9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2020 - Gesellschaft

Die italienische Kaffeemarke Lucaffé wirbt mit dem "dunkelhäutigen Maskottchen 'Lu' mit schwulstigen Lippen, einem runden kindhaften Gesicht und barfuß tanzend, dabei ein breites Lachen ausstrahlend" - und zwar erst seit 1996, schreiben Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur, und Michelle Engert kopfschüttelnd in der SZ: "Unser Bewusstsein für die Darstellung ehemals diskriminierter Minderheiten hat sich - Gott sei Dank - geändert. Oder etwa nicht? Bei italienischen Firmen scheint dies zumindest noch nicht angekommen zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2020 - Gesellschaft

Die beginnenden zwanziger Jahre lassen Alexander Jung von Spiegel online einen schmerzlichen Blick auf die demografischen Prognosen für Deutschland werfen: Die Babyboomer der Jahrgänge 1955 bis 1967 werden in Rente gehen, das macht 1,3 Millionen Personen pro Jahr: "Die nachfolgende Generation, die ab Mitte der Siebzigerjahre geboren wurde, ist deutlich schwächer besetzt. Die Folge: Innerhalb der kommenden zehn Jahre wird die Zahl der Bürger zwischen 20 und 64 Jahren um 3,8 Millionen schrumpfen. Es ist die Altersgruppe der potenziell Erwerbsfähigen, die Wohlstand schaffen, die Steuern und Beiträge zahlen. Der Verlust ist - rein statistisch - nur vergleichbar mit der Dezimierung einiger Weltkriegsjahrgänge. Zugleich wird es bis zum Ende der Dekade in Deutschland gut drei Millionen Rentner mehr geben als heute. Jeder vierte Bundesbürger wird dann über 67 Jahre alt sein: 19 Millionen Personen. Und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt um 600.000 auf 4,1 Millionen."

Überhaupt ist der Moment gut für Prognosen. Während die taz in ihrer letzten Ausgabe 2019 noch mit optimistischen Akzenten ein Jahr der weltweiten Aufstände gegen Diktaturen verabschiedete (unser Resümee), betrachtet Sascha Lobo in seiner Spiegel online-Kolumne ausschließlich die deutschen Verhältnisse und sagt einen Generationenkampf an: Die Babybooomer stehen da auf der Seite der Alten. Unversöhnlich konfrontiert sind da laut Lobo: "Der enttäuschte Groll der durch das bürgerliche, holozäne 20. Jahrhundert Geprägten, dass ihre Lebensstile und Lebensziele deutlich weniger Anerkennung finden als erhofft." Und "die zielgerichtete, produktive Wut der im anthropozänen 21. Jahrhundert Geprägten, die nicht zusehen wollen, wie Dieselmotor-Kapitalismus und Traditionsstarrsinn die Zukunft bedrohen."
Stichwörter: Demografie, Anthropozän, Boomer, Rente

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2019 - Gesellschaft

Die Deutschen sind die "größten Sektkonsumenten des Planeten", aber oje, sie trinken bevorzugt billigen Sekt für weniger als vier Euro pro Flasche, bedauert Jakob Strobel y Serra in der FAZ und setzt an zu einer kleinen Geschichte des Schaumweins. Dabei gibt es außer Champagner inzwischen erstklassigen deutschen Winzersekt. Davon mal abgesehen, spricht aber generell für den Schaumwein, dass "die anregende Wirkung der Kohlensäure kein Mythos, sondern ebenfalls wissenschaftlich erwiesen [ist]. Sie lässt die pharmakologische Stimulation des Alkohols schneller auf den Körper wirken und führt so zu einer umgehenden Stimmungsaufhellung. Wissenschaftlich ungeklärt ist hingegen die Frage, ob Schaumwein ein Aphrodisiakum ist. 'Kluge Liebespaare trinken nie Champagner', befand Gustave Flaubert, während der große Gastrosoph Jean Anthelme Brillat-Savarin befand: 'Beim Bordeaux bedenkt, beim Burgunder bespricht, beim Champagner begeht man Torheiten.' Auf ein Neues", rufen wir mit Strobel y Serra.

FAZ-Autor Niklas Maak wittert in der Debatte um die Silvesterböller nur eine weitere müde Stellvertreterdebatte: "Politiker, die wegen des Tierwohls gegen Böllerei sind, könnten vielleicht auch etwas nachdrücklicher gegen die Bedingungen der Massentierhaltung vorgehen - gegen eine Fleischindustrie, die den Preis eines ganzen Kalbs unter den Preis eines Steaks im Restaurant sinken lässt, nämlich auf unfassbare 8,49 Euro (F.A.Z. vom 9. November), gegen das millionenfache Schreddern männlicher Küken in der Legehennenzucht. ... Selbst das von einem grünen Ministerpräsidenten regierte Baden-Württemberg hat sein Ziel beim Bau von Windrädern krachend verfehlt: in diesem Jahr gingen ganze zwei neue Anlagen in Betrieb. Stattdessen jetzt zur CO2-Senkung Autos zu verlangsamen und Böller verbieten zu wollen könnte man auch als klassisches publikumswirksames Ablenkungstheater bezeichnen: Wie immer, wenn es bei den wirklichen politischen Lösungen hakt, weicht man auf symbolische Ersatzdebatten aus."

Das Thema Sexkaufverbot spaltet den Feminismus wie sonst nur das Thema Kopftuch. Gegen Forderungen, Prostitution durch Bestrafung von Freiern nach schwedischem Vorbild zu behindern, die jüngst von zwei Frauen in der taz erhoben wurden (unsere Resümees), wendet taz-Redakteurin Patricia Hecht ein: "Für einen großen Teil der Frauen ist Sexarbeit dabei zumindest eines: eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, wo ihnen andere Möglichkeiten zum Beispiel aus sprachlichen Gründen oder wegen fehlender Bildungsabschlüsse nicht zur Verfügung stehen. Dass die Arbeit belastend sein kann, steht außer Frage - aber das kann für einen Job in der Pflege oder auf dem Bau genauso gelten. 'Freiwilligkeit' ist ohnehin eine schwierige Kategorie: Wer fragt schon eine Putzfrau, ob sie die siebte Nachtschicht die Woche freiwillig macht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2019 - Gesellschaft

Die jüngsten Anschläge auf Angehöriger orthodoxer jüdischer Gemeinden in New York wurden nicht von weißen Rechtsextremisten begangen, sondern von Schwarzen. Im jüngsten Fall - eine Macheten-Attacke auf ein Hanukka-Fest mit fünf Verletzten - handelte es sich laut New York Times offenbar um einen psychisch gestörten Einzeltäter. Der Anschlag auf einen koscheren Supermarkt vor einigen Wochen wurde von einer Gruppe von "Black Hebrew Israelites" begangen (unser Resümee von Yascha Mounks Artikel zu diesem Fall).

"Wer die Diversität von Antisemitismus nicht sehen will, ist nicht ernstzunehmen", schreibt Benjamin Wittes im Atlantic zu den jüngsten Attacken. "Menschen, ob jüdisch oder nicht, die ihre Stimme zum Antisemitismus erheben, aber dabei versäumen, über den Antisemitismus im eigenen Lager zu sprechen, sollte man mit Misstrauen begegnen. Leute, die mehr daran interessiert, das Problem des Antisemitismus als Waffe zu benutzen, als das Problem selbst anzugehen, werden den Blick allzu leicht abwenden, wenn die falschen Leute von den falschen Mördern aus den falschen Gründen umgebracht werden." Die Historikerin Deborah Lipstadt schreibt im Atlantic ebenfalls über den neuen Antisemitismus.

Auch der umstrittene New-York-Times-Kolumnist Bret Stephens spielt in einem etwas rätselhaften Artikel über "jüdisches Genie" auf das Supermarkts-Attentat an. Der Artikel hat in den sozialen Medien einen Empörungssturm ausgelöst (mehr im Guardian), weil Stephens in einer ersten Version auf eine Studie anspielte, die aschkenasischen Juden eine genetisch bedingte höhere Intelligenz unterstellte und die als rassistisch gilt - was die New York Times zu einer langwierigen Distanzierung und einer neuen Version von Stephens' Artikel veranlasste. Stephens Fazit lautet: "Im besten Fall sollte der Westen das Prinzip des ethnischen und religiösen Pluralismus nicht als widerwillige Anpassung an Fremde, sondern als Bestätigung seiner eigenen vielfältigen Identität anerkennen. In diesem Sinne ist das Besondere an den Juden, dass sie es nicht sind. Sie sind repräsentativ."

Im Tagesspiegel warnt der Pianist Igor Levit, der nach Morddrohungen unter Polizeischutz spielt, vor einer Normalisierung des Antisemitismus, in diesem Fall von rechts: "Steter Tropfen höhlt den Stein! Das Gift rechtsradikaler, völkischer Hetze verbreitet sich langsam und schleichend. Wenn Übergriffe und Attacken zum regelmäßigen Stoff von Nachrichten werden, dann steigt die Gefahr, dass wir uns an Skandal und Unmenschlichkeit gewöhnen, statt alarmiert und sensibilisiert zu werden: Wir akzeptieren damit eine neue Normalität samt Opferhierarchien und Täterhierarchien."

Tanja Tricarico rät in der taz, schlicht und einfach auf die Vorteile einer vernetzten Medizin und einer persönlichen digitalen Gesundheitskarte zu verzichten: "Rechtzeitig zum Jahreskongress des Chaos Computer Clubs entlarven Netzaktivist:innen die löchrige Sicherheitsarchitektur, über die Gesundheitsdaten übertragen werden. Der Eingriff in die Privatsphäre, in die Entscheidungsgewalt des Einzelnen, ist enorm, das Einfallstor für Abzocke, Erpressung, Manipulation groß. Also Schluss mit dem gesetzlich verordneten Datenwahn - trotz der großartigen Idee einer vernetzten Behandlung. Für ausreichenden Schutz der Datenströme zu sorgen ist unmöglich, ein frommer Wunsch von Politiker:innen."

Ebenso sieht es der von Svenja Bergt in taz befragte Psychotherapeut Andreas Meißner: "Gesundheit lässt sich nicht technisch lösen und schon gar nicht durch zentral gespeicherte Daten... Die Milliarden, die die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte und der ganzen IT-Infrastruktur dahinter schon gekostet haben, die hätten wir gut in anderen Bereichen brauchen können. Zum Beispiel in der Pflege oder in der ländlichen Versorgung mit Ärzten."

Wie der Staat mit unseren Daten umgeht, kann man gerade von der Berliner Polizei lernen: "Das Ausmaß der Datenschutzprobleme bei der Berliner Polizei ist weitaus größer als bisher bekannt", berichtet Alexander Fröhlich im Tagesspiegel. Kurz vor Weihnachten hat Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk eine offizielle Beanstandung an die Polizei geschickt - es ist das schärfste Mittel, dass ihr gegenüber anderen Behörden zur Verfügung steht. Die Polizei hortet demnach seit Jahren unzulässig riesige Mengen an Daten und überprüft nicht einmal richtig, ob die 17.000 Beamten bei Abfragen Recht und Gesetz einhalten."

Apropos alternde Gesellschaft und die Folgen: In der NZZ ist Florian Coulmas eher skeptisch, was die Olympischen Spiele 2020 in Tokio angeht. Hat das Land keine anderen Probleme? "Aus der Not eine Tugend machen, heißt die Devise. Die Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, verspricht sich von den Spielen, dass sie die Stadt rollstuhlgerechter machen werden, und Premierminister Shinzo Abe hofft, dass sie ein Schaufenster für innovative Technologien zur Bewältigung der demografischen Überalterung werden. Als Motivation für Olympische Spiele ist das zumindest originell; auch, weil Japan den anderen Ländern der Region auch hier voraus ist. Auf dem Höhenflug der Alterung werden sie der Leitgans, als die sich Japan schon damals sah, unweigerlich folgen."

Frankreich diskutiert über den Schriftsteller Gabriel Matzneff, nachdem Vanessa Springora, die er "verführt" hatte, als sie 14 war, ein Buch über ihre Geschichte geschrieben hat. Matzneff hatte sich in den Siebzigern auch im Fernsehen offensiv zu seiner Pädophilie bekannt. Und das Klima der Medien war ihm sehr wohlgesonnen. Auch die Libération war seinerzeit und bis in die Achtziger voll von Texten, die Sex mit Jugendlichen oder Kindern priesen. Laurent Joffrin schreibt dazu in Libération: "Man sah darin auch die Effekte einer nicht immer gut verarbeiteten Theorie, die aus dem 68er-Denken von Sartre, Foucault, Bourdieu oder Derrida kam. Kurz gesagt, war man in diesen intellektuellen Kreisen der Auffassung, dass sich jedes Gesetz, jede Norm, sozusagen jede Gewohnheit, auf die Ausübung einer unterdrückenden, allgegenwärtigen und diffusen Macht bezog, die in Umfang und Einfluss die des Staates oder einer sozialen Klasse überschritt, um Körper und Seelen zugunsten der vielgestaltigen Herrschaft, die die kapitalistische Gesellschaft strukturierte, zu kontrollieren, zu lenken, zu zwingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2019 - Gesellschaft

Früher sahen selbst die Nazis besser aus, seufzt Jens Balzer auf ZeitOnline und beklagt nicht nur die Rückwärtsgewandheit heutiger Männer, sondern auch eine flächendeckende Verwahrlosung in politischer und ästhetischer Hinsicht: "Die Erotik, die Michael Kühnen verströmte, konnte man selbst dann interessant finden, wenn man nicht zur Gruppe der Holocaustleugner gehörte; er war schwul und starb 1991 an Aids. Hingegen wirken die rechten Männer von heute, die man in der AfD und der Identitären Bewegung findet, bloß noch wie unzufriedene verklemmte Bankangestellte: mit ihren randlosen Brillen und mühsam unterdrückten Gewaltfantasien. Es geht keine Souveränität von ihnen aus - dazu präsentieren sie sich auch allzu ausgiebig als Opfer des Systems, der Eliten, der Lügenpresse und des Feminismus oder von alldem zusammen. Sie werden von keiner Aura des anziehend Bösen umleuchtet, weil sie entweder jammern oder brüllen; sie sind öde angezogen und es umgibt sie nichts Sexuelles."

Die taz blickt in ihrer Wochenendausgabe in die Zukunft der zwanziger Jahre. Oberschwarzseherin Sybille Berg ist auch dabei und sieht die Zukunft in China, seiner KI und der digitalen Diktatur: "Der Kapitalismus in seiner umfassenden Weitsicht hat lange ja Wissen freiwillig an China verkauft. Es hat keinen gestört. Große Teile unserer Wirtschaft, der Infrastruktur, der Innenstädte gehören sowieso schon ausländischen Investoren. Der Westen hat also seine kommende Unterlegenheit freiwillig herbeiverkauft, so wie wir alle unsere Profile an die Digitalfirmen verkaufen, die sie an die Geheimdienste weiterreichen."

Die Redaktion der FAZ blickt auch nicht gerade zukunftsfreudig auf das kommende Jahrzehnt: Unter anderem sieht Jürgen Kaube Menschen vor sich, die einen Tweet-Wechsel für eine Debatte halten, Andreas Platthaus begräbt die Aussicht auf eine Abwahl Donald Trumps, Melanie Mühl graust es vor dem cyborghaften Look, den sich junge Mädchen von der Schönheitschirurgie verpassen lassen, um auszusehen wie ihr per App bearbeitetes Selfie, und Verena Lueken flüchtet auf analoge Inseln in Brandenburg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2019 - Gesellschaft

Der "Hass auf die Eliten" gilt längst nicht mehr den Reichen, sondern den Intellektuellen, konstatiert Hannes Stein in der Welt, etwa mit Blick auf Experten in Brüssel: "Besonders schlimm ist nicht etwa, wenn die Experten einen Fehler machen, sondern wenn sie (was vorkommt) tatsächlich etwas von ihrem Fach verstehen. Diese narzisstische Kränkung wird nie verziehen. Hinter dem Hass auf die Eliten lauert somit das Ressentiment der Zukurzgekommenen, die heimlich wissen oder zumindest ahnen, dass sie an ihrem Elend selbst schuld sind. Dasselbe gilt - cum grano salis - für den Antisemitismus. Da ist eine Minderheit, die seit Jahrtausenden darauf achtet, dass ihre Kinder schon früh lernen, eine unverständliche Fremdsprache (Hebräisch) zu lesen und zu schreiben; eine Minderheit, die nicht zu Kreuze kriecht, sich nicht an den Opferriten beteiligt, sondern stattdessen die Kunst der Disputation sowie Juristerei (Talmud) studiert; eine Minderheit, die sich weigert, vor der Geschichte zu kapitulieren. Dann gründet sie auch noch einen Nationalstaat, der die Frechheit besitzt, wirtschaftlich und militärisch erfolgreich zu sein. Welch elitärer Dünkel."

Außerdem: Sascha Lobo erklärt im Inteview mit Patricia Hecht von der taz, warum er den Kampf gegen den Paragrafen 219a unterstützt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2019 - Gesellschaft

Margarete Moulin fordert in der taz ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild, das die Freier, nicht die Prostituierten kriminalisiert. Nach der Liberalisierung in Deutschland durch die rot-grüne Koalition sei "Deutschland das Bordell Europas geworden": "In Schweden zeigt das dort 1999 eingeführte Sexkaufverbot die gewünschten positiven Erfolge, weil es an gute Ausstiegshilfen für die Frauen gekoppelt ist, wie Therapien und Berufsausbildungen. Die Zahl der Sexkäufer ist um 80 Prozent, die der Prostituierten um 60 Prozent gesunken. Kaum ein EU-Land hat heute weniger Probleme mit Menschenhandel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2019 - Gesellschaft

Anna Prizkau kommt in der FAS nochmal auf die Aktionen des "Zentrums für politische Schönheit" zurück, und wirft ihnen einen makabren Narzissmus vor: "Die Opfer werden in allen ZPS-Shows zum Material, das man benutzt. Und Opfer zu benutzen, ist selbstverständlich falsch, ist unmenschlich. Das weiß das Zentrum, sagt deshalb immer wieder: Die wahre Unmenschlichkeit sei, was in der Wirklichkeit geschieht und nicht in irgendwelchen Aktionen. Und ja, das ist auch wahr, denn die Beobachtungen des Zentrum sind nicht falsch: Uns geht es gut, und im Krieg sterben Menschen, sie sterben auf dem Mittelmeer, und in Europa ziehen die Meinungen der Mitte auch immer mehr nach rechts. Das alles aber ist nie Thema, wenn dieses Zentrum Thema ist. Denn dessen Aktionen werden zu laut geliebt, zu laut gehasst. Es gibt kein Nachdenken, es gibt nur Emotionen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2019 - Gesellschaft

Zur Empörung des Spiegel-online-Autors Enrico Ippolito hat sich J.K. Rowling als eine "Terf" entpuppt, eine "Trans Exclusive Radical Feminist". Ein Tweet von ihr hat nicht nur Twittermobs ausgelöst, sondern führt auch gleich zu Leitartikeln in den großen Medien. Rowling sagt, dass Frausein etwas Biologisches ist. Und unterstützt die Steuerexpertin Maya Forstate, der gekündigt worden war, weil sie zu Transfrauen geschrieben hatte: "Ich denke, dass männliche Menschen keine Frauen sind. Ich denke nicht, dass Frausein eine Frage der Identität oder weiblicher Gefühle ist. Es geht um Biologie." Ippolito dazu: "Dabei müsste eigentlich klar sein: Ein Feminismus, der im Jahr 2019 immer noch nicht Race, Klasse, Gender konsequent mitdenkt, sondern sich von Transfrauen bedroht fühlt, der Hass gegen Transmenschen weiter anheizt, während Transwomen of Color umgebracht werden, ist nichts weiter als ein Dementor." Ebenfalls empört ist die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah. Selbst in der Welt stimmt Wieland Freund in die Rowling-Kritik ein.

Für einen herzlichen Weihnachtsstreit ist das Thema Vegetarismus und Veganismus bestens geeignet. Ellen Daniel empfiehlt bei den Salonkolumnisten das Buch "Kritik der vegetarischen Ethik" des Soziologen Klaus Alfs, der  Vegetarismus und Veganismus als Ideologie betrachtet: "Stark ist das Buch immer dort, wo Alfs auf Fakten verweist, die Stadtmenschen nicht unbedingt geläufig sind. So ist der von Veganern favorisierte Bio-Landbau ohne Dünger aus Nutztierhaltung nicht möglich. Anders als uns die Veggie-Lobby glauben machen will, löst der Schlachtruf 'Weideland in Vegetarierhand!' das Hungerproblem dieser Welt nicht: Über die Hälfte des globalen Nutzviehbestandes weidet auf nährstoffarmem Grasland, das für Ackerbau ungeeignet ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2019 - Gesellschaft

Die Berliner Ärztin Bettina Gaber legt vom Bundesverfassungsgericht Beschwerde ein, weil sie aufgrund der Paragrafen 219a, der ihr Information über Schwangerschaftsabbruch verbietet, eine Strafe von 2.000 Euro zahlen soll. Christian Rath wägt in der taz ab, wie der Prozess vor dem Gericht laufen könnte: "Als Vorfrage der Entscheidung steht auch im Raum, ob das Bundesverfassungsgericht an seinem Konzept festhält, dass das 'werdende Leben' zwingend durch strafrechtliche Normen geschützt werden muss. Es gibt bisher keine Anzeichen, dass Karlsruhe von diesem oft als frauenfeindlich kritisierten Ansatz abrücken wird. Es ist also sogar denkbar, dass Karlsruhe zwar einerseits den Paragrafen 219 a für verfassungswidrig erklärt, zugleich aber die grundsätzliche Kriminalisierung von Abtreibungen als zwingend notwendig bestätigt."

Weiße Linke, die sich ihre Privilegien, sprich: "versteckten Rassismen", nicht eingestehen, "lügen, wenn sie behaupten, dass sie keine Rassisten seien" - so geht laut Judith Sevinc Basad in der NZZ die These der britischen Journalistin Reni Eddo-Lodge in deren Buch "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe". "Humbug", schimpft Basad, ärgert sich aber noch mehr über die Sendungen der deutschen und Schweizer Öffentlich-Rechtlichen, die den Ansatz bereitwillig aufnehmen und ihre weißen Konsumenten auffordern, "die vermeintlichen Privilegien abzulegen, sich zu schämen oder sich Menschen mit dunklerer Hautfarbe unterzuordnen": "Der Deutschlandfunk veröffentlichte auf Facebook sogar eine Checkliste, auf der Menschen ihre Privilegien ankreuzen konnten. Dazu die Überschrift: 'Auf wie viele Privilegien kommen Sie - und wie oft haben Sie schon darüber nachgedacht?' Als Privileg erachtete die Redaktion nicht nur die Eigenschaften 'Mann', 'weiß' und 'heterosexuell', sondern dachte sich auch neue Kategorien aus, wie 'in einem bezahlten Job arbeiten' oder 'an Sicherheitskontrollen an Flughäfen nicht nervös werden'. Der Hintergedanke: Je mehr Punkte man ankreuzen muss, desto mehr sollte man seine eigenen Privilegien infrage stellen - und sich zwangsläufig für seine vermeintlichen Erfolge im Leben schämen."