9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2015 - Internet

Der ehemalige Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, schreibt in der Columbia Journalism Review über Journalismus nach Snowden und besteht auf einer Kleinigkeit, die in der hiesigen Kulturkritik an der Digitalisierung systematisch totgeschwiegen wird: "Das Internet ist das Ding, das ihnen Angst macht. Das Ding, das sie in den Griff kriegen wollen. Der Raum, in dem wir alle Helles und Dunkles finden. Aber die Gründe, um deretwillen der Staat das Internet beherrschen will, sind auch die Gründe, die es zu einem Instrument der Freiheit machen. Was in Britannien nicht publiziert werden durfte, wurde woanders publiziert. Ärgerlich für den britischen Staat, gewiss. Aber wundervoll, da würden wohl alle zustimmen, wenn es um Länder wie China, die Türkei, Russland oder Syrien ginge."

Auf Youtube ist eine ganz eigene Jugendkultur entstanden, die nicht nur die Eltern, sondern auch das traditionelle Fernsehen vollends abgehängt hat, sagt der Vermarkter Christoph Krachten im FAS-Interview mit Bettina Weiguny: "Youtube ermöglicht jungen Menschen, ihr Publikum ohne TV-Sender zu erreichen. Manche von ihnen wären nie durch ein Casting gekommen, weil sie unglaublich schüchtern sind, erst vor der Kamera aufblühen. Nur wenige wollen ins Fernsehen, weil sie dort fremdbestimmt sind von Redakteuren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2015 - Internet

Rund 20 Cent Gewinn macht Facebook jeden Monat pro Nutzer. Wenn das Unternehmen das Geld anstatt über personalisierte Werbung direkt von den Kunden einnehmen würde, wäre nicht nur das Problem des Datenschutzes gelöst, sondern auch das der Filterblase, meint Zeynep Tufekci in der New York Times: "Ad-based businesses distort our online interactions. People flock to Internet platforms because they help us connect with one another or the world"s bounty of information - a crucial, valuable function. Yet ad-based financing means that the companies have an interest in manipulating our attention on behalf of advertisers, instead of letting us connect as we wish. Many users think their feed shows everything that their friends post. It doesn"t. Facebook runs its billion-plus users" newsfeed by a proprietary, ever-changing algorithm that decides what we see. If Facebook didn"t have to control the feed to keep us on the site longer and to inject ads into our stream, it could instead offer us control over this algorithm."

Auf Zeit digital referiert Johannes Wendt eine Studie der türkischen Wissenschaftler Mustafa Akgül und Melih Kırlıdoğ über Internetzensur in der Türkei, die in dieser Disziplin "in einer Liga mit dem Iran und China" spielt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2015 - Internet

Inhaltlich macht der neu gekürte Europachef von Google, Matt Brittin, im Gespräch mit Zoya Sheftalovich und Nicholas Hirst von Politico.eu zwar keine Konzessionen, aber er gibt zu, dass Google in Europa falsch kommuniziert habe, was wohl nur heißt, dass Google noch präsenter werden wird (wobei anzumerken ist, dass Politco.eu vom Gegen-Lobbyisten Axel Springer Verlag finanziert ist). "Britten gestand zu, dass Google sein Geschäft und seine Vision bei den Entscheidern in Brüssel und anderswo in Europa schlecht erklärt habe und sagte, dass Google sein tief in Amerika verwurzeltes Silicon-Valley-Image ablegen wolle. In Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Spanien sei Google zu lange als ein "von der West Coast und liberalen Werten geprägter" Laden erschienen."

Mit der Versteigerung von Funkfrequenzen an Mobilfunkunternehmen begeht die Bundesnetzagentur einen gravierenden industriepolitischen Fehler, warnt Jan-Peter Kleinhans auf Zeit digital und blickt neidvoll auf andere Länder, die Teile des leistungsstarken Spektrums freigehalten haben: "Ein offenes Frequenzspektrum, das durch die Allgemeinheit und damit auch durch Forschungseinrichtungen, Unternehmen oder die öffentliche Hand lizenzfrei genutzt werden darf, ist ein starker Innovationstreiber. So versorgen beispielsweise in den USA und Südafrika leistungsstarke WLANs mit wenigen Sendemasten mehrere Schulen und Universitäten eines gesamten Bezirks mit schnellem, mobilem Internet. In Großbritannien wurden kostengünstige, energiesparende Sensornetzwerke etwa zur Stauprävention, zum intelligenten Management der öffentlichen Abfallversorgung oder zur Früherkennung von Überschwemmungen aufgebaut."

Ebenfalls in Zeit digital porträtiert Thorsten Schröder den Juristen Jay Edelson, dessen Start-Up Edelson PC mit Sammelklagen gegen Unternehmen wie Facebook und Netflix mehr als eine Millarde Dollar an Ausgleichszahlungen für Datenschutzverletzungen erkämpft hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2015 - Internet

Ein Jahr nach Frank Schirrmachers Tod fragt Wolfgang Michal im Freitag, welche Folgen die letzte von Schirrmacher angestoßene Debatte hatte - immerhin hatten über den aus der Richtung von Google angeblich heraufziehenden "technologischen Totalitarismus" neben diversen Medienmachern und Theoretikern auch zahlreiche Politiker - darunter Martin Schulz, Sigmar Gabriel, Guy Verhofstadt und Christian Lindner -, FAZ-Artikel beigesteuert: "Vielleicht hätte [Schirrmacher] sich gewundert, wie groß die Töne sind, die Berufspolitiker in solchen Debattenbeiträgen spucken ("Big Data beherrschen!", "Ich diszipliniere Google", "Warum wir jetzt kämpfen müssen", "Die Politik eines neuen Betriebssystems"), und wie klein die Brötchen ausfallen, die sie in ihrer parlamentarischen Praxis backen." Nein, denn mit großen Tönen kannte sich Schirrmacher bestens aus!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2015 - Internet

Anna Biselli hat für Netzpolitik.org recherchiert, ob, wann und wie Flüchtlinge in Deutschland eigentlich Zugang zum Internet haben. "Was uns vor allem aufgefallen ist: Wie unterschiedlich die Lage ist. Wie sehr es davon abhängt, dass ein Geflüchteter "Glück hat" und in ein Wohnheim kommt, in dem es vielleicht eine angemessene Infrastruktur gibt. Doch dabei darf es eigentlich nicht sein, dass das Recht auf den Zugang zu Bildung und Informationen so beliebig gehandhabt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2015 - Internet

Die Hacker-Szene, insbesondere die deutsche, könnte "lustvoller sein, politischer, körperbetonter", sagt die italienische Hackerin Tatiana Bazzichelli im Gespräch mit Martin Kaul (taz) anlässlich der morgen beginnenden Konferenz "Cyborgs" im Berliner Kunstquartier Bethanien: "Unser Körper wird auf vielfältige digitale Weisen gezielt stimuliert, gelenkt, gesteuert. Wir erleben eine Digitalisierung, die kabellos und permanent in unsere Alltagswelten interveniert. Wir müssen uns also ernsthaft darüber Gedanken machen, wo die Cyborg-Identität beginnt und wie die Übergänge zwischen menschlichem und virtuell geleitetem Verhalten verlaufen. Der Körper steht zur Disposition. Und dennoch thematisieren wir selbst den Körper kaum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2015 - Internet

Kuba war bislang weitgehend vom Internet abgeschnitten. Der Künstler Alexis Leiva Machado alias Kcho bietet nun in einem Kulturzentrum in Havanna kostenloses WLAN an, berichtet Sebastian Erb in der taz: "Kcho sagt ganz offen, dass er eine Botschaft hat, die er unters Volk bringen will. Und die lässt sich so zusammenfassen: Die Revolution ist immer noch aktuell. Die Revolution ist auch online. (...) Hat der Künstler keine Angst, dass sich das Projekt gegen die Regierung richtet? Dass hier der "kubanische Frühling" organisiert wird? "Wir sind in Kuba, wir sind nicht in Nordafrika", sagt Kcho. Er spricht nun lauter, beinahe ein bisschen aggressiv. Alle elf Millionen Kubaner stünden hinter der Regierung. "Die Leute verteidigen die Revolution wie ihre Mutter!""
Stichwörter: Havanna, Kcho, Kuba, WLAN

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2015 - Internet

Im Guardian kann Cory Doctorow das Gemoser über Internet-Aktivisten nicht mehr hören: Das Internet sei nicht das einzige und wichtigste Problem der Welt, aber auch der Kampf gegen Klimawandel oder soziale Ungerechtigkeit werde übers Internet geführt. Und: "Stimmt schon: Technologische Aktivisten betrachten die Welt durch die Brille der Technologie. Wenn die Sharing Economy die vorderste Front für ausbeuterische Arbeitsbedingungen wird, dann schlagen Tech-Aktivisten eine kollektive Verhandlungsapp vor, eine crowd-basierte Lobby-Kampagne, eine vernetzte Kooperative für Arbeiter, die von Venture-Unternehmen abgeschöpft werden. Diese Aktivitäten sind technologisch, aber sie richten sich gegen das Problem als ökonomisches, juristisches und normatives. Das ist nicht Solutionismus, sondern Aktivismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2015 - Internet

In der SZ macht Bernd Graff seinem Ärger über Online-Pranger Luft: "Die überreizte Aufmerksamkeit des Publikums weiß schon gar nicht mehr, wohin sie sich zuerst wenden soll. Denn nicht nur Münkler-Watch funktioniert in diesem Modus, auch fast alle "#Aufschreie" kommen so daher, die spontan ausgerufenen "Gates" bedienen die Empörung ebenso, die Hotel-, Ärzte- und Lehrerbewertungen sowieso, die Kommentarspalten von Online-Medien sind voll von Skandalparanoia ("Lügenpresse"), viele, viele Kundenrezensionen und Bewertungsportale führen so Beschwerde. Man kann keinen USB-Stick mehr kaufen, ohne auf Abgründe bodenloser Enttäuschung zu stoßen."

Am Rande der Ehrung von Joan Baez und Ai Weiwei durch Amnesty International macht sich der künftige Volksbühnen-Chef Chris Dercon Sorgen um die Freiheit des Internets, berichten Kerstin Krupp und Steven Geyer in der Berliner Zeitung: "Inzwischen wird kaum etwas so strikt überwacht und kontrolliert wie gerade dieses Internet. Es ist zu einem neuen Überwachungsinstrument geworden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2015 - Internet

In der SZ ärgert sich Jens Bisky über das anonyme Studentenblog "Münkler-Watch" gegen den Politologen Herfried Münkler von der Humboldt-Universtität: "Die Blogger wollen unsichtbar bleiben. Das passt zur Logik asymmetrischer Kämpfe: mit minimalem eigenen Einsatz maximale Effekte erreichen. In einem Gespräch mit der Jungen Welt begründet "Caro Meyer" die Anonymität mit der Sorge um die Karriere: "Mit postadoleszenter Revoluzzerei wollen wir unsere Jobchancen nicht zusätzlich schmälern." Das widerspricht der Idee der Universität, die ein Raum herrschaftsfreier Kommunikation sein soll, in dem allein das bessere Argument zu gelten habe. Es widerspricht auch der bundesrepublikanischen Erfahrung, dass die schärfsten Revoluzzer später Minister werden. In diesem Auftreten mischen sich Aggressivität und Kleinmut auf eine geradezu Pegida-hafte Weise."

Im Freitag kommt Michael Angele noch einmal auf Ijoma Mangolds Facebook-Hymne zurück und führt aus, was er dort auch schon eingewandt hatte: "Ijoma Mangold hat nun sehr schön die gute, diskursive, gleichsam Habermas'sche Seite von Facebook gezeigt. Aber wäre jetzt nicht mal Bourdieu fällig? Wie bilden wir, die Publizistenelite, unser symbolisches Kapital auf FB? Was sind die Praktiken (strategisches Liken und Sharen, Allianzenbildung, Einsatz von Privatkapital (Bilder von Kindern, Anwesen)) etc. etc. Könnte wahlweise als Analyse oder als Satire geschrieben werden!" Daran schließt er noch eine kleine Typologie des Facebook-Publizisten: den Witzlosen, den Snob, den Vermittler, den Zauderer oder den Debattencholeriker....