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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2002. Wie sah Martin Walser 1952 aus? Die FAZ bringt einen erhellenden Tagebuchauszug von Alice Schmidt, der Frau von Arno Schmidt. In der FR analysiert Michael Rutschky deutschen Antiamerikanismus. In der SZ sehnt sich Leon de Winter nach Pim Fortuyn. NZZ und taz würdigen Wolfgang Hilbig, der morgen den Büchner-Preis erhält.

FAZ, 26.10.2002

Wir wissen ja, dass wir die Welt eigentlich in die Rundschau aufnehmen sollten. Gestern haben wir hier zum Beispiel ein Interview mit Andre Glucksmann zu Tschetschenien übersehen, das man angesichts des jahrelangen deutschen Desinteresses am Thema nur empfehlen kann. Glucksmanns Kritik an Europa ist hart: "Es gibt 100.000 Tschetschenen in Russland, die alle mit irgendeinem Dorf in Tschetschenien verbunden sind, wo entsetzliche Dinge geschehen. Wir Europäer müssten den Tschetschenen jeden Tag auf den Knien danken, dass sie keine Gasanschläge auf die Metro verüben, dass sie keinen Kamikaze-Angriff auf ein Treibstofflager oder ein Atomkraftwerk starten." In der heutigen Welt antwortet Matthias Kamann auf das Gespräch: "Andre Glucksmanns apokalyptische Rhetorik unterwirft sich der Logik des Terrors."

Und nun zur heutigen FAZ:

In den Ruinen von Bilder und Zeiten präsentiert man einen hübschen Auszug aus dem Tagebuch Alice Schmidts, der Frau von Arno Schmidt, die erzählt, wie die beiden im Jahr 1952 im Zug nach Stuttgart fuhren, um mit Aufträgen vom Rundfunk die äußerst magere Existenz aufzubessern. Und der Zuständige beim Radio, ein gewisser Dr. Martin Walser, half ihnen tatsächlich. So sah er bei der ersten Begegnung aus: "'Herr Schmidt!' Oh und da steht lachend ein Mann dessen außerordentliche Kleidung ich zuerst betrachtete: über hellgrauen Sommerhosen eine Art weiter hellblauer Pullover, aber aus Stoff und darunter ein lose geschlungener buntkarierter Seidenshawl. Also ganz auffällig auf Künstler gekleidet. Ansonsten war er ein mittelgroßer junger Mann mit nicht häßlichem, ja fast hübschem vollen Gesicht, schwarzem glatten Haar und schwarz gerandeter Hornbrille. Außer der Kleidung hätte er sonst gar nichts Auffälliges an sich gehabt. Also lassen wir ihm dann ruhig die Kleidung die ihm auch gar nicht übel ließ."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings kann der Washingtoner Sniper nicht schockieren, da ihm das Thema des traumatisierten und Amok laufenden Kriegsheimkehrers bereits aus Literatur und Kino bekannt ist. Mark Siemons berichtet über eine Anhörung des Nationalen Ethikrats über das Thema der Biobanken, in dem zur Erkennung genetischer Ursachen von Krankheiten Genmaterial archiviert wird. "bat." meldet, dass das Frankfurter Thurn-und-Taxis-Palais wieder aufgebaut wird. Christoph Albrecht berichtet von der Verleihung des von der Zeit-Stiftung verliehenen Preises "Bibliothek des Jahres" an die Göttinger Universitätsbibliothek. Niklas Bender schildert das Schicksal der sudanesischenAutorin Mende Nazer, die in ihrem Buch "Sklavin" (Leseprobe) erzählt, wie sie als Zwölfjährige zur Sklavin gemacht wurde - ihr wird in London nun politisches Asyl verweigert. (Deutsch erscheint ihr Buch beim Schneekluth-Verlag, der auf seiner Website auch Proteste gegen die Ausweisung Nazers berichtet.) Jürgen Kesting wohnte einer Berliner Feier der Stiftung Musikleben bei, bei der Johannes Rau die Regierung mahnte, die steuerliche Begünstigung von Spenden zu erhalten. Gerhard R. Koch schreibt zum Tod des Broadway-Texters Adolph Green ("New York, New York"). Jordan Mejias versichert, dass es sich bei dem in New York eröffneten Museum of Sex um "eine von Grund auf tugendhafte Institution" handelt.

Dietmar Dath schickt Impressionen von einer Reise nach Israel. Und in der Frankfurter Anthologie stellt Wulf Segebrecht ein Gedicht von Harald Hartung vor - "Aus dem Sommer 47":

"Dem abgerissenen Mann / wurde Kaffee gereicht / Ich musste ihm die Schuhe putzen / bloß weil er zurückgekommen war / Mutter stand abseits / Ich hatte Verständnis für sie / liebte sie plötzlich"

Auf der Medienseite resümiert Frank Kaspar den internationalen Kongress History 2002, bei dem es um die Darstellung von Geschichte im Fernsehen ging. Und Heinrich Wefing meldet, dass das Kulturportal Arts & Letters Daily vom Chronicle of Higher Education übernommen wurde und somit gerettet zu sein scheint.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Geschichte des Sonntags im Bonner Haus der Geschichte, Stefan Puchers "Richard III."-Inszenierung in Zürich, die Filmparodie "Austin Powers in Goldständer" und natürlich Bücher, darunter Jonathan Franzens Essayband "Anleitung zum Einsamsein" (siehe unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite stellt Gerhard R. Koch CDs des polnischen Komponisten und Pianisten Wladyslaw Szpilman vor, dessen Lebenserinnerungen gerade von Roman Polanski verfilmt wurden. Ferner geht's um CDs der britischen Band Suede und einen "Troubadour" unter Riccardo Muti.

FR, 26.10.2002

Wieviel Amerika steckt in der BRD? Kein Land wurde so mustergültig amerikanisiert wie wir, stellt Michael Rutschky zu Beginn seiner ausgiebigen Erkundung fest. Um sich gleich darauf zu wundern, warum gerade hier der antiamerikanische Protest so hohe Wellen schlägt. Weil der auch zu Amerika gehört, zum Amerika der Talkshows nämlich: "Die von den Talkshows angestachelte Meinungsfreude erlaubt es einem ehemals linksradikalen Theatermann, als Theoretiker des Völkerrechts aufzutreten, einer Publizistin, spezialisiert auf DDR-Nostalgie, als Expertin für die Weltwirtschaft. Ein Amerikaner würde in dem Flammenden und Bekenntnishaften der Statements vermutlich außerdem Konfession und Predigt wiederfinden, wie sie die öffentliche Rhetorik der USA seit den Anfängen bestimmen. Es war amerikanisch, wie Kroetz und Dahn gegen Amerika wetterten." Dazu passt Kirsten Papes Bericht im Magazin über den wachsenden inneramerikanischen Protest gegen einen Irak-Feldzug.

Die Rolling Stones rollen immer noch. Seit vierzig Jahren. Und keiner fragt mehr wie Adam Olschweski in seinem Rückblick. "Dürfen die denn das, diese bleichen, an Weißbrot und Kartoffeln genährten Gestalten, sich wie Schwarze aus den Südstaaten benehmen, sie kennen keine Pein, ist das erlaubt, ist das ehrlich?"

Weitere Artikel: Marius Meller findet alle Religionen bescheuert, sobald sie als Vorwand für Kreuzzügler oder Scharfschützen dienen. Renee Zucker beäugt die neueste Idee des hessischen Ministerpräsidenten, einen Aufkleber mit den sinnigen Worten "Jammert mir nichts vor, ich habe CDU gewählt". Roland H. Wiegenstein blättert durch einen Stapel Zeitschriften unter ihnen Mittelweg und Kommune. Christian Schlüter hat sich die "wohlgesetzten" Grußworte auf der Feier zum zwanzigjährigen Bestehen des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin angehört. Petra Kohse verabschiedet die "große Paradoxe unter den Schauspielkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts", Marianne Hoppe. Ralf Grötker begutachtet die neuen Fellows am Berliner Wissenschaftskolleg, unter ihnen auch Nobelpreisträger Imre Kertesz. Christian Thomas blickt skeptisch auf die Umbaupläne für eine der begehrtesten Innenstadtadressen der Republik, die Große Eschenheimer Straße in Frankfurt.

Auf der Medienseite berichtet Thomas Roser, wie die Regierung Weissrusslands massiven Druck auf die landeseigenen Medien ausübt.

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Richard III." in Zürich sowie viele Bücher, darunter Beate Schaefers römische Love Parade "Bacchantische Nacht", Hanna Kralls erschöpfter Erzählband "Ach du bist Daniel", zwei Bücher über die Lust an der ökologischen Apokalypse oder die vollständige Druckgraphik von Richard Hamilton (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

Im Magazin klingt Anthony Hopkins ganz erschüttert, wenn er hört, dass manche Leute schon Angst bekommen, wenn sie nur seine Stimme hören. Till Hein schwimmt gegen den Strom und zieht ausgerechnet jetzt in das krisengeschüttelte Berlin. Im Zoo verirrt er sich aber noch: "Man folgt den Wegweisern Richtung Känguru und kommt beim Biber raus." Den wohl einzigen Rentnerteich für Blutegel hat dagegen Jenny Niederstadt in Biebertal entdeckt. Tom Saumweg erklärt uns, warum die griechische Insel Karpathos entgegen anderslautenden Gerüchten kein Ort zum Hinfahren ist.

TAZ, 26.10.2002

Im Feuilleton porträtiert Susanne Messmer den DDR-Schriftsteller Wolfgang Hilbig (mehr hier), der heute mit dem Georg-Büchner Preis ausgezeichnet wird. Der Durchbruch kam spät, Anfang der Achtziger. "Da war endlich einer, eine Art Charles Bukowski des Ostens, ein Mann mit Kultpotenzial, der klar Stellung bezog im westdeutschen, oft blutleer und satt wirkenden Literaturbetrieb. Das schlug ein, sowohl bei den Linken, die sich endlich von der Vorstellung verabschiedeten, die DDR sei das gemütlichere Land, als auch bei den Konservativen, die sich ihren Kalten Krieg bestätigen lassen wollten."

Besprochen werden Ole Christian Madsens dänischer Dogma-Film "Kira", Shakespeares "Richard III." in der Inszenierung von Stefan Pucher, die Eröffnung der Züricher Sparsaison nach dem Rausschmiss Marthalers, Gerhard Richters Auftragsarbeit "Acht Grau" in Berlin und Carolien van Tilburgs Bildband der Modetempel "Powershop".

Die Medienseite ist der Spiegelaffäre gewidmet, die Besetzung der Redaktion durch die Polizei jährt sich zum vierzigsten Mal. Dazu ein Interview mit dem Spiegelredakteur Dieter Wild und ein Abriss der Ereignisse von Steffen Grimberg.

Das tazmag präsentiert in diesem Jahr zum dritten Mal eine Weinbeilage mit dem traditionellen Lesebericht von Manfred Kriener, mit Till David Ehrlichs Reportagen über hochwassergeschädigte Sachsenwinzer und einsame Sommeliers. Bernd Kreis schmeckt der Wein nur mit Frau Meier, seiner persönlichen Weinberaterin. Wolfgang Abel freut sich, dass man bei der neuen Art der Weinverkostung endlich auch was essen kann. Der Rheingauwinzer Matthias Corvers weiht uns in die Vorteile der umstrittenen Mostkonzentration mit Vakuumverdampfung ein. Judith Luig begleitet die Weinkönigin von Unkel. Und zu guter letzt gibts noch jede Menge Weintipps, und zwar ausschließlich von Frauen, die laut taz ja sowieso den feineren Gaumen haben, Vertreten sind Julia Klöckner, Natalie Lumpp, Friederike Klatt, Paula Bosch, Renate Frank und Sylvia van Aans.

Schließlich Tom.
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NZZ, 26.10.2002

Ilma Rakusa hat die internationalen Literaturtage in Sarajewo besucht, wo man auch Jorge Semprun, Tahar Ben Jelloun und Bernard-Henri Levy, aber offensichtlich keinen deutschen Schriftsteller traf, und stellt auch die Zeitschrift Hefte aus Sarajewo (Sarajevske sveske, mehr hier) vor, die den "dringlich notwendigen Versuch macht, den ex-jugoslawischen Raum kulturell wieder aktiv zu vernetzen".

Ferner meldet Joachim Güntner, dass Klaus Reichert zum Nachfolger Christian Meiers zum Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt wurde. Besprochen werden Stefan Puchers Zürcher "Richard III."-Premiere, zwei Opernpremieren in Wien (nämlich Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" in der Inszenierung von Peter Stein und Pietro Mascagnis Operette "Si" in der Inszenierung von Katja Czellnik) und eine Ausstellung über Gianni Versace im Victoria & Albert Museum.

In Literatur und Kunst denkt der Philosoph Martin Seel (dessen jüngstes Buch "Sich bestimmen lassen" jüngst von sich reden machte) über Wunsch, Erfüllung und Glück nach. Scheint eine komplizierte Sache zu sein, "denn dass ein Wunsch ein Wunsch nach Erfüllung ist, bedeutet nicht notwendigerweise, dass ein Wunsch erfüllt ist, wenn das Subjekt dieses Wunschs die gewünschte Situation erreicht."

Roman Bucheli würdigt Wolfgang Hilbig (mehr hier), der an diesem Wochenende den Büchner-Preis erhält: "Dort, wo man alle Hoffnung hinter sich gelassen hat, beginnen Hilbigs Figuren, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wie die Ratten verkriechen sie sich ins Kanalsystem der Zivilisation. Die Unterwelt gewährt ihnen eine Zuflucht und immerhin das Zerrbild einer negativen Utopie, aus dem sie den Funken ihrer kleinen Hoffnung schlagen."

Ferner druckt die NZZ Hugo Loetschers Laudatio auf den Walliser Autor Maurice Chappaz, der mit dem Prix Lipp ausgezeichnet wurde. Barbara von Reibnitz widmet sich ausführlich einer neuen Edition von nachgelassenen Texten des späten Nietzsche. Kurt W. Forster legt einen Essay über Karl Friedrich Schinkel als Reisenden und Wohnenden vor. Und Klaus Merz singt ein Lob aufs Taschentücher (Titel: "Der Nutznießer")

SZ, 26.10.2002

In der SZ am Wochenende rechnet der niederländische Autor Leon de Winter (mehr hier) mit dem Mythos des gelobten Hollands ab und wünscht sich den ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn wieder her. "Das Traurige ist, dass ein Clown wie Fortuyn - der selten Genaueres von sich gab als Phrasen und Gemeinplätze, und in dessen Büchern nicht ansatzweise ein politisches Programm zu finden ist - die einzige politische Figur in den Niederlanden war, die den Eindruck erweckte, als könne sie es mit den Problemen aufnehmen."

Weiter trauert Ingo Mocek den Zeiten nach, als Tourismus und Terrorismus nicht so eng verknüpft waren wie heute. Andrian Kreye begibt sich in das verträumt visionäre Kalifornien der 70er Jahre, wo von ein paar gelangweilten Surfern das Skateboarden erfunden wurde (der Film zum Thema). In der Serie Deutsche Landschaften porträtiert Thomas Kling diesmal den Niederrhein, wo der Himmel so holländisch hoch scheint. Und Alexander Gorkow tut das, was er am besten kann: Fragen stellen. Diesmal dem dezenten Jean-Louis Dumas-Hermes, der das für seine Seidentücher bekannte Luxus-Bekleidungshaus (Homepage) in fünfter Generation führt.

Im Feuilleton spricht der alpine Volksmusiker Hubert von Goisern im Interview über sich und die einfachen Tricks der Instrumentenwahl. "Es gibt Sachen, die kommen auf der Gitarre gut. Andere sind für die diatonische Ziehharmonika ideal. Und manchmal setze ich mich hin und fühle mich mit dem Es-Horn oder mit dem Flügelhorn sauwohl."

Weitere Artikel: Ulrich Raulff macht sich mit Derrida, Agamben, Coetzee und Canetti Gedanken über die unerwartete Rückkehr der Kreatur. Tobias Kniebe versucht die Sniper von Washington nach filmischen und realen Vorläufern einzuordnen, und muss zugeben, dass hier eine neue Kategorie des Grauens geschaffen wurde, die womöglich für Andere zum Vorbild wird. C. Bernd Sucher verfasst den Nachruf auf das "Jahrhundert-Erlebnis" Marianne Hoppe, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Und Fritz Göttler schreibt zum Tod von Adolph Green, Schöpfer von "Singing in the Rain" und letzter Musical-Autor Hollywoods.

Auf der Medienseite plaudert Katja Kessler über ihre Mittäterschaft bei der Dieter-Bohlen-Biografie.

Besprochen werden Mike Myers dritter Streich seiner James-Bond-Parodie Austin Powers, Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Richard III." am Schauspielhaus Zürich, wieder Shakespeare, diesmal "Titus Andronicus" aufgeführt von Christian Stückl am Münchner Volkstheater, eine Ausstellung über den Sonntag im Bonner Haus der Geschichte, die erste Retrospektive der Designerin Matali Crasset in Lausanne, nach gerade zehn Jahren im Geschäft, und natürlich Bücher, darunter Bernd Weisbrods Studien über die Persilscheinkultur deutscher Professoren nach dem Zweiten Weltkrieg, die Briefe zwischen V. S. Naipaul (hier seine Website) und seinem Vater und Bruce Bernards wiederaufgelegter Bildband mit Fotografien des vergangenen Jahrhunderts (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).