Mit
Gustavo Petro ist in
Kolumbien erstmals eine ehemaliger Guerillero zum Präsidenten gewählt worden,
berichtet Katharina Wojczenko in der
taz. Noch symbolhafter ist die Wahl
Francia Márquez' als erster Afrokolumbianerin zur Vizepräsidentin. Rechts und links haben sich über Jahrzehnte erbittert bekämpft, Linke wurden in Gefängnisse gesteckt und ermordet, so Wojczenko: "Ihre ersten Worte widmete die künftige erste afrokolumbianische Vizepräsidentin Francia Márquez deshalb 'allen Kolumbianerïnnen, die
ihr Leben für diesen Moment gaben'. Die Umweltschützerin, Anwältin und Aktivistin verkörpert für viele die Hoffnung auf Veränderung - speziell der Schwarzen und Indigenen. 'Nach 214 Jahren haben wir eine
Regierung des Volkes bekommen. Eine Regierung der Menschen mit
schwieligen Händen, der einfachen Leute, der Niemande und Niemandinnen. Brüder und Schwestern, wir werden diese Nation versöhnen, Frieden schaffen, ohne Angst, mit Liebe und Freude. Auf zu Würde und sozialer Gerechtigkeit!', rief Márquez." Bernd Pickert
fragt in einem zweiten Artikel, ob nun ein neuer "
progressiver Zyklus" in Lateinamerika ansteht.
Warum findet
Russland für seinen Krieg gegen die Ukraine so viel Unterstützung im Nahen Osten,
Lateinamerika und Afrika? Neben der Sympathie von Autokraten für einen anderen Autokraten gilt eben auch: In vielen Teilen der Welt ist Putin ein
Symbol des Antiamerikanismus, und der steht immer noch über allem,
meint Mikhail Zygar in seiner
Spon-Kolumne. "Eine unter lateinamerikanischen Politologen weit verbreitete Theorie besagt, dass sich die linken Parteien des Kontinents weigern zu glauben, dass die
Berliner Mauer gefallen ist und der Kampf zwischen den beiden Lagern der Vergangenheit angehört. Sie haben Putin alle möglichen Insignien als Anführer des antiamerikanischen Lagers gegeben - Putin selbst hat in den letzten Jahren bereitwillig so getan, als sei er das Symbol der antiamerikanischen Welt schlechthin. Nach dem Tod von Fidel Castro und Hugo Chávez bleibt er das einzige noch lebende Symbol des Antiamerikanismus."
Ähnlich
sieht das Bruno Maçães, ehemaliger portugiesischer EU-Minister, im
New Statesman. Aber er hebt noch einen anderen Punkt hervor: In
Indien zum Beispiel hat man durchaus Sympathien für einen Kolonialkrieg, wenn man
der Kolonisierer ist. "Wenn Putin von der
Ukraine als Eroberungsobjekt spricht, ist es offensichtlich, dass es sich um einen Krieg zwischen kolonialen und antikolonialen Kräften handelt. Der Kreml ist weniger daran interessiert, die westliche Ordnung zu stürzen, als sie in eine Zeit zurückzuversetzen, in der die Großmächte in der Lage waren, entsprechend ihrem Machtwillen zu expandieren - was der verstorbene russische Denker
Lew Gumilew, ein Günstling Putins, 'Leidenschaftlichkeit' nannte. ...
China und Indien haben das Gefühl, dass ihre Stärke wächst. Ihr
eigener Expansionswille - ihre 'Leidenschaftlichkeit' - ist zurück. Nach der Überwindung jahrhundertelanger nationaler Erniedrigung gehört ihnen die Zukunft. VS Naipaul nannte Indien eine verwundete Zivilisation, aber die verwundete Zivilisation ist dabei, sich wieder zu behaupten. Für diese Giganten ist eine
neue Ära des Kolonialismus nicht zu befürchten und könnte sogar, zumindest für einige in Delhi und Peking,
willkommen sein."