9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2017 - Ideen

Im Interview mit der NZZ legt der amerikanische Ökonom Richard Florida seine Ideen dar, wie die enorm gewachsene Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden sei. Dezentralisierung ist sein Motto: "Weniger Föderalismus, mehr Lokalismus und Devolution, der Übertragung von parlamentarischer Gewalt an lokale Behörden. Wenn Städte weiterhin prosperieren und gleichzeitig die USA als Nation bestehen sollen, sollten wir die föderale, vertikale Gewaltentrennung ernsthaft überdenken und neu austarieren, um die Macht der Bundesregierung umzuverteilen. Kurzfristig brauchen wir integrierten Wohlstand auf lokaler Ebene durch die forcierte Zusammenarbeit von lokalen Unternehmen, Gewerkschaften, Nachbarschaftsgruppen und Ortsbeiräten. So schafft man Wert, den man sich leisten kann bei weniger Segregation. Das Langzeitszenario dahinter muss die nachhaltige Übertragung von politischer Macht auf die Lokalebene sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2017 - Ideen

"Verstehen und verstanden werden - das ist Heimat", sagte der Bundespräsident letzte Woche in seiner Rede zur Deutschen Einheit. Arno Widmann möchte in der FR gern widersprechen: "Bei der Diskussion um Heimat geht es immer darum: Ist die Heimat der Ort, aus dem wir kommen oder ist es der, zu dem wir wollen oder der, den wir dazu machen? Wer festhalten möchte an der Herkunft, der misstraut der Zukunft, hat womöglich Angst vor ihr. Er mag die vertraute Umgebung nicht verlassen. Und er hasst es, wenn die vertraute Umgebung ihn verlässt. ... Am Leben erhält einen nicht, was man versteht. Am Leben erhält einen, was man nicht versteht, aber verstehen möchte. Das sich Einsuppen im Vertrauten ist der Anfang vom Ende."

Katalonien ist ein gutes Beispiel für die von Eric Hobsbawm so genannte "Erfindung der Tradition", erklärt im Interview mit sueddeutsche.de José Antonio Sanahuja, Professor für Internationale Beziehungen: "In Katalonien werden geschichtliche Fakten zurechtgebogen, sodass sie der Rechtfertigung eines unabhängigen Nationalstaates dienen. Man will damit vor allem Traditionen besetzen, die erst seit kurzer Zeit existieren - oder sogar erfunden wurden, um bestimmte Werte und Verhaltensnormen durchzusetzen. ... Die Stimmung in einigen Teilen der katalanischen Bevölkerung, die Region würde von Spanien ausgeplündert, kursiert ebenfalls schon lange. Angesichts von Terrorismus und Einwanderung wurden zudem Sicherheits- und Identitätserzählungen entwickelt, die vom eigenen 'Volk', von Kultur und Identität erzählen und das 'Andere' als Bedrohung konstruieren. Und es existiert ein Anti-Globalisierungs-Narrativ, das den Euroskeptizismus umfasst und sich gegen kosmopolitische Werte richtet, soziale Vielfalt ablehnt und zum Teil offen rassistisch und islamfeindlich ist."

Nach Katalonien steht gleich das nächste Referendum auf dem Programm: In zwei Wochen soll es eine lombardo-venezianische Abstimmung über die Selbständigkeit Norditaliens geben, meldet Gustav Seibt in der SZ und erinnert daran, dass Ralf Dahrendorf schon 1991 vor dem Zerfall der Nationen in homogene Stammesgemeinschaften warnte: "Denn die Homogenität unterlaufe die 'Idee von Bürgerschaft'. Diese besteht darin, dass sie ein Leben mit Unterschieden erlaubt. Und diese Unterschiede betreffen eben nicht nur Sprache oder Herkunft, sondern auch alle anderen Aspekte, in denen Bürgerindividuen sich unterscheiden können, Religion, weltanschauliche und politische Überzeugung, sexuelle Orientierung. Je kleiner und homogener ein Ländchen ist, umso geringer wird ganz allgemein seine Verschiedenheitstoleranz, und die demokratische Idee der Gleichheit droht sich auf ethnische Gleichförmigkeit zu verengen. Aus dem politischen Demos, dem Souverän der Demokratie, wird das völkische Ethnos, der Stamm, die Gemeinschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2017 - Ideen

Den Erfolg der AfD verortet Ingo Schulze (Berliner Zeitung) in einer von der EU unterstützten "neoliberalen Quasi-Verfassung, in der alles dem Markt untergeordnet wird" . Und darum weiß er auch, was zu tun ist: "Es geht um eine glaubwürdige Alternative zum Status quo. Es geht nicht darum, auf die AfD zu reagieren, sondern sich endlich der Dinge anzunehmen, die in der besten aller Welten im Argen liegen und worunter sowohl die sozial Schwachen im eigenen Land als erste leiden wie auch insgesamt der Süden unter der Ausplünderung durch den Norden. Eine Abwendung von der Agenda-Politik, vor allem die Rücknahme von Hartz IV, die Bereitschaft, grundsätzliche Defizite des Kapitalismus offen zu benennen und Alternativen vorzuschlagen ...".

In der NZZ fragt sich die Schriftstellerin Cécile Wajsbrot eher tastend, ob die Gewalt, die in den Auseinandersetzungen während des französischen Wahlkampfes zum Vorschein kam, auf die Straße ziehen wird: "Manchmal frage ich mich, ob die mächtigen Unterströmungen, die das Denken einer Epoche durchziehen, nicht den Hintergrund bilden, auf dem sich ein unmittelbareres, aus Reaktionen und Empfindungen bestehendes Denken abzeichnet: ein fließendes, ephemeres Aroma der Zeit. Die Strahlungen oder die radioaktiven Abfälle, die durch die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima vor aller Augen freigesetzt wurden, finden zwar dann und wann Erwähnung ... aber wie wollen wir sicher sein, dass sie nicht eines Tages freigesetzt werden, wie Dämonen, die ein böser Geist aus der Höhle entlässt, wo sie eingeschlossen waren? Diese Bedrohung, von der man - jedenfalls in Frankreich - nur wenig spricht, diese unsichtbare, aber gegenwärtige Gefahr: Steht sie nicht auch drängend hinter dem heute so oft geäußerten Wunsch, Vorhaben schnellstmöglich umzusetzen, Resultate zu sehen, wie man gerne sagt?"

Hans Ulrich Gumbrecht plädiert in der NZZ für eine neue Theorie der Geschlechterdifferenz - die Gendertheorie sei in eine Sackgasse geraten: "Man kann ... sagen, dass der Versuch, das Prinzip der Geschlechtergleichheit - ganz ohne kritische Reflexivität - zu verwirklichen, paradoxerweise im Ausschluss der auch heute breiten Mehrheit von Heterosexuellen endete. Hier liegt die Blindheit der Gender-Ideologie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2017 - Ideen

Diedrich Diederichsen spricht mit Julian Weber von der taz über sein neues Buch "Körpertreffer - Zur Ästhetik der nachpopulären Künste". Mit dem Begriff der "Intersektionalität", einem Kampfbegriff der Regenbogen-Linken, kann er nicht so viel anfangen: "Die Aufgabe von Intersektionalität ist es ja, je notwendig begrenzte Perspektiven zusammenzudenken, aber nicht das Verteilen von Rechten. Dass jemand qua Identität kein Recht haben sollte, über etwas zu reden, geht nicht. Es gibt immer Situationen, in denen es angemessen wäre, zu schweigen oder andere reden zu lassen, aber das ist eine Frage des Verhaltens in einer konkreten politischen Situation und betrifft nicht die Richtigkeit von Argumenten. Politisches Handeln muss beides würdigen."

Die Debatte "Globalisten gegen Populisten" wendet ein rein westliches Verständnis politischer Spaltungen auf den Rest der Welt an, beklagt in der Welt der Gründer des asiatischen Think Tanks Global Institute For Tomorrow, Chandran Nair. Er fürchtet eine Neuauflage des Kolonialismus, der sich in wirtschaftlichen und kulturellen Abhängigkeiten sowie in "illegalen Sanktionen" äußert. Daher fordert er mehr Teilhabe der Schwellenländer an internationalen Organisationen und etwas weniger "westliche Werte" (die er aber leider nicht konkretisiert): Wenn Europa sich "mit der sich entwickelnden Welt auseinandersetzt, statt sie zu belehren, kann es endlich die Kluft zwischen den 'Habenden' und den 'Habenichtsen' überbrücken. Wenn Europa aufhört, sich um jeden Preis an einem 'Westen' und insbesondere an den USA auszurichten, wird sich der Rest der Welt nicht mehr fragen, wer zu dem 'Wir' dazugehört."

Außerdem: In der NZZ erklärt Slavoj Zizek, dass Philosophie korrumpieren muss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2017 - Ideen

Krawalldemos, Besetzungen, Steine werfen - alles Unsinn. Echte Umbrücke beginnen nicht mit Gewalt, sondern mit neuen Technologien, die dem alten System irgendwann "einfach den Stecker ziehen, meint der Jurist Milosz Matuschek in der NZZ: "Ebendiese Revolution des Denken könnte mithilfe der Blockchain-Technologie gerade erst begonnen haben. Diese bietet eine dezentrale, fast fälschungssichere, transparente und (im Idealfall) autoritätsfreie virtuelle Infrastruktur mit zahlreichen Anwendungsgebieten, von alternativen Währungs- und Zahlungssystemen über smarte Verträge, Buchführung, Dokumentation und Prognostik bis hin zu E-Voting oder Charity. Der Aufbau neuer Strukturen erfolgt dabei auf eher leisen Sohlen: Schon der Urtext der Kryptobewegung, das Paper des Bitcoin-Gründers Satoshi Nakamoto, rief nicht à la Marx dazu auf, dass sich alle Proletarier dieser Welt vereinigen sollten. Die Vereinigung der Kräfte ist bereits dezentral als stille Teilhabe an einer technisch überlegenen Neuerung integriert."

Multikulti ist nichts, was man diskutieren kann, es ist einfach eine Tatsache, meint Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "Wir kennen die Alternative zu Multikulti: Massenmord. Multikulti und Integration widersprechen einander. Aber sie gehören zusammen. Das ist mit vielem so. Männer und Frauen zum Beispiel. Alt und Jung. Die Möglichkeit, kulturelle Traditionen zu pflegen, heißt nicht, dass jede von ihnen auch bei uns gepflegt werden darf. ... Jede Gesellschaft besteht aus Parallelgesellschaften. Die Aufgabe der Politik ist nicht, sie abzuschaffen. Das geht nicht. Die Politik muss den Einzelnen die Möglichkeit schaffen, aus der einen in andere Nischen zu kommen. Multikulti ist das eine - die freie Entfaltung des Einzelnen ist das andere. Beides ist erforderlich."

"Die Türkei meiner Kindheit war ein Land des Anstands", schreibt Zafer Senocak in der Welt. Und jetzt? Lauter Neureiche und Parias, die das sagen haben. Doch die "feinen Türken" haben es nun mal verpasst, zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln, klagt er. "Sie hätten ein vorbildhaftes Beispiel der hybriden Identität sein können, die bestens in unser 21. Jahrhundert passt. Eine komplexe Form der Identität, an die wir uns gewöhnen müssen, wenn wir nicht immer neue Bürgerkriege basierend auf identitärem Wahn erleben wollen. In der Türkei gibt es eben auch diesen muslimischen Bürger, dem sein Glaube Privatsache ist und der in einer freien Gesellschaft leben möchte. Und genau hier beginnt sowohl das türkische als auch das europäische Versagen. Viel zu viel Zeit verlor die türkische Elite mit der Pflege eines kruden Nationalismus. Unter dessen panzerfester Schale versteckte sie fast verschämt jene kulturelle Vielfalt, die ihr innewohnt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2017 - Ideen

In der taz unterhält sich Stefan Reinecke in einem sehr lesenswerten Gespräch mit dem Historiker Gerd Koenen über dessen Großgeschichte des Kommunismus "Das rote Jahrzehnt". Unter anderem betont Koenen, dass die Utopie einer egalitären Gesellschaft bestimmt nicht von Marx stamme: "Marx tritt von Anfang an als entschiedener Anti-Utopist auf. Alle klassischen Utopien sind seit Thomas Morus ja Entwürfe stillgestellter Gesellschaften, die abgeschirmt auf fernen Inseln angesiedelt werden. Marx ist gerade umgekehrt ein Denker der Beschleunigung und Dynamik, der Nutzung der allermodernsten Produktivkräfte, die die alte Welt in Trümmer legen... Egalitarismus, Gleichmacherei ist ihm ein Horror. Sozialismus ist bei ihm eine strikt meritokratische Gesellschaft, in der persönliche, kooperative Leistung zählen, nicht Besitz und Herkunft."

Die Literarische Welt bringt als Vorabdruck über mehrere Seiten ein Gespräch zwischen Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach. Es beginnt damit, dass Schirach den Schuldspruch gegen Sokrates verteidigt. Kluge sinniert über die Hässlichkeit, die Sokrates nachträglich, quasi mit der Schuld, zugeschrieben wurde: "Lavater fragt: Ist ein so hässlicher  alter Mann nicht notwendig ein Lügner? Erst auf diese Statue beziehen sich die später verfassten Dialoge des Platon und der Bericht des Xenophon. Etwas Imaginäres, ein nachträgliches  Bild, hat die Tradition bis heute geprägt. Auch Montaigne, Spinoza und (mit  Behaarung) Nietzsche haben kein schönes Gesicht. Fast würde ich einem hübschen Mann oder einer gutaussehenden Frau keine philosophische Tiefe zutrauen. So fest sind Vorurteile - unter dem Siegel des Leidens des Marsyas - eingeprägt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2017 - Ideen

Der Klimawandel ist eine Tatsache, schreibt Pascal Bruckner in der NZZ. Aber muss man ihn deshalb zum Generalschlüssel für alles drohende Unheil erklären und den Menschen für jeden Wirbelsturm verantwortlich machen? "Zu glauben, wir könnten das Klima steuern wie ein Kapitän sein Boot und den Temperaturanstieg auf weniger als zwei Grad Celsius begrenzen, zeugt von erstaunlichem Größenwahn. Was in unserer Macht steht, ist, eine immer größere und immer verwundbarere Menschheit vor den Katastrophen zu bewahren, mit denen sie geschlagen ist. Angesichts der Tatsache, dass der demografische Druck und unser Lebensstandard weiterhin steigen, haben wir weniger denn je das Recht, die Risiken zu verdrängen, die mit unserem Lebensstil verbunden sind. Natürlich schließt die Verantwortung des Menschen voraussehbare Naturereignisse und Katastrophen ein. Sie aber auf den ganzen Planeten auszudehnen oder sogar auf das ganze Sonnensystem - das zeugt von derselben Unvernunft wie der Wille der Wissenschaft, sich die Materie zu unterwerfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2017 - Ideen

Im Interview mit der NZZ schlägt der Philosoph Wolfgang Welsch ein postmodernes Denken als Mittel gegen identitäre Denkweisen vor: "Wir sind, genau betrachtet, alle kulturelle Mischlinge. Die Identitäten sind nicht mehr kernartig, sondern straußartig oder netzwerkartig verfasst: Sie gehen über die Grenzen der alten Kulturen und nationalen Kulturfiktionen hinaus, sie vereinen lokale, regionale und globale Elemente in sich und sind in diesem Sinn transkulturell. Wenn die Bürger ihre faktische Transkulturalität anerkennen, wäre damit für die Praxis viel gewonnen. Wer sich seiner eigenen inneren kulturellen Pluralität bewusst geworden ist, der wird im Fremden auch Eigenes erkennen, anstatt von vornherein auf Abwehr zu schalten."

Ebenfalls in der NZZ bekennt der Soziologe Rainer Paris: "Wo immer ich einen Kollegen von 'Studierenden' reden höre, kann ich die Assoziation 'Hasenfuß' nicht unterdrücken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2017 - Ideen

Der Politologe Wolfgang Merkel sieht im Gespräch mit Martin Reeh von der taz den Hauptkonflikt in den westlichen Gesellschaften heute nicht mehr im Gegensatz von Kapital und Arbeit, sondern im Gegensatz von "Kosmopoliten" und "Kommunitaristen". Die "Kosmopoliten" sind natürlich wir: "Die Kosmopoliten haben in den letzten Jahren zu Recht immer mehr liberale Minderheitenrechte thematisiert und damit unsere Demokratie weiter demokratisiert. Wir haben für alle möglichen sexuellen Präferenzen zu Recht Gleichberechtigung gefordert, bis hin zu Transgender. Ich komme gerade aus Harvard, dort gibt es eine so intensive Debatte darüber, als ginge es um die Beendigung des Syrienkrieges. Die kosmopolitische Linke ist heute hochsensibel bezüglich der Unterdrückungsmechanismen gegenüber Minderheiten und der Dritten Welt, will aber von der Verteilungsfrage im eigenen Land nichts mehr wissen - davon, dass bei uns auch rund ein Viertel der Gesellschaft abgehängt worden ist."

Die SZ hat deutsche DenkerInnen zur gegenwärtigen Rolle von Intellektuellen in der politischen Diskussion befragt.
Dieter Thomä stellt mit Bedauern fest, dass der "Experte" heute dem Intellektuellen den Rang abgelaufen habe: "Sie sind Musterschüler: Sie reden nur, wenn sie gefragt werden, und halten ansonsten den Mund. In der Wissensgesellschaft sind sie Lieferanten für besondere Aufgaben: gesicherte Erkenntnisse."

Statt überparteilicher Expertenräte sollten neue Köpfe mit verschieden Perspektiven zusammengeführt werden, meint Ulrike Ackermann, wie in Kanada oder Frankreich: "Der unkonventionelle Präsident Justin Trudeau, von Haus aus Literaturwissenschaftler, hat Rückhalt in der Bevölkerung, bringt Reformen auf den Weg, gewinnt das Interesse der Jugend zurück. Ähnlich reüssiert Emmanuel Macron in Frankreich: Gewappnet mit Machiavelli, Hegel und Paul Ricœur aus seinem Studium, war er im Beirat der Zeitschrift Esprit auf demokratietheoretischen Pfaden unterwegs. (...) Ein Experiment mit offenem Ausgang, aber ein kluger Schritt gegen Politikverdrossenheit."

Und Armin Nassehi beklagt eine zunehmende Unübersichtlichkeit intellektueller Diskurse: "Der heutigen Szene fehlt womöglich ein klarer Adressat, was auch dazu geführt hat, dass ein Großteil der Debatte wie ein Kulturkampf zwischen Milieus aussieht: Identitätsangebote auf allen Kanälen, von völkischen Zumutungen über konservative Verteidigungen des Bewährten bis zu urbanen Milieus der Vielfalt und neuen kulturlinken Identitätsansprüchen immer kleinerer partikularer Gruppen mit Sagbarkeitsanspruch. Der Intellektuelle wird dann zum Anwalt seiner Bezugsgruppe und zum unbedingten moralischen Sprecher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2017 - Ideen

Diese leidige Debatte über "kulturelle Aneignung"! Kenan Malik antwortet in einem Blog auf einen Essay von Briahna Joy Gray, die wiederum auf seine Kritk an diesem Begriff in der New York Times (unser Resümee) Bezug nimmt. Durfte sich Elvis Presley "schwarze" Musik aneignen? Nach Malik ja, nach Gray profitiert damit die weiße Musikindustrie von den Leistungen anderer. Aber "wenn Musik 'ihrem Wesen nach appropriativ ist' und dafür auch geschätzt werden sollte, wie Gray glaubt, gilt das unabhängig von der Frage 'präexistierender durch Rasse geprägter Werthierarchien'. Hierarchien von Rasse werden nicht durch kulturelles Ausborgen erzeugt, noch werden sie durch das Verbot solchen Ausleihens untergraben. Die einzige Konsequenz eines solchen Blicks durch die Linse der kulturellen Aneignung, ist, dass die realen Probleme, die angegangen werden sollten, verdeckt werden." Und noch etwas: "Die Idee der Gleichheit verlangt von uns, dass wir alle Menschen als autonome moralische Wesen mit gleichen Rechten und gleicher Würde behandeln. Sie verlangt nicht, dass wir all ihre Ideen, Vorstellungen und Traditionen mit Repekt oder als gleichwertig behandeln."

Jürgen Kaube (FAZ) langweilte sich im Schloss Bellevue gründlich bei einer "Debatte" über westliche Werte: "Gedankenanregend wie Bingo, nur dass man auf seinem Zettel hier nicht Zahlen ankreuzen konnte, sondern Redewendungen abhaken durfte."