9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2020 - Gesellschaft

Das große Erben geht los. In Deutschland werden immer größere Vermögen an die nächsten Generationen weitergegeben - jetzt sind es schon 400 Milliarden Euro pro Jahr. Da ist es Zeit über ein bisschen mehr Gerechtigkeit nachzudenken und die Erbschaftssteuer zu erhöhen, meint der relativ junge (sein Alter nennt er nicht) SPD-Politiker Yannick Hann in der taz und fragt , "ob Erben überhaupt noch legitim ist. Wenn ich meine Generation anschaue, dann bekomme ich immer größere Zweifel, ob das in der Verfassung festgeschriebene Sozialstaatsprinzip und das Erben noch vereinbar sind: Auf der einen Seite die Erben, auf der anderen Seite der Großteil der Gesellschaft, der sich anstrengt, aber kaum Vermögen aufbauen kann. Am Ende entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft der Besitzstandswahrer, die sich an das Gestrige klammert." Wenn die Zahl 400 Milliarden stimmt: Das wären dann 5.000 Euro pro Bundesbürger im Jahr.

Im Selbstverlag ist das Buch "Intime Verletzungen" der Autorin Melanie Klinger erschienen, das sich ausführlich mit Beschneidung bei Mädchen und bei Jungen auseinandersetzt, deren unterschiedliche Behandlung laut Bruno Köhler bei hpd.de wohl vor allem kulturelle Gründe hat: "Die Legalisierung von Körperverletzung an Jungen durch Beschneidung hat deutlich gezeigt, dass die politisch Verantwortlichen derzeit nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind. Sie kolportieren entgegen ihren Lippenbekenntnissen archaische Männerrollenbilder, indem sie Gewalterfahrungen - auch als Opfer - immer noch als essenzielle Initiation von Jungen auf dem Weg zum Mann verstehen. Im Fazit konkludiert Melanie Klinger deshalb auch: 'Eine tieferliegende Ursache für die Verharmlosung der männlichen Beschneidung und der Ignoranz gegenüber den Leiden der Betroffenen liegt dabei vor allem in den geschlechtsstrukturellen Rollenzuschreibungen und der damit einhergehenden verdeckten Verletzlichkeit von Jungen und Männern.'"

Mit Beginn dieses Jahres sind Angestellte öffentlicher Universitäten in Texas verpflichtet, Verdachtsfälle, die den Tatbestand sexuellen Missbrauchs erfüllen könnten, zu melden, andernfalls drohen Bußgelder, Haftstrafen oder Kündigung, schreibt Marc Neumann in der NZZ. Wo bleibt der Schutz der Privatsphäre der Opfer, fragt er. Zudem trage das Gesetz wenig dazu bei, "das von Aktivisten für soziale Gerechtigkeit und gegen sexuelle Diskriminierung mitunter angeheizte Reizklima an Universitäten zu entschärfen. Im Gegenteil: An der University of Texas in Austin wurden bereits öffentliche Namenslisten von Verdächtigten gefordert, um unliebsame Professoren zu entfernen. Das Grundrecht auf einen fairen Prozess fliegt dabei hochkant aus dem Fenster."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2020 - Gesellschaft

Dem "Alten Weißen Mann" (AWM) wird ja wenigstens Macht zugeschrieben. Aber was ist eigentlich mit der "Alten weißen Frau", fragt Katharina Schmitz im Freitag: "Eva Illouz stellt in ihrem Buch 'Warum Liebe endet' fest, dass die ältere Frau in einer durchökonomisierten Gesellschaft, in der Attraktivität einen hohen Wert hat, weniger Kapital mitbringt als andere. Die alternde Frau verliert dabei schneller als der alternde Mann an sozialem und kulturellem Kapital. Die AWF steht also nicht nur mit weniger Kapital da, in einer Gesellschaft, die möglichst progressiv und divers sein will, sinkt ihr Marktwert zusätzlich."

Ralf Bönt denkt in einem Essay auf Telepolis über den Begriff der "toxischen Männlichkeit" nach, den er lieber durch "Hypermaskulinität" ersetzen würde. Die losgelassene Aggressivität vieler junger Männer hat für ihn eine gesellschaftliche Ursache: "Abwesenheit des Vaters ist ein Artefakt der Moderne und ihrer spezifischen Arbeitsteilung. Der Politologe und Soziologe Christoph Kucklick hat nachgewiesen, dass auch das negative Bild der Männlichkeit mit der Moderne und Industrialisierung entstand. Aber obwohl wir gerade jetzt, dank Reichtum und Telekommunikation, in der Lage wären, die Dinge zu ändern, haben wir heute immer weniger Vaterschaft."

Auch das Kopftuch lässt sich - so wie heutiger Populismus und entfesseltes Gelbwestentum - als die Rache der Provinz und des Landes an der Idee der Moderne begreifen, legt die Islamwissenschaftlerin Johanna Pink in der Zeit dar. Es ist selbst auch als Gegenreaktion ein Phänomen der Moderne - im 19. Jahrhundert, so Pink, gab es das Kopftuch in seinem heutigen Rigorismus  noch nicht:  In der Türkei etwa wurde es"zum Problem, als ländliche und ärmere Schichten in die Städte strömten, ihre Töchter immer öfter Schulabschlüsse erwarben und dann als Kopftuchträgerinnen nicht an die Universitäten gelassen wurden. Diese sozialen Faktoren waren ein prägender Aspekt der Islamisierungswelle, die in den 1970er-Jahren einsetzte und nach und nach immer mehr Länder umfasste, bis selbst dort, wo weibliche Kopfbedeckungen traditionell völlig unüblich waren, immer mehr muslimische Frauen begannen, Kopftuch zu tragen und dies als unverzichtbaren Teil ihrer religiösen Identität zu definieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2020 - Gesellschaft

In der Türkei gibt es drei deutsche Schulen. Da erscheint das Projekt, in Deutschland drei türkische Schulen zu eröffnen, nur logisch. Die taz-Kolumnistinnen Ronya Othmann und Cemile Sahin sind trotzdem dagegen. Schulen könnten zwar nicht so gleichgeschaltet werden wie Ditib-Moscheen: Aber "von den Zehntausenden Lehrerin*innen, die in der Türkei gefeuert wurden, weil sie nicht staatstreu genug sind, wird sicher keine*r einen neuen Job in einer türkischen Schule in Deutschland bekommen. Ganz im Gegenteil: Die Türkei wird dafür sorgen, dass die 'richtigen' türkischen Lehrer*innen in den türkischen Schulen in Deutschland unterrichten werden. Diese Lehrer*innen werden dann - davon ist auszugehen - direkt und gezielt ausgewählt. Die Auswahlkriterien werden sein: Pro-AKP und Pro-Erdoğan."

Angeklagte gelten als unschuldig, bis sie von einem Gericht schuldig gesprochen sind - das galt bisher für alle, für Mörder, Diebe und sogar für Vergewaltiger. Heute nicht mehr, bedauert Sarah Pines, die offenbar den Weinstein-Prozess beobachtet, in der NZZ. Weinstein ist das Monster, unstimmige Details in den Geschichten der Klägerinnen würden verschwiegen. Aber warum? "Frauen können lügen, kalkulieren, eiskalte Rache üben, genau wie Männer. Ist diese Vorstellung derart unerträglich? Die mediale Berichterstattung jedenfalls begnügt sich mit Bildern weiblicher Schwäche. Überschriften und Prozessberichte, tausendfach von Autoren verfasst, die nicht eine Minute im Gerichtssaal verbracht haben, dann millionenfach auf Social Media verbreitet, zeigen das schwache Geschlecht in der Totalinszenierung: weinend und verwirrt."

Im Interview mit Zeit online beklagt die Anwältin Asha Hedayati, dass für die Opfer häuslicher Gewalt immer noch zu wenig getan wird: "Auf dem Papier ist Deutschland, was den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt angeht, gut aufgestellt. 2018 ist hier die Istanbul-Konvention in Kraft getreten. ... Darin ist zum Beispiel festgehalten, dass es genug Zufluchtsorte für betroffene Frauen geben muss, oder wie Prävention und Opferschutz aussehen sollen. Das Problem ist nur:  Das Übereinkommen wird immer noch nicht konsequent umgesetzt. Es fehlen viel zu viele Frauenhausplätze. Und nicht einmal Richterinnen und Richter am Familiengericht kennen die Istanbul-Konvention überhaupt.

Es gebe zwar keinen genuin muslimischen Antisemitismus, schreibt Malte Lehming vom Tagesspiegel an die Adresse einiger Autoren, die diese Spielart des Antisemitismus ausgerechnet am Auschwitz-Gedenktag thematisierten, aber er muss zugeben, dass es in vielen arabischen Ländern sehr wohl eine extrem judenfeindliche Einstellung gibt. In Deutschland bezieht er sich auf eine Studie Lamya Kaddors, um den muslimischen Antisemitismus zu kontextualisieren: "Mitverantwortlich für den Antisemitismus junger muslimischer Migranten ist aber offenbar auch eine zunehmende Islamfeindlichkeit. Das ist das Ergebnis einer im April 2019 von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichen Dokumentation eines Schulprojektes. In dessen Rahmen rechtfertigten viele Jugendliche muslimischen Glaubens ihre antisemitischen Einstellungen damit, 'dass sie durch die zunehmende Islamfeindlichkeit selbst abgewertet und diskriminiert werden'. Die Verfasser der Dokumentation warnen vor diesem 'höchst bedenklichen Mechanismus'." (Zu Kaddors Bericht gab es schon Debatten, unsere Resümees.)

Lässt sich die Hysterisierung der aktuellen Gesellschaften mit narzisstischen Kränkungen erklären, fragt Robert Misik in einem kleinen Essay für Zeit online und konstatiert, dass wir in einer Enttäuschungsgesellschaft leben: "Der Individualismus hat jedem Einzelnen das Ziel eingeimpft, etwas Besonderes zu sein, aber auch, von anderen in dieser Besonderheit anerkannt zu werden. Das Kollektiv gilt wenig, das Ich alles. Aber ein solcher Wettbewerb produziert viel weniger Sieger als Verlierer. Selbst wenn man in diesem Bedeutungs-, Wichtigkeits- und Besonderheits-Contest einigermaßen passabel abschneidet, wird es fast immer noch andere geben, die noch mehr Erfolg haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2020 - Gesellschaft

Den einst verspotteten sparsamen Bürger gibt es noch kaum - heutige Bourgeois versuchen, Glamour zu verbreiten, beobachtet Pascal Bruckner in der NZZ und endet mit einem Plädoyer für die ursprünglichen bürgerlichen Tugenden: "Mag sein, dass es dem alten Bürger manchmal an Schneid mangelte; gut möglich, dass er mit seiner Biederkeit zuweilen lächerlich wirkte. Aber niemals darf man die Kernidee vergessen, auf der sein ganzer Aufstieg beruhte: Mit dem Bürger sind wir in eine Welt eingetreten, in der Arbeit und Talent das Vorrecht der Geburt ersetzten. "

FAZ-Redakteur Niklas Maak ist entzückt, auf wie viele unterschiedliche Arten "bescheidene Mode" auftreten kann und wie anmutig sich muslimische Frauen das Kopftuch binden. Erfahren hat er es in der Ausstellung "Mode modeste et récits de soi" der Fotografin Maud Delaflotte im Centre Marc Bloch, Berlin: "Der westliche Generalverdacht, dass muslimische Frauen ein Kopftuch tragen, weil sie in jedem Fall entweder von Haus aus unterdrückt werden oder mit der Verhüllung ein repressiv-mittelalterliches Rollen- und Weltbild zur Schau tragen wollen, zerfällt angesichts dieser Aufnahmen." Na, da kann sich der Herr von der FAZ ja beruhigt zurücklehnen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2020 - Gesellschaft

Man kann sich gegen Identitätspolitik wenden, wie Matthias Lohre neulich in der taz (unser Resümee). Aber das ändert nichts daran, dass diskriminierte Gruppen als solche auf sich aufmerksam machen müssen, erwidert Malte Göbel ebenfalls in der taz: "Frauen mussten sich als Frauen zusammenschließen, um Anfang des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht zu erkämpfen. Schwarze mussten als Schwarze auf die Straße gehen, um in den USA die gleichen Rechte zu bekommen. Lesben und Schwule mussten lange demonstrieren, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass sie nicht krank sind und dass sie darüber hinaus als Paare die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten wie gemischtgeschlechtliche Paare."

Im Tagesspiegel begrüßt Stephan-Andreas Casdorff das vom Verein "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" für 2021 geplante Aktionsjahr, das jüdisches Leben mit Konzerten, Festen und Führungen in Deutschland sichtbarer machen will. 75 Jahre nach dem Holocaust verschwinde das Mitgefühl für Juden, schreibt er: "Dazu dieser Neid: Was haben sie nicht alles erreicht! Und der Staat Israel: Ist er nicht erfolgreich? Mächtig? Wehrhaft? Ja, wozu brauchen sie dann unser Mitgefühl, die Juden? Alles das, was ein Glücksfall der Geschichte ist, das Überleben des Jüdischen in Deutschland und der Welt, läuft Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Gegen sie. Und da helfen dann keine Fensterreden, so gut sie gemeint sind. Dagegen muss etwas gesetzt werden. Nennen wir es: Aktion als Reaktion. Weil der Antisemitismus 'explodiert', wie Abraham Lehrer vom Zentralrat sagt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2020 - Gesellschaft

Ilija Trojanow will in seiner taz-Kolumne den optimistischen Bilanzen und Prognosen von Autoren wie Steven Pinker nicht glauben und empfiehlt eher apokalyptische Autoren wie David Cay Johnston ("It's Even Worse Than You Think") und David Wallace-Wells ("The Uninhabitable Earth"). Werden wir den Klimawandel aufhalten? "Tief im Inneren glauben wir nicht, dass sich unsere Krisen zur Katastrophe auswachsen werden. Anders ist unser Langmut nicht zu verstehen, ebenso wenig die völlige Stagnation der Politik: Man vergleiche nur die bedrohlichen Nachrichten der letzten zehn Jahre mit den politischen Reaktionen in derselben Zeit. Wir tun seit einer Generation so, als könnten wir alles haben, endloses Wachstum und nachhaltiges Wirtschaften, ein waches Bewusstsein bei gleichzeitigem Verschließen der Augen. Die Spannung zwischen der Lethargie vor dem drohenden Kollaps und dem Gefühl eines möglichen und notwendigen Aufbruchs ist mit allen Sinnen greifbar, sie ist gewaltig, sie wird sich in nächster Zeit mit Sicherheit entladen."

Die Mitarbeiter in Ausländerbehörden haben oft einen nicht so guten Ruf, aber der Buchpreisträger Sasa Stanisic erinnert sich gern an seinen Sachbearbeiter Werner Fontius, der es ihm ermöglicht hat, in Deutschland zu bleiben. 1998 nahmen die Amerikaner ein Kontingent bosnischer Flüchtlinge auf, zu denen auch die Stanisics gehörten. Sasa aber wollte hier bleiben, um Schriftsteller zu werden. "Ich habe überlegt und in Unterlagen geforstet, das war ja noch vor dem Internet, und habe dann in den Tiefen der Verordnungen etwas gefunden: Er muss sich immatrikulieren und Student werden. Darin habe ich die einzige Chance gesehen. Es gab keinen Rechtsanspruch darauf, dass, wer immatrikuliert ist, bleiben darf, verstehen Sie mich nicht falsch. Es war einfach ein Versuch", sagt Fontius im Interview mit der SZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2020 - Gesellschaft

taz-Autor Klaus Hillenbrand hat Michael Düllmann getroffen, der will, dass antisemitische Reliefs von deutsche Kirchen verschwinden, darunter besonders, das notorische Relief einer "Judensau", in Wittenberg, über die schon Luther schrieb: "Düllmann, selbst Jude, hat die Stadtkirche auf Entfernung des Reliefs verklagt, weil es eine Beleidigung für Juden darstelle. Den ersten Prozess hat er verloren, aber das ficht ihn nicht an. Am Dienstag will das Oberlandesgericht in Naumburg in der Berufung darüber verhandeln, was aus der 'Judensau' wird. Düllmann sagt: 'Solange die 'Judensau' an der Kirche hängt, solange das von der Stadt unterstützt wird, ist die Kirche antisemitisch belastet.' Nein, zu Staub zermalmen will Düllmann die 'Judensau' deshalb nicht. Das Relief gehöre nicht in die Öffentlichkeit, sondern in ein Museum, wo sein Kontext erklärt werden könne, meint er."

Der Salzburger Politikwissenschaftler Farid Hafez, einer der Herausgeber des umstrittenen "European Islamophobia Reports", beschwert sich in der taz über die seiner Ansicht nach islamkritische Einstellung der neuen türkis-grünen Regierung in seinem Land, auch in der Bildungspolitik: "Der Religionsunterricht sollte sich an 'pädagogischer Qualität und staatsbürgerlicher Erziehung orientieren', heißt es weiter. Ist das der Weg zur Dienstbarmachung von Religion für den Staat? Die Trennung von Staat und Kirche hatte die inhaltliche Einmischung in den bekenntnisorientierten Religionsunterricht bisher verhindert. Und ob die christlichen Kirchen das mit sich machen lassen sei dahingestellt."

Der Philosoph Andreas Brenner wendet sich in der FAZ gegen das heutige Seniorenmarketing, das Storys vom Altsein erzähle, "die geprägt sind von den Bildern der Jugend. Die Wirkung ist fatal: Wer heute alt ist, darf es nicht sein und soll stattdessen sein, wie er vor Jahrzehnten gewesen ist. Sowohl in der Kleider- und Haarmode wie in den Freizeitaktivitäten werden den alten Menschen heute die Bilder der Jugend als Vorbilder vorgehalten und sie animiert, sich so zu geben, wie sie vielleicht einmal waren, aber altersbedingt immer weniger sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2020 - Gesellschaft

Eine Diskussion über das Kopftuch an der Frankfurter Uni wurde  von einer Gruppe "Studis gegen rechte Herze" vorgestern abend so heftig gestört, dass die Polizei kam (unser Resümee). Auf dem Podium saß unter anderen die Religionskritikern Naïla Chikhi, die heute im Gespräch mit Chantal Louis von Emma sagt: "Diese Leute machen doch genau das gleiche: Sie betreiben Hetze. Aber das überrascht mich nicht, weil es nicht das erste Mal war. Alle, die den politischen Islam bekämpfen, und zwar aus eigener bitterer Erfahrung, werden doch als 'Rechte' diffamiert, von Necla Kelek bis Ahmad Mansour. Aber ich kenne das ja sehr gut: Dieses 'Argument' haben die Islamisten in Algerien auch schon gegen uns Demokraten verwendet. Damals hat man uns gesagt, wir Feministinnen hätten uns an Frankreich verkauft. Entschuldigung - die Tatsache, dass man für seine Menschenwürde kämpft, hat keine Nationalität." Thomas Thiel kommentiert in der FAZ und beklagt vor allem die mangelnde Solidarität der Sozial- und Geisteswissenschaftler mit ihren Kollegen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2020 - Gesellschaft

Nach offener Debatte über das Thema Organspenden entschied der Bundestag gestern gegen eine Widerspruchslösung, nach der man als Organspender gegolten hätte, sofern man nicht widerspricht (hier zählte also mal die persönliche Entscheidung, die beim Thema Sterbehilfe verboten wurde). Nur wenn man es ausdrücklich deklariert, gilt man nunmehr als Organspender - also bleibt eigentlich alles beim Alten, und die Zahl der gespendeten Organe viel zu gering. Barbara Dribbusch kommentiert diese Entscheidung in der taz als "typisch deutsche Stagnation": "In Wertedebatten ist man in Deutschland ja immer ziemlich groß; wenn es um die pragmatische Verminderung menschlichen Leids geht, hingegen oftmals gleichgültiger. Bemerkenswert auch der Hang zur Übertreibung: In den Debatten hatte man mitunter den Eindruck, hier ginge es um die bedingungslose Ausweidung von Toten gegen deren Willen. Die Tatsachen spielten dabei eine geringere Rolle..." In einem zweiten Artikel erläutert Dribbusch, das in Spanien etwa die Spendenquote viermal so hoch ist. Berlin Ulrich Schulte berichtet über die Bundestagsdebatte.

Bei einer Podiumsdiskussion an der Frankfurter Uni zum Thema Kopftuch kam es fast zu einer Schlägerei, die erst von der Polizei verhindert wurde, berichtet Marie Lisa Kehler in der FAZ. Die Veranstaltung wurde von einer Gruppe "Studis gegen rechte Hetze" massiv gestört. Auf dem Podium saß unter anderen die Religionskritikern Naïla Chikhi: "Die Situation eskaliert, als die Gruppe trotz mehrfacher Aufforderung den Raum nicht verlassen will. Fäuste fliegen, ein Tisch wird umgestoßen. Nur eine bleibt ruhig. Es ist Naïla Chikhi. Sie wolle sich nicht einschüchtern lassen, sagt sie, wolle nicht aufhören, ihre Meinung zu vertreten. Das Kopftuch ist ihrer Ansicht nach 'die Fahne des Islams', ein Zeichen der 'Knechtung der Frau'. Ihren Standpunkt werde sie auch gegen Widerstände vertreten, so Chikhi weiter. 'Ich werde mein ganzes Leben weitermachen.'" An der Frankfurter Uni war es schon im letzten Jahr zu massiven Protesten gegen eine von Susanne Schröter veranstaltete Konferenz zum Kopftuch gekommen, unsere Resümees.

Gemeldet wird (unter anderem bei Zeit online), dass das "Zentrum für politische Schönheit" seine Stele vor dem Bundestag hat abbauen lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2020 - Gesellschaft

Susanne Götze und Annika Joeres begeben sich im SZ-Feuilleton auf eine Tour d'horizon durch die Szene der "Klimaleugner" (ein Begriff, den die Autorinnen ohne Zögern verwenden). Von Fox-News über rechtspopulistische Parteien in Europa: Alle Klimaskeptiker verorten sie rechts. Sie räumen zwar ein, dass der Naturschutzgedanke gerade bei völkischen Strömungen ursprünglich populär war. Aber heute liegt Gut und Böse für sie klar auf der Hand: "Aus der 68er-Bewegung entstand in den Siebzigerjahren die Umwelt- und Friedensbewegung, die heute so lautstark für Klimaschutz eintritt. Ihr Geist ist das Gegenteil von nationalistisch: weltoffen, international und solidarisch mit armen Ländern des Südens. Eben diese Bewegung hat in den Achtzigerjahren auch die ersten Windräder aufgestellt und für die Gleichstellung der Frauen gekämpft."

Anlässlich der Affäre Matzneff (unsere Resümees) erzählt Jürg Altwegg in der FAZ, wie populär unter französischen Intellektuellen in den Siebzigern die Idee war, Pädophilie für legal zu erklären. Der Autor Gabriel Matzneff hatte einen dementsprechenden Aufruf verfasst und fast alle Intellektuellen mit Rang und Namen unterzeichneten ihn. Die Schriftstellerin Vanessa Springora hat die Geschichte durch ihr Buch "Le Consentement" wieder zu Bewusstsein gebracht: "Es war die Zeit einer kulturellen Regression mit der Pädophilie als Tabu, das fallen musste. 'In Frankreich ist die Macht der Literatur absolut', kommentiert der Historiker Jacques Julliard in Marianne, ein 'bandenmäßig organisiertes Pariser Milieu' habe sie konfisziert. Dass sich die Intellektuellen bereitwilliger als die Kirche mit ihren ideologischen Irrtümern und ihrer Propaganda für das Verbrechen Pädophilie auseinandersetzen würden, wird nach der 'Affäre Matzneff' niemand mehr behaupten wollen."