9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2023 - Ideen

Im Observer staunt der britische Schriftsteller Howard Jacobson, wie schnell Israelis der Vorwurf des Genozids gemacht wird. Und wie groß das Vergnügen zu sein scheint, ihnen ihren größten Schmerz vor die Füße zu werfen: "Es liegt ein sadistischer Triumphalismus darin, die Juden des Völkermordes zu beschuldigen, als ob diejenigen, die dies tun, das Gefühl hätten, endlich ihren Mann bei den Ohren zu haben. Der Sadismus besteht insbesondere darin, die Juden dort anzugreifen, wo ihre Erinnerung an den Schmerz am stärksten ist. Indem man sie nun zum Folterer und nicht mehr zum Gefolterten macht, entreißen ihnen die Angreifer ihre Qualen und stehlen ihnen nicht nur ihre Vergangenheit, sondern treten sie mit Füßen. Der Sadismus der Holocaust-Leugnung hat sich seit langem entwickelt. Die zionistischen Juden als Nazis zu bezeichnen, war ein früher Versuch, sie zu diskreditieren, indem man sie mit ihren Mördern gleichsetzte. ... Der Vorwurf des Völkermordes geht jedoch weiter als jeder dieser Vorwürfe. Für die Nazis war 'Völkermord' keine verbale Ausschmückung. 'Endlösung' bedeutete 'Endlösung'. Zeigen Sie einfach, dass die Juden eine Endlösung für jemand anderen beabsichtigen, und wir können uns vorstellen, dass eine rückwirkende Gerechtigkeit am Werk war - die Juden werden für ein Verbrechen bestraft, das sie noch nicht begangen hatten. Man nennt dies die Annullierung des Holocaust."

Propalästinensische Studenten in Philadelphia machen inzwischen klar, dass Juden nicht nur in Israel nicht sicher sind. Vor einem jüdisch geführten Falafel-Laden skandieren sie:


Der israelische Historiker Tom Segev weiß im Interview mit dem Spiegel nicht, ob Israel die Tunnel der Hamas militärisch zerstören kann. Aber vor allem versagt ihm nach dem Angriff der Hamas die Vorstellung, wie ein Frieden aussehen könnte. "Beide Völker wollen das ganze Land für sich. Eine Zweistaatenlösung wirkt wunderschön auf dem Papier, aber sie ist nur eine diplomatische Fiktion, furchtbar bequem für alle, die nicht genau wissen und nicht genau wissen wollen, was hier eigentlich los ist. Die Welt ist voll von Menschen, die ganz genau wissen, wie man diesen Konflikt lösen kann. Aber ich gehöre nicht zu ihnen. Ich sehe nicht, wie das möglich sein soll. Ich sehe einen Konflikt zwischen zwei Völkern, die beide ihre Identität durch das Land definieren, und zwar das ganze Land. Das heißt, dass jeder Kompromiss bedeuten würde, einen Teil der kollektiven Identität aufzugeben. Und ich sehe nicht, dass das passieren könnte. David Ben-Gurions Schlussfolgerung war daher einst, dass man diesen Konflikt nicht lösen kann. Man kann ihn nur managen." Nur eins sei heute klar: Der Plan Netanjahus, Frieden mit den arabischen Staaten zu schließen und die Palästinenser außen vor zu lassen, gehe nicht auf.

Der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm distanziert sich im Spiegel-Gespräch mit Tobias Rapp und Lothar Gorris sowohl von den Postkolonialisten (obwohl er lobende Worte für Judith Butler findet), als auch von den rückhaltlosen Unterstützern Israels und hält weiterhin an einer Idee einer Konföderation zwischen Palästinensern und Israelis fest. "Auf der palästinensischen Seite sehe ich Hoffnung, wenn ich mir die führenden palästinisch-israelischen Politiker anschaue. Die wissen genau, was ihren jüdischen Landsleuten am 7. Oktober angetan wurde. Sie haben einen klaren Standpunkt bezogen. Und sie setzen sich nun auch zusammen mit israelischen Juden dafür ein, dass palästinisches Leben in Gaza verteidigt wird. Könnte das die Brücke sein? Es wäre die einzige, die mir einfällt."

In der taz beklagt die Autorin Andrea Scrima unter Berufung unter anderem auf Deborah Feldman ein Schwarz-Weiß-Denken im Gazakonflikt: "Die Lage ist aufgeheizt, doch es müsste möglich sein, einige Tatsachen gleichzeitig denken und aussprechen zu dürfen: das Recht Israels, sich zu verteidigen; die Tatsache, dass nach Angaben des der Hamas unterstehenden Gesundheitsministeriums in Gaza bereits über vierzehntausend Zivilisten getötet worden sind; der Horror der von Hamas verübten Gräueltaten; die Vertreibung von knapp zwei Millionen Menschen und die Zerstörung ihrer Häuser und Städte. Stattdessen wird in Gut und Böse, Schwarz und Weiß argumentiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2023 - Ideen

Buch in der Debatte

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Der Historiker Steffen Klävers hat vor zwei Jahren die Studie "Decolonizing Auschwitz?" veröffentlicht und dürfte einer der besten Experten für Antisemitismus in der postkolonialen Schule sein. In der Jungle World bespricht er (leider nicht online) den von Jürgen Zimmerer herausgegebenen Band "Erinnerungskämpfe - Neues deutsches Geschichtsbewusstsein", in dem der "Historikerstreit 2.0" aus Sicht der postkolonialen Denkschule resümiert wird. Der Perlentaucher hatte bereits im Juni 2021 einen Überblick einige der wichtigsten Artikel der Debatte gegeben. Zimmerers Sammelband ist genau einen Monat vor dem Blutkarneval der Hamas erschienen und wiederholt die Positionen der postkolonialen Schule in heute obszön wirkender Unschuld. Auch Dirk Moses, eine der prominentesten Figuren der Schule schreibt, und Klävers deckt die Fehlstellen in dessen Artikel mit großer Nüchternheit auf: "Die Hamas oder der Islamische Jihad scheinen für Moses nicht zu existieren, jedenfalls findet sich in seinem Text kein Hinweis auf islamistischen Terror. Gleichzeitig relativiert er Antisemitismus unter Muslimen mit dem Hinweis, dass der Polizeistatistik zufolge der Antisemitismus in Deutschland zu 90 Prozent von rechts komme. Dass diese Zahlen bekanntermaßen seit Jahren hinsichtlich ihrer Aussagekraft kritisch diskutiert werden und es auch Studien mit anderen Zahlen gibt, ignoriert er ebenfalls. Das Thema muslimischer Antisemitismus kommt auch in den anderen Texten nicht vor, dafür wird sehr viel über 'Islamophobie' gesprochen."

Klävers' grundlegendes Buch "Decolonizing Auschwitz?" ist seinerzeit als Dissertation nur in einer unbezahlbaren Ausgabe erschienen und wurde von den Feuilletons so gut wie gar nicht wahrgenommen. Nun annonciert der Verlag aber eine Taschenbuchausgabe.

"Kann der zerstörte Status quo zu einem friedlichen 'Danach' führen", fragt der israelische Konfliktforscher Yuval Kremnitzer in einem kleinen taz-Essay. Die Idee des "conflict management" ging allerdings von der israelischen Linken aus, die einerseits von den Anschlägen besonders hart getroffen wurden (in den Kibbutzim lebten viele Anhänger der Friedensbewegung) und deren Ideen natürlich auch von den Hamas-Pogromen in krasser Weise dementiert wurden: "Während die Trauer noch in den Anfängen steckt, werden wir weltweit mit entsetzlichen Reaktionen konfrontiert - viele davon von selbsternannten Progressiven -, die von der Leugnung der an israelischen Zivilisten begangenen Gräueltaten bis hin zu deren Rechtfertigung reichen." Auch Kremnitzer kritisiert die "postkoloniale Unterstützung" für die Palästinenser, die "nicht nur Gewalt gegen Israelis und Juden weltweit, sondern auch die Ängste der Israelis und ihr Gefühl der Isolation befördert - was wiederum dazu führt, die Palästinenser einer unerbittlichen Gewalt und Wut von israelischer Seite auszusetzen". Und er fordert: "Sowohl aus moralischen als auch aus praktischen politischen Gründen kann die Unterstützung der Palästinenser nur mit einer absoluten Ablehnung der von der Hamas begangenen Gräueltaten einhergehen."

"Bilder und Zeiten", die virtuelle Print-Beilage der FAZ, übernimmt einen Aufsatz des Philosophen Raphael Zagury-Orly aus dem französischen Online-Forum Tenou'a. Auch er beklagt die kriminelle Naivität jener postkolonialen Aktivisten, die etwa den Artforum-Aufruf (unsere Resümees) unterschrieben und die vom Nahostkonflikt zumeist nicht die geringste Ahnung haben, wie Zagury-Orly in persönlichen Gesprächen herausfand. Das Irre am Postkolonialismus ist für ihn auch, dass er Israel, ein Staatenprojekt, das von Flüchtlingen gegründet wurde, zum Inbegriff de Kolonialismus macht: "Manche scheinen zu glauben, wir Israelis kämen aus allerlei Orten außerhalb Israels wie Polen, Algerien, Tunesien. Für wie groß halten sie die Wahrscheinlichkeit, dass wir jemals in eines dieser Länder emigrierten? Glauben sie wirklich, wir 'gehörten' zu diesen Ländern? Dass die Dinge so einfach wären? Dass Polen, Algerien und all die Länder, die als Durchgangsstationen für Juden dienten, uns als ihresgleichen wahrnehmen? Als echte Mitglieder der Gesellschaft?"

Der Schauspieler und Autor Edgar Selge denkt in der SZ über das Schweigen in Deutschland nach, das von den Eltern an die Kinder weitergegeben worden sei: "Die Geschichte meiner Eltern ist von ihren Fehlentscheidungen während der Nazizeit und dem anschließenden Schweigen darüber geprägt. Allerdings schließt meine Liebe zu ihnen dieses Schweigen mit ein, das sie an mich weitergegeben haben. Ich habe dabei lange etwas verwechselt: Sie waren nicht unfähig zu trauern, sondern sie waren unfähig, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, und dadurch war die Trauer in ihnen selbst nicht als humane, tröstliche Form vorhanden, sondern als ein selbstzerstörerischer, bitterer Schmerz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2023 - Ideen

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So bedroht war der "transatlantische Westen, wie er nach 1945 entstanden ist, bis heute noch nie", sagt der Historiker Heinrich August Winkler, dessen Buch "Die Deutschen und die Revolution" gerade erschienen ist, im Tagesspiegel-Interview mit Hans Monath und Christoph von Marschall. Die demokratischen Systeme sind in Europa und den USA durch nationalistische Bewegungen massiven Gefahren ausgesetzt. Winkler hat trotzdem Hoffnung, dass sich die westlichen Demokratien als wehrfähig erweisen: "Ich setze nach wie vor darauf, dass die freiheitlichen Kräfte der westlichen Demokratie sich als stärker erweisen als die Gegner der Errungenschaften der Aufklärung. Aber ich bin deutlich skeptischer als vor 30 Jahren nach den friedlichen Revolutionen in Ostmitteleuropa und der Wiedervereinigung. Besorgniserregend ist die Tatsache, dass nationalpopulistische Parteien ihre Stärke heute aus allen politischen Lagern beziehen. Insofern kann man von der Gefahr einer Entliberalisierung oder 'Entwestlichung' des Westens sprechen."

Der israelische Autor Etgar Keret verurteilt im SZ-Interview mit Johanna Adorján die Unfähigkeit der heutigen Gesellschaft, komplizierte Probleme als solche begreifen zu können: "Wirklich, die Fähigkeit, jegliche Art von Komplexität zu erfassen, ist momentan erschreckend wenig verbreitet. Es ist, als hätte ein Virus die Intellektualität der Menschheit befallen. Was vorherrscht, sind Emotionen, die niemandem guttun: Hass, Frustration, Entfremdung." Vor allem auf Social Media und zeige sich eine unglaubliche Einseitigkeit, vor allem bei selbsternannten "Aktivisten": "Aktivismus bedeutete, aktiv zu werden, um die Welt zu verändern. Heute ist Aktivismus, wenn man auf Facebook die Flagge postet, für die man gerade ist. Das Allerwichtigste dabei: sich ganz und gar der Einseitigkeit zu verschreiben. Es darf nicht die geringste Mehrdeutigkeit zugelassen werden. Aktuell ziehst du dir den meisten Hass zu, wenn du auf Social Media schreibst, dass du um die getöteten Kinder vom 7. Oktober weinst und um die Kinder in Gaza. Dafür werden sie dich in Stücke reißen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2023 - Ideen

"Schulden sind Kredite und diese wiederum äußert raffinierte oder gar magische Instrumente. Sie sind nämlich die einzigen Erfindungen, vielleicht neben der Heilsgeschichte, mit denen man die Zeit beherrschen und die Zukunft in die Gegenwart holen kann", sagt der Philosoph Joseph Vogl im Gespräch mit der Berliner Zeitung, in dem er auch erläutert, wie Schulden die Demokratie bedrohen können: "Einerseits sind sie Instrumente für eine antizyklische Wirtschaftspolitik, etwa für Investitionen in Krisenzeiten. Anderseits hat sich nach der Finanz- und Eurokrise eine Neigung gezeigt, das kollabierende Finanzsystem mit öffentlichen Geldern zu retten, was insbesondere in der Eurozone zu einer Umverteilung von Finanzrisiken von oben nach unten bedeutete - steigende Arbeitslosigkeit, Kürzung von Sozialleistungen, erodierende Infrastrukturen. Das Finanzpublikum wurde gegenüber dem demokratischen Stimmpublikum privilegiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2023 - Ideen

Die Idee des Zionismus, die maßgeblich auf Theodor Herzl zurückgeht, wird des Öfteren von politischen Hardlinern in Israel missbraucht, schreibt Paul Jandl in der NZZ. "Mit dem Phantasten allerdings, der so kühn war, die Gründung Israels als eine Art Volksfest zu imaginieren, bei dem sich die Juden und die arabisch-muslimische Welt in die Arme fallen, ist heute kein Staat mehr zu machen", so Jandl. Dieser träumte in seinem Roman von dem friedlichen Zusammenleben aller Kulturen: "Für den Feuilletonjournalisten Theodor Herzl gab es einen fiebrigen kulturellen Traum, der schwer mit dem jetzigen politischen Wachzustand des Nahen Ostens in Verbindung zu bringen ist. Seine naiven Visionen am Übergang zum 20. Jahrhundert gingen weit über die Idee politischer Landkarten hinaus. Sein neues altes Land sollte in der 'Cultur ein Wunderland' sein, das man besucht wie Lourdes, Mekka oder das chassidisch-bukowinische Sadigura. 'Neu Judäa soll nur durch den Geist herrschen', hat Theodor Herzl geschrieben und sich eine entmilitarisierte Zone gewünscht, in der alle Menschen in Frieden leben."

Auf geschichtedergegenwart.ch zeichnet der Historiker Felix Schürmann die Begriffsgeschichte des Wortes "Clan" nach. Heutzutage wird der Begriff besonders für kriminelle Strukturen benutzt, was meist unpassend und falsch sei. "Die geballten Probleme werfen die Frage auf, ob es sich überhaupt lohnt, am Clan-Begriff festzuhalten. Eine abwägende Antwort lautet: Ja - sofern man ihn als Modell begreift und nicht mehr von ihm erwartet, als er leisten kann. Ein Modell reduziert die Komplexität der Wirklichkeit, um ihre Grundzüge greifbar zu machen. Weil Modell und Wirklichkeit nicht identisch sein können, verhält es sich mit keinem Clan exakt so, wie Theorien Clans beschreiben. So verstanden kann der Clan-Begriff durchaus helfen, sich in den komplexen Landschaften sozialer Verwandtschaften, Zugehörigkeiten und Affinitäten zu orientieren. Doch je näher in eine solche Landschaft hineingezoomt wird, desto stärker greifen die Vorteile kontextspezifischer Eigenbezeichnungen. Wie man verwandt sein kann, das lässt sich aus der Binnensicht einer Gesellschaft besser verstehen als mit einem universalistischen Dachkonzept."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2023 - Ideen

Für die SZ trifft sich Jörg Häntzschel mit dem Autor David van Reybrouck, der unter anderem Bücher über die Geschichte Kongos und Indonesiens geschrieben hat. Die Debatte um Kolonialismus sei zu eng, sagt er: "'Im 21. Jahrhundert betrachten wir den Kolonialismus des 20. Jahrhunderts durch die Linse des Nationalstaats des 19. Jahrhunderts.' (…) Und auch die heutige postkoloniale Bewegung ist ihm, bei aller Sympathie, ein wenig fremd. Schon bei seiner Schilderung der Unabhängigkeitskämpfe in den Kolonien interessierten ihn die Macher der Dekolonisierung mehr als deren Vordenker, die historischen Ereignisse mehr als die Theorie. Und so wundert er sich, dass viele Aktivisten all ihre Energie in die Entfernung von Denkmälern, die Umbenennung von Straßen und die Überarbeitung von Schulbüchern stecken. 'Man muss unterscheiden zwischen Intentionen und Systemen, Strukturen und Symbolen', sagt er. 'Viele tun so, als sei der Kolonialismus vorbei, und wenn er nicht vorbei ist, lebt er als Rassismus weiter.' So als sei die Dekolonisierung des Denkens die letzte unerledigte Aufgabe, bevor zwischen Nord und Süd Gerechtigkeit herrscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2023 - Ideen

Für ihre Analyse postkolonialer Theorien auf ZeitOnline hatte Julia Werthmann auch Gespräche mit hierzulande an Universitäten lehrenden Vertreterinnen des Postkolonialismus geführt, im Nachhinein wurde kein Zitat freigegeben. Werthmann setzt sich mit verschiedenen Vorwürfen an den Postkolonialismus auseinander, unter anderem mit jenem des Antisemitismus: "Diese Kritik scheint schon deshalb allzu pauschal, weil sich bei vielen postkolonialen Theoretikerinnen Einflüsse aus den jüdischen Studien nachzeichnen lassen und oft auch ein Ineinandergreifen von Rassismus und Antisemitismus betont wird. … Und dennoch lässt sich fragen, ob beide Diskriminierungen stets kongruent verlaufen. Gibt es doch etwa auch die antisemitische Verschwörungstheorie des sogenannten Finanzjudentums, die Juden dämonisiert, indem sie ihnen Allmächtigkeit unterstellt. Der indische Historiker Benjamin Zachariah, der am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig zu Kolonialismus und Faschismus forscht, meint deshalb im Gespräch mit ZeitOnline: 'Antisemitismus ist der blinde Fleck der postkolonialen Theorie.' Vielleicht ist sie nicht gänzlich blind und doch bleibt die Frage, ob sie es nicht verfehlt, die Unterschiedlichkeit der Herabwürdigungen ausreichend zu erhellen."

Linke Theoretiker sollten sich mit manch "gedanklichem Kurzschluss" von Edward Said auseinandersetzen, fordert indes Thomas Ribi in der NZZ und erinnert unter anderem an die Empörung über das Foto aus dem Jahr 2000, das zeigt, wie Said an der Grenze zwischen Libanon und Israel einen Stein Richtung Israel warf. Heuchlerisch, meint Ribi, Saids politisches Engagement war absolut kein Geheimnis: Man "hätte wissen können, dass er ein Extremist war, für den Terrorismus als legitimes Mittel galt, wenn es um das ging, was er als Kampf für die Befreiung Palästinas bezeichnete. Der dandyhafte Gelehrte war ein Ideologe der palästinensischen Widerstandsbewegung gewesen, jahrelanges Mitglied des Exilparlaments der Palästinenser und einer der engsten Berater von Yasir Arafat." Und weiter: "Schon vor dem Osloer Vertrag hatte Said den Ton verschärft. Die Autonomiebehörde kritisierte er als 'korrupte, polizeistaatliche Autokratie', Israel als brutale 'Militärmacht'. Arafats Zusicherung, künftig auf Gewalt zu verzichten, bezeichnete er in aller Offenheit als Akt der Kollaboration mit den 'israelischen Okkupanten'. Dass der 'Kollaboration' verdächtigte Palästinenser erschossen oder gefoltert wurden, hatte er schon Ende der achtziger Jahre gerechtfertigt."

Ebenfalls in der NZZ untersucht der Philosph Reinhard K. Sprenger die Natur des Konflikts. In Bezug auf den Nahost-Konflikt konstatiert er: "Grundsätzlich ist die Frage nach dem Beginn eines Konflikts naiv: Sie ist weder sinnvoll zu diskutieren noch zu beantworten. Im sozialen Bereich sind die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge so ineinander verschachtelt, dass sich kein Anfang finden lässt - nicht ohne dem bereits Gewordenen Gewalt anzutun." Letzendlich ginge es bei der Suche nach Ursachen immer nur darum "Schuldige zu produzieren", stattdessen müsse man irgendwann "die vergiftete Vergangenheit hinter sich lassen. Sich vielmehr auf das gegenwärtige Erleben der Situation konzentrieren. Dann den Blick in die Zukunft richten, auf einen Zustand, der weniger leidvoll ist. Mehr ist nicht zu wollen. Denn Konflikte lassen sich nicht lösen. Sondern nur in Bewegung bringen. Sie lassen sich beruhigen, aber nicht beseitigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2023 - Ideen

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"Ich halte es für eine Konstante in der Menschheitsgeschichte, dass jede Gruppe die Art von Grausamkeiten verübt, zu der sie ideologisch, technisch, administrativ und militärisch fähig ist", antwortet der Philosoph Hanno Sauer, dessen Buch über Moral für den deutschen Sachbuchpreis nominiert war, als er im Tagesspiegel-Gespräch gefragt wird, wie es möglich sein konnte, dass nach vielen Jahrhunderten der moralischen Fortentwicklung des Menschen die Deutschen mit dem Holocaust ein Verbrechen von einer bis heute nicht mehr erreichten Dimension begingen: "Der Holocaust war da keine Ausnahme, einzigartig war nur die Form, in der hier der Massenmord organisiert wurde. Jede gesellschaftliche Formation in der Geschichte verübt Grausamkeiten bis hin zum Genozid, zu denen sie fähig ist. Das passiert immer wieder. Nachdem die Atombombe entwickelt war, wurde sie auch eingesetzt. Zu den Voraussetzungen des Holocaust gehört, dass sich in Zeiten wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit eine Dynamik entfachen lässt, die eine Gruppe von Menschen gegen eine andere stellt, in diesem Fall nicht-jüdische Deutsche gegen Juden. Nur in diesem Kontext war die Entwicklung hin zum Massenmord möglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2023 - Ideen

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Die große Gefahr des Klimawandels ist "ein Kollaps der Gesellschaft, unseres Rechtsstaates und unserer Demokratie", warnt im Tagesspiegel-Gespräch der Klimaphysiker Anders Levermann, der in seinem Buch "Die Faltung der Welt" für Wirtschaftswachstum in begrenztem Raum plädiert: "Unser Wohlstand und das immense Wirtschaftswachstum der vergangenen 100 Jahre sind direkt an das Verbrennen von fossilen Brennstoffen gekoppelt. Unsere Wirtschaft verursacht also den Klimawandel und wird zugleich unter dessen Folgen zu leiden haben. Dabei muss man die Wirtschaft immer als Teil der Gesellschaft begreifen. Die Sichtweise 'die Wirtschaft gegen uns' hat wenig Wert. Es geht um gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. (…) Wir können nicht einfach aufhören, uns zu entwickeln. Wir brauchen Wirtschaftsaktivität, um die extreme Armut und Ungleichheit auf dem Planeten zu reduzieren, und außerdem hilft uns eine Reduktion des CO₂-Ausstoßes in der Klimakrise ohnehin nur bedingt. Vielen Leuten ist nicht klar: Wir stabilisieren die Temperatur der Erde nur, wenn wir auf null Emissionen kommen."

Im Welt-Gespräch mit Jakob Hayner hält der Philosoph Christoph Türcke das neue "Selbstbestimmungsgesetz" für die Durchsetzung einer neuen Doktrin: Das Gefühl werde hier zu einem Sein aufgespreizt, behauptet er und sucht die Begründung in der Digitalisierung: "Erst vor etwa 50 Jahren, mit dem Beginn der mikroelektronischen Revolution, begann der Diskurs, der der Zweigeschlechtlichkeit jegliche Naturgrundlage bestritt und behauptete: Sie ist nichts als eine patriarchale Konstruktion. Die Mikroelektronik hat die Binarität von Arbeit und Freizeit, von Öffentlichkeit und Privatsphäre tendenziell aufgelöst und damit die Deregulierung der kapitalistischen Produktion eingeleitet, die sich seither unaufhaltsam in alle Lebensbereiche ausdehnt. Spätestens mit dem Siegeszug des Smartphones ist sie in das Innere des Geschlechterverhältnisses eingedrungen. Seither kann man förmlich zusehen, wie das herkömmliche Geschlechtszugehörigkeitsgefühl an Selbstverständlichkeit verliert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2023 - Ideen

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In seinem aktuellen Buch "Die Rechte der Natur" fordert der Philosoph Tilo Wesche, der Natur Eigentumsrechte einzuräumen. Im taz-Gespräch erläutert er: "Wenn die Natur Eigentumsrechte hat und Menschen Naturgüter nutzen, kann ihnen auch eine Gebühr für die Naturnutzung abverlangt werden. Weil sie die Natur nutzen, müssten Unternehmen auch zahlen. Die Natur bekommt dann einen Preis, und dieser Preis muss reinvestiert werden, um die sozioökologische Transformation finanzieren zu können. (…) Der Vorteil von Rechten ist, dass sie durchgesetzt werden können, auch gegen Großunternehmen. In Ecuador führten die Rechte der Natur dazu, dass ein milliardenschwerer, internationaler Bergbaukonzern über Nacht gezwungen wurde, den Bergbau in einem Nebelwald einzustellen, und zwar ohne Entschädigung."

Der chinesische Politologe Jin Canrong bezweifelt die Existenz von Aristoteles, schreibt Thomas Ribi fassungslos in der NZZ. "'Er hat zu viel geschrieben', sagt Canrong. Das sei schon rein technisch nicht möglich gewesen, bevor sich das Papier im Westen verbreitet habe - das Papier, das in China erfunden wurde, wie man ergänzen soll." Aus dem Nichts kommt dies allerdings nicht: Zuvor hatten westliche Historiker "Zweifel geäußert, ob die chinesische Geschichte tatsächlich fünf Jahrtausende zurückreicht". "Die Skepsis des Westens trifft nationalistische chinesische Wissenschaftler an einem empfindlichen Punkt. Sie verstehen die kritischen Fragen aus dem Westen als Angriff auf das kulturelle Erbe Chinas".