9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2017 - Internet

Wie vor einigen Tagen Emily Bell (unser Resümee) ist auch Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne überzeugt, dass  die mangelnde Kennzeichnung von Werbung bei Facebook und Google die Verbreitung von Fake News im amerikanischen Wahlkampf erleichterte: Hinzukommt, dass 77 Prozent der Werbeausgaben im Wahlkampf an diese beiden Plattformen gingen. "Facebook und Google haben so hart wie erfolgreich daran gearbeitet, Werbung in Propaganda zu verwandeln. Kurz gesagt, aus der Kunst der Verführung eine Wissenschaft der Manipulation zu machen. (…) Aber das ist nicht alles. Es gibt einen großen strukturellen Unterschied zwischen Facebook-Werbung und klassischen Online-Bannern: die perfekte, datengetriebene Vermischung von Werbung und Inhalten. Je ähnlicher Werbung den Inhalten ist, desto größer die Reaktionswahrscheinlichkeit."

Gerade wurden nach pharaminösen Zahlen der Konzerne Google, Amazon und Microsoft die jüngsten Quartalsdaten bei Facebook bekannt: Der Konzern machte - im Quartal! - bei 10 Milliarden Dollar Umsatz 4,7 Milliarden Dollar Gewinn. Da passt ein Artikel, auf den Constanze Kurz bei Netzpolitik hinweist: Der Blogger André Staltz erzählt, "wie das Web im Jahr 2014 zu sterben begann". Faktoren sind nicht nur die zunehmende Mobilnutzung und die Lösung des Internets von Browsern, sondern vor allem die Techgigangten, die laut Staltz aufgehört haben,einander Konkurrenz zu machen: "GOOG ist keine Internetfirma mehr, sondern die Wissens-Internetfirma. FB ist keine Internetfirma, sondern eine Soziales-Netz-Firma. Früher standen sie im Wettbewerb und machten das Netz dadurch vielfältig. Heute scheinen sie zufrieden mit der überwältigenden Dominanz von Teilen des Web - und so verlieren wir Auswahlmöglichkeiten. Was uns zu einem anderen Teil des Web bringt: E-Commerce und AMZN."

Außerdem: Axel Weidemann geht in der FAZ der Frage nach, ob Virensoftware des russischen Unternehmens Kaspersky von Hackern genutzt wurde, um Daten der NSA zu erbeuten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2017 - Internet

Die New York Times hat einige Internetexperten gefragt, wie man Facebook verbessern könnte, um Fake News und Filterblasen zu vermeiden. Die Antworten klingen zum Teil etwas hilflos. Der Medienwissenschaftler Jonathan Albright schreibt: "Der wichtigste Schritt, den Facebook - und mit ihm Instagram, das sich ebensosehr gegen Desinformation, Hate Speech und Propaganda wehren muss - ergreifen kann, ist, den Fokus auf das emotionale Engagement der Nutzer abzuschwächen. Das ist ein harter Vorschlag, denn Milliarden Nutzer haben gelernt, so zu 'reagieren'. Wie wäre es mit einem 'Trust emoji'?"

Eine klarere Forderung hat Tim Wu, Autor einiger wichtiger Bücher über die Digitalisierung: "Facebook sollte ein gemeinnütziges Unternehmen werden. Solche Unternehmen sind verpflichtet, dem Nutzen des Publikums zu dienen, und ihre Führungspersonen müssen das öffentliche Interesse berücksichtigen, bevor sie Entscheidungen fällen. Zuckerberg sagte, dass es das Ziel von Facebook sei, 'Leute näher zusammenzubringen ud eine globale Cummunity zu schaffen'. Wertvolle Ziele, aber leichter gesagt als getan, wenn Facebook immer größere Profite bringen muss und die Plattform immer mehr auf die Bedürfnisse der Werbekunden ausrichtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2017 - Internet

Was bei den prorussischen Kampagnen auf Twitter und Facebook am meisten auffällt, schreibt die Internetkritikerin Emily Bell im Guardian, ist, dass sie darauf basieren, die traditionelle klare Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt aufzuheben: "Die sozialen Medien haben ein Geschäft - und ein Vermögen - daraus gemacht, traditionelle Grenzen zwischen verschiedenen Arten von Inhalt auszulöschen. Wo wir einst Propaganda, Pressemitteilungen, Journalismus und Werbung hatten, haben wir nun 'Content'. Wo einst mit Anzeigen und Rabatten geworben wurde, haben wir nun 'Monetarisierung'. Wo wir einst Medienleute, Werbeagenturen und Kunden hatten, haben wir nun 'Partner'. Wo sollte etwas gegegen Partner haben, die ihren Content monetarisieren? Es klingt so nützlich und effizient." Am Mittwoch so Bell, müssen Repräsentanten von Twitter und Facebook vor einem Kongressausschuss über ihre Kooperation mit russischen Hackern aussagen.

"This is not just about America. It's about Britain, too", schreibt Carole Cadwalladr in einem zweiten Guardian-Artikel zum Themenkomplex. Denn die Agentur Cambridge Analytica, die sowohl der Brexit-Kampagne als auch Donald Trump zuarbeitete, ist britisch und wird von einem Etonian geleitet, und die Organisation WikiLeaks, mit der sich Cambridge Analaytica bei der Veröffentlichung von Clinton-Emails zusammen tat, ist auch britisch - die Zentrale liegt in der Botschaft von Ecuador, "nur ein paar Meilen Luftlinie von Cambridge".

Constanze Kurz hält dagegen in ihrer FAZ-Kolumne mit Blick auf mögliche Manipulationen von Wahlcomputern in den USA fest: "Neben dem Bohei um manipulierte Werbung auf Facebook und Twitter gibt es auch handfeste Vorwürfe zu technischer Wahlmanipulation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2017 - Internet

Die ePrivacy-Verordnung der EU ist vom EU-Parlament entgegen Befürchtungen nun doch verabschiedet worden, freut sich Ingo Dachwitz bei Netzpolitik (hier legt er dar, was die Inhalte des Beschlusses sind). Unter anderem wird Online-Tracking erschwert, worauf verschiedene Werbeformen im Netz basieren. Was das für Internetmedien heißt, bleibt abzuwarten: "Presseverlegerverbände, die Verlagshäuser von Springer bis Spiegel vertreten, dämonisierten die Verordnung als 'Angriff auf den freien Journalismus', weil sie um die Einnahmen aus dem Geschäft mit überwachungsbasierter Werbung fürchten." Michael Hanfeld sagt dann in der FAZ auch gleich den Bankrott zahlreicher Medien an.

Und dann sollte man vielleicht noch diese drei Überschriften lesen, damit einem ein bisschen mulmig wird: "Alphabet-Quartalszahlen: Die Google-Mutter steigert den Umsatz um 24 Prozent - Aktie springt auf Allzeithochs, Börsenwert toppt 700 Milliarden Dollar" und der Quartalsgewinn lag bei 6,7 Milliarden Dollar, meldet unter anderem Meedia. "Amazon verzeichnet größtes Umsatzplus seit fünf Jahren", meldet turi2 - der Umsatz des letzten Quartals liegt bei 43,7 Milliarden Dollar. Und "Microsoft macht weiter Milliarden Dollar mit der Cloud", meldet golem.de.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 - Internet

Erbitterten Widerstand leisten Internetdienstleister gegen die geplante ePrivacy-Verordnung der EU, die das Tracking und Cookies erschweren will - darauf basiert heute ein Großteil der Werbung, die den Nutzer durchs Netz verfolgt, schreibt Svenja Bergt in der taz: "Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) zum Beispiel ist einer der erbittertsten Gegner der Verordnung. Seine Mitglieder fürchten: Werbung im Internet wäre nicht mehr möglich. Anbieter, die sich derzeit über Werbeeinblendungen finanzieren, würden ihre Einnahmequelle verlieren. Es sei das 'Ende des freien Internets, wie wir es heute kennen', teilte Verbandsvize Thomas Duhr nach der Abstimmung im EU-Ausschuss mit. Und Sprecher Tim Sausen erklärt: 'Es ist unwahrscheinlich, dass sich das Nutzungsverhalten so fortsetzt.' Dass also Nutzer das Tracking akzeptieren." Informative Hintergründe zu der Abstimmung bringt Ingo Dachwitz in Netzpolitik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2017 - Internet

Würden die Behörden ihre Daten zur Verfügung stellen, ließen sich für die Bürger manche Fortschritte erreichen, aber leider ist es mit Open Data noch nicht so weit her, schreibt Anna Gyapjas in der FAZ. "Es fehlt nicht nur ein Überblick über die Daten, die den Behörden vorliegen. Auch sind die Zuständigkeiten für Open-Data-Angelegenheiten weitgehend ungeklärt. Tabellen und Listen sortieren Daten nach Individualpräferenz, woraus sich fragmentierte Datensätze mit teils widersprüchlichem Inhalt ergeben. Es überrascht kaum, dass den meisten Beamten unklar ist, was überhaupt bereitgestellt werden soll."

Bloomberg hat vor einigen Tagen herausgefunden, dass Facebook und Google mit der Wahlkampagne von Donald Trump zusammengearbeitet haben, um rassistische Videos möglichst effizient zu platzieren. Maya Kosoff stellt nach dieser Affäre bei Vanity Fair ein paar grundsätzliche Fragen: "Die Tech Companies stehen vor einigen existenziellen Entscheidungen, selbst wenn es ihnen vorerst gelingt, neue Regulierungen zu verhindern. Facebook und Google sind so groß geworden, dass sie praktisch den Charakter öffentlicher Infrastuktur haben, da sie als erste Gatekeeper für Werbung, Datenspeicherung, soziale Medien und Online-Inhalt dienen. Ihre unglaubliche Größe bewirkt, dass zu Recht oder Unrecht immer größere Erwartungen in sie gesetzt werden - über die Anzeigen, die sie zeigen, die Nachrichten, die sie teilen, die Sprachregelungen, die sie setzen. Wenn sie eine weitere Prüfung ihrer Geschäftspraktiken überstehen wollen, müssen ihre Verpflichtungen als eine neue Art von Unternehmen neu bewertet werden." Die FAZ berichtete am Samstag über das Thema.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2017 - Internet

Einen Riesenbetrug bei Online-Anzeigen durch künstlich erzeugte Klicks deckt Craig Silverman bei buzzfeed.com auf: "Dokumente im Besitz von Buzzfeed News zeigen, dass der Chef einer Anzeigenplattform und digitalen Werbeagentur zugleich zwölf Websites besaß, die Einkommen aus betrügerischen Klicks bezogen - und seine Firma versorgte diese Websites mit Anzeigen. Ein anderer Protagonist ist ehemaliger Angestellte einer großen Agentur, die acht am Betrug beteiligte Websites betreibt und eine weitere Firma berät, die ebenfalls acht Websites betreibt. Diese Firma wird von einem ehemaligen Model geführt, die einst Bob Sagets Freundin ind der HBO-Serie 'Entourage' spielte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2017 - Internet

Was die Internetwirtschaft angeht, spielt Deutschland international überhaupt keine Rolle. Das könnte von Vorteil sein, wenn wir fähig wären - wie in der Energiepolitik - neue Wege zu gehen, ermuntert der Grüne Malte Spitz ("Daten - das Öl des 21. Jahrhunderts?") im Interview mit der FR und verweist als Beispiel auf Federated Learning: "dezentrale Maschinen lernen aus Daten ohne dass die Daten zentral verarbeitet werden". Voraussetzung dafür wäe allerdings, dass Deutschland seine Inkompetenz in Sachen Digitalisierung verliert: "Ich bin immer wieder über manche Ausschusssitzungen in Parlamenten erstaunt. Bei den Fragen mancher Parlamentarier an Technikexperten ist es kaum vorstellbar, wie dann wenige Tage später richtungsweisende Entscheidungen getroffen werden sollen. Und dass sind nicht immer nur Hinterbänkler, sondern mitunter auch die fachverantwortlichen Abgeordneten. Kein Mensch würde Politiker im Finanzbereich akzeptieren, die nicht den Unterschied zwischen Aktie und Optionsschein kennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2017 - Internet

Die Telekom hat mit einem Angebot, das Dienste wie Netflix nicht auf das Datenvolumen der Kunden anrechnet ("Zero Rating"), die Netzneutralität gesprengt. Nun hat die Bundesnetzagentur diesem Tarif zugestimmt, kritisiert Tomas Rudl in Netzpolitik: "Insgesamt ist die heutige Entscheidung der BNetzA ein schwarzer Tag für die Netzneutralität in Europa - schließlich übt die größte Volkswirtschaft der EU eine enorme Vorbildwirkung auf andere Länder aus. Sollte Zero-Rating zur neuen Normalität werden, dann müssen sich Diensteanbieter daran gewöhnen, ihre Angebote an Vorgaben von Dutzenden, wenn nicht Hunderten Netzbetreibern anzupassen. Können oder wollen sie sich das nicht leisten, dann landen sie auf dem Abstellgleis."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2017 - Internet

Mark Zuckerberg nutzte den jüdischen Feiertag Jom Kippur, um Abbitte zu leisten,  dass Facebook während des amerikanischen Wahlkampfs gespalten habe, berichtet neben vielen anderen Josh Constine bei Techcrunch: "Zuckerberg musste jüngst harsche Kritik von Liberalen einstecken, weil Facebook Fake News und russische Einflussnahme nicht stoppen konnte, während Facebook selbst vom Präsidenten 'anti-Trump' genannt wurde. Das Statement traf auf gemischte Reaktionen, und einige merken an, dass sich Zuckerberg bis Ende 2016 als Atheisten bezeichnete, während er jetzt den jüdischen Glauben betont, in dem er aufgewachsen ist." Die markierte Frömmigkeit wird als Zeichen bewertet, dass Zuckerberg als Präsident kandidieren will.

Gestern trat das "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" (NetzDG) in Kraft, das nach einiger Kritik zwar entschärft wurde, aber immer noch umstritten ist, schreibt Markus Reuter bei netzpolitik.org: "Noch ist nicht abzusehen, wie stark die befürchteten Auswirkungen des Gesetzes auf die Meinungsfreiheit sein werden. Das NetzDG hat keinen Mechanismus verankert, mit dem sich von fälschlichen Löschungen betroffene Personen effektiv wehren können. Deshalb ist es umso wichtiger, Löschungen beispielsweise auf onlinecensorship.org zu dokumentieren. Auch der Deutsche Journalistenverband ruft Medien und Journalisten auf, Löschungen ihrer Postings zu speichern."

Außerdem: Im Wirtschaftsteil berichtet die FAZ, dass Google den Zeitungen helfen will, Geld für ihre Artikel bei den Lesern lockerzumachen, indem der Registrierungsprozess auf einen Klick reduziert wird - Google kenne ja alle Daten der Nutzer schon. Und die Zeitungen sind von Googles Gnaden.