9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2017 - Internet

Die EU will die Unterdrückung illegaler Inhalte im Internet per "Uploadfilter" automatisieren, berichtet Tomas Rudl bei netzpolitik.org: "Damit will die EU-Kommission gegen Hassrede, Aufrufen zu Gewalt oder Terrorismus, aber auch gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vorgehen." Die Filter sollen technisch bewerkstelligen, dass ein einmal als illegal erkannter Inhalt nicht wieder hochgeladen werden könne, erläutert Rudl: Zugleich mahne die Kommission "bei den Betreibern Sicherheitsvorkehrungen ein, um übermäßige Entfernung von Inhalten ('over-blocking' und 'over-removal') zu vermeiden. Dabei gibt sich die Kommission technikgläubig und fordert ein, dass die Filter den Kontext der jeweiligen Nachrichten erkennen sollen - etwa bei satirischen, aufklärenden oder dokumentierenden Inhalten."

Die Meldung, dass Twitter demnächst 280 Zeichen pro Tweet zulassen will, ist für deutsche Nutzer zwar willkommen, schreibt Marcel Weiß auf neunetz.com, aber für den stagnierenden Dienst nicht ausreichend - dabei ist Twitter so wichtig: "Twitter ist das Nervenzentrum der westlichen Öffentlichkeit. Nicht, weil sich alle Welt auf Twitter informiert; das passiert immer noch auf Facebook. Sondern weil Journalisten, Meinungsmacher und Multiplikatoren zu einer sehr großen Zahl auf Twitter aktiv sind und ihre eigene Meinungsbildung, Wahrnehmung der Welt und anfängliche Recherchen und Inspirationen sich zu einem signifikanten Teil über Twitter formen. (Deshalb wird Twitter von Journalisten gemeinhin überbewertet.)"
Stichwörter: Uploadfilter, Twitter, Hassrede

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2017 - Internet

Sascha Lobo sieht in seiner Spiegel-online-Kolumne wohl angesichts einer möglichen Jamaika-Koalition die Chance gekommen, ein hundert Milliarden Euro schweres digitales Innovationsprogramm zu fordern. Einer seiner zwölf Punkte: "Trotz einiger Aktivität in diesem Bereich bleibt das Ziel 'Öffentliche Daten' Stückwerk. Das liegt neben Budget-Problemen auch an internen Widerständen der Verwaltungen, die Lächerlichkeit kostenpflichtiger Abfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz weist darauf hin. Ein Datenbundesamt muss die kostenfreie, öffentliche Zugänglichkeit staatlicher und behördlicher Daten sicherstellen, notfalls gegen den Willen der jeweiligen Behörden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2017 - Internet

Anders als die Öffentlich-Rechtlichen oder die Zeitungen hat das offene Internet in Deutschland so gut wie keine Fürsprecher. Nur netzpolitik.org wendet sich gegen ein neues Streaming-Angebot von Vodafone, durch das die Netzneutralität ad acta gelegt wird: "Ab Ende Oktober will Vodafone die Option 'Vodafone Pass' anbieten. Dabei teilt der Netzbetreiber das Internet in Kategorien wie Musik, Chat, soziale Netzwerke oder Video ein und nimmt den Zugriff auf darin enthaltene Partnerdienste vom monatlichen Datenvolumen aus. Diese Verletzung der Netzneutralität ist genau das, wovor wir immer gewarnt haben. Anstatt generell das Datenvolumen anzuheben, um dadurch attraktiver für alle Nutzer zu werden, zerlegt der Netzbetreiber das Internet in Klassen und entscheidet damit über Gewinner und Verlierer bei den Diensteanbietern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2017 - Internet

Seit Jahren predigt Evgeny Morozov, wie gefährlich die Datenabzapferei der großen Internetfirmen ist. Aber das Internet lebt immer noch und Google gibts auch immer noch. Jetzt legt Morozov in der NZZ nochmal eins drauf, indem er ganz tief in die Mottenkiste mit den Verschwörungstheorien greift: "Faktisch bohren sich die Systeme der großen Online-Dienste mithilfe ihrer Algorithmen, Filter und diverser cleverer Design-Tricks in unsere Psyche, um dort Fakten, Zusammenhänge, Aspirationen und Ängste abzusaugen, von denen wir vielleicht nicht einmal selber wissen. Aber damit wir sie preisgeben, muss unsere Aufmerksamkeit gefesselt und irgendeiner Aktivität auf der Plattform zugeführt werden: twittern, scrollen, Likes setzen. Mithin ist das Gefühl von Erschöpfung, Zerstreutheit und Müdigkeit, das viele von uns nach einer Stunde Scrollen auf dem Smartphone empfinden, keine Illusion: Während dieser Stunde müssen unser Körper und unser Geist als Bohrplattformen herhalten, während allerpersönlichste Daten tief aus unserem Unbewussten gezogen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2017 - Internet

Facebook hat vor den Bundestagswahlen in Deutschland keine ähnlichen Einmischungsversuche auf seiner Seite registriert wie in den Vereinigten Staaten, sagte Mark Zuckerberg laut Roland Lindner in der FAZ per Video. Allerdings seien verdächtige Konten von vornherein gelöscht worden: "Zuckerberg kündigte jetzt eine Reihe von Schritten an, um 'die Integrität von Wahlen' zu gewährleisten, unter anderem in Deutschland. Facebook habe hier Tausende gefälschter Nutzerkonten entfernt, mit Behörden wie dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zusammengearbeitet und Sicherheitsmaßnahmen mit den hiesigen Kandidaten und Parteien ausgetauscht." Hier der Wortlaut von Zuckerbergs Einlassung.



Das Smithsonian Design Museum hat 200.000 Objekte digitalisiert und stellt sie online zur Verfügung, berichtet openculture.com. Das Bild zeigt ein von Lance Wyman designtes Plakat für die Olympischen Spiele in Mexiko Stadt im Jahr 1968.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2017 - Internet

Die unermüdliche EU-Parlamentarierin Julia Reda hat durch Nachfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz herausgefunden, dass die EU eine Piraterie-Studie anfertigen ließ, aber dann nicht veröffentlichte, berichtet Leonhard Dobusch  in Netzpolitik: "Hauptgrund dafür dürfte der Umstand sein, dass die Studie keine Rechtfertigung für die Kommissionspläne zur Verschärfung des EU-Urheberrechts des damals zuständigen Kommissars Günther Oettinger liefert." In der Studie konnte schlicht nicht nachgewiesen werden, dass den Kulturindustrien durch illegale Nutzung von Inhalten Schaden entsteht.

Mit der Filterblase ist es nicht so weit her. Eine Untersuchung von Autocomplete-Ergebnissen der Google-Suchen mit politischen Fragen durch die NGO Algorithm-Watch lieferte hier Ergebnisse, die den digitalen Untergangspropheten nicht schmecken werden, schreibt Eva Wolfangel bei sueddeutsche.de: "Die bisherige Auswertung auf Anfragen wie Namen der Parteien und Kandidaten für die Bundestagswahl ergab, dass eine Personalisierung nur eine sehr geringe Rolle spielt. 'Acht bis neun Treffer waren für die meisten der knapp 600 Nutzer gleich und variierten hauptsächlich in der Reihenfolge", sagt Katharina Zweig, Professorin für Netzwerktheorie an der TU Kaiserslautern. Wo es Unterschiede gab, lagen diese offenbar vor allem an der Regionalisierung der Ergebnisse: Nutzer bekamen etwa bei der Suche nach Parteien bevorzugt Seiten von Ortsverbänden in ihrer Nähe angezeigt." Algorithmwatch.de berichtete bereits am 8. September.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2017 - Internet

Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub, der in Stanford unterrichtet, porträtiert in der NZZ die Silicon Valley Szene, die sich immer noch als eine Art anarchistsisch-revolutionäre Gemeinschaft darstellt, was sie aber längst nicht mehr ist, meint Daub: "Die Unternehmer im Valley bezeichnen die politische Klasse gerne als arrogant und abgehoben. Das stimmt natürlich. Aber trifft dieselbe Diagnose nicht auch auf die Digitalunternehmer zu? Die Natürlichkeit, mit der die Chefs von Facebook, Google, Paypal davon ausgehen, dass sie die Menschen, die ihre Jachten säubern, besser verstehen als irgendwelche Gewerkschaftstypen, ist jedenfalls ziemlich atemberaubend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2017 - Internet

Eigentlich sollte Chelsea Manning visiting fellow in Harvard werden. Jetzt hat die Universität die frühere Armee-Mitarbeiterin und Whistle-Blowerin wieder ausgeladen, berichtet die New York Times und findet das "feige": "It's remarkable that one of the country's premier educational institutions would bow to C.I.A. pressure and reject a person who has arguably done more to contribute to the public's understanding of world diplomacy than anyone else in modern times. In early 2010, Ms. Manning leaked a trove of hundreds of thousands of State Department and Defense Department documents, an archive that opened an unparalleled window into American foreign policy."

Bei Buzzfeed berichtet Alex Kantrowitz, dass Google Anzeigenkunden erlaubt hat, Werbung nach rechsextremen Schlagwörtern auszurichten: "Schwarze ruinieren alles" oder "jüdische Parasiten" etwa, es gab auch - ganz neutral - "Weiße ruinieren alles". Und ProPublica sekundiert: Bei Facebook durften sich Werber an "Judenhasser" richten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2017 - Internet

Gibt es einen Gender Pay Gap bei Google? Einige ehemalige und aktuelle weibliche Google-Angestellte verklagen den Konzern, weil er Frauen schlechter bezahle und systematisch in unterlegene Positionen stecke, berichtet Sam Levin, der Silicon-Valley-Korrespondent des Guardian: "Dieser neue Prozess könnte weitreichende Folgen haben, vor allem vor dem Hintergrund, dass Google öffentlich behauptet hatte, die schlechtere Bezahlung von Frauen beendet zu haben." Levin erinnert auch an die Debatte um den von Google gefeuerten Techniker James Damore (unsere Resümees), "der ein kritisches Memo über Affirmative Action" geschrieben hat.

Christina Felschen greift in Zeit online noch eine andere für Google peinliche Geschichte auf - die Entlassung eines Google-kritischen Forschers aus dem maßgeblich von Google geförderten Thinktank New America Foundation (unsere Resümees). In der Einflussnahme sind die Internetkonzerne immer ungenierter - und mittlerweile die größten Lobbyisten in Amerika, so Felschen: "Die fünf großen amerikanischen Technikunternehmen - Facebook, Apple, Microsoft, Amazon und allen voran Google - gaben schon 2015 zusammen 49 Millionen US-Dollar für Lobbyarbeit aus, mehr als doppelt so viel wie die fünf größten Banken. Allein in Obamas Amtszeit kamen Google-Mitarbeiter zu 427 Besuchen ins Weiße Haus, wie die Campaign for Accountability exemplarisch dokumentiert hat."

Johannes Steiling stellt in Netzpolitik eine Studie der Yale Universität vor, die sich mit der Frage beschäftigt hat, wie sinnvoll es ist, wenn "Fake News" von Facebook auch als "falsch" gekennzeichnet werden. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass "die Verbesserung, die durch die Kennzeichnung erzielt werde" sehr marginal sei: "Besonders problematisch sei dies, weil so viele Falschmeldungen auf Facebook kursieren würden, dass die Faktenprüfer kaum hinterher kommen würden. Ein Großteil der Fake News könne daher nicht gekennzeichnet werden. Somit sei zu befürchten, dass die negativen Aspekte der Kennzeichnung die positiven deutlich überwiegen." Facebook zweifelte die Studie an, weil sie "methodische Mängel aufweise".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2017 - Internet

(Via Netzpolitik) Eine Gruppe von netzaktivistischen NGOs wie die Free Software Foundation Europe und der Chaos Computer Club fordert in einem offenen Brief, dass öffentlich finanzierte Software freie Software zu sein habe, weil "Freie Software/Open Source ein modernes öffentliches Gut ist, das es jedermann erlaubt, Anwendungen, die wir täglich einsetzen, frei zu verwenden, zu verstehen, zu teilen und zu verbessern, Freie-Software- und Open-Source-Lizenzen Schutz vor einer Beschränkung auf Dienstleistungen bestimmter Unternehmen bieten, welche restriktive Lizenzen verwenden, um den Wettbewerb zu behindern und freie Software/Open Source sicherstellt, dass der Quellcode zugänglich ist, so dass Hintertüren und Sicherheitslücken behoben werden können, ohne von einem bestimmten Dienstleister abhängig zu sein."

Chelsea Manning legt in der New York Times einen Essay über digitale Überwachung und "predictive policing" vor: "Die Welt ist zu einem gespenstischen dystopischen Roman geworden. Auf der Oberfläche sehen die Dinge aus wie immer, aber sie sind es nicht. Ohne klare Grenzen dafür, wie Algorithmen Daten, die von uns gesammelt werden, nutzen und missbrauchen, wächst das Potenzial zur Kontrolle unseres Lebens immer weiter an."

Eklatantes Versagen der Literatur oder einfach Natur der Dinge? Der Wissenschaftspublizist Lawrence Krauss stellt in Slate die berechtigte Frage, warum die Science Fiction das Internet nicht voraussah: "Als Kind erwartete ich, mich später in fliegenden Autos zu bewegen oder meine Ferien in einem Raumschiff oder auf dem Mond zu verbringen. Was ich nicht erwartete, war das Internet. Aber von allen technologischen Entwicklungen, die das Funktionieren von Gesellschaft verändert haben, hat keine andere die Gesellschaft vor solche neuen Herausforderungen gestellt. Es hat alles verändert - wie wir kommunizieren, einkaufen, uns unterhalten lassen und Nachrichten bekommen, und natürlich auch die Wissenschaft. Und doch war das Internet in der gesamten Mainstream-Sicence-Fiction-Literatur nicht imaginiert worden."