, dass Fleisch nur mehr aus extensiver Weidehaltung stammen und entsprechend teuer sein wird, während überall dort, wo heute Massenprodukte verwendet werden - Burger, Würste, Fast-Food-Schnitzel -, vegane Ersatzprodukte zum Einsatz kommen. Viele landwirtschaftliche Flächen werden aufgeforstet werden, denn CO₂ muss nicht nur eingespart, sondern auch aktiv der Atmosphäre entzogen werden, weshalb sich die schlauen Bauern wohl über kurz oder lang das Anlegen von dauerhaften Wäldern durch Prämien belohnen lassen werden."

Man kann's mit dem Umweltschutz auch übertreiben, seufzt Rainer Haubrich in der Welt mit Blick auf Stuttgart21, wo Naturschützer schaffen könnten, was anderen nicht gelang: Das ganze Projekt zu Fall zu bringen wegen 4000 Mauereidechsen: "Nicht nur in Stuttgart hat der Artenschutz inzwischen groteske Züge angenommen. Für die Autobahn A44 in Hessen wurde ein vier Kilometer langer und 50 Millionen Euro teurer Tunnel gebaut, um eine Molchkolonie zu schützen - das waren 10.000 Euro pro Lurch."

Der Schriftsteller Philipp Weiß schickt dem Standard den zweiten Teil seiner Reportage aus Chile. Hier blickt er auf die Verwüstungen, die der Abbau von Rohstoffen auf Landflächen angerichtet hat, auf denen indigene Völker lebten: "Würde man eine Geschichte der Ungleichheit Chiles schreiben wollen, man könnte sie in Quitor beginnen lassen und ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart Chuquicamatas fortschreiben. Die Sedimente der Ungleichheit liegen hier offen, in diesem bis vor wenigen Jahren größten Kupfertagebau der Welt, einem gigantischen, im Verlauf von mehr als hundert Jahren über tausend Meter tief in die Erde gesprengten Loch. Diesem Loch verdankt Chile seinen Reichtum. Es klafft im größten Kupfererzkomplex des Planeten und auf der seit Jahrtausenden bewohnten Erde der Atacameños. Über ein Drittel des in den Weltmärkten gehandelten Erzes stammt aus dieser Region. Und über die Hälfte aller Exporte des Landes sind Kupferkonzentrate. In Form von Stromleitungen überziehen sie unseren verkabelten Planeten. Loreto und Jorge warnen mich, bevor ich aufbreche: 'Wenn du zu den Minen fährst, nimm eine Atemmaske mit! Die Menschen dort sind alle krank.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2020 - Gesellschaft

In der NZZ ärgert sich Sarah Pines über die Heuchelei neuartiger Flüchtlingsrestaurants, die damit werben, dass sie Geflüchteten, Asylsuchenden und Überlebenden des Menschenhandels Zuflucht, Job oder Ausbildungsplatz geben. Zum Beispiel die in hellem skandinavischen Design eingerichteten Restaurants von "Emma's Torch - alles andere als eine Wellblechhütte: "An den Tischen plaudern westliche Menschen, über den Stuhllehnen hängen mit Bommeln besetzte Jutebeutel. Einrichtung und Tische sind glatt, anonym, ohne Firlefanz oder 'ethnisches' Dekor. Keiner der Gäste dreht sich in Richtung Küche, an deren offenem Tresen Flüchtlinge, Asylsuchende und dem Menschenhandel Entkommene Essen zubereiten. In der Flüchtlingsküche ist das Machtgefälle noch offensichtlicher als in herkömmlichen Restaurants. Denn sie wirbt mit den schwächsten Mitgliedern einer Gesellschaft, die außerdem noch das schwächste Glied in der Kette der Mitarbeiter stellen. Sie stehen in der Küche, aber nicht als Chefköche oder Rezeptentwickler - auch wenn sie hier und da den nötigen Input und das Know-how für einzelne Gerichte liefern."
Stichwörter: Skandinavisches Design

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2020 - Gesellschaft

Gestern hat sich Philipp Ruch für seine Mobilisierung der Asche toter Juden zur Bekämpfung des Konservatismus entschuldigt (Lea Rushs Zahn hat ihn dazu inspiriert, unser Resümee). Wir tragen den Verweis auf einen Text Eliyah Havemanns in der Jüdischen Allgemeinen nach. Havemann, gehört zum "Aktions-Künstler-Komitee", das versucht hat, die Stele abzureißen, und von der Polizei gestoppt wurde. Er macht auf ein paar Ungereimtheiten in den Äußerungen des "Zentrums für politische Schönheit" aufmerksam: "Ursprünglich posaunte das ZPS, dass in der Säule tatsächlich menschliche Überreste seien. Dann revidierte es diese Aussage und behauptete, auch dort seien nur 'negative Bodenproben' enthalten. Deswegen wundert es umso mehr, dass der Einsatz mit der Asche nach der ersten Protestwelle entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) zur Beerdigung übergeben wurde. Wozu?"

Ebenfalls in der Jüdischen Allgemeinen erzählt Michael Wuliger, wie er mehrere Dritte Weltkriege überlebte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2020 - Gesellschaft

Die Aufregung um die "Umweltsau" markiert für Thomas Schmid in der Welt einen Tiefpunkt der Debattenkultur - von links sowie von rechts (hier online in Schmids Blog): "Sie flüchten vor der Politik, vor der Wirklichkeit. Ihr Erregungsgetue ist ein Kult der Innerlichkeit, des Rückzugs, der Einkapselung. Das betrifft die selbsternannte Antifa und ihre intellektuellen Vorredner ebenso wie 'Identitäre' und andere National-Nostalgiker, die ihr eingebildetes Weh pflegen. Es stimmt nicht, dass das Aufkommen der AfD als Herausforderung die Debatten neu beflügelt hätte. Sie hat sie vielmehr veröden und noch weiter versimpeln lassen. Die klippschulhafte Schlichtheit, mit der von beiden zumeist noch immer über Migration geredet wird, legt dafür ein beredtes Zeugnis ab."

"Wir wollten aufwühlen, aber niemanden verletzen. Und das Letzte, was wir wollten, war ein Identitätsdiskurs. Mein gesamtes künstlerisches und politisches Schaffen zielt darauf ab, 'Mensch' zu sagen", beharrt Philipp Ruch vom "Zentrum für politischer Schönheit" im Gespräch mit Julius Betschka vom Tagesspiegel. Die Asche verstorbener Juden sei der Stele, die immer noch gegenüber dem Kanzleramt steht, entnommen worden. Ein Mahnmal sei an dieser Stelle, wo einst die Kroll-Oper war und die Nazis die Macht übernahmen, nach wie vor notwendig: "Ja, der deutsche Konservatismus darf nicht noch einmal gemeinsame Sache mit Faschisten machen. Der Ort der Mahnung dafür ist die Krolloper. Das Gelände liegt brach. Es gibt dort keinerlei Erinnerung an den Umstand, dass Faschisten Koalitionspartner brauchen. Auch die NSDAP kam nur auf 33 Prozent. Der Weg an die Macht für die neue NSDAP führt über die Union. Deshalb müssen wir den Konservativen mit großem Misstrauen beobachten und als das ansehen, was er ist: ein einziger Gefahrenherd für die Stabilität der Demokratie. Der schlechte Konservatismus wird uns verraten." Aber das Nekrophile gehört schon auch zu Ruchs Konzept: "Die Inspiration für 'Sucht nach uns' hatten wir aus Lea Roshs Zahn." Es war natürlich nicht Roshs Zahn, sondern der  Backenzahn eines ermordeten Juden, den Rosh in eine der Stelen ihres Holocaust-Mahnmals einlassen wolte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2020 - Gesellschaft

Die Aufdeckung von Harvey Weinsteins System der sexuellen Ausbeutung junger Frauen hat doch einiges zum Positiven geändert, denkt sich Hannes Stein in der Welt, egal, wie das Urteil am Ende ausfallen wird: "Es gab einmal eine Zeit, da konnte ein Päderast wie Klaus Kinski sich öffentlich damit brüsten, dass er minderjährige Mädchen vergewaltigte, und er wurde - trotzdem? deshalb? - wie ein Genie gefeiert. Wäre das heute auch noch so? Oder käme er ins Gefängnis? Wie würde es Michael Jackson ergehen, wenn er noch lebte? Jeder konnte wissen, dass er ein Kinderschänder war; seine Fans scheint das nie gestört zu haben. Unter dem Strich ist der Prozess gegen Weinstein - so bedrückend die Details sein mögen, die darin aufgerollt werden - ein gutes Zeichen. Neu ist ja nicht, dass Chefs sich wie Götter aufspielen und weibliche Untergebene sexuell bedrängen. Neu ist, dass sie deswegen zur Rechenschaft gezogen werden.

Bloß kein Bürgergeld für Windräder, besser, man gibt es den Kommunen, warnt im Interview mit Zeit online der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und Gründungsdirektor des Berliner Instituts für Partizipation, Jörg Sommer: "Ein Windbürgergeld kann die Spaltung der Gesellschaft noch vertiefen, etwa weil manche Anwohner Geld erhalten, andere, die nur ein paar Meter weiter wohnen, aber nicht. Oder weil manche Windkraftgegner das Geld akzeptieren, andere aber weiter protestieren. Durch Zahlungen an Einzelne würde der Gesetzgeber einen gesellschaftlichen Trend verstärken, der persönliche, egoistische Interessen über das Gemeinwohl stellt - heutzutage protestiert man gegen Bauvorhaben ja nicht mehr unbedingt, weil man sie beispielsweise für umweltschädlich hält, sondern einfach, weil man so etwas nicht neben der eigenen Haustür haben möchte. Diesen Egoismus würde man noch belohnen. Das halte ich auch demokratietheoretisch für problematisch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2020 - Gesellschaft

Eine Gruppe von Aktivisten hat versucht, die vom "Zentrum für politische Schönheit" errichtete Stele an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper abzureißen. Das Zentrum hatte in der Stele angeblich die Asche von ermordeten  Juden eingelagert und wollte mit der Aktion vor bürgerlichen Steigbügelhaltern eines angeblich drohenden Faschismus warnen (unsere Resümees). Der Stele war von den Berliner Behörden eine Frist bis zum 20. Dezember gelassen worden, die folgenlos verstrich. Erik Peter unterhält sich in der taz mit Pipe Weinfrau, der bei der Abrissaktion dabei war, die von der Polizei wegen einer Anzeige gestoppt wurde. Das ZPS bestreitet, Urheber der Anzeige zu sein. "Ja, aber wir glauben da nicht so richtig daran. Vor Ort meinte ein Polizist, dass es eine Anzeige gab. Unsere Juristen würden sich freuen. Es ist nicht mal klar, wem das Ding überhaupt gehört. Man kann argumentieren: Wenn ein Gegenstand fest in einem Grundstück verankert ist, geht er in das Eigentum des Grundstückseigentümers über. Das wäre dann der Staat. Dem wollte das Zentrum die Stele ja eh überlassen."

Auch eine Technik, die Mitgliederzahl nicht noch weiter sinken zu lassen: Wer im sozialen Bereich arbeitet und nicht in einer Kirche ist, hat in Deutschland bis heute schlechtere Chancen, eine Stelle zu bekommen, berichtet Inge Hüsgen bei hpd.de. "Die Angehörigen sozialer Berufe sind in besonderem Maße betroffen, denn für sie stellen katholische und evangelische Einrichtungen bedeutende Beschäftigungsfelder dar. Mit insgesamt rund anderthalb Millionen Beschäftigten sind sie nach eigenen Angaben der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem öffentlichen Dienst. Wer Soziale Arbeit oder Sozialpädagogik studiert hat, kommt bei der Stellensuche kaum an den beiden großen kirchlichen Verbänden Caritas und Diakonie vorbei. Etwa 1,1 Millionen Menschen sind dort tätig, häufig nur unter der Bedingung, einer Kirche anzugehören." Hüsgen zitiert eine Studie, wonach Angehörige sozialer Berufe wesentlich häufiger Kirchenmitglieder sind als die übrige Bevölkerung.

"Verschiebt sich das Geschlechterverhältnis? Übernehmen Frauen die Herrschaft", fragt sich in der FR Susanne Lenz, der besonders gut gefällt, dass Greta Thunberg, Carola Rackete und Lisa Neubauer ganz ohne Machtstreben zu einflussreichen Vorbildern geworden sind. Den Mund lassen sie sich aber nicht verbieten und das öffentliche Reden, das Frauen nach Meinung von Trump und Co nicht zusteht, ist laut der Historikerin Mary Beard auch der Grund, warum sie so angegriffen werden: "Aus der Perspektive lässt sich die niedermachende, denunziatorische Abwehr der Rede von Frauen verstehen. Trump, Salvini, Lindner, sämtliche Internet-Trolls - sie alle reagieren auf Thunberg, Rackete und Neubauer wie Telemachos auf seine Mutter Penelope. Es ist schon mal gut, sich das bewusst zu machen. Aber was kann man tun? Macht neu definieren, sagt Mary Beard. Und das ist es im Grunde, was die Klimaaktivistinnen getan haben: Sie haben sich erst gar nicht in die männlichen Machstrukturen eingefügt, sehen Macht nicht als Besitz, der ihnen Ansehen verschafft, sondern als etwas, durch das man gemeinschaftlich die Welt verändern kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Gesellschaft

Heute beginnt der Prozess gegen Harvey Weinstein, dessen Fall wie kein anderer die #MeToo-Bewegung inspirierte. Sein Verhalten wurde lange kommunikativ beschwiegen, erinnert Carolina Schwarz in der taz: "Weinstein als Bild eines schmierigen, mächtigen und gewalttätigen Mannes war in Hollywood schon lange vor 2017 bekannt. Immer wieder fiel im Zusammenhang mit seinem Namen das verharmlosende Stichwort 'Besetzungscouch'. Verschiedene Schauspielerinnen deuteten einen solchen Machtmissbrauch in Interviews an, in Comedyshows und TV-Serien wurde auf Weinsteins Taten angespielt. Der Komiker Seth MacFarlane sagte als Gastgeber der Oscar-Verleihung 2013 zu fünf nominierten Frauen: 'Glückwunsch, ihr fünf Ladys müsst nicht länger so tun, als würdet ihr Harvey Weinstein attraktiv finden.' Folgen hatten das Wissen um Weinsteins Verhalten lange keine."

In Stockholm denkt man darüber nach, den Wohnungsmarkt zu deregulieren, um endlich die Mietpreise zu senken, erzählt Charlie Duxbury in politico.eu. Bisher gibt es eine Preisbindung für "Erstmieter" von Wohnungen, die zentral registriert sind: "Verträge 'erster Hand' sind allerdings strikt kontrolliert. Interessierte Mieter müssen darauf warten, dass sie im Zentralregister an die Reihe kommen. Die Wartezeiten für diese Wohnungen haben in manchen Gebieten zwei Jahrzehnte erreicht. Während die Schweden für das Recht auf eine Wohung 'erster Hand' warten, müssen sie in Wohnungen zweiter Hand wohnen - als Untermieter. Zur Untermiete wohnen kann das doppelte für die selbe Wohnung kosten und hat zu einem Schwarzmarkt geführt - die Profite gehen an die Untervermieter." Und Neubauten sind selten geworden, weil sie ja nur "erster Hand" vermietet werden können.

Die taz-Kolumnistin Melisa Erkurt plädiert gegen ein Kopftuchverbot für unter 14-Jährige an Schulen, wie es die schwarzgrüne-Koalition jetzt in Österreich durchsetzen will. Die Probleme würden damit nur versteckt: "Für Lehrpersonen wird es .. noch schwieriger zu erkennen, ob ein Mädchen zum Kopftuchtragen gezwungen wird, da sie in der Schule auf den ersten Blick nicht auffallen. Und die, die es wirklich tragen wollen, lernen: Nicht ich als Frau entscheide, was ich trage - Vater Staat gibt das vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2020 - Gesellschaft

Ökologische Debatten in der taz: "Das Auto ist, bei allem Postmaterialismus, immer noch ein Freiheitsversprechen", schreibt die taz-Redakteurin Svenja Bergt in einem kleinen Essay. Und ihre Antwort? "Die Ungeschlagenheit des Autos anzuerkennen heißt, den Weg frei zu machen für Maßnahmen, die wirklich helfen. Weil sie ordentlich wehtun und das Auto als Gesamtkonzept unattraktiv machen. Und das sind: Verbote. Die aktuelle Debatte über eine konsequente Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen ist absurd. Das ist so 1970er. Geschwindigkeitsbegrenzung? Wir brauchen Fahrverbote. Bei hohen Feinstaubwerten. In Innenstädten. Bei Smoglagen."

Und ihre Kollegin Margarete Moulin erzählt stolz von ihrem Beitrag zur allgemeinen Tugendhaftigkeit: "Immer weniger oft kann ich, will ich .. schweigen, wenn wieder mal einer von seiner Reise nach Sri Lanka berichtet, vom geilen Kitesurfing-Trip nach Frankreich schwärmt oder vom Gletscherskitag, dank Schneekanone schon Ende Oktober. Ich frage also, welchen Energieverbrauch das Ausnutzen einer Ski-Saisonkarte eigentlich so bedeutet. Bohre nach, warum die Freundin Flugreisen macht, aber zugleich in der Rolle der gütigen Flüchtlingshelferin aufblüht. Weiß sie wirklich nicht, dass sie mit ihrem CO2-Ausstoß Fluchtgründe kräftig mitproduziert?"

Der Grünen-Politiker Robert Habeck hat vor Weihnachten gefordert, alleinreisende Kinder unter den Flüchtlingen aufzunehmen, eine populistische und blinde Forderung, findet die Feministin Necla Kelek in einem Zeitungnetzwerk (hier im Gießener Anzeiger). 92 Prozent aller alleinreisenden Kinder seien männlich und und würden als "Quartiermacher" vorausgeschickt. Sie transportierten nebenbei ein archaisches Familienbild. "Das Patriarchat kehrt zum Beispiel in seiner muslimisch-orientalischen Form zurück und entmündigt mitten unter uns Frauen und Kinder. Während der Kampf für die Emanzipation für die deutschen Frauen erfolgreich war, erscheinen Kinder- und Zwangsehen, Ferienhochzeiten, selbst Polygamie und Frühmutterschaft in Teilen der Gesellschaft wie selbstverständlich. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Familienministerin oder Jugendämter besondere Anstrengungen unternehmen, um Frauendiskriminierung und Rechtlosigkeit besonders in diesen Gruppen zu problematisieren." Keleks neues Buch handelt von der "unheiligen Familie" und den hier angesprochenen Familienstrukturen.