Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2024 - Film

Das Feuilleton diskutiert weiter über die Berlinale-Abschlussgala, bei der es auf der Bühne zahlreiche propalästinensische und israelkritische Statements gab. Nils Minkmar kommt in der SZ aus dem Staunen nicht heraus, dass gerade Menschen aus Kultur und queerer Szene mit nichts als besten Absichten zumindest implizit das Geschäft derer betreiben, die ihnen bei der nächstbesten Gelegenheit an die Gurgel gehen würden: "Als bedrohe diese Hamas nicht auch ihr Lebensmodell, also auch das derer, die sich in Berlin gerne Filme aus einer freien Welt ansehen. ... Man kann das alles nicht mehr sehen: Diese entsetzlich falschen Slogans und Symbole, die mangelnde Vorbereitung, die hilflosen Aufarbeitungsversuche danach in Arbeitsgruppen. Es ist beschämend, wie jede Großveranstaltung größte Sorgfalt auf Antidiskriminierungsprogramme legt, wie Großfirmen und Institutionen ihre Achtsamkeiten pflegen und täglich öffentlich durchdeklinieren, wie auf jedem Großkonzert Anlaufstellen für Awareness eingerichtet werden - aber der Hass auf Juden all diesen Institutionen und Initiativen vollkommen egal zu sein scheint. Da sitzen die Honoratioren im Berlinale-Palast, staunen, lachen, klatschen."

Forderungen, wie sie etwa Berlins Bürgermeister Kai Wegner auf Twitter aufgestellt hat, dass die Berlinale künftig alles daran setzen müsse, um solche Szenen wie am Samstag zu vermeiden, hält Claudius Seidl im FAZ-Kommentar, bei allem Verständnis, für unrealistisch und naiv: Wegner müsse sich dann auch "fragen lassen, ob ihn jemand daran gehindert hätte, unter Protest den Saal zu verlassen." Was will man Roth oder Berlinale-Leitung vorwerfen? "Dass sie mit den Filmen auch deren Schöpfer einladen? Dass internationale Jurys hier internationale Filme bewerten und internationale Künstler auszeichnen, ohne dass man vorher deren Gesinnungen genau durchleuchtet hätte? Die bösen Sprüche waren das Risiko, das so ein Festival wohl eingehen muss, sie waren der Preis einer Freiheit, die mit sich die Erkenntnis bringt, dass Teile (es waren ja nicht alle) des Filmbetriebs in Israel den Schurkenstaat sehen wollen. Das Schmerzlichste an jenem Abend war der Jubel eines Publikums, das zu opportunistisch ist, als dass sich jemand getraut hätte, buh zu rufen."

"Die Berlinale wurde von propalästinensischen Aktivisten gekapert", stellt Jonathan Guggenberger in der taz fest, fordert aber das Aushalten von Ambivalenzen: "Wer Israels Offensive fälschlicherweise als Genozid bezeichnet, wer sich Kulturveranstaltungen wünscht, die nach starrer Agenda laufen, der hält keine Ambivalenzen aus - dem sind Diskussionen egal. . ... Wenn jetzt die einzig ableitbare Forderung ist, Israel-Hassern imperativ zu verordnen, noch mal an die Geiseln und die Hamas zu erinnern, zeigt das, wo wir in der Debatte stehen: am Ende. Für einen Ausweg aus der Sackgasse bräuchte es politische Entschlossenheit und eine Kultur, die weiß, was Ambivalenzen sind - und was nicht."

Lars Henrik Gass, Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage und nach einem israelsolidarischen Posting nach dem 7. Oktober heftigen Rücktrittsforderungen ausgesetzt, beobachtet auf Seiten derjenigen, die die israelische Perspektive bei all dem zu kurz gekommen sehen, zusehends ein Klima der Angst, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung. "Das soll ja erreicht werden. Mit Angst aber kann man ganz schlecht kommunizieren. Und mit Regungslosigkeit kann man auch keine gesellschaftlichen Konflikte lösen. ... Schon vor den jüngsten Kampagnen, die zu regressiven und repressiven Formen des politischen Protests geführt haben, abweichende Meinungen einfach niederzuschreien, wurde der universalistische Anspruch großer internationaler Kunstausstellungen und Festivals angegriffen."

"Glühende Antisemiten" hat Andreas Busche vom Tagesspiegel auf der Bühne zwar keine gesehen, "aber es stimmt bedenklich, und da hat sich seit dem 7. Oktober leider wenig verbessert, wenn auf deutschen Kulturveranstaltungen der Solidarität mit den Menschen in Gaza inzwischen lauter Ausdruck verliehen wird als der mit Israel." Bert Rebhandl wünscht sich im Standard eine entschlossene Aufarbeitung, "sonst steckt die Berlinale demnächst in der gleichen Sackgasse wie die Documenta".

In der SZ arbeitet ein ganzes Autorenteam den letzten Berlinale-Samstag und den Niederschlag in den Medien auf. Die Tagesschau etwa verbreitete am Sonntagabend gute Stimmung in ihrer Berichterstattung und beließ es beim braven Vermelden der Bärengewinner: "Dass die Begriffe 'Genozid' und 'Apartheid' fielen, wurde verschwiegen - obwohl Chialo, Wegner, Notz und andere zu diesem Zeitpunkt schon deutlich geworden waren. Wie kam es zu diesem Totalausfall bei Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung? Die ARD teilt mit, aufgrund der Nachrichtenlage sei lediglich Platz für eine 26-sekündige Meldung gewesen."

Auf Zeit online gehen Julia Lorenz die Propalästina-Bekundungen ebenso auf die Nerven wie die Behauptung, die Berlinale habe einen "Skandal" erlebt: "Mittlerweile hat sich eine elende Routine eingespielt, nicht nur in Deutschland, aber vor allem hier: Kulturschaffende protestieren lauthals und oft antiisraelisch gegen den Krieg im Gazastreifen, Politikerinnen und Politiker protestieren empört gegen diese Proteste, Kulturschaffende protestieren gegen die Proteste gegen ihre Proteste, indem sie mitunter zum Beispiel in Deutschland einen neuen McCarthyismus oder noch Schlimmeres politisch am Werk wähnen. Beide Seiten fühlen sich offenkundig mindestens moralisch im Recht. Miteinander geredet aber wird nicht." Ähnlich sieht es Hannah Pilarczyk bei Spon.

Außerdem: Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat die einseitige Parteinahme auf der Gala für Palästina in einer am Montag nachgereichten Pressemitteilung zwar verurteilt, schweigt aber zu ihrem eigenen Applaus nach einer Rede, bei der Israel Apartheid vorgeworfen wurde, merkt Daniel Friedrich Sturm im Tagesspiegel an. Der Filmemacher RP Kahl ärgert sich in einem Facebook-Posting, dass niemand aus der deutschen Filmbranche im Gala-Saal protestiert oder wenigstens den Versuch einer Gegenrede gewagt hat.

Besprochen werden Axel Danielsons und Maximilien Van Aertrycks Essayfilm "And the King Said, What a Fantastic Machine" (taz), Ferdinand von Schirachs neuer ZDF-Film "Sie sagt. Er sagt" (Welt), die Apple-SF-Serie "Constellation" (ZeitOnline), die Serie "The Ones Who Live", die die Zombie-Serie "The Walking Dead" fortsetzt (FAZ) und eine Arte-Doku über Elon Musk (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.02.2024 - Film

Ein Goldener Bär für einen Film über Raubkunst: Mati Diops "Dahomey"

Die Berlinale geht mit einem Goldenen Bären für Mati Diops Dokumentar-Essayfilm "Dahomey" zu Ende, der einen Blick auf die afrikanische Perspektive auf die Rückgabe von Raubkunst wirft. Bereits im letzten Jahr war der Goldene Bär an einen Dokumentarfilm gegangen. "Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, doch die Frage ist, ob wirklich der beste Film gewonnen hat", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz: "Dieser Wettbewerb fiel durch halbgeglücktes Arthousekino ohne stimmige ästhetische Haltung auf." Andreas Kilb verzweifelt derweil in der FAZ: "Das Zähe, Kitschige, Verworrene, das schlecht Gedachte oder Gemachte hatte im Wettbewerb der Berlinale das Übergewicht." Eine "Neupositionierung im Konzert der großen Festivals ist den beiden Direktoren nicht gelungen". Andreas Busche vom Tagesspiegel sieht das Erzählkino in einer handfesten Krise: Gestandene Autorenfilmer erhalten Nebenpreise, Mati Diop aber den Goldenen Bären für ein Nebenwerk. "Dass auch Olivier Assayas und der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako ... mit unterentwickelten Filmen in den Wettbewerb geladen worden waren, unterstreicht nur den schleichenden Bedeutungsverlust."

Katja Nicodemus hat in der Zeit ihre Probleme mit dem Gewinnerfilm, der mit 67 Minuten Spielzeit "unbefriedigend kurz" ist: "Vieles wird angerissen, manches bleibt im Unklaren." Kernstück des Films ist eine energisch geführte Diskussion über Restitution unter afrikanischen Studenten: "Diese Zusammenkunft der jungen Menschen - das erzählte Diop auf der Pressekonferenz in Berlin - habe sie eigens für ihren Film organisiert. Warum macht sie das nicht kenntlich? Inwieweit hat sie auch in die Diskussionen eingegriffen? Dass Dokumentarfilme Situationen, Szenen, die sie betrachten, selbst mitinszenieren, ist kein ungewöhnliches Verfahren. Und doch fragt man sich, weshalb die in Benin vorgefundene Wirklichkeit nicht als Beobachtungsmaterial ausreichte." Weitere Berlinalefazits im Filmdienst, in der FR, NZZ und im Standard.

Überschattet wurde die Preisverleihung am Samstagabend allerdings von diversen Parteinahmen für die palästinensische Seite im aktuellen Nahostkrieg. "Von Ästhetik war kaum noch die Rede", schreibt Claudius Seidl in der FAZ. "Eliza Hittman, Jurorin eines Nebenpreises, sagte, ganz unmissverständlich in Richtung Gaza, dass es keinen gerechten Krieg geben könne. Dass am selben Tag sich der russische Überfall auf die Ukraine jährte, war ihr entfallen. Basel Adra, Palästinenser und Ko-Regisseur von 'No Other Land', forderte, keine Waffen mehr an Israel zu liefern. Ben Russell, Ko-Regisseur von 'Direct Action', hatte sein Palästinensertuch wie eine Stola über die Schultern geworfen und nannte den Krieg in Gaza einen Völkermord. Und Mati Diop ... schloss ihre Dankesrede so: 'I stand in solidarity with Palestine!' Widerspruch gab es nicht, und vermutlich wunderten sich manche Gäste, dass man das sagen durfte, wo doch nicht nur 'Strike Germany' das Gegenteil behauptet. Der Jubel des Publikums war beklemmend."

Hier das Video von der Preisverleihung für den Film "Direct Action":


Nils Kottmann schreibt in der Jüdischen Allgemeinen über den Dokumentarfilmpreis für den Film "No Other Land", der die Besatzung im Westjordanland und die Räumung palästinensischer Dörfer thematisiert: "Die Hintergründe für die Besatzung des Westjordanlandes wurden auf der Veranstaltung allerdings genauso ausgespart wie die Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust wird auch in 'No Other Land' mit nur einem Satz erwähnt."

Der Filmemacher Basel Adra, der zum Team von "No Other Land" gehört, forderte auch eine Einstellung deutscher Waffenlieferungen an Israel - unter dem Jubel des Publikums:

Gestern Nachmittag tauchten auf dem Instagram-Konto der Berlinale-Sektion Panorama auch noch antiisraelische Kacheln auf, die den Krieg im Gaza mit dem Holocaust gleichsetzten. Die Berlinale hat sich von diesen Kacheln distanziert und erklärte, Strafanzeige zu erstatten. Hier ein informativer Thread:


"Die Kultur hat ein massives Israel-Problem", kommentiert Christian Tretbar im Tagesspiegel die Geschehnisse: "Wo war die deutliche Kritik an der Terrororganisation Hamas, die Israel am 7. Oktober 2023 brutal überfiel? Wo war die klare Aufforderung, die noch immer festgehaltenen Geiseln freizulassen? Wo ist die Auseinandersetzung damit, dass die Hamas ihr eigenes palästinensisches Volk in Unterdrückung hält - ohne Wahlen, ohne Justiz? Wo ist die Kritik daran, dass Millionen an Hilfsgeldern in unterirdische Tunnel geflossen sind, statt in den palästinensischen Wohlstand? Kein Wort dazu. Stattdessen wohlig-warmer Applaus für eine einseitige Pro-Palästina-Show auf der großen Berlinale-Bühne in Berlin. Die Berlinale rühmt sich damit, ein politisches Filmfestival zu sein. Nur ist dies nicht ernsthaft politisch. Es ist peinlich, beschämend, verstörend und propagandistisch."

Von einem "erschreckend undifferenzierten Israel-Bashing" auf der Abschlussgala spricht SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh. "Nur die Berlinale-Leiterin Mariette Rissenbeek hat am Anfang Empathie ausgedrückt mit den Menschen in Israel. ... Ein Dialog war nicht gefragt. Am deutlichsten zu erkennen war das, als ganz am Anfang der Dokumentarfilm 'No Other Land' über die Zerstörung eines Dorfs im Westjordanland ... den vom RBB gestifteten Dokumentarfilmpreis erhielt. Da wurden Begriffe wie 'Apartheid' und 'Terror' und 'Genozid' von der Bühne gen Israel geschleudert, und eine Jurorin verkündete, dieser Film 'transzendiert jede Kritik'. Darf man nicht mal diskutieren. Das ist kein Dialog, das ist Rechthaberei und die Absage an jede Debatte."

Doch die Galaveranstaltung war nicht der einzige Schauplatz unrühmlicher Szenen. Bei einer Diskussionsveranstaltung, bei der man sich viel für Palästina einsetzte, ohne den 7. Oktober zu erwähnen, wurde eine Person, die auf diese Leerstelle hinwies, "von einem Dutzend Aktivisten niedergeschrien; einer von ihnen setzte sich währenddessen ostentativ auf den leeren Sessel direkt neben diesen Besucher", berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Außerdem vom Festival: Christiane Peitz wirft im Tagesspiegel einen Blick auf die Herausforderungen, die sich der neuen Leiterin Tricia Tuttle stellen. Nadine Lange berichtet im Tagesspiegel von der Verleihung der Teddy Awards. Das Welt-Team sammelt (online vom Samstag nachgereicht) Momente, die in Erinnerung bleiben. Aus dem Berlinaleprogramm besprochen werden Victor Kossakowskys im Wettbewerb gezeigter Essayfilm "Architecton" (Tsp) und Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" (FAZ).

Abseits der Berlinale: Marc Zitzmamn resümiert in der FAZ die César-Preisverleihung in Frankreich. Besprochen werden Kaouther Ben Hanias Dokumentarfilm "Olfas Töchter" über die Frauen von IS-Kämpfern (Standard) und die Amazon-Serie "Expats" (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2024 - Film

Ein Bär für ein Nilpferd? Die Berlinale macht es vielleicht möglich

Der Berlinale-Wettbewerb ist gelaufen, heute Abend werden die Bären vergeben. Gut möglich, glaubt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, dass Nelson Carlos de Los Santos Arias' formal völlig durchgeknallter Querschläger "Pepe" (unser Resümee) das Rennen macht. Weniger positiv fällt sein Urteil über den Wettbewerb aus, den letzten, den Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter bestreitet: "Einzelne Filme auszusuchen, die formal sogar extremere Positionen besetzen als die eigentliche Sektion für Experimente, das Internationale Forum, wird die Banalitäten nicht kaschieren, in denen der Wettbewerb zugleich in diesem Jahr ertrinkt. ... Nicht von ungefähr klingt dieses Programm mit der falschen Postkartenschönheit von 'Shambhala' aus, einem mit chinesischer Beteiligung in Nepal gedrehten Folklore-Stück. Die problematische Rolle, die die Weltmacht in dieser Region spielt, mag sich beim Zuschauen nicht ausblenden lassen." Chatrian "verabschiedet sich mit einem glanzlosen und künstlerisch weitgehend obskuren Programm, nach dessen Inansichtnahme eine weitere Leitung des Festivals kaum vorstellbar gewesen wäre. Eine kuratorische Linie war nicht erkennbar, Entdeckungen blieben aus."

Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Rand der Erschöpfung, die mit den Herausforderungen eines solchen Festivals einhergehen. Wer wird gewinnen? Die Filme von Dresen und Glasner schon mal nicht, dessen ist er sich auch deshalb so sicher, weil Christian Petzold in der Jury sitzt, "denn er möchte die Berlinale-Preise wenn, dann schon am liebsten für sich selbst und seine Freunde behalten - aber bestimmt bin ich da viel zu voreingenommen." Gewinnen dürfte wohl eher: "Mati Diop. Assayas nicht. Der Österreicher einen großen Preis, aber nicht den Hauptpreis. Für deutsche Filme höchstens ein Schauspielpreis für 'Sterben'." Dieser Jahrgang zeigt eine von den Geistern der Vergangenheit heimgesuchte Gegenwart, beobachtet derweil Suchslands Artechock-Kollege Axel Timo Purr.

Standard-Kritiker Marian Wilhelm attestiert dem Wettbewerb auch in der zweiten Festivalwoche "einen wilden Mix". Der Filmdienst erklärt ohne Autorenzeile (wir vermuten: Felicitas Kleiner) das "Glück der Begegnungen zwischen fremden Kulturen" zum bestimmenden Thema dieses Wettbewerbs. Die Encounters, der von Chatrian ins Leben gerufene Zweit-Wettbewerb mit eher experimentelleren Filmen, "frönten in diesem Jahr einem magischen Realismus", hält Christiane Peitz im Tagesspiegel fest. Doch das Profil der Sektion "will sich auch im fünften Jahrgang nicht recht erschließen, versammelt sie doch auch reichlich Solitäre und vor allem Produktionen, die ebenso gut im Panorama, im Forum oder im Wettbewerb aufgehoben wären."

Menschen, die nicht mehr in Teheran leben: "My Stolen Planet"

Silvia Hallensleben spricht für die taz mit der iranischen Filmemacherin Farahnaz Sharifi, die im Berlinale-Panorama ihren Essayfilm "My Stolen Planet" zeigt. Der Film handelt von der Beschlagnahmung ihres Archivs mit privaten Aufnahmen aus dem ganzen Land durch das Teheraner Regime. Mit diesem Archiv war es ihr darum gegangen, "Geschichte zu retten. Denn sie wollen, dass wir vergessen, was wir waren und was wir früher hatten. Wenn du die Bilder dieser Vergangenheit sammelst, rettest du diese Geschichten und Menschen können studieren, was wir waren und wo wir hingehen." Die Aufnahmen sammelte sie in Second-Hand-Läden im ganzen Land. "Damals wusste ich nicht, was ich damit anfangen würde, ich wusste nur, dass ich das Material liebe. Eines Tages habe ich den Händler gefragt, woher die Filme kommen. Und er sagte mir, dass die meisten von Menschen sind, die ihre Wohnungen und Häuser in Teheran verkauft haben. Sie sind nicht mehr dort."

Mehr von der Berlinale: Die besten Filme des Festivals findet man eh in den Nebensektionen und am besten in den Publikumsvorstellungen, findet Jörg Gerle im Filmdienst. Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von einer Gesprächsveranstaltung mit Martin Scorsese, die man hier auch online sehen kann. Aus dem Festival besprochen werden weiterhin Min Bahadur Bhams Wettbewerbsfilm "Shambala" (taz), Antonella Sudasassi Furniss' Wettbewerbsfilm "Memorias de un cuerpo que arde" (taz), Travis Wilkersons Encounters-Film "Through the Graves the Wind Is Blowing" (Tsp), Thomas Arslans Thriller "Verbrannte Erde" (ZeitOnline), André Téchinés "Les gens d'à côté" mit Isabelle Huppert (taz), Nathan Silvers Liebeskomödie "Between the Temples" mit Jason Schwartzmann (Tsp), Rose Glass' Sportliebesfilm "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart (taz) und die von Paramount nach Fertigstellung aus dem Programm geworfene Serienadaption des "Zeit Verbrechen"-Podcasts (taz). Auch gut für eine abschließende Schau des Festivals: der Kritikerspiegel auf critic.de.

Familienidyll vor den Mauern von Auschwitz: Sandra Hüller in "Zone of Interest"

Abseits der Berlinale bestimmt der kommende Kinostart von Jonathan Glazers gleichnamiger, wenngleich loser Verfilmung von Martin Amis' Roman "The Zone of Interest" das Film-Feuilleton. Der in Cannes ausgezeichnete, mit Sandra Hüller besetzte Film schildert das Leben der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in unmittelbarer Nähe zum Massenmord an den Juden, ohne diesen ins Bild zu setzen. "Was dort geschieht, nimmt die Zuschauer trotz der künstlichen Distanz in einen unerträglichen Würgegriff", schreibt David Steinitz in der SZ. "Natürlich sind jenseits der Gartenmauern die großen grauen Gebäude zu sehen, manchmal auch Flammen und vor allem: der Rauch aus den Schornsteinen. Und natürlich sind auch mitten im Azaleen-Gartentraum von Frau Höß die Geräusche zu hören", nämlich "ein vielstimmiger Chor des Tötens und des Sterbens, ein gewaltiges, auf- und absteigendes Mahlen, Brummen, Summen, Wummern. Dieser Klang von Auschwitz (...) liegt wie eine unsichtbare Grabplatte über den Bildern der fröhlich im Gartenschwimmbecken planschenden Höß-Kinder und der Eltern in ihren Liegestühlen."

Die in Holocaustdramen oft vorherrschende Opferperspektive wollte Glazer hier bewusst durchbrechen, erklärt er im SZ-Gespräch: "Wir sollten auch die Täter im Blick haben, sonst machen wir es uns zu leicht. Man vermeidet das gerne, wohl aus Angst, was wir entdecken könnten. Wir fürchten uns davor, in den Tätern ganz normale Menschen zu sehen. Menschen wie uns. Aber das waren sie. Und genau das ist das Monströse. Dass ganz normale Menschen zu so etwas fähig sind. ... Ich teile Claude Lanzmanns Standpunkt, dass dieser Horror nicht dargestellt werden kann. Ich glaube aber nicht, dass wir den Holocaust als etwas Monolithisches, Unantastbares betrachten sollten, über das man nicht sprechen kann." Jan Küveler spricht für die WamS mit dem Schauspieler Christian Friedel, der in dem Film Rudolf Höß spielt. Fernanda Thome erzählt in der taz davon, wie sie ihren Ehemann Lukas, der als Assistenz bei der Produktion angeheuert war, nach Oświęcim begleitete.

Weiteres: Nastassja Kinski verklagt den NDR darauf, ihre im Alter von 15 Jahren gedrehten Nacktszenen aus dem Tatort "Reifeprüfung" von 1976 zu entfernen, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. Markus Ehrenberg blickt im Tagesspiegel-Kommentar mit Sorge auf den kriselnden Serienmarkt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2024 - Film

"Mé el Aïn" von Meryam Joobeur.

Dieser Film verdient einen Preis, meint Andreas Kilb in der FAZ mit Blick auf den Wettbewerbsbeitrag "Mé el Aïn". Das Alltagsdrama der tunesisch-kanadischen Regisseurin Meryam Joobeur, das auf einem Bauernhof am Meer spielt, ist "[u]nter den zwanzig Beiträgen im Berlinale-Wettbewerb (...) 'Mé el Aïn' vielleicht der einzige, den man im strengen Sinn als politisches Kino bezeichnen kann. Dabei zeigt er nichts als Alltäglichkeiten: Häuser und Ställe, Gesichter in Großaufnahme, ein totes Schaf, einen leeren Strand, karge Felder und Wiesen und die Träume einer Frau, die um ihre Kinder bangt. Aber über all dem hängen unausgesprochen die Drohung des islamistischen Terrors und die Erinnerung an die Toten von Raqqa und Mossul. Wenn man es richtig anschaut, dann hängt auch ein tunesisches Dorf mit der ganzen Welt zusammen, mit Europa, mit Asien, mit Afrika und sogar mit Berlin." Weitere Texte zum Film: Tagesspiegel, Filmstarts.

"Pepe" von Nelson Carlos de los Santos Arias.

Einen anderen Favoriten macht Andreas Busche in einem aus seiner Sicht ansonsten enttäuschenden Wettbewerbsjahrgang im Tagesspiegel aus: "Pepe" von Nelson Carlos De Los Santos Arias. "So bleibt als einziger Hoffnungsträger dieses Jahr ein südostafrikanisches Nilpferd, das nach Worten für sein Schicksal sucht, im Privatzoo von Drogenboss Pablo Escobar gelandet zu sein. Und dabei auf Menschen trifft, die sich einen Reim auf dieses seltsame Wesen und ihre eigenen Lebensumstände zu machen versuchen. Das ist nie gimmickhaft, Santos Arias experimentiert mit filmischen Formen (Essay und Fiktion, Animation und Überwachungsbilder), um das Weltkino um neue Perspektiven zu bereichern. Pepe ist der Star des Wettbewerbs."

Gut angekommen ist bei der Kritik "Andrea lässt sich scheiden", der neue Film von Josef Hader. Der österreichische Regisseur schlägt dunklere Töne als gewöhnlich an, meint Stefan Weiss im Standard: "Eine Tragödie um Vertuschung, Schuld und Reue entspinnt sich - dunkler und mit weniger Humoranteil in Szene gesetzt, als man es bei Hader bisher gewohnt war. Er selbst spielt mit dem zu Unrecht verdächtigten und dank eines patscherten Lebens zynisch gewordenen Religionslehrer Franz auch nur den Nebenpart. Birgit Minichmayr geht in der Hauptrolle der emotional verhärteten und vom Schicksal geschlagenen Provinzpolizistin insofern "auf", als gerade ihre Verschlossenheit der Figur besondere Authentizität gibt. Man leidet förmlich mit."

Außerdem: Daniel Kothenschulte freut sich in der FR über Martin Scorseses Lektionen in Filmgeschichte. Kira Taszman blickt im Filmdienst auf drei Berlinalefilme aus der Ukraine. In der taz interviewt Arabella Wintermayr Veronika Franz und Severin Fiala, das Regieduo, das für den Wettbewerbsfilm "Des Teufels Bad" verantwortlich zeichnet. Auf critic.de schreiben Studierende der Stiftung Universität Hildesheim Kurztexte über Berlinalefilme. Robert Ide schaut sich im Tagesspiegel Berlinale-Fußballfilme an. Besprochen werden der Panoramafilm "Teaches of Peaches (Tagesspiegel, taz), die "Zeit Verbrechen"-Serienadaption, die im Panorama präsentiert wird (Tagesspiegel), der Encountersfilm "The Great Yawn" (Tagesspiegel), der Panoramafilm "No Other Land" (critic.de), der Panoramafilm "Memorias de un cuerpo que arde" (taz), der Panoramafilm "Shikun" (NZZ), der Panoramafilm "Baldiga - Entsichertes Herz" (taz), der Panoramafilm "Sex" (critic.de), der Forumsfilm "Der unsichtbare Zoo" (critic.de), der Berlinale-Special-Film "Seven Veils" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Sons" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Vogter" (Berliner Zeitung) und der Berlinale-Special-Film "Wu Suo Zhu" (Berliner Zeitung).

Patrick Holzapfel bespricht in der NZZ Todd Haynes' "May Dezember". Holzapfel beschreibt den Film - es geht um eine Schauspielerin, die sich auf eine neue Rolle vorbereitet - als ein beeindruckendes, abgründiges, fast vampirfilmartiges, an Douglas Sirk geschultes Melodram: "'Fakeness' ist hier eine Überlebensstrategie, eigentlich spielt keine der Figuren mit offenen Karten. Das liegt weniger an strategischen Motivationen als an einem gesellschaftlichen Ausgeliefertsein, das gar nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu erkennen. Alle Figuren in diesem Film wollen ein Bild wahren oder werden. Wer als Erster zeigt, dass hinter dem Bild ein Mensch leidet, verliert. Ein Schelm, wer dabei an die sozialen Netzwerke denkt. Als Elisabeth den Lippenstift Gracies aufträgt und in die Kamera spricht, wird Imitation zum Fetisch, Schauspiel zur oberflächlichen Flucht vor der menschlichen Seele."

Anna Lindemann interviewt für taz Nord Perivi John Katjavivi, den Regisseur des Films "Under the Hanging Tree". Besprochen wird Radu Judes "Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2024 - Film

"Intercepted" von Oksana Karpovych

Bert Rebhandl stellt in der FAZ zwei Berlinale-Filme vor, die sich mit politischen Konflikten unserer Zeit auseinandersetzen: Der von einem israelisch-palästinensischen Kollektiv gedrehte "No Other Land" über den Widerstand der Bewohner einer palästinensischen Ortschaft gegen die israelische Armee; und Oksana Karpovychs "Intercepted", der auf Telefonaten basiert, die russische Soldaten während des Ukrainekriegs mit ihren Angehörigen führen. "Leicht anzuschauen bzw -hören ist das nicht: (...) Männer sprechen unverhohlen von ihrer moralischen Entfesselung. Einer schildert eine Praxis, die unter der Bezeichnung '21 Rosen' läuft: 21 Stellen gibt es am menschlichen Körper, die man in der Folter öffnen kann wie eine Blüte. Der Zynismus, der sich in dieser Wortwahl zeigt, ist so atemberaubend, wie es unmöglich ist, die Kultur der Grausamkeit zu ermessen, die sich hier äußert."

Wie geht politisches Kino? Das fragt auch Fabian Tietke im Perlentaucher. So, wie es der Woche-der-Kritik-Film "Wikiriders" versucht, geht es jedenfalls schon einmal nicht. In dem Film von Clarer Winter, Miiel Ferráez und Megan Marsh begeben sich drei junge Leute auf eine Reise, um irgendwas über Mexiko und Ungerechtigkeit herauszufinden. Bisweilen wird das "Konzept Recherche zur Farce. (...) Am Ende fragt man sich, wofür es all die Reisen und Fahrten braucht. Man könnte auch sagen, dass Problem ist, dass der Film die Form eines Rechercheroadtrips gewählt hat, aber nichts herausfinden will. Waberndes Herumgemeine über Reichtum, Kapitalismus, Imperialismus und die Welt im Allgemeinen ist in 'Wikiriders' nicht von Recherche zu unterscheiden. Oder wie Clarer Winter im Film selbst sagt: 'Und wir labern echt viel und hören wenig zu.'"

"Des Teufels Bad" von Veronika Franz und Severin Fiala

Der von einem historischen Kriminalfall inspirierte Wettbewerbsfilm "Des Teufels Bad" stößt bei den Berlinale-Kritikern auf ein geteiltes Echo. Die einen sehen in dem von Veronika Franz und Severin Fiala inszenierten Werk nur dräuende Stimmungsmalerei. Andere sind hellauf begeistert, so etwa Susan Vahabzadeh in der SZ: "Die feuchte Kälte und der Geruch von Moder und Verwesung scheinen geradezu aus den Bildern herauszukriechen in den Kinosaal. Die Geschichte entspinnt sich 1750 in einem kleinen Ort in den Bergen in Österreich, (...) Agnes (Anja Plaschg), die neu dazukommt, findet nicht einmal den Weg zum schlammigen Fischteich. Die Szenerie sieht aus wie aus Grimms Märchen, minus jegliche romantische Verklärung." Auch Thomas Groh erfreut sich im culturmag an den rauen Texturen: "Schön grob körperlich und schroff geht es hier mitunter zu. Da fließt auch mal der Eiter, da verwest auch mal ein Kopf, da darf der Schangel in Wahnsequenzen schangeln." Für critic.de bespricht Martin Gobbin den Film.

Außerdem: Im Tagesspiegel würdigt Kerstin Decker Edgar Reitz, der auf dem Festival für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird. Florian Weigl durchforstet auf critic.de ein weiteres Mal das Forum. Katrin Doerksen blickt im culturmag auf einige ihrer Festivalhighlights. Silvia Hallersleben schreibt in der taz über auf der Berlinale diskutierte Fragen zum Thema Filmarchivierung. Manuel Almeida Vergara ärgert sich in der Berliner Zeitung über den deutschen Schlabberlook auf der Berlinale. Sophia Zessnik spricht in der taz mit Josef Hader über dessen Panoramafilm "Andrea lässt sich scheiden". In der Zeit lassen Peter Kümmel und Katja Nicodemus das bisherige Festivalgeschehen Revue passieren. Besprochen werden der Forumsfilm "Republic" (taz), der Wettbewerbsfilm "Black Tea" (critic.de, Filmstarts), der Forumsfilm "Il cassetto segreto" (taz), der Wettbewerbsfilm "Pepe" (taz, Berliner Zeitung), der Wettbewerbsfilm "Dahomey" (Tagesspiegel), der Berlinale-Special-Film "Spaceman" (Welt, Filmstarts), der Panoramafilm "Verbrannte Erde" (Berliner Zeitung), "Kaddu beykat" aus der Sektion Forum Special (perlentaucher), der Forumsfilm "All the Long Nights" (critic.de), der Wettbewerbsfilm "Langue Étrangère" (critic.de), der Wettbewerbsfilm "Gloria!" (Filmstarts, Berliner Zeitung) und der Berlinale-Special-Fußballfilm "Elf Mal Morgen" (Filmstarts).

"Der Meister und Margarita" von Michail Lockshin


Kerstin Holm weiß in der FAZ vom außerordentlichen Publikumszuspruch zu berichten, dessen sich die Neuverfilmung von Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" derzeit in Moskau erfreut. Der Film von Michael Lockshin, der noch vor dem Überfall auf die Ukraine fertiggestellt wurde, aber erst jetzt in die Kinos kommt, wird von Kremlpropagandisten aufgrund antistalinistischer Tendenzen attackiert. "Doch der Publikumszuspruch ist riesig, seit Ende Januar hat der Film mehr als 17 Millionen Euro eingespielt. Die Moskauer Autorin Tatjana Malkina berichtet von ausverkauften Vormittagsvorführungen, bei denen kein Popcorn knistert, sondern das Publikum bis zum Ende des Abspanns mucksmäuschenstill bleibt. (...) In Publikumschats und sozialen Netzwerken bekunden vor allem Frauen Erschütterung und Dankbarkeit, während sich viele Männer über Lockshins vermeintliche Russophobie und Hass auf die sowjetische Vergangenheit empören."

Weiteres: In der Zeit führen Cathrin Gilbert und Peter Kümmel ein langes Gespräch mit dem Schauspieler Matthias Brandt. Salome Müller und Timo Posselt wiederum reden, ebenfalls in der Zeit, mit der Schauspielerin Leonie Benesch. Wilfried Hippen interviewt für taz Nord Eduard Klein, einen von zwei Regisseuren des Ukraine-Dokumentarfilms "Life to the Limit". Biopics und kein Ende: Der Regisseur Sam Mendes will gleich vier auf einmal drehen, für jeden Beatle einen, wie unter anderem der Standard meldet. Besprochen werden "Dune: Part Two" (Filmstarts, "die gigantischen Erwartungen werden sogar noch übertroffen"), der Thriller "Good Boy" (SZ), Fredrik Gerttens Dokumentarfilm "Breaking Social" (taz Nord), Zelda Williams Teenie-Horrorkomödie "Lisa Frankenstein" (SZ) und der Dokumentarfilm "Holy Shit" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2024 - Film

Szene aus Tilman Singers "Cuckoo"

Im Wettbewerb der Berlinale ist nach dem Wochenende tendenziell Ruhe eingekehrt. Eine Gelegenheit, auf die übrigen Sektionen zu blicken. Für Furore sorgt Tilman Singers "Cuckoo" in Berlinale Special: Ein deutscher Horrorfilm, dessen Hauptfigur Gretchen in einem Bayerischen Naturhotel das Fürchten gelehrt wird. Mathis Raabe ist auf Zeit Online äußerst angetan von Singers Gruselkunst: "Während Gretchen abends auf dem Fahrweg unterwegs ist, überholt ihr Schatten sie auf der Straße immer wieder, schließlich strecken sich Arme hinter ihr aus. Oben und unten werden vertauscht in 'Cuckoo', Menschen kommen aus Richtungen, in denen man sie nicht vermutet hat, und während Stiefschwester Alma einen epileptischen Anfall hat, gerät der lineare Zeitverlauf durcheinander: Sequenzen wiederholen sich, als hätte sich die Filmrolle verhakt; das Bild wabert, als hätte ein Dämon von der Projektion selbst Besitz ergriffen. Das würde zumindest einiges erklären." Andreas Busche stellt im Tagesspiegel die Hauptdarstellerin des Films Hunter Schafer vor.

Thomas Arslans "Verbrannte Erde"

Das Panorama zeigt "Verbrannte Erde" von Thomas Arslan - ein Wiedersehen mit Mišel Matičevićs Trojan, der Hauptfigur in Arslans Gangsterfilms "Im Schatten". Michael Meyns zeigt sich auf Filmstarts äußerst angetan von der Wiederbegegnung: "Was Thomas Arslan an dieser Figur interessiert, ist also nicht die Tiefe des Charakters, sondern die reine Oberfläche, das Agieren, das Handeln. Kein Wunder, heißt seine Produktionsfirma doch 'Pickpocket', benannt nach Robert Bressons gleichnamigem Klassiker, der minutiös einen Taschendieb bei der Arbeit zeigt. 'Verbrannte Erde' ist wie der Vorgänger erneut ein Film der Beobachtung und der Bewegung, kein reißerischer Thriller, auch wenn die Spannung bisweilen enorm ist. Schüsse fallen nicht wahllos, sondern gezielt - so wie Trojan darauf achtet, keine unnötigen Bewegungen zu machen, so versucht auch Arslan, filmisch alles auf den Punkt zu bringen, keine Schnörkel zu ziehen, nie den Stil in den Vordergrund zu stellen." Andreas Busche schreibt im Tagesspiegel ("Trojans Rückkehr sieht durch die Kamera von Reinhold Vorschneider fantastisch aus, metallisch-monochrom leuchtet die Nacht, minimalistisch pulsiert der Soundtrack"). In der taz unterhält sich Tim Caspar Boehme mit Arslan.

Also doch: Auf der Berlinale wird über das große Thema Gazakrieg diskutiert. Allerdings nur im "Tiny House Project" auf dem Potsdamer Platz. Hier waren Festivalbesucher, wie Jonathan Guggenberger in der taz berichtet, geladen, "mit dem in Berlin geborenen Juden [Shai] Hoffmann und dem in einem syrischen Flüchtlingslager aufgewachsenen Palästinenser [Ahmad] Dakhnous über ihre Gedanken, Meinungen und vor allem ihre Gefühle bezüglich Israel/Palästina auszutauschen". Zu besprechen gibt es laut beiden genug. "Für Hoffmann ist eine Grenze erreicht, wenn Aktivisten wie die 'Filmmakers for Palestine' auf der Berlinale zwar lautstark protestieren, aber nicht bereit seien, den angebotenen Dialogfaden aufzunehmen. Unpassende Buzzwords wie 'Genozid' oder 'Zionismus ist Rassismus' seien für die Aktivisten oft wichtiger als ein differenzierter Austausch. Differenzierung heißt für Hoffmann auch: 'Ja, ich bin Zionist, ich bin für das Existenzrecht Israels, ich kann aber auch gegen die illegale Besatzung durch die israelische Regierung sein.'"

Außerdem: Andreas Kilb kürt die diesjährige Berlinale in seinem jüngsten FAZ-Überblickstext zum "Festival der erfundenen Stimmen" und meint: es fehlt nach wie vor "[e]in großer Film". Daniel Kothenschulte zeigt sich in der FR ebenfalls enttäuscht vom Wettbewerb, empfiehlt aber den Forumsfilm "Mit einem Tiger schlafen". Marie-Luise Goldmann stellt in der Welt fünf Frauenfiguren der Festivalauswahl vor. Valerie Dirk resümmiert im Standard zwei deutschsprachige Wettbewerbsfilme. Christiane Peitz gratuliert im Tagesspiegel Martin Scorsese zum Ehrenbären. Robert Ide interviewt im Tagesspiegel die Schauspielerin Bahira Ablassi, die im Berlinale-Special-Film "Shikun" zu sehen ist. Jens Balkenborg porträtiert für epd film die vielbeschäftigte Berlinaleschauspielerin Renate Reinsve. Besprochen werden Alexander Horwaths Essayfilm "Henry Fonda for President" (taz), der Panoramafilm "Faruk" (critic.de), "Love Lies Bleeding" aus der Sektion Berlinale Special (critic.de), die Forumsfilme "Redaktsiya und "Intercepted" in einer Doppelbesprechung (taz), der Wettbewerbsfilm "A Different Man" (filmdienst), der Wettbewerbsfilm "Sterben" (epd film), der Wettbewerbsfilm "Architecton" (taz), der Woche-der-Kritik-Film "Abendland" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Des Teufels Bad" (Tagesspiegel, Die Presse, Filmstarts, Moviepilot), dessen Hauptdarstellerin Anja Plaschg im Standard vorgestellt wird, der Encountersfilm "Ivo" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Pepe" (Filmstarts).

Abseits der Berlinale: Gefahren und Chancen von Künstlicher Intelligenz treiben die Filmbranche um - auch in Deutschland. Die Schauspielergewerkschaft BFFS versucht gerade, legt Wilfried Urbe in der taz dar, sich gemeinsam mit der deutschen Produzentenallianz auf das weitere Vorgehen zu einigen. Konkret geht es um Möglichkeiten, Schauspieler durch KI-Doubles zu ersetzen und um Ausgleichszahlungen, die dann fällig sein sollten. Fabian Tietke empfiehlt in der taz Berlin die Wiederaufführung des Dokumentarfilms "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989". Anna Lindemann unterhält sich für taz Nord mit Oliver Kanehl, Regisseur des Films "Sprechen Sie Deutsch". Besprochen werden Radu Judes "Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt (Die Presse) und Luc Jacquets Rückkehr zum Land der Pinguine" (filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2024 - Film

Martin Scorsese, © Montclaur Film, Lizenz: CC BY 2.0 DEED

Schon Halbzeit auf der Berlinale? So schnell kann es gehen. Die Feuilletons atmen durch und wenden sich einem Fels in der Brandung des Kinos zu: Martin Scorsese, der dieses Jahr den Ehrenbär erhält. Verena Lueken macht sich in ihrer FAZ-Würdigung Gedanken über die Frauenrollen in den Filmen des Geehrten. Ellen Burstyn erhielt in den Siebzigern einen Oscar als Hauptdarstellerin von "Alice lebt hier nicht mehr". Und seither? "Danach war tatsächlich ziemliche Ebbe in seinen Filmen für gute Frauenrollen, trotz der 'Zeit der Unschuld', die Daniel Day-Lewis okkupierte, trotz Sharon Stone in 'Casino'. Jetzt aber bekommen die Frauen plötzlich eine Macht. Die Macht, Vergebung zu verweigern, wie Peggy im 'Irishman'. Die Macht, einen Film ganz zu ihrem zu machen, wie Lily Gladstone als Mollie in 'Killers of the Flower Moon', auch wenn die Männer, mit denen sie spielt, berühmter sind als sie. Gibt es einen besseren Zeitpunkt, Martin Scorsese zu feiern?"

Hanns-Georg Rodek wiederum weist in der Welt auf die viel zu selten gewürdigten Verdienste hin, die sich Scorsese auch abseits seiner eigenen Filme um Filmkultur und -Geschichte erworben hat: "Seine 'Film Foundation' hat mehr als 850 Filme restauriert und bei weitem nicht nur amerikanische. Sein 'World Cinema Project' hilft Ländern, die nicht die Mittel besitzen, ihr eigenes Filmerbe zu erhalten. Scorsese ist unglaublich großzügig gegenüber anderen Filmemachern und leiht häufig seinen Namen als Mitproduzent von deren Filmen. Einen Scorsese bei einem Projekt mit an Bord zu haben, kann darüber entscheiden, dass ein schwieriges Projekt doch finanziert wird."

Architecton

Natürlich werden auf der Berlinale auch weiter fleißig neue Filme geschaut, zum Beispiel der essayistische Dokumentarfilm "Architecton", der im Wettbewerb läuft, und in dem Regisseur Victor Kossakovsky vorführen will, wie viel Schaden Beton über die Menschheit gebracht hat. Claudius Seidl ist in der FAZ alles andere als begeistert, insbesondere von einer Szene, die vom Krieg beschädigte Gebäude, vermutlich in der Ukraine, zeigen: "Man denkt, man sehe hier Mahnmale, doch im Lauf des Films wird klar, dass Kossakovsky es anders meint: Nicht der Krieg ist der Skandal für ihn. Sondern der Umstand, dass aus modernen Häusern keine würdevollen, vornehmen Ruinen mehr werden. Dann Sprengungen, das Gestein, das Geröll, aus dem der Zement gemacht wird. Dagegen montiert: Mauern, die seit tausend Jahren stehen. Dazu eine Musik, die diese Zivilisationskritik mit tieferer Bedeutung aufladen soll und vor allem laut und penetrant ist. Der Betonkopf ist der Regisseur." Für Filmstarts bespricht Jannick Nolting den Film.

Der unsichtbare Zoo

Einen Dokumentarfilm ganz anderer Art hat Romuald Karmakar gedreht: "Der unsichtbare Zoo" bewegt sich drei Stunden lang im Zoo Zürich zwischen Tieren und Besuchern, Pflegern und Zooverwaltung. Jochen Werner ist auf Filmstarts schwer begeistert: "Aus all diesen Einzelaufgaben setzt sich nach und nach ein Mosaik zusammen, das unser Verständnis der Funktionsweise, der Aufgabe und des Selbstbilds der Institution Zoo vertieft. Denn im Grunde ist 'Der unsichtbare Zoo' gleich mehrere Filme in einem. Zunächst mal ist es ein Film über Arbeitsprozesse: Gebannt sehen wir den menschlichen Protagonisten dabei zu, wie sie ihre jeweiligen Aufgaben im großen Ganzen des Tiergartens erledigen, ob im Konferenzraum oder im Tiergehege. Und dann, natürlich, ist das nicht zuletzt auch ein Tierfilm, in dem Regisseur Karmakar jede Spezies mit großer Würde und Neugier ins Bild setzt. Deshalb erscheint es dann am Ende auch nur ganz selbstverständlich und schlüssig, dass die nichtmenschlichen Protagonisten an prominenter Stelle im Abspann gelistet werden." Im Tagesspiegel schreibt Christiane Peitz über den Film.

Andreas Schreiner besucht für die NZZ eine Vorstellung des von einem palästinensisch-israelischen Kollektiv gedrehten aktivistischen Dokumentarfilm "No Other Land", der zeigt, wie sich Palästinenser gegen die israelische Armee, die an ihrem Wohnort einen Truppenübungsplatz errichten will, zur Wehr setzen. Dass der Film einseitig für die Palästinenser Partei nimmt, kann Schreiner aus der Situation heraus verstehen. Aber: "Abgedreht wurde 'No Other Land' im Oktober 2023, kurz nach dem Massaker der Hamas. Die Attacke wird bloß in einem Satz notdürftig erwähnt, dann zeigt der Film, wie jüdische Siedler sich rächen und ein Dorf in Masafer Yatta überfallen. So nachvollziehbar der Fokus auf das eigene Leid ist: Wenn die Macher es nicht einmal über sich bringen, das Pogrom vom 7. Oktober und die Entführungen anzuklagen, wie will man dann mit ihnen ins Gespräch kommen?" Außerdem vermisst Schreiner weitere Berlinale-Veranstaltungen zum Konflikt. Die "Berlinale-Leitung duckt sich weg".

Außerdem: Susan Vahabzadeh in der SZ und Christiane Peitz im Tagesspiegel resümieren das bisher Gesehene - beide mit eher verhaltenem Fazit. Florian Weigl flaniert für critic.de durchs Forumsprogramm. Claudia Reinhard porträtiert im Tagesspiegel die Schauspielerin Renate Reinsve, die in gleich zwei Wettbewerbsfilmen zu sehen ist. Valerie Dirk schreibt im Standard über die drei österreichischen Festivalbeiträge. Gunda Bartels stellt im Tagesspiegel den Undergroundfilmer Lothar Lambert vor, der den Special Teddy erhält. In der taz interviewt Julia Hubernagel den griechischen Regisseur Yorgos Zois, dessen "Arcadia" in Encounters zu sehen ist. Tagesspiegel-Kolumnist Robert Ide hat "noch in gar keinem Film geheult". Besprochen werden der Wettbewerbsfilm "L'Empire" (critic.de, Filmstarts, Moviepilot), "Ellbogen" aus der Sektion Generation (taz), der Wettbewerbsfilm "A Traveler's Needs" (critic.deFilmstarts), der Wettbewerbsfilm "Dahomey" (taz), der Forumsfilm "Henry Fonda for President" (taz), der Forumsfilm "Was hast du gestern geträumt, Parajanov?" (taz), der Panoramafilm "Andrea lässt sich scheiden" (Presse), der Encountersfilm "Ivo" (Tagesspiegel), der Wettbewerbsfilm "Langue Étrangère" (Tagesspiegel, Filmstarts), der Forumsfilm "Reproduktion" (Tagesspiegel), der Panoramafilm "My New Friends" (Filmstarts), der Berlinale-Special-Film "Sasquatch Sunset" (Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "A Different Man" (Moviepilot), der Forumsfilm "Cats of Gokogu Shrine" (critic.de) und "Dicks: Das Musical", der auf der Woche der Kritik zu sehen ist (Filmstarts).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2024 - Film

Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde"

Zwei deutsche Wettbewerbsfilme waren am Wochende auf der Berlinale zu sehen. Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" hätte eine brav belehrendes Moralstück werden können, das seinem Publikum den antifaschistischen Kompass vorreicht, so Elmar Krekeler in der Welt. Dresen hätte "erzählen können, wo die Haltung, der Kompass der Widerständlerin Hilde Coppi herkam, deren Weg zum Schafott in Plötzensee im August 1943 sein Wettbewerbsbeitrag 'In Liebe, Eure Hilde' abschreitet. Tut er aber nicht. Er verweigert sich jeglicher platten Form späterer medialer Nutzbarmachung im Fach Ethik." Stattdessen erzählt der Film eine Liebesgeschichte. Und "sucht", so Susan Vahabzadeh in der SZ, "die Menschlichkeit in jeder seiner Figuren - in der Hebamme, die Hilde hilft, das Kind bei sich behalten zu dürfen, das sie in Haft bekommt, der Wärterin, die hartherzig sein will und es dann doch nicht schafft. Diese Frauen stehen nicht auf der richtigen Seite der Geschichte, aber Monster sind sie nicht." Weitere Besprechungen: Filmstarts, taz. Im Filmdienst spricht Wolfgang Hamdorf mit dem Regisseur, in der Berliner Zeitung führt das Dresen-Interview Cornelia Geißler. Ebenfalls in der Berliner Zeitung porträtiert Michael Brettin Hilde Coppi, das historische Vorbild der Hauptfigur.

Matthias Glasners "Sterben"

Matthias Glasners "Sterben" wiederum erinnert FR-Autor Daniel Kothenschulte "in seiner Form an jene Welle das Leben umarmender Ensemblefilme, wie sie in der Nachfolge von Paul Thomas Andersons 'Magnolia' in Mode kamen. Viele Szenen halten den hohen Anspruch einer ebenso effektsicheren wie durchaus spektakulären Gefühls-Tour de Force, allerdings gelingt es Glasner nicht, einen tragenden emotionalen Bogen aufrecht zu halten." Andreas Kilb ist in der FAZ jedoch angetan: "Dass dieses Puzzle aus scharfkantigen und manchmal auch stumpfen Erzählsplittern ein Gesamtbild ergibt, statt in Episoden zu zerfallen, verdankt 'Sterben' vor allem seinen Schauspielern: Corinna Harfouch, Lars Eidinger, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld, Robert Gwisdek, Anna Bederke und Saskia Rosendahl ergänzen sich zu einem Ensemble, wie man es im deutschen Kino lange nicht mehr gesehen hat. Aber es gibt auch ein Formgefühl, einen Rhythmus in 'Sterben', der die Geschichte mühelos über drei Stunden Länge trägt." Weitere Besprechungen: Berliner ZeitungFilmstarts, Tagesspiegel.

Insgesamt werden beide Filme zwar nicht enthusiastisch, aber wohlwollend besprochen. Was man von zwei französischen Wettbewerbsbeiträgen nicht behaupten kann. Bruno Dumonts Science-Fiction-Komödie "L'Empire" endet laut FAZler Claudius Seidl mit einem schwarzen Loch, von dem "der ganze Plot und jeder tiefere Sinn verschluckt wird. Was man nur mit viel Sympathie für den Regisseur als finalen surrealistischen Gag deuten mag." Olivier Assayas' heitere Corona-Reflexion "Suspended Time" hingegen ist für critic.de-Kritiker Frédéric Jaeger eine "Petitesse" von einem Film, geprägt von einer Leichtigkeit, die keine ist, "die das bürgerliche Leben als schrullige Eigenheit zu rechtfertigen sucht." Zu "L'Empire" siehe auch Tagesspiegel, zu "Suspended Time" Filmstarts, taz.

Außerdem: Katrin Doerksen und Thomas Groh resümieren auf culturmag die ersten Berlinaletage,  Felicitas Kleiner im Filmdienst. Gunda Bartels porträtiert im Tagesspiegel Birgit Minichmayr, die auf der Berlinale gleich in zwei Filmen zu sehen ist. Katrin Nussmayr interviewt in der Presse Josef Hader, dessen Film "Andrea lässt sich scheiden" im Panorama zu sehen ist. Esther Buss porträtiert im Filmdienst die Künstlerin Maria Lassnig, der das Festival ein Kurzfilmprogramm widmet. Eva-Chritina Meier unterhält sich in der taz mit Lola Arias, deren Film "Reas" im Forum präsentiert wird. Marie-Luise Goldmann fragt sich in der Welt, or Berlinalefilme wirklich 14 Stunden lang sein müssen.

Besprochen werden der Forumsfilm "The Wrong Movie" (critic.de), der Forumfilm "Favoriten" (critic.de, taz), der Forumfilm "The Editorial Office (critic.de), der Wettbewerbsfilm "My Favorite Cake" (critic.de), der Panoramafilm "Meanwhile on Earth" (critic.de), der Wettbewerbsfilm "La Cocina" (critic.de, Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Dahomey" (Critic.deFilmstarts), "Shikun" aus der Sektion Berlinale Special (TagesspiegelFilmstarts), "Love Lies Bleeding" aus der Sektion Berlinale Special (Filmstarts), "Treasure" ebenfalls aus Berlinale Special (Tagesspiegel, Filmstarts), der Wettbewerbsfilm "Another End" (Filmstarts), der Panoramafilm "Faruk" (Filmstarts) und der Forumsfilm "Mit einem Tiger schlafen" (Filmstarts).

Mit einiger Verzögerung ist MeToo, so scheint es, in der französischen Filmszene voll angekommen. Neben Gérard Depardieu, gegen den jüngst neue Vorwürfe erhoben wurden, stehen die Regisseure Jacques Doillon und Benoît Jacquot im Zentrum der Kritik. Johanna Adorján unterhält sich in der SZ mit der Schauspielerin Judith Godrèche, die die Diskussion ins Rollen brachte. Godrèche: "Ich hoffe, es tut sich etwas. Ich hoffe es. Die französische Kultur hat viel zu lange weggesehen. Hat Entschuldigungen gefunden für männliche Künstler, die ihren Status, ihre Macht ausnutzen, um sehr junge Frauen ins Bett zu kriegen. Und dies eben, genau wie Benoît Jacquot es ja selbst sagt, unter dem Deckmantel der Kunst." In der FAZ berichtet Marc Zitzmann über die Entwicklungen.

Utopia, Regie: Sohrab Shahid Saless, 1983

In der NZZ widmet sich Patrick Holzapfel anlässlich einer Buchveröffentlichung dem Regisseur Sohrab Shahid Saless, der sowohl im vorrevolutionären Iran als auch in Deutschland gearbeitet hat und bis heute ein Außenseiter der Filmgeschichte geblieben ist: "Er wurde als Weltbürger des Kinos beschrieben, aber dem Verdacht der Bürgerlichkeit entzieht sich Saless vollends. Stattdessen kann man in ihm einen kompromisslosen Künstler entdecken, der frei nach seinem Vorbild Anton Tschechow, dessen Erzählung 'Der Weidenbaum' er verfilmte und über den er auch einen Porträtfilm drehte, mit dem Seziermesser an seine Stoffe und Protagonisten heranging. Dazu zählt bei allem Malaise auch Humor. Seine Filme gehören zu jenen, die den eigenen Blick auch außerhalb des Kinos nachhaltig verändern. Plötzlich spürt man die soziale Kälte in den Blicken der Menschen, deren Ängste von der Kamera freigelegt werden."

Weiteres: Im Standard unterhält sich Valerie Dirk mit Paula Beer, deren Film "Stella. Ein Leben" in Österreich anläuft. In der NZZ gratuliert Andreas Scheiner John Travolta zum 70. Claudia Reinhard schreibt im Tagesspiegel über den nach wie vor harten Kampf, den Pro Quote Regie für mehr Chancen für Regisseurinnen führen muss. Besprochen wird Frederic Wisemans Edelrestaurantfilm "Menus Plaisirs - Les Troisgros" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2024 - Film

Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha: "My Favourite Cake" Foto: © Mohammad Haddadi

Hat die Berlinale 2024 bereits ihren ersten Bärenfavoriten? "My Favorite Cake", der neue Film des iranischen Regieduos Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, findet jedenfalls einigen Zuspruch bei der Kritik. Marie-Luise Goldmann erklärt den Wettbewerbsfilm in der Welt gar zum Meisterwerk. Gesehen hat sie eine "poetische Meditation des einfachen Lebens", die von der 70-jährigen Mahin handelt, die einen Mann sucht. Sie findet einen Anwärter im Park. "Mahin verfolgt ihn und bittet ihn erst, sie nach Hause zu fahren, dann, hereinzukommen. Was in dieser unverhofften Date-Nacht zwischen Mahin und Esmail (Esmail Mehrabi) geschieht, ist so bezaubernd, rührend und erhebend, dass man Weinen möchte vor Glück. Und doch vergisst man keine Sekunde, dass die Aufforderung einer Fremden, noch in derselben Nacht mit in ein fremdes Haus in eine fremde Gegend zu kommen, eigentlich aus dem Horrorgenre stammt."

Auch Daniel Kothenschulte ist in der FR voll des Lobes und sieht den "besten Liebesfilm in einem Berlinale-Wettbewerb, seit Richard Linklaters 'Before Sunrise'" Freilich gibt es auch Gegenstimmen. Für FAZler Claudius Seidl ist "My Favorite Cake" nicht mehr als "ein langsamer und äußerst betulicher Fernsehfilm". Auch Christiane Peitz glaubt im Tagesspiegel nicht, dass der Film der Herausforderung, Glück zu filmen, gewachsen ist. Weitere Besprechungen: taz, Filmstarts. Nichts Neues ist, nebenbei bemerkt, vom iranischen Regime zu vermelden: Wie schon vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen wurde Moghaddam und Sanaeeha die Ausreise verweigert. Die Premiere fand in Abwesenheit des Regieteams statt.

Wie reagiert man auf ein Festival, das Kino vor allem als verlängerten Arm der Politik versteht? Vielleicht, so Claudius Seidl in der FAZ, indem man sich in der Sektion Berlinale Special einen Film anschaut, der ganz anders funktioniert: "Und so konnte man Abel Ferraras 'Turn in the Wound' als entschiedenen Einspruch gegen den Geist dieser Gala verstehen, als einen Film, der von dem Bewusstsein angetrieben wird, dass er die Welt ganz sicher nicht zu einem besseren Ort machen wird. (...) Ferrara, der einst berühmt war für seine bösen, grausamen und sehr katholischen Filme, in denen der Weg zur Erlösung durch die Fegefeuer seiner Inszenierungen führt, Ferrara ist in die Ukraine gereist, wo er offenbar erkannt hat, dass er seinen Kunstanspruch gleich vergessen kann. Der Horror dort artikuliert sich, indem die Leute, Zivilisten wie Veteranen des Krieges, einfach sprechen, von den vergangenen zwei Jahren. Und immer wieder unterbrochen werden von dem hässlichen Gefühl, dass sie den Krieg und die Grausamkeit der Russen noch immer nicht fassen können." Mehr zum Film im Tagesspiegel.

In der Berliner Zeitung schließt sich derweil Claus Löser der Kritik an der diesjährigen Retrospektive an (siehe auch unseren Text). Die Auswahl der Filme bildet durchaus eine gewisse Bandbreite des deutschen Filmschaffens jenseits der Konvention ab. Aber: "Auf den zweiten Blick kommen Fragen auf. So stellt sich das Missverhältnis zwischen west- und ostdeutschen Beiträgen als eklatant heraus. Fast zwanzig bundesdeutsche Langfilme stehen gegen eine einzige (!) abendfüllende Defa-Produktion. (...) Schade auch, dass keines der Werke im analogen Format gezeigt wird, obwohl teilweise hochwertige 35mm-Kopien verfügbar gewesen wären. Renommierte internationale Festivals gehen mit dem physischen Filmgedächtnis anders um, quittieren nicht vorschnell die Möglichkeiten einer historisch-adäquaten Präsentation. Zugespitzt ließe sich sagen, dass die Retrospektive dem Festival und damit der hiesigen Kulturpolitik buchstäblich ein Armutszeugnis ausstellt." Im Tagesspiegel stellt Kerstin Decker das Programm vor.

Außerdem: Christiane Peitz unterhält sich im Tagesspiegel mit Andreas Dresen und Liv Lisa Fries, deren gemeinsamer Film "In Liebe, Eure Hilde" im Wettbewerb läuft. In der FAS beantwortet Matthias Glasner, ein weiterer Wettbewerbsregisseur, vier Fragen. Besprochen werden der Wettbewerbsfilm "A Different Man" (Filmstarts, critic.de, Tagesspiegel), der Eröffnungsfilm "Small Things Like These" (taz, Moviepilot, Filmdienst), der Panoramafilm "Crossing" (taz), der Panoramafilm "The Outrun" (Tagesspiegel), der Forumsfilm "Ihre ergebenste Fräulein" (critic.de), dessen Regisseurin Eva C. Heldmann außerdem in der taz interviewt wird, der Forumsfilm "The Editorial Office" (Tagesspiegel), der Forumsfilm "Favoriten" (Tagesspiegel, Filmstarts), der Generationfilm "Sieger sein" (Filmstarts), hierzu auch ein Interview mit der Regisseurin Soleen Yusef im Tagesspiegel, "Cuckoo" aus der Sektion Berlinale Special (FilmstartsTagesspiegel), der Panoramafilm "Alle, die du bist" (Filmstarts), das Programm des Forum Expanded (Tagesspiegel), der Woche-der-Kritik-Film "Dicks - Das Musical" (Tagesspiegel) und der Berlinale-Classics-Film "Reifezeit" (Tagesspiegel).

John Travolta ist nicht auf der Berlinale, feiert aber dafür seinen 70. Geburtstag. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath einem der großen Tänzer des Kinos: "[E]s ist wirklich fast egal, ob gerade die Bee Gees jaulen oder Olivia Newton-John fiepst, Travolta könnte auch in völliger Stille graziöse und kraftvolle Mitteilungen an die seelischen Bewegungsmelder und Storyprotokollspeicher im Publikum aussenden. Mehr noch: eine tief tanzaffine Funktionslust an dynamischen Beziehungen zum restlichen Personal vor der Kamera prägt bei ihm selbst die Wortwechsel..." Für die SZ übernimmt Harald Hordych die Honoration. Claudius Seidl wiederum würdigt in der FAZ Rene Russo, die ebenfalls 70 wird.

Außerdem: Jean-Martin Büttner porträtiert in der NZZ Stanley Kubrick: Ein "Chirurg der Macht" war der Regisseur. Christian Meier setzt sich in der Welt noch einmal mit Claudia Roths jüngsten filmpolitischen Vorstößen auseinander. Der Standard berichtet über eine weitere Anzeige wegen sexuellen Übergriffs gegen Gérard Depardieu. Besprochen wird Luc Jacquets "Voyage au pôle sud" (SZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2024 - Film

Die Berlinale ist eröffnet - und wird, beobachtet Andreas Kilb in der FAZ, von allen Seiten politisch bedrängt. Das Programm hingegen hält sich sonderbarerweise weitgehend fern von den realen und diskursiven Schlachtfeldern der Gegenwart: "Aus Russland, das in Berlin früher reichlich vertreten war, ist aus naheliegenden Gründen kein einziger Film zu sehen, aber auch aus der Ukraine läuft nur je ein Beitrag im Forum und im Panorama. Als 'Berlinale Special' wird immerhin - um auf den zweiten Kriegs- und Krisenherd zu sprechen zu kommen - das neue Werk des israelischen Regisseurs Amos Gitai gezeigt, eine Verfilmung von Ionescos 'Nashörnern', die vom zunehmenden Wahnsinn unter den Bewohnern eines Wohnblocks in Tel Aviv handelt. Einen palästinensischen Film durfte man nach Lage der Dinge nicht erwarten, und es gibt ihn in Berlin auch nicht."

Auch die Ein/Ausladung von AfD-Politikern (siehe auch hier und hier) wird weiterhin diskutiert. Der Regisseur Christian Petzold, dieses Jahr Mitglied der Wettbewerbsjury, positioniert sich auf der Eröffnungspressekonferenz deutlich: "Ich denke, es ist kein Problem, fünf Personen von der AfD im Publikum zu haben. Wir sind keine Feiglinge. Wenn wir es nicht aushalten, dass fünf Personen von der AfD im Publikum sitzen, werden wir unseren Kampf verlieren." Für Andreas Busche im Tagesspiegel verweist die Ein- und anschließende Ausladung der AfDler auf ein "Grundproblem" des Festivals: "Inwieweit soll ein Filmfest auch zivilgesellschaftliche Aufgaben übernehmen und protokollarischen Gepflogenheiten folgen? Oder sollte es lediglich eine Bühne bieten, auf der gestritten werden kann, über Filmkunst und Politik?" Auch die NZZ kommentiert. Robert Ide hingegen sehnt sich angesichts des Tohuwabohus im Tagesspiegel nach etwas ganz anderem. Nämlich nach Ex-Berlinaleleiter Dieter Kosslick und seinem "wärmenden roten Schal der Zuneigung".

Immerhin werden jetzt auch Filme gezeigt (einen guten Überblick bieten wieder die Kritikerspiegel bei critic.de und artechock). Der diesjährige Eröffnungsfilm "Small Things Like These" spielt im Irland er 1980er und dreht sich unter anderem um junge Frauen, die in einem von der katholischen Kirche betriebenen Heim misshandelt werden. Regie führt Tim Mielants, die Hauptrolle übernimmt mit Cillian "Oppenheimer" Murphy ein waschechter Star. Es geht zwar, passend zur Diskurslage, um schwere Themen wie Zivilcourage, aber wirklich begeistert zeigt sich die Kritik nicht. "[D]ie bedrückende Schwere der Bilder macht Mielants' Film trotz seiner schlanken 95 Minuten zu einer freudlosen Sache", meint Andreas Busche im Tagesspiegel. Auch Andreas Kilb sieht in der FAZ nicht mehr als "eine Übung im gehobenen Filmstil". Susan Vahabzadeh findet in der SZ immerhin Gefallen am Hauptdarsteller: "Für ein großes Gesellschaftstableau bräuchte es vielleicht mehr, als 'Small Things Like These' zu bieten hat, aber dafür spiegelt sich alles im Gesicht von Cillian Murphy, was man nicht sieht. Er spielt mit solcher Intensität, so bewegend, dass man ihm gleich den nächsten Preis zutraut." Weitere Besprechungen: critic.de, Tip, Berliner Zeitung, fimstarts.

Im Perlentaucher blickt Thomas Groh auf die diesjährige Retrospektive, und ist ziemlich ernüchtert: Anstatt wie früher ein anspruchsvolles filmhistorisches Programm mit Kopien aus aller Welt zusammen zu stellen, zeigt die verantwortliche Deutsche Kinemathek diesmal budgetbedingt "unter dem Schlagwort 'Das andere Kino' lediglich Filme aus dem eigenen Archivbestand, die man jüngst digital restauriert hat. Weil das alleine schwerlich als 'Retrospektive' durchgeht, werden die Filme als Querschläger annonciert: unangepasste Filmkonzepte, unangepasste Filmentwürfe (was nebenbei bemerkt stark an die Retrospektive 2016 über das deutsche Kino in Ost und West 1966 und an die Retrospektive 2019 'Selbstbestimmt - Perspektiven von Filmemacherinnen' erinnert). Mit 20 Filmen ist die Auswahl denn auch gefühlt schmaler denn je. Zumal die Martin Scorsese gewidmete Hommage in diesem Jahr auf ein Minimum eingedampft ist. So wenig Filmgeschichte war auf der Berlinale selten." Mit "kreativem Witz" hat die Kinemathek auf die Sparzwänge reagiert, meint hingegen Claudia Lenssen in ihrem Durchgang durch die Retrospektive in der taz.

Außerdem: Hans-Georg Rodek macht sich in der Welt Gedanken über mögliche zukünftige Spielstätten des Festivals. Besprochen werden der Panoramafilm "The Outrun" von Nora Fingscheidt (taz), der Panoramafilm "I Saw the TV Glow" von Jane Schoenbrun, (taz) die queeren Filme des diesjährigen Festivals (Tagesspiegel), iranische Filme im Forum und Panorama (Tagesspiegel) und Lana Gogoberidzes "Mother and Daughter, or the Night Is Never Complete", der im Forum Spezial zu sehen ist (critic.de).

Abseits der Berlinale trauern die Feuilletons um die im Alter von 90 Jahren verstorbene Schauspielerin Johanna von Koczian, die vor allem durch ihre Rolle in Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder" bekannt wurde. Willi Winkler erinnert sich in der SZ: "Koczian besaß genau die Leichtfüßigkeit, über die der deutsche Nachkriegsfilm so gern verfügt hätte, für die er aber dann doch keine Verwendung hatte. (...) Koczian hielt tapfer mit, versuchte sich im Musical, trat unter Helmut Käutner im Theater am Kurfürstendamm in 'Teenagerlove' auf. Der gute alte deutsche Film zerging in den Sechzigern. Koczian trat in Fernsehserien auf, zeigte sich im 'Kommissar', hatte eine Hauptrolle in 'Stewardessen', wurde in der 'Landärztin' vernutzt und erschien zuletzt auch noch im 'Traumschiff' als Erinnerung an die Diva, die sie nie ganz wurde." Für die FR ruft Harry Nutt Koczian nach. 

Außerdem: Im Standard berichtet Stefan Brändle über MeToo-Fälle im französischen Kino. Besprochen wird das Bob-Marley-Biopic "One Love" (Zeit Online).