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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2003. Die FAZ erklärt, wie sich unter dem Schutz einer Nase ein Kinowunder ergeben kann. Die FR interviewt Jorge Semprun und Lenka Reinerova zum Totalitarismus. Die SZ führt einen Dreikampf der Kriegskommentatoren um höchste Kriegskompetenz und stellt Susan Sontags höchst aktuellen Band über Kriegsfotografie vor. Die taz ist betrübt über Al Dschasira. Die NZZ empfiehlt Russisch ohne Fremdwörter.

SZ, 26.03.2003

Valentin Groebner stellt Susan Sontags (homepage) neuen Essay über die Bilder der Gewalt vor, "Regarding the Pain of Others" (erstes Kapitel), der gerade "erschreckend pünktlich" erschienen ist: "Sontag hat eine Menge Spott für den pauschalen Medienpessimismus übrig, der von vermeintlich entfremdenden Nachrichten- und Bilderfluten als Zeichen moderner Befindlichkeit schwafelt - steht alles schon bei Baudelaire, zeigt sie mit einem kleinen, bösen Zitat. Noch schärfer wird sie angesichts der Redensart, dass die postmoderne Realität zum Simulacrum geworden sei. Ein Argument 'von atemberaubender Provinzialität' - denn von wo aus spricht denn einer, für den sich alles in Simulation verwandelt hat? Nein, die Schreckensbilder handeln von den Paradoxa der Emotion und der Erinnerung. Die Zuschauer wollen weinen und sprachlos sein - aber aus der Distanz, bitte schön."

"Noch ist offen, wer sich als der Günter Netzer des Kriegskommentars herausmendeln wird, Herfried Münkler oder Karl Otto Hondrich. In der Hysterie der ersten Kriegstage bringt jeder Tag neue 'Militärexperten' und jede neue Lage eine andere Große Erzählung hervor", spottet Ulrich Raulff, der selbst immerhin "Krieg und Frieden" und Clausewitz beizusteuern hat: "Irgendwo auf dem Weg zwischen Basra und Nasirijah ist den Militärs ein alter Bekannter begegnet, eine unheimliche Gestalt, die sie vergessen hatten, als sie den Krieg der schnellen Bewegungen planten. Sein Name lautet Friktion. Mit diesem altmodisch anmutenden Begriff bezeichnete Carl von Clausewitz das 'Heer kleiner Schwierigkeiten', mit dem jede Armee der Welt zu kämpfen hat, noch bevor sie ihre erste Berührung mit dem Feind hat: Pannen des Materials, Unbilden der Witterung, menschliches Versagen. Die Tücken des Objekts und die Schwächen der menschlichen Natur: Sie können sich zu Reibungsfaktoren ungeahnter Größe summieren; halbe Armeen können sich daran abreiben." Mensch, hat der gedient?

Weitere Artikel: Petra Steinberger erklärt den "Code of Conduct", die Regeln für amerikanische Militärs im Kriegsfall. Im Kampf um Zuschauer hat der Fernsehsender ABC schwere Verluste bei der Oscar-Verleihung hinnehmen müssen, weiß Friz Göttler, nur 33 Millionen haben sich das Spektakel angesehen. Aus Italien berichtet Henning Klüver, dass Berlusconi nur noch von Oriana Fallaci in seinem Kriegkurs unterstützt wird, der Rest des Landes hat die Friedensfahne gehisst. Jürgen Busche erzählt, wie Dashiell Hammets Ablehnung des Koreakrieges ihn erst vor den McCarthy-Ausschuss und dann ins Gefängnis brachte. Auf der Medienseite sieht Christiane Kohl die italienischen Kriegsreporterinnen ihren männlichen Kollegen den Rang ablaufen.

Helmut Kerschner bemerkt zufrieden, dass das Bundesverfassungsgericht erneut "ein Recht auf ein vom Elend der Welt unberührtes Gemüt" verneint und die Benetton-Werbung im Namen der Pressefreiheit erlaubt hat. Alexander Kissler verkündet mit der neuesten Umfrage des Eurobarometers einen bemerkenswerten Trendwechsel: "Zum ersten Mal seit 1991 befürworten die Europäer mehrheitlich die Biotechnologie, die Gentherapie und das Klonen menschlicher Zellen.

Besprochen werden Stephen Daldrys Film "The Hours" mit Kidman, Streep und Moore, Ausstellungen zu Hendrick Goltzius in Amsterdam und München, Michael Hofstetters und Tilman Knabes Aufführung des "Trovatore" in Hamburg, die aus Beaurmachais und Horvath zusammengesetzte Doppelinszenierung "Figaros Hochzeit und Scheidung" am Stuttgarter Schauspiel, das Stück "Elling" nach Ingvar Ambjörnsen in Schmidts Tivoli, Melanie Chisholms neues Album "Reason" und Bücher, darunter Linn Ullmanns Roman "Wenn ich bei dir bin", Kerstin Hensels erzgebirgischer Heimatroman "Im Spinnhaus", Briefe des Naturgelehrten Wilhelm Schickard, Andreas Tönnesmanns kleine Kunstgeschichte Roms, zwei Bände zum Jiddischen und Politische Bücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 26.03.2003

Selim Nassib setzt betrübt sein verdientsvolles TV-Tagebuch über die Berichterstattung bei al-Dschasira fort: "Ausgewogene Analysen, unterschiedliche Lesarten, die Erwähnung der Notwendigkeit einer Demokratisierung der arabischen Welt und das Erwachen der Zivilgesellschaft sind aus dem Diskurs verschwunden."

Tobias Rapp ruft den Kriegsgegnern ein lautes "Hallo, Aufwachen!" entgegen: "Man hat auf diesen Demonstrationen das Gefühl, sich unter Leuten zu bewegen, die dabei sind, sich von der Realität abzukoppeln. Ein wenig fühlt man sich an das Verhalten eines Teils der deutschen Linken in den frühen Neunzigern erinnert, der, auch als Deutschland schon nicht mehr aus zwei Staaten bestand, noch immer darauf beharrte, gegen die Wiedervereinigung zu sein. Politikunfähigkeit nannte man das damals stolz und hielt es für eine Tugend, weil man dem Lauf der Dinge glaubte auch dann noch gute Argumente entgegenhalten zu wollen, als dieser längst über einen hinweggegangen war."

Andre Meier erzählt von den Soldier Artists (mehr hier), die an die Front geschickt werden, um dem Krieg ein menschlich herbes Gesicht zu geben, wie etwa Sergeant Gordon: "Drei bis vier Wochen soll er mit Fotokamera und Skizzenblock die Truppen im Irak begleiten. Welche Motive er dort aufgreift, sei ihm überlassen, beteuert der Sergeant. Wichtig sei seinen Auftraggebern allein, dass man auf den Bildern etwas erkennen kann und dass er Kampfplätze, Einheiten und Soldatennamen nicht durcheinander bringt."

Weitere Artikel: Sebastian Domsch stellt den Kleinstverlag "Blumenbar" vor, der nicht das Risiko, sondern das Wachstum fürchtet und deshalb auch nur ein Buch herausgibt: FX Karls Roman "Memomat", Hans Nieswandt fragt sich in seiner clubkolumne, warum es eigentlich gerade den Rappern die Sprache verschlagen hat. Besprochen wird Gregor Schnitzlers Verfilmung von Stuckrad-Barres "Soloalbum" als "flotte Teenagerkomödie".

Auf den Tagesthemenseiten erklärt Bahman Nirumand die ambivalente Haltung Irans zum Irakkrieg: "Sicher ist, dass die Schiiten im Irak künftig an der Macht beteiligt sein werden. Damit ist auch Iran mit von der Partie." Auf der Medienseite meldet Stg., dass al-Dschasira nicht mehr aus der New Yorker Börse berichten darf und beschreibt in einem zweiten Artikel, wie trübsinnig Bertelsmann gute Zahlen meldet.

Schließlich Tom.

NZZ, 26.03.2003

Felix Philipp Ingold berichtet über eine zwiespältige Bildungs- und Sprachenpolitik in Russland. Einerseits wird der Literaturunterricht an den Schulen reduziert, andererseits macht ein Sprachengesetz Vorschriften über das gute Russisch: "Fast ausschließlich in Form von Verboten definiert das neue Gesetz die offizielle Sprachetikette, wobei vorab festgehalten wird, dass in der multinationalen Russländischen Föderation das Russische als übergeordnete und verbindende Staatssprache zu gelten habe und de iure freizuhalten sei nicht nur von 'derben, verächtlichen, schimpflichen Wörtern und Ausdrücken', sondern auch von 'Fremdwörtern, sofern es dafür in der russischen Sprache gebräuchliche Äquivalente gibt'. Umgangssprachliche Ausdrucksweise ist nur noch 'zu Hause und auf der Straße' zugelassen, während am Arbeitsplatz und vollends in Behörden, in der Werbung, in der Presse ausschließlich die kodifizierte, von allen Fremdelementen gesäuberte Staatssprache zu verwenden ist."

Besprochen werden zwei Ausstellungen in der Hamburger Kunsthalle, die dem deutschen Labyrinthe-Bauer Gregor Schneider und dem dänischen Maler Vilhelm Hammershoi gewidmet sind, Pina Bauschs neues Tanzstück in Wuppertal, Paul Claudels Stück "Der Seidene Schuh" in Straßburg und Wolfgang J. Mommsens Studie "War der Kaiser an allem schuld?" Drei Überblicksartikel geben Ausblick über "Postfeministische Mädchenbilder" und über den Palästina-Konflikt in Jugendbüchern und über Verse und Bilder in Kinderbüchern.
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FR, 26.03.2003

Fritz von Klinggräff spricht mit Lenka Reinerova und Jorge Semprun über Totalitarismus, Literatur und den Krieg. Semprum kommt dabei auf folgenden Gedanken: "Vielleicht sollte man heute mit Blick auf Amerika wieder den alten Sozialdemokraten Kautsky lesen. Seine Theorie vom Über-Imperialismus hatte Lenin damals, 1911, fürchterlich wütend gemacht. Aber wer weiß: Vielleicht hatte Kautsky die geschichtliche Wahrheit auf seiner Seite. Lenins Idee vom Imperialismus als dem verfaulenden Endstück des Kapitalismus scheint sich zumindest nicht zu bewahrheiten."

Hagen Findeis fragt sich, woher das gute Gefühl der neuen Friedensbewegung eigentlich rührt, dieses kritisch-konforme "Wir-Gefühl", das in der Bush-Regierung ein treffliches Feindbild gefunden habe, von dem ein offenbar "starker Zusammenschließungseffekt" ausgeht, obwohl die Leute sonst politisch wenig verbinde. "Deutlich ist zunächst einmal das gute Gefühl, das allein dadurch entsteht, sich für eine moralisch hochstehende Sache einzusetzen. Die Beteiligung an einem moralischen Unternehmen wie einer Friedensdemonstration kann gerade deshalb populär sein, weil sie vom Einzelnen wenig fordert, ihm aber zu einem Selbstbild verhilft, das ihm ermöglicht, mit sich zufrieden zu sein."

Weitere Artikel: Der Direktor des Berliner Pergamonmuseums Claus-Peter Haase fürchtet einen "unwiderbringlichen Verlust" der irakischen Kulturstätten, die hier aufgelistet werden. Michael Kohler berichtet von der "lit.cologne" mit Starbesetzung. Jochen Stöckmann war auf der Tagung "Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR" in Potsdam. Times mager sinniert über Bush, Schlägertypen, good cops und bad cops.

Besprochen wird Stephen Daldrys Film "The Hours" und Azio Corghis Oper "Senja" in Münster.

FAZ, 26.03.2003

Andreas Kilb meditiert in seiner Besprechung des Films "The Hours" (mehr hier und hier) über die Frage, warum Nicole Kidman als Virginia Woolf eigentlich so großartig ist: "Um der Dichterin ähnlicher und sich selbst, dem Star, unähnlicher zu sehen, hat sich Kidman eine künstliche Nase anfertigen lassen. In ihrem Schutz gelingt ihr eine Verwandlung, die man nicht für möglich gehalten hätte. Es ist nicht die raue, um eine Oktave tiefergelegte Stimme, die diese Verwandlung bewirkt; es ist auch nicht die Starre des Blicks, das Rucken und Zerren des Kopfes, die Eckigkeit jener Bewegungen, mit denen Virginia Woolf ihre Dämonen abzuwerfen versucht; und noch weniger sind es die um den Federhalter gekrampften Hände, welche die Worte ihres Romans wie ihres Abschiedsbriefs schreiben. Es ist das Zusammenfließen, der zwanglose Einklang all dieser Ausdrucksmittel, der Nicole Kidmans Auftritt zu einem Kinowunder macht."

Weitere Artikel: Michael Jeismann kommentiert Valery Giscard d'Estaings Forderung nach einer "Unabhängigkeitserklärung" Europas. Kerstin Holm meldet, dass die Russen die Rückgabe der Baldin-Sammlung an die Stadt Bremen weiter verzögern. Jürgen Kaube fragt nach den Bildern toter Soldaten im Fernsehen, warum uns diese überhaupt gezeigt werden: "In welchem Sinne aber enthielten die Bilder denn eine Information, die über den bloßen Bericht, amerikanische Soldaten seien getötet worden, hinausginge?" Nicola von Lutterotti zitiert Untersuchungen, wonach ein geringer und regelmäßiger Genuss von Alkohol gesundheitsförderlich sei. Mark Siemons ist in der Haupteinkaufsstraße von Brandenburg spazieren gegangen, fand aber kaum Geschäfte und nur einige Kneipen mit Aufschriften wie: "Jeden letzten Mittwoch im Monat ab 17 Uhr geöffnet." Stephan Sahm fürchtet, dass sich die Bundesregierung entgegen den Empfehlungen dieser Zeitung nicht ausreichend für ein Verbot des therapeutischen Klonens einsetzen wird. Robert von Lucius berichtet von den Schwierigkeiten des Dirigenten Gerd Albrecht, der bei einem Konzert mit dem von ihm geleiteten dänischen Rundfunkorchesters gegen den Krieg protestierte - was in Dänemark nicht geschätzt wird.

Auf der letzten Seite entwickelt der Dramatiker Aydin Engin ein interessantes Panorama der türkischen Politik nach der Entscheidung des Parlaments, die Amerikaner nicht ins Land zu lassen. Walter Haubrich berichtet von einem Auftritt Jorge Sempruns im neuen Cervantes-Institut in Berlin - wo der Schriftsteller die Politik des Ministerpräsidenten Aznar scharf kritisierte. Eleonore Büning hat Simon Rattle beobachtet, wie er in Berlin mit Schülern sprach und musizierte und auf die Frage, was man gegen den Krieg tun könne eine kluge Antwort gab: "Vielleicht kann uns Haydn eine Hilfe sein."

Auf der Stilseite stellt Ingeborg Harms nach den Pret-a-porter-Schauen fest, dass die Techniken der moribunden Haute Couture immer mehr aufs pret-a-porter übertragen wird, was die Mode aber teuer macht. Auf der Medienseite fürchtet Michael Hanfeld, dass der Bertelsmann-Konzern allzu stark unter den Einfluss seiner Besitzer geraten könnte: "Wer in diesem Konzern künftig etwas erreichen will, der muss die Gunst von Liz Mohn suchen." Frank Pergande stellt die künftige Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg Dagmar Reim vor. Michael Hanfeld konstatiert auch, dass ARD und ZDF über den Krieg "weniger berichten denn über die Berichterstattung anderer richten".

Besprochen werden die Ausstellung "Paul Klee im Rheinland" in der Bundeskunsthalle, eine Ausstellung des Malers Otto Müller in der Münchner Hypo-Kunsthalle, Rossinis Oper "Il Viaggio a Reims" in Barcelona, Sibylle Bergs Stück "Schau, da geht die Sonne unter" in Bochum, das Tanzstück "Orbits" von Heidrun Schwaarz in Krefeld und die Dresdner Tanzwoche.