9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2023 - Ideen

Impfgegner und AfD-Anhänger missbrauchen die Symbolik des Judensterns ebenso wie russische Propagandisten, schreibt der in Moskau geborene und in Deutschland aufgewachsene jüdische Schriftsteller Alexander Estis, der auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ vor solcher "symbolischen Brunnenvergiftung" warnt: "Der von Sternträgern insinuierte Vergleich ist nicht einfach ein ungeschickt hinkender, sondern ein auf den Kopf gestellter. Es handelt sich dabei um einen Umkehrvergleich, wie er von Ideologen und Demagogen jeglicher Couleur regelmäßig bemüht wird und mit dem diese keinesfalls eine echte Analogie zu einer Opfergruppe herstellen wollen, geschweige denn eine Identifizierung. Ganz im Gegenteil: Sie bezwecken damit einzig und allein die Aneignung und Umdeutung eines Narrativs - eine, wie man es nennen könnte, Schoappropriation. Die Sternträger inszenieren sich als die neuen, eigentlichen Juden, also als die wahren Opfer von heute, während die alten Juden in ihren Phantasmen umgekehrt als Strippenzieher der Krise und deren kapitalistischer Profiteure fungieren."
Stichwörter: Estis, Alexander, AfD, Impfgegner

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2023 - Ideen

Die FAZ druckt die Rede, die der Schriftsteller David Grossman gestern in Tel Aviv bei der offiziellen Trauerfeier der Kibbuzbewegung hielt. Auch er ist überzeugt, dass nach dem 7. Oktober nichts mehr so sein wird wie vorher: "Die, die wir einmal waren, werden wir nie wieder sein. Die Bilder der Gräuel, die Fratzen des Hasses, denen wir ausgesetzt waren - so etwas sieht ein Mensch nicht, ohne ein anderer zu werden. Als hätte sich inmitten der Realität ein Strudel aufgetan und uns eingesogen. Dem gegenüber stehen Heldentum und Opferbereitschaft, stehen Taten, die Menschen um anderer Menschen willen vollbracht haben. Wir hören von der unfassbaren Kühnheit junger Leute, die im wahrsten Sinne des Wortes dem Bösen ihr Leben entgegengeworfen haben, um andere zu retten. Um die Familie, das Haus, den Kibbuz und oft auch Unbekannte zu beschützen. Immer wieder riskierten Männer und Frauen mit unerhörtem Mut ihr Leben. In einer Sekunde, mit einer Tat: Manche warfen sich auf scharfgemachte, von den Terroristen in frei stehende Bunker oder häusliche Schutzräume geworfene Handgranaten, wodurch andere Schutzsuchende verschont blieben. Solche Akte bringen unsere Sicht auf die Welt, die wir als zynisch, selbstsüchtig, utilitaristisch wahrnehmen, gründlich ins Wanken. Seit dem 7. Oktober denke ich viel über diese Menschen nach."

Die neue Weltordnung ist nicht mehr bipolar, sie ist ein à la carte Menü, erklärt im Guardian Timothy Garton Ash die Ergebnisse zweier Umfragen, die er und Kollegen für das European Council on Foreign Relations und ein Forschungsprojekts der Oxford Universität in China, Indien, Türkei, Russland, den USA, Saudi-Arabien, Indonesien, Südafrika, Brasilien, Südkorea und 11 europäische Länder durchgeführt haben. "Die meisten dieser Länder glauben, dass sie sich nicht entscheiden müssen. Sie können engere Wirtschaftsbeziehungen zu China, eine sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA unterhalten und gleichzeitig alle Vorzüge der 'Soft Power' Europas genießen. Eine Welt mit vielen konkurrierenden Mächten gibt ihnen die Möglichkeit zu mischen und zu kombinieren. ... Die Lektion für den Westen ist nicht, dass wir unsere Werte aufgeben sollten, sondern dass wir viel schlauer werden und die Welt so sehen sollten, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie gerne hätten. "

Greta Thunbergs Antisemitismus zeigte sich schon früher, meint Pauline Voss in der NZZ: "Bereits 2021 teilte Thunberg einen Beitrag der Autorin und BDS-Unterstützerin Naomi Klein, die Israel 'ein Kriegsverbrechen nach dem anderen' vorwarf. Im selben Jahr drückte Fridays for Future International seine Solidarität mit den palästinensischen 'Märtyrern' und ihrem antikolonialen Kampf aus. Thunbergs Abdriften ist kein Ausflug, sondern eine zielstrebige Reise ins Reich des Antisemitismus. Seit Jahren verschreibt sich die Klimabewegung dem Konzept der 'Intersektionalität'. Dieses wissenschaftliche Konzept rückt die Verschränkungen unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen in den Fokus, um zum Beispiel Fragen des Geschlechts und der Rasse zusammenzudenken. Allerdings ist von der ursprünglichen Idee nicht mehr viel übrig geblieben. Intersektionalität dient heute vor allem als Rechtfertigung, um jeden politischen Konflikt auf einen Kampf von Unterdrückten gegen Unterdrücker zu reduzieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2023 - Ideen

In Vorbereitung auf den dreihundertsten Geburtstag von Immanuel Kant erklärt der Philosoph Otfried Höffe im FR-Interview mit Michael Hesse, warum Kant noch heute gelesen werden sollte: "Kant verdanken wir das Vorbild einer in der Autonomie des Willens gründenden universalistischen Moral, einschließlich dem Gedanken der unantastbaren Würde des Menschen und einer kompromisslosen Ablehnung von allem Kolonialismus. (...) Bei diesem Philosophen finden wir nicht nur entscheidende Argumente für den demokratischen Rechtsstaat. Sein gesamtes Denken durchzieht vielmehr eine demokratische Grundhaltung, die allen Eigendünkel einer bloß professionellen Spekulation verwirft: Kant denkt im Namen aller Menschen, für sie alle und im Prinzip auch für sie alle verständlich. Unter Anspielung auf einen Song der Rolling Stones empfiehlt sich daher diese Lebensmaxime: 'You K'ant get no satisfaction', 'von Kant kann man nie genug lernen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2023 - Ideen

Auch mit Blick auf den Terror der Hamas sind Vergleiche mit dem Holocaust nicht zielführend, meint der Historiker und Holocaust-Forscher Stephan Lehnstaedt im Tagesspiegel: "Dennoch wird auch so - meist unabsichtlich - die Singularität des Holocaust relativiert. Das missbraucht die Opfer von damals für aktuelle Zwecke, anstatt ihrer als Menschen und Individuen zu gedenken. Und mehr noch, indem die neuen Täter auf die Stufe der damaligen Mörder erhoben werden, verringern sich semantisch die historische Schuld und die gegenwärtige Verantwortung der Deutschen: Seht her, die Nazis sind heute und anderswo! Und so ist der vergleichende Alarmismus kontraproduktiv, denn die Verpflichtungen und Lehren aus dem Holocaust umfassen ja gerade den Schutz jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, das Existenzrecht Israels, ein besonderes Problembewusstsein für Antisemitismus und eine generelle Ablehnung von Krieg und Gewalt gegen Zivilisten."

In der Welt versucht Magnus Klaue mit Blick auf das Werk von Judith Butler nachzuvollziehen, weshalb sie, wie in ihrem jüngsten Essay, so erpicht darauf ist, die Gewalt der Hamas zu legitimieren und den Staat Israel zu delegitimieren. Aufschluss gebe unter anderem ein Blick auf Butlers Verständnis einer "'Geschichte der Gewalt', in die alle Menschen verstrickt seien und die eine Differenzierung zwischen legitimen und illegitimen, vom staatlichen Gewaltmonopol gedeckten und es in Frage stellenden Gewalthandlungen kaum zulässt. De facto unterscheidet Butler aber durchaus zwischen Formen von Gewalt: Als Gegenstand der Erkenntnis, der 'verstanden' werden will, gelten ihr Formen von Gewalt seitens 'subalterner' Gruppen, die sie der staatlichen Gewalt gegenüberstellt. Der Butlers Überlegungen zur Gewalt leitende Gegensatz ist diese Differenz zwischen subalterner und staatlicher, konkreter und abstrakter Gewalt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2023 - Ideen

Jeder, der sich in den letzten Jahren mit der Linken befasst hat, überrascht deren gegenwärtiger Antisemitismus nicht, schreiben die Journalisten Christopher Ziedler und Tristan Fiedler im Tagesspiegel. Nach dem Zweiten Weltkrieg feierte die Linke immer wieder Anschläge auf Juden und Israel als emanzipatorischen Befreiungskampf. Dies änderte sich nach dem Kalten Krieg nur wenig: "Eine erste größere Aufarbeitung des antijüdischen Denkens und Handelns in der eigenen Szene erfolgte nach dem Mauerfall. Mit dem Ende der Sowjetunion gewannen jene Einzelstimmen an Einfluss, die die anti-israelische Politik Moskaus wie der westdeutschen Linken kritisiert hatten. Es kam zu einer regelrechten Spaltung mit Gründung unterschiedlicher Zeitungen für die einzelnen Strömungen.(...) Auf der anderen Seite verlor der traditionelle Marxismus-Leninismus an Einfluss. Zugleich erstarkte eine neue Linke, die eher postkoloniale Thesen vertrat. Vertreterinnen dieser Strömung wie Judith Butler bezeichneten Hamas und Hisbollah früh als 'Teil der globalen emanzipatorischen Linken' - die theoretische Grundlage veränderte sich, die Gegnerschaft zum jüdischen Staat blieb."

Die Rufe nach Verhältnismäßigkeit richten sich im Moment nur an Israel, konstatiert der katholische Philosoph Martin Rhonheimer in der NZZ. Israels Ziel ist es in diesem Krieg die Hamas zu vernichten, mit "schreckliche Folgen für die Zivilbevölkerung. Doch sind es in Kauf genommene Nebenfolgen, keine Mittel zum Zweck. Es geht Israel in diesem Krieg also nicht um Vergeltung oder Rache - zumindest nicht, was die Bevölkerung anbelangt. Es gibt nun aber in den westlichen Ländern einen eigenartigen Reflex. Dieser ist dem traditionell christlich sozialisierten Westen tief eingewurzelt und vielleicht sogar ein Relikt des ebenfalls typisch christlichen Antijudaismus. Der Reflex ist, sobald Juden im Spiel sind - sonst normalerweise eher weniger -, sich plötzlich an die Bergpredigt zu erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2023 - Ideen

Durs Grünbein schreibt in der SZ das "J'accuse", auf das die deutsche Öffentlichkeit (und bei weitem nicht nur diese) gewartet hat. Zunächst einmal benennt er in beeindruckender Schärfe seine Fassungslosigkeit, nicht nur vor dem Ereignis, sondern auch vor den ekelhaften Reaktionen, die es auslöste, und die nun schon zum Ereignis selbst gehören. "Ich hätte mir vieles träumen lassen", schreibt er, "aber dass sich der nackte Judenhass, die Fratze des Antisemitismus, einmal wieder so unverstellt zeigen würde, dies in Deutschland, in Westeuropa, an amerikanischen Universitäten und anderswo, dies ist eine Erfahrung, die alles, was mir als verbürgt und gesichert galt, in Frage stellt." Auch Grünbein hat die Philosophenaufrufe der neuen Faschismus-Versteher gelesen und konstatiert: "Es zeugt aber von moralischer Verwahrlosung, wenn ein Verbrechen unbenannt bleibt, ein gezieltes Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn es gar gerechtfertigt wird, gefeiert, wie auf den Straßen Berlins, auf Demonstrationen weltweit." Auch gegen die Postkolonialisten holt Grünbein sehr deutlich aus, indem er schlicht nochmal an die Geschichte des Antisemitismus seit zweitausend Jahren erinnert, die zeigt "wie sehr also gerade Juden einen Staat brauchten zum bloßen Überleben. Und wie viel ihnen gerade darum an einer friedlichen Koexistenz mit denen, die dort schon lebten, den palästinensischen Arabern, gelegen sein musste - im eigenen Interesse. Was Vertreibung, Besatzung, religiöse Diskriminierung, Kolonialismus oder Versklavung bedeutet, muss Juden niemand, ihnen am allerwenigsten, erklären."

Der Aufruf "Philosophy for Palestine" der üblichen Verdächtigen von Judith Butler bis Etienne Balibar (unser Resümee) ist eine "totale Bankrotterklärung dieser linken Denker:innen", schreibt Tania Martini in der taz. Unter anderem attestiert sie den Autoren denkerische Schlampigkeit: Sie werfen (nur) Israel Genozid vor, aber dieses Wort sei "zu einem modischen Kampfbegriff geworden, der den Blick auf die Taten verstellt. So ist es kaum verwunderlich, dass die Philosoph:innen des Briefes ein 'Massaker' an den Palästinenser:innen zu sehen glauben, das genozidale Pogrom der Hamas vom 7. Oktober aber nur als 'Angriff' bezeichnen. Gerade so, als wären ein paar bewegte Teenager auf Skateboards mit Pfeil und Bogen in die Kibuzzim eingefallen."

Auch die FAZ-Kolumnistin Novina Göhlsdorf denkt in der FAS über die vielen Auslassungen oder allenfalls formelhaften Konzessionen in all den propalästinensischen Petitionen nach, die seit dem 7. Oktober kursieren. Sie hält es mit Seyla Benhabibs Antwort (unser Resümee) auf Judith Butlers "Philosophy for Palestine", die die "die Grenzen der Logik eines 'Sowohl-als-auch'" benenne: "Die Hamas-Anhänger lassen sich nicht als Terroristen und zugleich als antikoloniale Freiheitskämpfer begreifen. Und erkennt man an, dass der 7. Oktober, so Benhabib, eine 'Zeitenwende' darstellte für jüdische Menschen, nicht nur in Israel, und für Palästinenser, kann man ihn nicht zugleich als einen Akt unter vielen in einem durchweg von der israelischen Besatzung strukturierten Konflikt auffassen."

"Die Leugner des 7. Oktober befinden sich wie die Holocaust-Leugner in einer besonders dunklen Ecke", schreibt der Historiker Simon Sebag Montefiore in der NZZ. Und nein, Israel ist keine Kolonialmacht, wie die propalästinensische Fraktion behauptet, um so die Gewalttaten der Hamas zu legitimieren: "Die zentrale Aussage, dass Großbritannien die arabischen Versprechen verraten und die jüdischen unterstützt hat, ist unvollständig. In den 1930er Jahren wandte sich Großbritannien gegen den Zionismus, und es strebte von 1937 bis 1939 einen arabischen Staat an, ohne dass es einen jüdischen gäbe. Es war eine bewaffnete jüdische Revolte von 1945 bis 1948 gegen das imperiale Großbritannien, die den Staat zustande brachte." Ganz abgesehen davon haben Juden schon immer im Heiligen Land gelebt, so Montefiore. "Selbst diejenigen, die diese Geschichte leugnen oder sie als irrelevant für die heutige Zeit betrachten, müssen anerkennen, dass Israel heute die einzige Heimat von neun Millionen Israeli ist. Die meisten leben dort seit vier, fünf oder sogar sechs Generationen. Als Vergleich: Die meisten Einwanderer, die beispielsweise in das Vereinigte Königreich oder die Vereinigten Staaten einwandern, werden im Laufe ihres Lebens als Briten oder Amerikaner angesehen. Die Politik in beiden Ländern ist voll von prominenten Führungspersönlichkeiten - Suella Braverman und David Lammy, Kamala Harris und Nikki Haley -, deren Eltern oder Großeltern aus Indien, Westafrika oder Südamerika eingewandert sind. Keiner würde sie als 'Siedler' bezeichnen. ... Die Linken sind der Meinung, dass Migranten, die vor Verfolgung fliehen, willkommen geheißen werden sollten und ihnen erlaubt werden sollte, sich anderswo ein Leben aufzubauen. Fast alle Vorfahren der heutigen Israeli sind vor Verfolgung geflohen."

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Nicholas Potter gehört zu den Herausgebern eines Buchs über linken Antisemitismus, besonders in der deutschen Aktivistenszene, das noch vor dem 7. Oktober erschienen ist. Im Gespräch mit Max Müller von der FR äußert auch er sein Entsetzen: "Ich bin komplett desillusioniert. Von vielen Bekannten, von denen ich dachte, dass sie sich auch für Demokratie und Menschlichkeit einsetzen, bin ich schwer enttäuscht. Das geht nicht nur mir so und offen gestanden weiß ich nicht, ob und wie sich das wieder kitten lässt. Mir ist in den letzten Wochen klar geworden, dass viele Linke echt schwer antisemitisch sind und überall nur noch Unterdrücker und Unterdrückte wittern. "

In Le Monde schreibt Pierre-André Taguieff, Autor einer der wichtigsten Geschichten des Antisemitismus, über die Verantwortung der Allgemeinheit diesem neuen Antisemitismus entgegenzutreten: "Das 'ja, aber' dient nicht mehr dazu, Nuancen zu beschreiben, sondern dazu, feige eine Verherrlichung des Terrorismus zu verstecken. Diese Ausflüchte und diese Böswilligkeit müssen wir nun entlarven. Denn wir alle sind mit dafür verantwortlich, wenn sich Diskurse immer weiter ausbreiten, die Ausflüchte suchen, um die islamistische Feindseligkeit zu entschuldigen. Ohne ein moralisches Aufbäumen wird sich diese Feindseligkeit in kollektiven Taten entladen, die hier in Frankreich Juden und anderen gelten werden - auch den Lauen, die die Verbreitung von Lügen, Gleichgültigkeit und Hass zugelassen haben."

Ebenfalls in Le Monde werfen prominente Philosophen wie Etienne Balibar und Edgar Morin in einem weiteren dieser Aufrufe Israel Genozid vor: "Der Gegenschlag Israels erscheint nicht nur unverhältnismäßig, er entfaltet sich als barbarische Rache, indem er die Bevölkerung unter Bomben zerquetscht, Häuser, Schulen und Krankenhäuser zerstört und die Bewohner nur aus ihren Vierteln vertreibt, um sie besser zu Zielscheiben machen zu können. Unter den Opfern auch Tausende von Kindern. Und all dies, ohne dass eines der proklamierten Ziele auch nur die geringste Chance hätte, erreicht zu werden, sei es die Beseitigung der Hamas oder die Befreiung der Geiseln. In Wirklichkeit geht es um etwas anderes: Töten um des Tötens willen, die Vernichtung eines ganzen Teils des feindlichen Volkes, die Steigerung des Terrors auf eine neue Stufe, zum Nachteil jeder Aussicht auf eine Lösung des israelisch-palästinensischen Problems."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2023 - Ideen

Auf die im Zeit-Gespräch von Elisabeth von Thadden gestellte Frage, was afrikanische Philosophie sei, stellt der senegalesische Philosoph Souleymane Bachir Diagne klar: "Die Frage, was afrikanische Philosophie ist, hängt davon ab, ob wir vom gesamten Kontinent reden oder ob wir, wie es Hegel vor 200 Jahren so folgenreich getan hat, nur den Teil südlich der Sahara meinen. Der Norden gehört aber nicht nur zu Afrika, sondern er ist auch Teil der arabischen Welt und der islamischen Schriftkultur, und so ist der große muslimische Gelehrte Averroes, der vor fast 900 Jahren im spanischen Córdoba geboren wurde und der Aristoteles in der westlichen Welt bekannt machte, ein Afrikaner. Aber die Südhälfte gehört ebenso seit den historischen Anfängen zur afrikanischen Philosophiegeschichte, und das ist wichtig, weil man ja lange meinte, dass Afrika ausschließlich durch Mündlichkeit geprägt ist. Auch der Süden hat eine Schriftkultur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2023 - Ideen

Verschwörungstheorien kursieren ohnehin, aber sobald ein Krieg ausbricht, wird es nochmal abstruser, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Der bekannte Verschwörungstheoretiker Axel Jones behauptete in seinem Podcast beispielsweise (neben viel anderem Haarsträubendem), die Hamas sei von Israel gegründet worden, so Scheiner. Zu Grunde liegt ein Motiv, dass sich hartnäckig hält und immer wieder aufkommt: die antisemitische Mär von der jüdischen Weltverschwörung, finanziert von der Familie Rothschild: "Er ist die Säule, auf der die grundlegenden Verschwörungstheorien fußen. Zentraler Gedanke ist, dass eine weltweit verzweigte Familie kriegerische Auseinandersetzungen provoziert, weil sie mit allen involvierten Konfliktparteien verflochten ist. Tatsächlich waren die Rothschilds vielerorts finanziell involviert. Mayer Amschel Rothschild schickte seine Söhne damals in die Welt hinaus, damit sie Geschäftsbeziehungen knüpften. Nur profitierten sie von Kriegen kaum. Im Gegenteil, Konflikte brachten wirtschaftliche Unsicherheit. Und entsprechend setzte sich die Familie vielfach für Frieden ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2023 - Ideen

Unter der Überschrift "Philosophy for Palestine" haben Akademiker aus Nordamerika und Europa, darunter Judith Butler, Etienne Balibar und Nancy Fraser, ihre Solidarität mit den Palästinensern gegen den "ethno-suprematistischen" Staat Israel erklärt, dessen Auflösung sie fordern: "Die Blockade des Gazastreifens dauert seit 16 Jahren, die Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens seit 56 Jahren; die Enteignung der Palästinenser von ihrem Land und ihren Häusern im gesamten historischen Palästina dauert seit der Gründung Israels als ethnisch-suprematistischer Staat im Jahr 1948 ein dreiviertel Jahrhundert. Es ist nicht ohne Grund, dass Beobachter - darunter sowohl internationale und israelische Menschenrechtsgruppen - Israels Kontrolle über das Land vom Jordan bis zum Mittelmeer als ein System der Apartheid charakterisiert haben. Vor allem aber sind wir uns nur allzu bewusst, dass die Länder, in denen wir leben und arbeiten und Steuern zahlen, eine Partei und nur eine Partei in diesem zutiefst asymmetrischen Konflikt finanzieren und unterstützen. Diese Partei ist nicht die der Unterdrückten, sondern die der Unterdrücker. Gerade jetzt haben die Menschen in Gaza ihre Verbündeten weltweit aufgefordert, Druck auf ihre Regierungen auszuüben, um einen sofortigen Waffenstillstand zu fordern. Aber sie haben deutlich gemacht, dass dies der Anfang und nicht das Ende kollektiver Befreiungsaktionen sein sollte - sein muss. Wenn es Gerechtigkeit und Frieden geben soll, muss die Belagerung des Gazastreifens aufgehoben werden, die Besatzung muss enden und die Rechte aller Menschen, die derzeit zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben, müssen ebenso wie die der palästinensischen Flüchtlinge im Exil respektiert werden."

In Medium reagiert die türkisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib schockiert auf diesen Brief, dem "jegliches Gespür für die Geschichte" fehle und der zugleich der Hamas als "angebliche Vorhut des palästinensischen 'Befreiungskampfes' unterstützt. Dies ist ein kolossaler Fehler. Die Hamas ist eine nihilistische Organisation, die die Zivilbevölkerung des Gazastreifens als ihre Geisel behandelt. Der Führer der Organisation, Ismail Hanniye, sitzt in einem Luxushotel in Katar, während auf den Straßen von Gaza Kinder sterben. Ja, wie Amnesty International sagt, 'Gaza ist das größte Freiluftgefängnis der Welt', aber das liegt auch daran, dass die Hamas eine Vernichtungsorganisation ist, deren Charta die Zerstörung des Staates Israel befürwortet. Auch Sie scheinen dies implizit zu unterstützen, wenn Sie schreiben: 'Wenn es Gerechtigkeit und Frieden geben soll, muss die Belagerung des Gazastreifens aufgehoben werden; die Besatzung muss beendet werden, und die Rechte aller Menschen, die derzeit zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben, sowie die der palästinensischen Flüchtlinge im Exil müssen respektiert werden.' Amen! Aber sehen Sie in der Hamas eine politische Organisation, die sich für die 'Achtung der Rechte aller Menschen einsetzt, die derzeit zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben'? Das widerspricht der Geschichte und der Logik. Die Hamas hat sich der Zerstörung des Staates Israel verschrieben; das unterstütze ich nicht. Und Sie? Welche moralische oder politische Logik liegt Ihrer Argumentation hier zugrunde?"

In der taz erinnern Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie daran, dass ein Teil der Linken immer schon eine Sympathie für totalitäre Fanatiker hatte. "Die aktuelle Verwirrung und Verirrung, die in der Hamas-Freundlichkeit zum Ausdruck kommt, hat ihre Vorgeschichte. Der Geburtsfehler der nach 1945 unter dem Motto 'Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus' versammelten Linken bestand in der Negation der 'westlichen Werte' von Demokratie und Menschenrechten, die es dem Sowjetkommunismus leicht machte, politische und soziale Proteste im Westen zu kapern. Gewiss waren die westlichen Bündnisse - Nato, EWG - gerade im Hinblick auf den fortbestehenden Kolonialismus, das Wettrüsten und eine neoliberale Wirtschaftspolitik problematisch. Aber das hätte kein Blankoscheck für einen kruden Antiamerikanismus und nationalneutralistische 'Dritte Wege' sein dürfen, die im organisierten Pazifismus von den 1950er bis in die 1990er Jahre (und heute wieder in Hinsicht auf die Aggression gegen die Ukraine) zur faktischen Allianz mit (sowjet)russischen Zielen führte - ganz abgesehen vom unsäglichen Schulterschluss westlicher K-Gruppen mit der maoistischen Diktatur in China und Terrorregimen in Südostasien."

Außerdem: Die Welt bringt die Rede, die Slavoj Zizek zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse ursprünglich halten wollte. (Unsere Resümees) Laut Zizek, so die Welt, hatte ihn der Geschäftsführer der Messe, Jürgen Boos, kurzfristig gebeten, auch auf den Terroranschlag der Hamas einzugehen. Dies war in Zizeks Rede ursprünglich nicht vorgesehen, hier ging es im Wesentlichen um Cancel Culture von Links und Rechts.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2023 - Ideen

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In ihrem aktuellen Buch "Bleibefreiheit" wirbt die Philosophin Eva von Redecker für das Hierbleiben. Im Tagesspiegel-Gespräch kritisiert sie das Reisen: "Bleibefreiheit gibt es nur, wenn Sie grundsätzlich auch die Freiheit haben, zu reisen. Aber nur weil Sie das tun, entdecken Sie noch lange nicht die Welt. Nicht in einer Zeit, in der viele Innenstädte sich in gleichförmige Shoppingmalls verwandelt haben und in den Ländern um das Mittelmeer Waldbrände wüten. Im heutigen Besitzindividualismus gerät man auch beim Reisen leicht in einen Überbietungszwang: Was kann ich mir noch leisten, wie weit kann ich noch kommen?"