9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2018 - Medien

In der FAZ stellt der amerikanische Professor für Journalismus Jay Rosen dem deutschen Journalismus, über den er gerade drei Monate geforscht hat, ein insgesamt recht gutes Zeugnis aus, hat zum Schluss aber eine Frage: "Ein letzter Gedanke: Die Nutzer journalistischer Angebote, also die Leser, Zuschauer, Hörer, die Gebührenzahler und Pay-TV-Abonnenten, haben heutzutage mehr Macht. Sie haben mehr Macht, weil sie mehr Auswahl haben, weil das Mediensystem keine Einbahnstraße mehr ist und weil Populisten dazu aufrufen, aus dem System auszusteigen - eine Gefahr, die Journalisten ernst nehmen müssen. Wenn in einer Beziehung eine Seite mächtiger wird, verändert das die Beziehung. Der deutsche Journalismus muss das zur Kenntnis nehmen und sich entsprechend weiterentwickeln. Sind Sie dazu bereit?"
Stichwörter: Rosen, Jay

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2018 - Medien

(Via Netzpolitik) Youtube zensiert Arte. Der Sender hatte eine Dokumentation über über "Content-Moderation" bei Youtube und Facebook gemacht, eine Schattenarmee von Zensoren, meist in Manila, die im Minutentakt Bilder von Kinderpornos oder Enthauptungen aus dem Netz löschen. "Wie jede Woche hat Arte auch diesmal einen Social Media-Trailer dazu konzipiert, der vor allem für Facebook und Youtube gedacht war und den Dokumentarfilm bewerben sollte", meldet die Website des Senders: "Doch da hat sich die Katze wohl in den Schwanz gebissen: Denn ebendieser Trailer, basierend auf Bildern aus dem Dokumentarfilm, wurde von Google zensiert, dem Unternehmen, das Youtube besitzt. Der Grund: Der Clip enthalte schockierendes Bildmaterial, so erklärt es uns eine E-Mail des Absenders adwords-noreply@google.com."

Die freie, also nicht von Staatsanzeigen gepeppelte Presse in der Türkei stirbt einen weiteren Tod. Diesmal liegt es an der Wirtschaftskrise, schreibt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne: "Zahlreiche Zeitungs- und Buchverlage, die ihre Umsatzerlöse in Lira erzielen, für Importpapier aber in Dollar bezahlen müssen, sind vom Bankrott bedroht. Und, als reichte Erdogans Repressionspolitik nicht aus, sind sie nun auch noch kurz davor, in dem von ihm angerührten Wirtschaftsstrudel unterzugehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2018 - Medien

Höchst melodramatisch warb Caroline Fetscher vor einigen Tagen im Tagesspiegel für das Leistungsschutzrecht: "Teure redaktionelle Inhalte wie die Berichte der Kriegsreporter kommen ins Internet, Konsumenten bedienen sich gratis, die Netzriesen kassieren Werbeeinnahmen durch Anzeigen im Flimmerumfeld an den Rändern der Berichte und die Medien verlieren."

Stefan Niggemeier erwidert darauf bei den Uebermedien: "'Teure redaktionelle Inhalte kommen ins Internet' ist eine verräterisch vage Formulierung. In aller Regel stellen die Verlage selbst sie dort hinein und hoffen, dass sie von Menschen auf Facebook geteilt und von Suchmaschinen gefunden werden. Fetschers Formulierung suggeriert, dass die 'Netzriesen' etwas kostenlos zugänglich machen, was eigentlich kostenpflichtig wäre und ihnen nicht gehört." Mal abgesehen davon, dass die Verlage auch - was ihr gutes Recht ist! - viele Artikel nicht kostenlos ins Netz stellen. Es gibt keinen Zwang zur Kostenfreiheit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2018 - Medien

In einem ausführlichen Interview mit Marc Neumann in der NZZ leidet das alte Reporter Schlachtross Seymour Hersh ausführlich am Journalismus von heute: "Wie das Nachrichtengeschäft derzeit aufgestellt ist, treibt es einen in den Wahnsinn. Wie gedankenlos und dumpf das geworden ist. Geschwindigkeit verdummt, Cable News sind ein Desaster", schimpft er. Aber für einen großen Fehler hält er auch, dass Edward Snowden mit seinem Namen an die Öffentlichkeit trat. Und völlig irrsinnig findet er die Fixierung auf Trumps Tweets und die Frage des russischen Einflusses auf die Wahlen: "Die Crux von Trumps Popularität ist Rassismus. Der gute alte Kern der USA ist rassistisch. Die weißen Jungs im mittleren Amerika, immerhin das halbe Land, mögen keine Schwarzen, keine Einwanderer. Glauben Sie bloß nicht, dass die Russen dran schuld waren. Das ist verrückt. Wir sind sehr gut im Nachrichtendienst. Wir wissen, wer's war, und wenn's die Russen gewesen wären, dann hätten wir das klar gesagt. Aber es gibt null Evidenz. Das war einzig ein politisches Urteil, weil der Grund ja nicht sein durfte, dass Hillary Wähler 'bemitleidenswert' genannt hatte. Und was machen die Demokraten? Sie antworten seit anderthalb Jahren auf seine Tweets."

Die russischen Aktivitäten im amerikanischen Wahlkampf beurteilt die New York Times nach wie vor kritischer.

SZ-Kritiker Jens-Christina Rabe zieht sogar Adorno zu Hilfe, um für die amerikanische Comedy einen Ausweg aus ihrer gegenwärtigen Krise zu finden. Mit Hanna Gadsby und Michelle Wolf haben bereits zwei erfolgreiche Comedians ihren Job an den Nagel gehängt: "Inzwischen erscheint der Tausch Pointe gegen Lacher mit jedem Tag, welche die Twitter-Präsidentschaft Trumps und die daran hängende neue Unübersichtlichkeit der Welt andauern, ein wenig schaler. Und all die Fürsten und Fürstinnen des Comic Relief, der befreienden Komik, deren unermüdliche Arbeit gerade noch in der Lage war, das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand mit ein paar guten Gags im Handumdrehen wiederherzustellen, wirken so ohnmächtig und opportunistisch, wie Spaßmacher seit jeher doch meistens waren."

Weiteres: Super findet Meike Laaff in der taz die Recherche bei Spiegel Online, was für Daten die Internetkonzerne sammeln. "Nur: Schon während man sie liest, sitzt man auf der Spitze des Eisbergs eines genauso gravierenden Problems: des kaputten Onlinewerbesystems nämlich." In der SZ wirft Claudia Tieschky einen Blick auf das Phänomen True Crime und macht sich selbst mit dem Titel "Mord und Ratschlag" zumindest des Überschriftenklaus schuldig.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2018 - Medien

Schon als die AfD noch die "Anti-Euro-Partei" war, stürzten sich die Medien in "vorsorglichem Beißreflex" auf die Partei und machten sie groß - jetzt ist die linke Sammlungsbewegung "Aufstehen" dran, ärgert sich der Schriftsteller Bodo Morshäuser im Dlf-Kultur: "Es sind Stimmen, die in aller Eile ihre eigenen Grenzlinien markieren, bevor eine andere Seite, die bisher nur Luft geholt hat, überhaupt spricht. Offenbar wird eine erhebliche Störung der Ruhe befürchtet. Als wollten sie sagen: Okay, es fehlen Zehntausende Schullehrer, Hunderttausende Kitaplätze und Zehntausende Pflegekräfte. Die Aufstiegschancen für Kinder aus der Unterschicht sind im europäischen Vergleich mit die schlechtesten. Ein paar Millionen Vollbeschäftigte können nicht von ihrer Arbeit leben. Aber es ging uns doch noch nie so gut!"
Stichwörter: Aufstehen, AfD, #aufstehen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2018 - Medien

Apropos Netflix: Der Streamingdienst hätte 2010 beinahe deutsche Konkurrenz von ARD und ZDF bekommen, aber da war das Bundeskartellamt vor, berichtet Karoline Meta Beisel in der SZ. Heute träumt Leonhard Dobusch, Innsbrucker Professor und Mitglied des ZDF-Fernsehrates, wenigsten von einer gemeinsamen Mediathek der 13 verschiedenen öffentlich-rechtlichen Mediatheken. "'Eine Art öffentlich-rechtliche Alternative zu Youtube', sagt Dobusch, an der sich auch Nutzer mit eigenen Beiträgen beteiligen könnten. Mit dem Unterschied, dass der Algorithmus solch einer Plattform eben nicht auf möglichst viele Klicks und möglichst große Emotionen programmiert wäre - sondern darauf, den Nutzern ein Angebot zu präsentieren, das dem Prinzip der Vielfalt genügt. Besonders wichtig ist ihm, dass so eine Plattform auf Open Source-Software beruht". Passiert ist in diese Richtung aber noch gar nichts.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2018 - Medien

Trumps Hetz-Kampagne gegen die Presse zeigt längst "erschreckende" Erfolge, schreibt Karl Doemens in der FR: "Fast die Hälfte der republikanischen Wähler stimmen nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos der Diffamierung der Medien als 'Feinde des Volkes' zu. Und ein Viertel findet, der Präsident solle die Macht haben, bestimmte Medien ganz zu sperren." Und in der Welt teilt Hannes Stein die Befürchtung des konservativen Trump-Kritikers Bret Stephens (New York Times), der seit Trumps Tiraden mit dem Tod bedroht wird, dass sich ein Anschlag wie auf Charlie Hebdo wiederholen könnte. In der taz resümiert Belinda Grasnick verschiedene Artikel und wenige Gegenmeinungen zu der Kampagne.

Im dpa-Gespräch (hier bei der FR) bestreitet Anne Will, dass ihre Talkshow auf AfD-Themen setze, um Quote zu machen: "Vor Jahren haben wir gerne mal die Zuspitzung gesucht, aber das machen wir schon lange nicht mehr. Unser Ziel ist es, abzurüsten und einen sachlichen Gegenpol zu setzen gegen enthemmte Diskussionen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2018 - Medien

Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle, hat auf der Website ihres Senders sämtliche Kommentarfunktionen für Leser abgeschaltet, weil in diesem bösen Netz so viele Trolle unterwegs seien. Sascha Lobo ist damit in einer Spiegel-online-Kolumne überhaupt nicht einverstanden: "So hört es sich an, wenn man Kommentare letztlich als verzichtbares Beiwerk begreift. So hört es sich an, wenn man die wesentlichste soziale Neuerung des Internet, den Rückkanal, nie ernsthaft und professionell untersucht hat. So hört es sich an, wenn man vor der eigenen inszenierten Hilflosigeit kapituliert. "

Weitere Artikel: "A Free Press Needs You", titelt die New York Times zum heutigen Aktionstag der amerikanischen Presse gegen Donald Trumps Fake-News- und Feind-Parolen. In der SZ glaubt Heribert Prantl, dass sich die journalistische Tragödie von Gladbeck trotz Pressekodex zumindest in den sozialen Medien wiederholen könnte. (Denn was die Journalisten können, können die Bürger schon lange, oder wie meint er das?) Im Tagesspiegel schreibt der Journalistik-Dozent Bernd Gäbler zum Thema.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2018 - Medien

Vorzeichen eine fernen Zukunft, nachdem gestern berichtet wurde, dass die taz erwägt, Print abzuschaffen? Der Print-Spiegel und Spiegel online werden zumindest gesellschaftsrechtlich vereint, berichtet Maria Gramsch bei turi2: "Geschäftsführer Thomas Hass gliedert die Digitaleinheit der Spiegel Online GmbH gesellschaftsrechtlich an den Printverlag an und ändert die Rechtsform. Aus der Spiegel Online GmbH wird die Spiegel Online GmbH & Co. KG. An der Ungleichbehandlung von privilegierten Print-Redakteuren und den schlechter gestellten Onlinern ändert sich dagegen vorerst nichts."
Stichwörter: Spiegel Online, Der Spiegel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2018 - Medien

Perlentaucher Thierry Chervel macht sich Gedanken über die Aufmachung von Patrick Bahners' jüngstem Artikel zur Rassismus-Debatte in der Sonntags-FAZ. Obwohl kaum vom Islam und gar nicht vom Kopftuch die Rede ist, wird der Artikel mit einem Foto garniert, das kleine Mädchen in Kopftuch zeigt. Ist es also auch das Kopftuch, das vor Rassismus zu schützen wäre?, frag Chervel: "Das ist, was mir an der Inflation und Expansion des Rassismus-Begriffs so suspekt ist: Der Antirassismus führt paradoxer Weise zu einer Sakralisierung der Differenz, ja, zu immer neuen Differenzen, die an immer neue Merkmale geheftet werden, und zu einer absichtlichen Vermischung unterschiedlicher Sphären: Schon die Kritik am Kopftuch, gerade bei kleinen Mädchen und an Schulen, gerät so unter Rassismusverdacht. 'Islamophobie', Rassismus, alles eins."

Die taz bereitet den Ausstieg aus der Printausgabe vor, berichtet Jens Twiehaus von turi2 und zitiert aus einem Schreiben des noch amtierenden Geschäftsführers der taz, Karl-Heinz Ruch, an die Genossenschafter: "Die Verlage registrieren es an den Rückläufen vom Kiosk, die aus dem Zeitungsvertrieb eine aufwändige Art von Papier-Recycling gemacht haben: die Zeitungen werden am frühen Morgen an die Kioske ausgeliefert, um am Abend zu neunzig Prozent wieder als Altpapier dort eingesammelt zu werden." Ruch wird zwar nächstes Jahr in Rente gehen, bereitet aber ein "Szenario 2022" vor, nach dem die taz nicht mehr als Printprodukt exisiteren würde: "Unser Szenario 2022 zeigt, dass mit den Umsätzen der täglich gedruckten taz auch erhebliche Kosten für Druck und Vertrieb wegfallen." (Hier der Link zum taz-Mitgliederinfo 28 als pdf-Dokument).