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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.07.2003. In der Zeit erklärt Paolo Flores d'Arcais, was italienische Politiker mit der vornehmen Formel vom "Primat der Politik" meinen. Die SZ wägt die Chancen eines "Nation Building" in Liberia ab. Die NZZ glaubt nicht, dass der Niedergang der Maya auf eine Dürre zurückzuführen sei. In der FR erklärt Richard Wagner, warum Russland nicht ein Teil Europas werden kann. In der taz erzählt der Filmemacher Hans-Christian Schmid, wie die Kamera blickt, wenn man die Sektorenblende schließt.

Zeit, 31.07.2003

Der Philosoph und Publizist (Gründer der Zeitschrift Micromega) Paolo Flores d'Arcais (mehr hier) gehört zu den schärfsten Kritikern der Berlusconi-Regierung. Aber auch die Linke hat in Italien gründlich versagt, erklärt er im Interview. Es war Massimo D'Alema, Chef der PDS (Demokratische Partei der Linken), der 1996 damit begonnen hatte, die Staatsanwälte der Aktion "Saubere Hände" unter Druck zu setzen: "Es gibt hier eine politische Kultur, die nicht demokratisch ist. Dass die in Berlusconi steckt, wissen wir, und wir wissen auch, warum. Aber diese nichtdemokratische Kultur steckt auch in D'Alema. Wenn D'Alema vom Primat der Politik spricht, dann meint er damit das Primat der Berufspolitiker gegenüber der Presse und der Staatsanwaltschaft, also gegenüber den Kontrollinstanzen der Macht. Es gibt hier keine Kultur der Machtkontrolle."

Wer in New York ein öffentliches Gebäude betreten will, muss sich unvermeidlich durchsuchen lassen. Dient das wirklich nur der Verhinderung neuer Anschläge? Die New Yorker Schriftstellerin Francine Prose bezweifelt es. Der Terror, schreibt sie, "ist im Interesse der Republikaner. Immer dann, wenn wir einem Wachposten gegenüberstehen oder unsere Ausweise zeigen sollen oder gezwungen werden, eine Durchsuchung über uns ergehen zu lassen, werden wir daran erinnert, dass wir 'im Krieg' sind, in einem fortwährenden Belagerungszustand, dass wir also gute Gründe haben, uns zu fürchten, und dass wir unsere Regierung - besonders die derzeit amtierende Regierung - zu unserem Schutz brauchen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher des Feuilletons erinnert Thomas E. Schmidt die Jüngeren daran, dass sie schon einen "Willen zur Macht" entwickeln müssen, wenn sie einen Generationenwechsel in Politik, Gesellschaft und Politik herbeiführen und die nötigen Reformen durchsetzen wollen. Jens Jessen plädiert für eine Ausstellung "Mythos RAF", die auch nach den "Idealen" der Bewegung fragt. Georg Seeßlen schreibt den Nachruf auf Bob Hope. Renate Klett porträtiert den südafrikanischen Kabarettisten Pieter-Dirk Uys, auch bekannt als Evita Bezuidenhout. Frank Sawatzki stellt die Hamburger Country-Band Fink vor. Anke Leweke porträtiert den Filmemacher Hans-Christian Schmid ("23", "Crazy", "Lichter"). Claudia Herstatt berichtet, wie der internationale Handel mit gestohlenen Bildern gestoppt werden soll.

Besprechungen: Claus Spahn ist wenig begeistert von der Neuinszenierung des "Fliegenden Holländers" in Bayreuth. Nur zwei haben ihm gefallen: Sänger Endrik Wottrich und Dirigent Marc Albrecht, der gezeigt habe, "dass es sehr wohl auch noch andere festspielwürdige Dirigenten der jüngeren Generation gibt, neben dem am Grünen Hügel besinnungslos vergötterten Christian Thielemann". Hanno Rauterberg fühlt sich nach dem Besuch der Ausstellung von DDR-Kunst in der Neuen Nationalgalerie "reichlich unbehaglich". Grund ist einmal die "steife und auratisierende" Hängung der Bilder. Aber vor allem liegt es am Katalog: "Von ihm will man wissen, wie die vielen erstaunlichen Bilder eigentlich entstanden sind. Was war Staatsauftrag, was nicht? Wie wichtig waren die Dissidentenwinkel? Wohin wanderte die Kunst? Wer besaß sie? ... Zu all diesen Fragen schweigt der Katalog, und dies Schweigen macht aus dem kunstwissenschaftlichen Großvorhaben ein kunstwissenschaftliches Desaster."

Den Aufmacher des Literaturteils widmet Stefan Rebenich "Weltmacht Amerika. Das neue Rom" von Peter Bender (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr). Und im Politikteil erklärt der Historiker Yehuda Bauer (mehr hier), was die radikalen Islamisten mit Hitler und Stalin gemein haben: zum Beispiel den Hass auf die moderne westliche Zivilisation.

SZ, 31.07.2003

Haben wir aus Somalia denn gar nichts gelernt, fragt David Rieff, Fellow am New York Institute for the Humanities, angesichts einer immer wahrscheinlicher werdenden US-Intervention in Liberia. Wer dort einmarschiert, warnt er, muss auch zum kostspieligen und langwierigen Nation-Buliding bereit sein. Und "es mag politisch nicht korrekt sein, dies offen zu äußern, aber es gibt gute Gründe für die Annahme, dass eine humanitäre Intervention in Liberia zwar positiv wäre für dieses Land, aber negativ für die Vereinigten Staaten. Denn gleichgültig, was die Anti-Globalisierungs-Linke und die isolationistische Rechte denken: Solche Kriege sind fast nie von geo-strategischem oder geo-ökonomischen Interesse für die USA oder auch die europäischen Mächte."

Noch nie war die Sammlung von Greenville L. Winthrop außerhalb Harvards zu sehen, jetzt ist sie in der Londoner National Gallery zu bewundern. Ulrich Raulff rät zum Besuch der Kollektion des unkonventionellen Selfmademans aus dem Mittelwesten. "Es ist ja erstaunlich, dass ein Kenner des 19. Jahrhunderts, auch wenn sein Ausgangspunkt bei der Zeichnung lag, an überragenden Gestalten und Schulen wie Corot, Barbizon und dem Realismus achtlos vorbeigeht, während er umgekehrt einen so schlechten Maler wie Dante Gabriel Rossetti (überzeugen Sie sich selbst) in hohen Ehren hält. Den Schlüssel liefert die Ausstellung selbst: Winthrop begeisterte sich offensichtlich für eine Kunst, die sich für die Kunst begeisterte - für eine Kunst also, die sich selbst und ihr Verhältnis zu den anderen Künsten reflektierte."

Weitere Artikel: Dirk Peitz lässt kein gutes Haar an der schwarz-grünen Koalition in Köln, die ungerührt, mit Drohungen und Taschenspielertricks, die Kultur der Stadt zu Grunde richtet. Susan Vahabzadeh plaudert mit einem gut aufgelegten Hans-Christian Schmid über "Lichter" (Rezension siehe unten) und erfährt Praktisches: "Alle fünf Jahre, sagt der Fachmann, braucht man eine neue Matratze." Nikolaus Wegmann schreibt eine Hommage an die Bibliothek und warnt vor dem Ersetzen der realen Bücher aus Papier durch Bits und Bytes. Lothar Müller gratuliert dem holländischen Schriftsteller Cees Nooteboom (Bücher) zum Siebzigsten. Tim B. Müller war bei der Emeritierung des Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann. Arno Orzessek schildert die Anstrengungen des Fördervereins Berliner Schloss e.V., das Geld für den Neubau desselben zusammenzubekommen. "holi" erinnert der Streit um die Koons-Skulptur in Hamburg an Loriots Altherren-Badewannenszene: "Die Ente bleibt draußen". Hans Schifferle empfiehlt den Besuch des Fantasy Filmfests, das in den kommenden Wochen durch Deutschland tourt. Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh verkünden Neuigkeiten aus der Filmwelt, wir freuen uns schon mal auf "Dieter. Der Film". Der "irische Wirbelwind" Colin Farrell kommt als Nr. 187 ins Staralbum.

Auf der Medienseite berichtet Hans Hoff von der Telemesse in Köln, auf der nichts gesagt wurde, das aber möglichst aufwändig. Ulrich Kaiser erzählt von seinen Problemen mit dem kaputten Premiere-Decoder - kurz vor dem Bundesliga-Start.

Besprochen werden Hans-Christian Schmids Film "Lichter" und Bücher, darunter Eckhard Schumachers Studien der Politeratur "Gerade Eben Jetzt" und der Roman "Ich - ein anderer" von Imre Kertesz, gelesen von Dieter Mann (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 31.07.2003

Peter Hassler untergräbt die seit einiger Zeit zirkulierende These von Dürren als Ursache für den Niedergang der Maya. Die Dürre-Theorie besagt, dass die Klimaschwankungen am Ende 9. Jahrhunderts zum rätselhaften Exodus aus den Zentren und schließlich zum Untergang der Maya-Kultur führten. Diesem einfachen Determinismus kann Hassler nicht folgen, zumal einige der großen Städte bis zur Ankunft der Spanier existierten: "Die Maya blickten im 16. Jahrhundert auf eine 3500-jährige Geschichte zurück. Während dieser langen Zeit waren sie wohl verschiedentlich Klimaschwankungen ausgesetzt." Er plädiert für eine Erklärung, die vielfältige Faktoren berücksichtigt: Bevölkerungsexplosion, angespannte Ernährungslage, soziale Unruhen und Sturz der Gottkönige.

Weitere Artikel: Alfred Zimmerlin verspricht, dass das Davos Festival "Young Artists in Concert" bis zum 9. August noch viele Delikatessen im Bereich der Improvisation bereit hält. Und Nick Liebmann bricht eine Lanze für neue französische Piano-Jazz-Veröffentlichung. Außerdem werden Bücher besprochen, darunter Adolf Muschgs Liebesgeschichten, in denen unter anderem ein Angeklagter "Sex" als Grund für sein Desertieren angibt (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 31.07.2003

Hans-Christian Schmid wehrt sich im Gespräch gegen die Vermutung von Manfred Hermes, er lasse in seinem Film "Lichter" die Zuschauer mit der Kameraführung den Blick eines Junkies einnehmen. "Durch Schließen der Sektorenblende kann man Bewegungsunschärfen vermeiden, und das Ganze sieht härter aus. Aber Koksblick? Ich weiß nicht. Mein Ansatz war: Lass uns das versuchen. Auch wenn es ein Manierismus sein mag, es ist ja letztlich für den Film gemacht."

Mark Degens präsentiert uns den von ihm verehrten Comic-Zeichner James Kochalka (mehr), der dem Genre etwas von seiner ursprünglichen Unbefangenheit zurückgegeben habe. "Besonders eindrucksvoll ist Kochalkas Gabe, Archetypen zu erschaffen, auf wenige Eigenschaften reduzierte Geschöpfe, die in geschickter Konfrontation anschaulich die verschlungene Vielfalt des Daseins abbilden. Am großartigsten ist ihm dies wohl in der Bilderzählung 'Monkey vs. Robot' gelungen, in der ein urwüchsiger, triebgesteuerter Affe einem zivilisierten, rational agierenden Roboter gegenübersteht. Dieses minimale Bühnenpersonal reicht Kochalka schon aus, um auf wenigen Seiten ein dramatisches Welttheater aufzuführen."

Weiteres: Dietmar Bartz weist auf der Meinungsseite darauf hin, dass der Wirtschaftsboom in Indien und China die Globalisierungskritiker eigentlich verstummen lassen müsste. Silke Burmester kondoliert: die "Sesamstraße" läuft heute zum letzten Mal.

Besprochen werden die Ausstellung "Bankett - Metabolismus und Kommunikation" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie sowie Stefan Haupts Dokumentarfilm über "Elisabeth Kübler-Ross - Dem Tod ins Gesicht sehen".

Schließlich Tom.

FR, 31.07.2003

Der Schriftsteller Richard Wagner (Bücher) steckt die ideelle Ostgrenze Europas ab, hinter der "das Imperiale" beginnt. Russland, hofft er in seinem Kommentar, wird wieder erstarken, beim Projekt Europa aber muss es unweigerlich außen vor bleiben. "Es kann aus zahlreichen Gründen nicht Teil Europas werden, es kann aber vom Spieler zum großen Partner avancieren. Russland könnte wieder ein eigenständiges Gravitationszentrum sein, neben dem europäischen, und die Stabilität im euroasiatischen Raum gewährleisten, eine Rolle, die es seit dem 18. Jahrhundert eingenommen hat."

Der deutsche Film meldet sich zurück, jubelt Daniel Kothenschulte und verleiht Hans-Christian Schmid den Titel bester deutscher Schauspielerregisseur für dessen neuen Streifen "Lichter", einen der "wichtigsten deutschen Filme der letzten Jahre. (...) Aus kunstvollen Details ergibt sich keine bloße Assemblage, sondern ein großes Panorama, das sich dann zu Recht ein Zeitbild nennen darf." Nur die Handkamera nervt ihn.

Weitere Artikel: Roman Luckscheiter blättert in Literaturzeitschriften, annonciert die Wiedergeburt der Romantik und stößt auf Bonmots, wie folgendes von Jean Paul: "der Poet träumt, der Leser schläft und beide befinden sich dabei sicher wol." Dirk Fuhrig weiß, wo es Ewigkeit zu kaufen gibt: auf der Seite des Fördervereins des Berliner Schlosses, wo jeder Ziegel der Fassade einzeln zu haben ist. In Times mager leidet Jürgen Roth an Unaussprechlichem, am allermeisten aber unter seiner Krankenkasse nebst Arzt. Gemeldet wird, dass Präsident Adolf Muschg sich über den Baustopp am Neubau seiner Akademie der Künste aufregt, dass Deutschland und Polen Kulturbegegnungen planen und dass die umstrittene Kran-Installation von Jeff Koons nun doch nicht nach Hamburg kommt.

Auf der Medienseite beschreibt Erik Eggers, wie die Erwartungen an die alte neue Sportschau in den Himmel wachsen. Matthias Thieme kommentiert den "bizarren Sommerstreit" zwischen taz und F.A.Z.

Besprechungen widmen sich dem Film "Amores Possiveis" der brasilianischen Regisseurin Sandra Werneck und dem mäßig bis zwiespältigen Konzertabend mit Richard Strauss' "Ägyptischer Helena" bei den Salzburger Festspielen.

FAZ, 31.07.2003

Christian Geyer berichtet, dass die Auseinandersetzungen über den Ökumenischen Kirchentag, der vor ein paar Wochen in Berlin stattfand, in der Katholischen Kirche andauern. Dirk Schümer gratuliert dem Schriftsteller Cees Nooteboom zum Siebzigsten. Henning Ritter berichtet von würdigen akademischen Zelebrationen zur Emeritierung des Ägyptologen Jan Assmann. Michael Jeismann gratuliert dem Historiker Hagen Schulze zum Sechzigsten. Dietmar Polaczek stellt das "Teatro povero", ein seit 1967 bestehendes Theaterkollektiv im toskanischen Dorf Monticchiello, vor. In Meldungen werden wir darüber aufgeklärt, dass die Kunstsammlung des Unternehmens Babcock verkauft wird, und welche Opern die Dortmunder in der nächsten Saison zu gewärtigen haben.

Auf der Filmseite orientiert uns Bert Rebhandl anlässlich einer in Hamburg und Berlin laufenden Reihe über die Lage im brasilianischen Kino. Und Michael Althen liest einen Band mit Godard-Interviews. Auf der letzten Seite stellt Ingeborg Harms das Felsbild-Archiv des Frankfurter Frobenius-Instituts vor - hier macht man sich um die Archivierung kopierter Höhlenzeichnungen aus Afrika und Australien verdient. Andreas Platthaus weist auf ein im Herbst erscheinendes Buch des amerikanischen Autors Michael Munn hin, wonach Stalin geplant hatte, John Wayne zu ermorden. Und Andreas Rossmann schildert das Debakel der Kölner Kulturpolitik in Zahlen: Das Historische Archiv der Stadt wird nun zwar doch nicht geschlossen, aber überall sonst wird gekürzt. Auf der Medienseite meditiert Michael Jeismann anlässlich einer heute Abend auf Arte laufenden Dokumentation über die seit 25 Jahren bestehende taz. Und Stefan Niggemeier schlendert über die Kölner Telemesse, wo die Fernsehsender nach Werbekunden suchen.

Besprochen werden eine Ausstellung der altdeutschen und -niederländischen Kunstsammlung Rudolf August Oetkers in Münster, eine konzertante Aufführung von Richard Strauss' "Ägyptischer Helena" in Salzburg und Hans-Christoph Blumenbergs Film "Planet der Kannibalen".