Der
Libanon, 1920 am Reißbrett entstanden, ist ein Staat, der nach Proporz regiert wird.
Jede der 18 ethnisch-
konfessionellen Gemeinschaften muss bei der Vergabe der Ämter in Regierung, Verwaltung, höheren Armeerängen usw. nach einem festen Schlüssel beteiligt werden. So entstand ein Staat, aber
keine Nation,
bedauert in der
NZZ Mayssoun Zein Al Din von der Nordrhein-Westfälischen Akademie für Internationale Politik in Bonn. Ein Staat noch dazu, der nicht mal ansatzweise die großen Probleme des Landes lösen kann. Notwendig wäre "eine stabile Demokratie, die unabhängig von konfessionellen Trennlinien für Ausgleich sorgt. Ein transparentes demokratisches System, das die
klientelistischen Strukturen des Rentierstaates endgültig abschafft und damit der Korruption im Staat die Grundlage entzieht. Dies wird es dem Volk ermöglichen, eine
gesamtlibanesische Identität zu entwickeln, anstatt sich wie bisher in erster Linie über die jeweils eigene Konfession zu definieren. Damit wird ein überkonfessionelles Staatshandeln erst möglich gemacht und die Anfälligkeit für externe Interventionen geschwächt. Je geteilter das Land, umso einfacher ist es, hinein zu regieren." Hoffnungen dafür hat Zein Al Din derzeit allerdings nicht.
Das Attentat gegen Samuel Paty wie nun wohl auch das Attentat gegen den britischen Politiker David Amess zählt
Gilles Kepel in einem Interview mit Britta Sandberg vom
Spiegel zum neuen Phänomen des "
Djihadisme d'atmosphère": "2020 gab es allein in Frankreich
drei Attentate dieser Art: in Paris, in Conflans, in Nizza. Auch das Attentat
in Wien im November, bei dem vier Menschen getötet und 23 verletzt wurden, gehört in diese Kategorie. Alle Anschläge gingen auf eine Einzelinitiative der Täter zurück. Für die Geheimdienste ist das eine große Herausforderung. Jahrelang hatten wir es mit terroristischen Netzwerken zu tun, die Spuren hinterließen." In Deutschland wären das Attentat in Würzburg mit drei Toten und das Attentat auf ein homosexuelles Paar in Dresden zu nennen.