Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2024 - Kunst

Paul Jandl besucht für die NZZ das Schaulager in Beeskow, wo DDR-Kunst aus den Büros der SED-Funktionäre, der Gewerkschafts- und Parteizentralen lagert. Es ist eine Zeitreise, und mehr: "Das Archiv in Beeskow ist Ort eines psychologischen Phänomens. Fünfunddreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist das Pathos längst abgeplatzt. Die Kunst, die zur Verherrlichung einer sozialistischen Zukunft geschaffen wurde, hat sich auf und davon gemacht und schaut auf einmal böse zurück." Zum Beispiel Neo Rauchs "Die Kreuzung" von 1984: "Es zeigt einen Volkspolizisten beim Regeln des Verkehrs, auffliegende weiße Tauben und davor eine dynamische kleine Gruppe von Menschen. Es ist das Selbstporträt eines Künstlers, der sich heute von diesem Bild distanziert. In seinen offiziellen Werkkatalog hat Neo Rauch es nicht aufgenommen. Es sei zu epigonal. Die Geschichte der 'Kreuzung' ist sehr speziell und doch im Muster staatlicher Kunstankäufe der DDR nicht ungewöhnlich. ... Ein interessantes Detail des Bildes von Neo Rauch: Hinter den dynamischen Figuren ist auf einer Litfasssäule ein riesiges Auge zu sehen. Es erinnert an George Orwells Roman '1984', die große Phantasmagorie vom Überwachungsstaat. Es muss kein Zufall sein, dass das Entstehungsjahr der 'Kreuzung' ausgerechnet auch 1984 ist. Ursprünglich sollte das Bild prominent im Foyer der FDJ-Hochschule hängen, später hat man es in einen Raum des Internats verbannt."

Weiteres: Ute Meta Bauer plaudert in der SZ, ohne groß von kritischen Nachfragen belästigt zu werden, über die von ihr kuratierte Diriyah-Biennale in Saudi-Arabien. Besprochen werden die Ausstellung "Closer to Nature" in der Berlinischen Galerie (Tsp) und eine Ausstellung des guadelupischen Künstlers Kenny Duncan, "Bidim blo!", im Frankfurter basis e. V. (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2024 - Kunst

Trevor Paglen, Because Physcial Wounds Heal…, 2023. Courtesy des Künstlers, Altman
Siegel, San Francisco und Pace Gallery © der Künstler

Ein düsterer Ausblick auf die von digitaler Technik durchdrungene Welt des "Technozäns" wird taz-Kritiker Martin Conrads in der Ausstellung "Poetics of Encryption" im KW Institute for Contemporary Art geboten: "Das 30-minütige Video 'Eye of Silence" von Charles Stankievech ist auf eine breite Wandfläche projiziert, sein unterlegter Basssound durchdringt den Körper. Darauf zu sehen ist ein Flug über einer kargen, digital konzipierten Landschaft. Durch einen einfachen, aber betörend suggestiven Trick grenzt Stankievech hier an einen Teufelsbeweis: Er spiegelt die flüchtigen Bilder symmetrisch und das betrachtende Auge kommt im pareidolischen Sog nicht umhin, in Eis, Kratern und Rauch eine dämonische Fratze nach der anderen dort zu erkennen, wo doch nur eine Bildschnittstelle ist. In der Vorhölle scheint auch der italienische Künstler Nico Vascellari zu schweben: Bewusstlos ließ er sich für sein Video an einem Seil hängen und von einem Hubschrauber über nebelig-alpines Gebiet fliegen - ein Sinnbild für ohnmächtige Abhängigkeit von Technologie, für Kontroll- und Zeitverlust."

Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt, wurde von zwei Wochen bei einer Leseperformance der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera in Berlin von propalästinensischen Aktivisten niedergebrüllt. Besonders verwundert hat sie das nicht angesichts der Veränderungen in der Kunstszene, die sie in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf Israel wahrgenommen hat, wie sie im Interview mit der FAZ erzählt: "Während der Friedensverhandlungen von Oslo konnte man noch über angemessene Grenzen und einen Staat Palästina reden, war die Bezogenheit von Jüdinnen und Juden auf den israelischen Staat, in dem sie in der Mehrheit sind, als Reaktion auf den deutschen Vernichtungsantisemitismus gemeinhin akzeptiert, zumindest in der westlichen Welt. Inzwischen setzt sich international immer mehr die Perspektive durch, dass Israel als 'siedlerkolonialer Apartheidstaat' nicht nur im Westjordanland, sondern überhaupt jede Legitimität fehle. Auffällig viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Kultur- und Wissenschaftsbereich haben angesichts der Hamas-Massaker am 7. Oktober geschwiegen. Auch in Deutschland war die Empathie mit den Angehörigen der Opfer erschreckend gering. In jüdischen Familien hat dies zu Retraumatisierungen geführt."

Im Welt-Interview mit Jakob Hayner geben Alexander Kluge und der Künstler Jonathan Meese einen Vorgeschmack auf ihre Show "Kosmische Miniaturen & Kunst im Welt(en)raum de Large" im Volkstheater Wien: Es geht um die Rolle der Kunst heute, um die Frage, warum die Politik immer die gleichen Fehler macht (wie Jonathan Meese sagt), um das alte Rom und auch um die Hünding Laika: "Alexander Kluge: 'Kosmische Miniaturen' heißt unser Erster Akt, das ist der Titel eines Films von mir, der im Januar Weltpremiere in Rotterdam hatte. ... Wir Menschen haben die sibirische Straßenhündin im Weltraum elend verhungern lassen. Sie hat übrigens 1160 Nachkommen, die auf der Rückseite des Mondes leben, um die Menschheit zu retten. Das ist nicht wissenschaftlich geprüft, aber eine innere Wahrheit in der Welt der Wünsche."

Weiteres: Die Künstlerin Melike Kara spricht im FR-Interview mit Lisa Berins über ihre Installation "shallow lakes" in der Rotunde der Frankfurter Schirn Galerie, in die Elemente der kurdischen Geschichte und Kultur einfließen. Besprochen werden eine Light-Show von James Turrell Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofes in Berin (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2024 - Kunst

Refik Anadol, Echoes of the Earth: Living Archive, 2024. Installation view, Serpentine North. Photo: Hugo Glendinning. Courtesy Refik Anadol Studio and Serpentine.

Wie es aussieht, wenn künstliche Intelligenzen halluzinieren, kann Welt-Kritikerin Mandoline Rutkowski in der Ausstellung "Echoes of the Earth: Living Archive" in der Serpentine North Gallery in London sehen. Der KI-Künstler Refik Anadol füttert seine Modelle mit Millionen von Datensätzen, zum Beispiel mit Fotos von Korallen, aus denen diese dann neue, faszinierende Wesen erschaffen, wie Rutkwoski beobachten kann: "Dort schwappt und wabert, suppt und wirbelt es. Auf hallenhohen Bildschirmen explodieren quietschbunte Farbbeutel und setzen sich in Sekundenschnelle zu fluiden Pixelformationen zusammen, so prall und monumental, dass sie fast aus dem Rahmen herauslaufen. Kaum meint das Auge eine Form wiederzuerkennen, verwandelt sie sich in eine andere. Cremige Farbwellen brechen, gehen ineinander über und ziehen sich zurück. Untermalt wird dieses Schauspiel akustisch von sphärisch-mystischen Klängen. Die Installationen von 'Artificial Realities: Coral' hypnotisieren und beruhigen, sie verschlucken den Betrachter nahezu. Fast möchte man sich den Fluten hingeben."

Weiteres: Kunstliebhaber freuen sich über ein verschollen geglaubtes Werk des rumänisch-französischen Bildhauers Constantin Brancusi, das im Bukarester Auktionshaus Artmark vorgestellt wurde, wie BlZ und FAZ melden. Die Bronze-Büste 'Portrait d'Achille Baldé', entstand in den Jahren 1905 -1906 in Paris und soll das letzte Werk sein, dass Brancusi noch in der "symbolistischen Manier" seines Lehrers Auguste Rodin schuf. Die FAZ gratuliert dem Kunsthistoriker Cornelius Clausen zum Achtzigsten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2024 - Kunst

Bild: Kazimir Malevich, 'Tenhemelopneming van een heilige', 1907 - 1908, bruikleen Stichting Khardzhiev

Nicht alles, was die Schau "Kosmismus" im Amsterdamer Stedelijk-Museum an Werken aus der Sammlung des Moskauer Literaturredakteurs und Majakowski-Experten Nikolai Chardschijew zeigt, mag sich dem Betrachter erschließen, glaubt Bernhard Schulz in der FAZ. Einen Einblick in die Mischung aus "Technikgläubigkeit, Religiosität und Revolution" der frühsowjetischen Avantgarde gewährt sie aber allemal, so Schulz: "Neben einer Reihe früher Arbeiten von Malewitsch sind solche von Wassili Tschekrygin zu sehen. Das Selbstporträt als blasser junger Mann deutet auf den nahenden frühen Tod des erst Fünfundzwanzigjährigen im Jahr 1922 hin, der sich im Gefolge mystischer Denker wie Nikolai Fjodorow Unsterblichkeit von einer Mischung aus Wissenschaft und Spiritualität erhoffte. Kaum minder utopisch sind die einige Jahre späteren Architekturentwürfe von Iwan Leonidow, die mit dünnen Metallträgern eher die Formen sowjetischer Sputniks vorwegnehmen als an die begrenzten technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit anzuknüpfen. Im aufkommenden Stalinismus wurde Leonidow als 'Träumer auf Papier' geschmäht, was ungeachtet der existenzgefährdenden Wirkung eines solchen Verdikts durchaus einen Funken Wahrheit enthält."

Die Attacke während der Lesung von Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof (Unsere Resümees) richtete sich vor allem gegen Mirjam Wenzel, Direkorin des Jüdischen Museums, die allerdings protestantisch ist. In der FAS offenbart sich Jürgen Kaube hier die ganze Dummheit der Protestierenden: "Sie wollen nur schreien, stören, ihrer Selbstgewissheit im Urteil über Gut (sie selbst) und Böse (alle anderen) aggressiven Ausdruck verleihen. Man könnte auch von Hass sprechen. ... Es reicht für diese dummen Leute, einem Jüdischen Museum vorzustehen, um als Jüdin, Unterstützerin der israelischen Regierung und ihres Vorgehens im Gazastreifen zu gelten. Wer nicht für uns ist, sagen sie, dem gehört der Mund verboten. Man kann nur hoffen, dass diese Einstellung nie politische Macht erlangt."

Besprochen werden die Ausstellung "Maximilian Kirmse - Berlin Mon Amour" in der Staatlichen Graphischen Sammlung der Pinakothek der Moderne in München (Tagesspiegel), die Ausstellung "Echoes of the Earth: Living Archive" in der Serpentine North Gallery in London (Welt) und die Ausstellung "Hans Uhlmann: Experimentelles Formen" in der Berlinischen Galerie (Blz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2024 - Kunst


Marlene Dietrich, fotografiert von Cecil Beaton, 1932. Bild: Helmut Newton Foundation.

In der Newton-Stiftung kann Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Chronorama. Photographic Treasures of the 20. Century" das fotografische Archiv des Verlags Condé Nast kennenlernen, der unter anderem die Vogue herausgegeben hat, hier aber gar nicht nur das Perfekte, Hochstilisierte zeigt: "Es ist viel mehr von den Zeitläuften zu sehen, als man unter dem Signum 'Modefotografie' erwarten würde. (…) Jahrzehnt für Jahrzehnt geht die Ausstellung durch, immerzu akzentuiert von Porträtfotos der Größen der Zeit, von Charlie Chaplin bis James Joyce, aber früh auch schon Paul Robeson und später James Baldwin. 'Die kostbaren Artefakte repräsentieren ein spezifisches und subjektives Geschichtsbild, das die westliche Kultur- und Wirtschaftselite widerspiegelt', heißt es im Einführungstext der in Berlin von Matthias Harder kuratierten Ausstellung, und das soll wohl der erwartbaren Kritik an der Einseitigkeit der Vogue-Fotografie entgegnen. Aber es gilt doch festzuhalten, dass die ungeschminkte Realität immer wieder hervorlugt, gerne als architektonischer Meilenstein wie dem Empire State Building 1930, aber auch in Gestalt Stalins auf dem Roten Platz, übernommen von der offiziellen Agentur 'Sovfoto', die mit Mode nun wahrlich nichts am Hut hatte."

Judy Chicago. Bild: judychicago.com

Die feministische Künstlerin Judy Chicago, "mit 84 eine Titanin in einer Welt, die immer noch von Titanen dominiert wird", bekommt mit "Herstory" im New Yorker New Museum eine erste Retrospektive, die Andrian Kreye für die SZ besucht hat: "Die Subversion männlicher Domänen und Sexualisierung der Formen sind in der Retrospektive als einzige wahrnehmbare rote Fäden in ihrer Arbeit zu erkennen. Mal sanft, mal humorvoll, oft auch aggressiv. Auf dem Foto 'Gunsmoke' zum Beispiel, einer Art Randnotiz zu ihren 'Atmospheres', auf dem ein Mann zu sehen ist, dem jemand mit der Brutalität einer oralen Vergewaltigung einen Pistolenlauf in den Mund zwingt. Da stimmt sie mit der Musik ihrer Zeit überein, als in den Siebzigerjahren statt Genre-Traditionen und handwerklicher Formalismen Haltung und Gestus zu den entscheidenden Stilmitteln des Punk und des Avantgardejazz gehörten. Wobei man gerade das Handwerk in ihrem Gesamtwerk nicht unterschätzen darf. Egal, ob Gemälde, Performance, Skulpturen aus Glas, Kunststoff oder Metall, Schwäche zeigte Chicago in keiner Phase."

In der FR bewundert Sylvia Staude die Fotografien von Laura J. Padgett, die sich intensiv mit dem Frankfurter IG-Farben-Haus auseinandergesetzt hat. Sie sind in der Galerie Peter Sillem ausgestellt: "Dass die Details ihr wichtig sind, der Blick auf die Formen, die Spiegelung der einen in einer anderen Form, auch wenn die Größenverhältnisse sehr unterschiedlich sind, das zeigen die Fotografien, die Padgett jeweils als Diptychen zusammengestellt hat. (...) Etwa wenn Padgett einen Blick aus dem Fenster zusammenstellt mit dem Detail einer längst nicht mehr genutzten Heizungsanlage, einer Schaltzentrale, wo kleine rote Lämpchen auf mittlerweile rissigem, Raum-Umrisse nachzeichnendem Untergrund einst aufleuchteten. Es gibt sehr bedachte Ausschnitte des Gebäudes zu sehen - aber, das mag vielleicht verwundern, keine Gesamtaufnahme aus der Entfernung. Solche Abbildungen des IG-Farben-Gebäudes gibt es allerdings bereits in Menge - und diese Bilder haben nicht im Mindesten die Aura der Fotografien Laura Padgetts. Auf ihren Aufnahmen sieht man die Zeichnung des Steins, manchmal darauf auch Moos-Bewuchs, innen die feinen Linien im Marmor, den glänzenden Boden der menschenleeren Gänge."

Besprochen werden: Kroatische Protestkunst in "Komm zu Bewusstsein! Halte stand! Reagiere! Performance und Politik im postjugoslawischen Kontext der Neunziger"
im Muzej suvremene umjetnosti in Zagreb (FAZ), "Zwölf Variationen zur Auferstehung" im Kunstraum Parochial (Berliner Zeitung) und die Retrospektive zu Frans Hals, die im Sommer aus dem Rijksmuseum Amsterdam nach Berlin kommt (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2024 - Kunst

Bild: Yoko Ono: Fly 1970-1. Directed by Yoko Ono & John Lennon, Film Still.

Pünktlich zum Neunzigsten widmet die Londoner Tate Modern Yoko Ono unter dem Titel "Music of the Mind" eine große Retrospektive, die ab September auch im Düsseldorfer K20 zu sehen sein wird. Wie man zu den Arbeiten der japanisch-amerikanischen Konzeptkünstlerin steht, bleibt dem Betrachter selbst überlassen, meint Alexander Menden in der SZ: "Man kann die Instruktionen der Künstlerin als poetische Einladung zur Teilnahme oder als groteske Vorschrift empfinden. ... Unter dem Motto 'My Mommy Is Beautiful' lädt Ono die Besucher etwa ein, Gedanken über ihre Mutter auf einen Zettel zu schreiben und diesen (oder alternativ ein Bild der Mutter) auf eine von 15 leeren Leinwänden zu kleben. Ermöglicht das rührende öffentliche Liebesgesten? Oder ist es ein süßliches, infantilisierendes Grundschulprojekt? 'Add Colour (Refugee Boat)' macht ein weißes Boot und die umgebenden Wände wiederum zur leeren Leinwand für die Friedensgedanken der Besucher. Ist das ein gemeinsames, vielleicht sogar wirksames Friedensfanal? Oder Erstarrung in einer selbstzufriedenen Aktivismus-Geste?" Als "Ehrenrettung" der Künstlerin erlebt Sebastian Borger im Standard die Schau: "Der Retrospektive gelingt es, Respekt, ja Bewunderung zu schaffen für eine Avantgardekünstlerin, eine Wanderin zwischen kulturellen Welten, die ihrer Zeit voraus war. Freilich bleibt auch die Skepsis gegenüber ihren einfachen Parolen." In der FR bespricht Susanne Ebner die Ausstellung.

Bild: Claudia Andujar, Opiq+theri, Perimetral norte - da série Sonhos Yanomami (Opiq+theri, Perimetral norte - from the Yanomami Dreams series), 2002 © Claudia Andujar. Courtesy Galeria Vermelho, São Paulo.

In der taz ist Petra Schellen dankbar, dass die Hamburger Deichtorhallen der 92-jährigen, in der Schweiz geborenen und in Ungarn aufgewachsenen Fotografin Claudia Andujar die Ausstellung "The End of the World" widmet. Andujar setzt sich seit mehr als fünfzig Jahren für die Rechte der Yanomami ein, der größten indigenen Gruppe in Nordbrasilien. Ihre Aufnahmen verbinden Dokumentation und Poesie, so Schellen: "Wie die mit dem Ethnopoeten Hubert Fichte in den 1960er Jahren durch Afrika, Brasilien, die Karibik gereiste Fotografin Leonore Mau bildet Andujar die Menschen und ihre Rituale würdevoll, aber nicht exotistisch ab. Aber anders als Mau, die distanziert-ehrfürchtig auf indigene Kulturen und Rituale schaute, geht Andujar über das Dokumentarische hinaus: Sie sucht die spirituelle Erfahrung selbst ins Bild zu setzen, indem sie mit Überblendungen und Infrarottechniken arbeitet. Da taucht zum Beispiel ein Männerkopf der Serie 'Das Haus' mit weit geöffneten Augen in eine Dimension außerhalb des Bildes und jenseits der materiellen Welt. Gemeinsam mit der Fotografin bleibt man vor der Schwelle stehen, betritt nicht die tabuisierte, Männern vorbehaltene Sphäre halluzinogener Erfahrung."

"Es ist ein linksliberales Missverständnis, wenn man glaubt, den offenen Dialog zu verteidigen, indem man ihn sperrangelweit aufmacht. Auch für die Brüller und die Extremisten", kommentiert Peter Neumann in der Zeit den Vorfall bei der Bruguera-Lesung. Vorbildlich habe sich etwa der Neue Berliner Kunstverein verhalten: "Weil der Verein nicht ihre politische Meinung zum Gaza-Krieg teilt, wollten die beiden Künstlerinnen Banu Cennetoğlu und Pilvi Takala dort nicht mehr ausstellen. Der Kunstverein ließ die beiden ohne Worte des Bedauerns ziehen. Man sehe vermehrt Versuche einer Instrumentalisierung von Konflikten für die persönliche Agenda und lehne die Übernahme vorgegebener politischer Einstellungen ab, schrieb der Verein in einem Statement. Auch so lassen sich Räume schützen: mit klaren Grenzen und offenem Visier."

Weitere Artikel: In der Zeit widerlegt Hanno Rauterberg das "Klischee von der christlichen Lustfeindlichkeit" - zumindest mit Blick auf sinnliche Jesus-Darstellungen in der Kunstgeschichte. Ebenfalls in der Zeit porträtiert Lara Huck die bolivianische Fotografin Marisol Mendez, die in ihrer Fotoserie "Madre" Frauen als Heilige inszeniert. Der russische Künstler Andrej Molodkin droht damit, in einer Aktion 16 Kunstwerke, unter anderem von Rembrandt, Picasso und Warhol mit einem Gesamtwert von mehr als 40 Millionen US-Dollar zu zerstören, sollte Julian Assange im Gefängnis sterben, meldet Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden die Ausstellung "Heute" mit Werken der in Jerusalem geborenen Künstlerin Elinor Sahm in der Galerie Wannsee Contemporary (taz), die Ausstellung "Von Odessa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Berliner Gemäldegalerie (FAZ) und die Ausstellung "Lacan, l'exposition" im Centre Pompidou in Metz, die sich nicht nur Lacans Sammlung widmet, sondern auch der Frage nachgeht, "inwiefern Kunstwerke Lacans psychoanalytische Theorie auf den Weg gebracht haben, aber auch als deren reflektierender Spiegel funktionieren", wie Bettina Wohlfarth in der FAZ schreibt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2024 - Kunst

Nach der Störung der Lesung von Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof (unser Resümees hier und hier), infolge der sich die kubanische Künstlerin entschloss, die Performance abzubrechen, hat Bruguera selbst ein Statement auf Instagram abgegeben. Sie stellte darin klar, dass es eine Verwechslung gegeben habe: die erste Unterbrechung durch Aktivisten (die am Samstagnachmittag stattfand) sei auf ihre Einladung hin erfolgt. Die zweite Störung sei "ein Protest gewesen", zwar verurteile sie die verbalen Angriffe auf den Direktor des Museums und das Publikum, trotzdem habe sie Verständnis für die Protestierenden: "Ich möchte betonen, dass ich jede Form von Gewalt oder Diskriminierung ablehne. Aber, war es ein gewalttätiges Ereignis? Nein. War es intensiv? Ja. Haben sie die Veranstaltung gestört? Ja, das war der Hauptzweck. Wurde ich durch die Störung beleidigt? Nein. Gab es irgendwelche körperlichen Angriffe? Nein. War es eine Konfrontation? Ja, aber was ist das Problem dabei?"

"Beschämend" findet Marcus Woeller in der Welt Brugueras Reaktion, sich "nach dieser Eskalation dennoch auf die Seite der 'Aktivisten' zu stellen." Mit dem Abbruch der Lesung habe sie die eigentliche Botschaft ihrer Performance untergraben: "Opfer dieses Abends, so muss man Tania Brugueras auf Instagram kontrovers diskutierte Mitteilung lesen, ist vor allem Tania Bruguera. An ihrem Anspruch auf einen Dialog, ja darauf, für die in der Kunst so häufig beschworene Heilung zu sorgen, ist sie gescheitert." Auch merkt Woeller an, dass Bruguera den antisemitischen Dimensionen des Protests in ihrem Statement keinerlei Rechnung getragen hatte. Bei Spon fragt Ulrike Knöfel, inweit Bruguera gar selbst in die Aktion involviert sein könnte: "War diese Störung am Nachmittag eine geplante Intervention, wer war im Vorfeld informiert worden? Till Fellrath, der andere Chef des Hamburger Bahnhofs, lässt über eine Sprecherin dieses ausrichten: Bruguera habe 'mit uns' - über 'Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Wissenschaft gesprochen, von denen auch einige vorab eingeladen wurden'. Klingt also durchaus inszeniert. Bei der zweiten Störung waren offenbar zum Teil dieselben Personen involviert, denen Bruguera jetzt mit so viel Nachsicht begegnet."

Der Historiker Volker Weiß zeichnet in der SZ noch einmal nach, wie Bruguera selbst die Lesung um ein Plädoyer für Redefreiheit in Sachen Israelkritik erweitert hatte. Ein Manöver, das nach hinten los ging, insbesondere als Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Ziel der Attacken wurde: "Die Filmaufnahmen offenbaren einerseits einen bemerkenswert autoritären Gestus, in dem sich moralische Selbstgewissheit mit massiver Aggression paart, andererseits dokumentieren sie die völlige Hilflosigkeit eines eigentlich wohlmeinenden und diskussionsbereiten Publikums. Die deutsch-englisch brüllenden Störerinnen duldeten nur ihre eigenen Stimmen. Sie trugen einen sektenhaften Vorbeter-Nachbeter-Singsang von Palästina und 'from the river to the sea' vor und schrien dem Publikum ein 'Shame on you' entgegen. Einer Besucherin, die sich grundsätzlich solidarisierte, aber die Form des Auftritts kritisierte, wurde rabiat der Mund verboten: 'Wenn du inhaltlich auf unserer Seite wärst, dann wärst du ruhig!'" Weiß meint: "In dieser 'Intervention' zeigt sich der ganze Widerspruch der BDS-Bewegung. Redefreiheit wird reklamiert, um anderen den Mund zu verbieten."

Eine echte Solidaraktion ist derzeit in der Berliner Gemäldegalerie zu bewundern: 12 Bilder von Künstlern wie Cornelis de Heem oder Francesco Granacci werden dort derzeit ausgestellt, eine Auswahl aus insgesamt 74 Werken, die die Gemäldegalerie aus dem vom russischen Angriffskrieg bedrohten Museum für östliche und westliche Kunst in Odessa aufgenommen hat. Sophie Jung schreibt in der taz: "Alle zwölf Gemälde aus dem 16. bis 19. Jahrhundert im Berliner Saal stammen aus der 1923 in Odessa gegründeten Institution. Prado, Rijksmuseum oder Gemäldegalerie - ihr Sammlungsbestand lässt sich mit dem großer Häuser vergleichen. Nur weiß es kaum jemand. Viele der Werke gehörten einst denjenigen mit Westeuropa vernetzten wohlhabenden Familien, die in den Wirren nach Gründung der Sowjetunion 1917 fliehen mussten und ihren Besitz zurückließen (...)." In der SZ begrüßt Peter Richter, dass die Ausstellung zu einer Zeit komme," in der das Thema von anderen Krisenherden einerseits überschattet zu werden droht, andererseits zur Unterstützung der Ukraine von der Bundesregierung in der Regel noch dringlicher Waffen und Munition gefordert werden als Bilderrahmen. Eine Präsentation altmeisterlicher Gemälde hat unter diesen Umständen vor allem symbolpolitische Bedeutung." Für den Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz.

FLATZ: Portrait mit Hammer, 1990, Photo: Andreas Struck © FLATZ Foundation

Wer Lust auf Kunst jenseits von Aktivismus hat, kann es vielleicht mit der Ausstellung "Flatz. Something Wrong with Physical Sculpture" in der Münchener Pinakothek der Moderne probieren. Jörg Seewald ist jedenfalls in der FAZ ziemlich begeistert, etwa von einer spontanen Performance des Aktionskünstlers Flatz in Reaktion darauf, dass seine Arbeit "Die Haut zu Markte tragen", die eigentlich Stück für Stück versteigert versteigert werden sollte, von einem Sammler komplett erworben worden war: "Die Versteigerung von zwölf Tattoos, die nach dem Tod des Künstlers präpariert hinter Glas den erfolgreichen Bietern zugestellt werden, war damit vom Tisch. Nicht aber der unverstellte Blick auf Wolfgang Flatz' einundsiebzigjährigen Körper, der sich nun leibhaftig stehend stumm auf einer Scheibe drehte und dem gerade noch plappernden Publikum ernste Stille abnötigte. Reglos starrte er - ausnahmsweise ungeschützt von seiner Brille - zurück auf die Menschen, die ihn, den nun Verwundbaren, durch das immer häufigere Hervorholen der filmenden Smartphones einmal mehr verwundeten."

Weitere Artikel: In Italien heißt die Letzte Generation "Ultima Generazione"; in den Florenzer Uffizien hat sie nun Botticellis "Geburt der Venus" mit Bildern von Überschwemmungen überklebt, berichtet die Welt. Peter Kropmanns blickt in der NZZ auf den französischen Impressionismus zurück, dem derzeit international mehrere Ausstellungen gewidmet sind.

Besprochen werden die Ausstellung "À la cour du prince Genji - Mille ans d'imaginaire japonais" zum Genji monogarari im Musée national des arts asiatiques - Guimet, Paris (FAZ), die Ausstellung "Die gerettete Moderne. Meisterwerke von Kirchner bis Picasso" im Berliner Kupferstichkabinett (FR) und Karolina Jabłońskas Soloschau "How to be invisible" in der Berliner Galerie Esther Schipper (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2024 - Kunst

Vanessa Vu war dabei als pro-palästinensische Aktivisten am Samstagabend eine Performance der Künstlerin Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof störten. (Unser Resümee) Sie beschreibt die Szene auf Zeit Online. Nachdem ein Protest am Nachmittag friedlich verlaufen war, kamen Teile der Gruppe abends zurück und brüllten eine Lesung der Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, unter anderem mit "From the river to the sea"-Rufen nieder: "Was aus der Ferne kaum zu erkennen war und dafür auf einem Handy-Video aus der Mitte der Protestierenden deutlich wird: Immer wieder versuchte auch die Künstlerin Tania Bruguera mit wedelnden Armen einzuschreiten. 'Ihr wisst nichts über mich, ihr wisst nichts über meine Geschichte und was ich für die Palästinenser getan habe', sagt Bruguera in dem Video, sichtlich aufgewühlt. 'Du bist immer noch eine weiße Person!', schrie eine Frau zurück. Brugueras Solidarität mit Palästinensern sei 'performativ'." Vu findet, das Museum hätte durchgreifen müssen: "Am Ende liegt es jedoch in der Verantwortung des Museums, Prioritäten zu setzen und die Sicherheit seiner Gäste zu gewährleisten. (...) Der Wunsch nach Inklusion findet dort seine Grenzen, wo Menschen ebenjenes Prinzip missachten und nur sich selbst hören wollen."

Im Spon-Interview mit Tobias Rapp beschreibt Mirjam Wenzel ihre Erfahrung während der Störaktion. Für sie besteht kein Zweifel, dass gerade ihre Lesung gestört wurde, weil sie Jüdin ist: "Die Ankündigung, wer wann spricht, kam kurzfristig über Tania Brugueras Instagram-Account. Hinter meinem Namen hieß es 'Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt'. Ich war die einzige Teilnehmerin, bei der 'Jüdisch' dabeistand." Sie mache sich "Sorgen, welche Signalwirkung von solchen Aktionen auf in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden ausgeht. Offenbar können sie in öffentlichen Räumen nicht darüber sprechen, was das Massaker der Hamas und der Krieg in Gaza für sie psychologisch und biografisch bedeutet. Auch nicht darüber, was es heißen würde, wenn der Staat Israel nicht mehr als Lebensversicherung wahrgenommen werden kann."

In einem kurzen Interview auf Zeit Online, geführt von Peter Neumann, meldet sich einer der Direktoren des Museums, Till Fellrath zu Wort: "Es war uns zu jedem Zeitpunkt wichtig, dass wir die Lage in der Halle unter Kontrolle behalten, wir waren an dem Abend bis Mitternacht vor Ort. Wir mussten die Ereignisse offen gestanden auch erst einmal einordnen und mit der Künstlerin besprechen können. Es gab ja auch direkte Verbalattacken gegen uns persönlich und das Museum. Sam Bardaouil (neben Fellrath der zweite Direktor des Museums, Anm. d. Red.) wurde direkt rassistisch beschimpft und angespuckt. Am Sonntagmorgen haben wir schließlich dem Wunsch von Tania Bruguera entsprochen, die Performance abzubrechen."

Schon das "Übergewicht antiisraelischer Stimmen unter den Prominenteren auf der Redner:innenlisten" ließ bei Jens Winter Zweifel aufkommen, ob hier Raum zur offenen Diskussion bestand, wie er in der taz schreibt. "Gegenüber Mirjam Wenzel, deren Engagement für Israel darin besteht, dass sie am 11. Oktober 'fehlende Empathie' mit Juden im Kulturbetrieb attestierte, stand eine Vielzahl bekannter Gegner Israels, wie Masha Gessen, Deborah Feldman und Tomer Dotan-Dreyfus."

In der Welt möchte Christian Meier die Aktion als das bezeichnet wissen, was sie war, "eine offene Proklamation von Antisemitismus". Denn den Aktivisten geht es nicht darum "für" etwas zu sein, sie positionierten sich "gegen einen offenen Dialog, der geplant war, gegen die Künstlerin, gegen Israel."

Weiteres: Auch im MoMa in New York gab es am Wochenede antisemitische Proteste, meldet Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Neben den üblichen Parolen "nannten die Aktivisten auch fünf Mitglieder des Aufsichtsrates des MoMA, denen sie wirtschaftliche Beteiligung insbesondere an israelischer Rüstungsindustrie vorwerfen. Es handelt sich ausnahmslos um jüdische oder familiär verbundene Mäzene, unter ihnen Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses."

Besprochen werdem die Ausstellung "Frank Auerbach. The Charcoal Heads" in der Courtauld Gallery in London (FAZ), die Installation "Alreadymade" im Kunsthaus Zürich (NZZ) und eine Ausstellung der Multimedia-Künstlerin Emilija Škarnulytė im Kunsthaus Göttingen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2024 - Kunst

Die Kritiker trauern um den im Alter von 85 Jahren verstorbenen Aktionskünstler und Maler Günter Brus. Stefan Trinks erinnert sich in der FAZ an die legendären Auftritte vom "Erfinder des Ganzkörperaktionismus": "Alle denkbaren sexuellen Tabus, ein virulentes Thema der Sechziger- und Siebzigerjahre, führte Brus rücksichtslos vor, indem er etwa nackt als 'Bild' durch die Stadt spazierte oder bei Aktionen jenen Teil seines Körpers involvierte, den bereits manche Renaissancekünstler als besonderen Pinsel bezeichnet und mehr oder weniger subtil in ihre Malerei eingebracht hatten."

Die Performance der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera (Unser Resümee) im Hamburger Bahnhof, bei der die Künstlerin hundert Stunden lang aus Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge des Totalitarismus" lesen wollte, wurde von pro-palästinensischen Aktivisten gestört und musste abgebrochen werden, melden SZ und Spon. Schon mittags wurde die Performance von Aktivisten besucht, die allerdings nicht eingriffen, hingegen "seien die Störer am Abend nach Angaben der Veranstalter deutlich aggressiver aufgetreten. Sie beschimpften die Künstlerin, die Lesenden, unter denen jüdische Teilnehmende waren, und bespuckten den libanesisch-stämmigen Direktor des Hamburger Bahnhofs, Sam Bardaouil", berichtet Sonja Zekri in der SZ. Die Ironie dabei: Bruguera selbst hatte zu Beginn ihrer Lesung beklagt, israelkritische Stimmen würden in Deutschland zensiert.

Weiteres: In der FAZ verweist Florian Keisinger auf eine für das Frühjahr angekündigte Neuedition der Tagebücher von Max Beckmann. Besprochen werden die Ausstellung "Manchmal halte ich mich an der Luft fest. Belarusische Künstler:innen im Exil" in der Galerie im Körnerpark Berlin (taz) sowie die Solo-Schauen von Jana Bliss und Carol Rhodes im Haus am Waldsee in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2024 - Kunst

Melek Celâl: Selfportrait with hat. Collection: Gelen Sergiler © Private Collection


Die türkische Malerin Melek Celal hat nicht viele Bilder gemalt, kann taz-Kritiker Ingo Arend im Sakıp Sabancı Müzesi in Istanbul beobachten, aber ihr Werk hat es in sich. Die "historischen Umbrüche" der Türkei spiegeln sich in ihm wider und vor allem der türkische Kampf für Frauenrechte. Celal malte, schrieb und entwarf immer im Sinne der Frauen und war 1935 die erste Künsterlin mit einer Solo-Ausstellung. Das ist natürlich, so Arend, auch ein politisches Zeichen in der heutigen Türkei: "Die Schau betont ihre 'hidden agenda' nicht demonstrativ. Auf die Präsentation eines ihrer zwanzig Aktbilder, die Melek Celâl in der Galatasary-Ausstellung des Jahres 1922 gezeigt hatte und mit denen sie zu einer der ersten türkischen Künstlerinnen aufstieg, die dieses Genre in ihrem Land ausstellten, verzichtet die Schau. Deren Botschaft teilt sich freilich auch ohne 'nudes' oder feministische Parolen klar genug mit. Mögen Celâls Lebenswerk und Kunst auch ein bourgeoises Exempel abgeben. In ihnen spiegelt sich eines der, wenn nicht das zentrale Emanzipationsversprechen der türkischen Republik und ihres Gründers, das in der Türkei des gegenwärtigen Präsidenten, nicht zuletzt nach dessen 2021 erfolgtem Austritt aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt, ausradiert zu werden droht."

Weiteres: Stefan Trinks schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Neoexpressionisten Karl Horst Hödicke. Der "Birkenau-Zyklus" von Gerhard Richter wird dauerhaft in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz ausgestellt, berichtet Viktoria Grossmann in der SZ. Ann-Kathrin Nezik schildert ebenfalls in der SZ den juristischen Kampf der amerikanischen Künstlerin Karla Ortiz gegen das KI-Unternehmen Stability AI. In der FAS schreibt Katja Petrowskaja über die Fotografin Marta Syrko aus Lemberg, die in ihrer Foto-Serie "Skulpturen" Kriegsversehrte aus der Ukraine zeigt. Phillipp Meier nimmt für die NZZ die apokalyptischen Bilder des Malers John Martin unter die Lupe.

Besprochen werden die Valie Export-Retrospektive im C/O Berlin (FAS) und die Ausstellung "Sehnsuchtsblaue Ferne! Der Münchner Landschaftsmaler August Seidel (1820-1904) und Weggefährten" in der Städtischen Galerie Rosenheim (FAZ).