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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.07.2005. In der FAZ gibt A.L. Kennedy Tony Blair die Schuld an den Londoner Attentaten, und Ian McEwan schildert die Stimmung in der verletzten Stadt. Die taz bringt eine Liebeserklärung an die Filmemacherin Claire Denis. In der NZZ schreibt Laszlo Földenyi über seine Liebe zur deutschen Kultur. In der Welt erklärt Juri Andruchowytsch, warum Europa die Ukraine braucht. In der FR erklärt Hortensia Völckers die Arbeit der Bundeskulturstiftung. Die SZ besucht den funny Kafka Kim Young-ha.

FAZ, 09.07.2005

A.L. Kennedy hält sich in einer Reaktion auf die Londoner Attentate nicht lange mit den Opfern auf und beschäftigt sich vor allem mit einer als verzerrend empfundenen Berichterstattung: "Niemand erwähnte, dass die Zahl der Opfer, so schrecklich sie war, in Bagdad an den meisten Tagen als recht gemäßigt gelten würde. Niemand erwähnte, dass Blair mit seinem Entschluss, unsere Soldaten für Profite in den Krieg zu schicken, auch sein Land in Gefahr gebracht hat, und zwar das ganze Land und zu jeder Zeit." Und Tony Blair "erschien im Fernsehen und sah aus wie ein Mann, dem gerade eine Erkenntnis gekommen war: dass nämlich, wenn man auf genügend Menschen schießt, einige vielleicht zurückschießen könnten."

Ian McEwan beschreibt eher die Atmosphäre in der Stadt: "Wenn aber die Toten gezählt sind und die Erstarrung sich in Wut und Trauer verwandelt, dann werden wir erkennen, dass unser Leben hier schwierig geworden ist. Brutal wurden wir aus einem schönen Traum gerissen. Die Stadt wird nicht so schnell zur Unbeschwertheit und Fröhlichkeit des Mittwochs zurückfinden." Hier der Link zum Originalartikel im Guardian.

Weitere Artikel: In der Leitglosse empfindet Hannes Hintermeier die Preisschlachten um den sechsten Harry-Potter-Band auch in Deutschland als Vorgeschmack auf den Fall der Buchpreisbindung. Zhou Derong schildert zaghafte Annäherungen zwischen China und dem Vatikan. Robert von Lucius ist nach Tallinn gereist, um Eduard Tubins Oper "Barbara von Tisenhusen", der estnischen Nationaloper, zu lauschen. Jordan Mejias liest amerikansiche Zeitschriften - unter anderem die letzte Nummer des nach vierzig Jahren eingestellten neokonservativen Magazins The Public Interest.

In den Überresten von Bilder und Zeiten erinnert Reinhard Ott an eine schmähliche Episode aus den ersten Tagen nach dem Krieg - die von den Briten verantwortete Übergabe der Kosaken, die auf Hitlers Seite gekämpft hatten, an die Rote Armee, die die meisten Soldaten und ihre Familien umstandslos ermordete oder in den Gulag verfrachtete. Abgedruckt wird Durs Grünbeins Dankesrede für den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg - Grünbein erinnert in der Rede an Hölderlins Treffen mit Schiller und Goethe, den er nicht erkannte.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine Einspielung von Dvoraks Oper "Die Jakobiner", um eine CD der schottischen Band Hobotalk, um neue Chansons von Francoise Hardy, um Motetten von Francis Poulenc, um eine CD mit Werken Fanny Hensels und um eine neue CD der Band Life of Agony.

Auf der Medienseite bespricht Michael Hanfeld eine Ausstellung zu 400 Jahren Zeitungsgeschichte in Mainz. Hanfeld meldet auch, dass der Bavaria-Chef Thilo Kleine nach dem Schleichwerbungsskandal um einige ARD-Produktionen beurlaubt wurde. Hanfeld schreibt auch zum Tod des Journalisten Peter Boenisch.

Auf der Literaturseite werden eine Übersetzung von Gedichten des Earls of Rochester, ein Roman von Kirsty Gunn und Bücher von Dimitre Dinev besprochen.

Weitere Besprechungen gelten einen Konzert von Roxy Music (ja, Sie haben recht gelesen) in Frankfurt, einer Ausstellung mit Autografen von Georg Büchner in Goddelau, einer Ausstellung über jüdischen Kitsch in Bad Hohenems und Konzerten des Jazz Baltica-Festivals in Salzau.

TAZ, 09.07.2005

Cristina Nord nimmt die erste deutschsprachige Monografie über Claire Denis zum Anlass für ein Porträt der einzigartigen, den Zuschauer oft herausfordernden Regisseurin: "Synästhetisches Kino: Das bedeutet, dass die Reize, die Auge und Ohr ansprechen, bei Denis auch Nase, Zunge und Haut herausfordern. Die Filme entgrenzen die Wahrnehmung der Einzelsinne. Klar zutage tritt dies in den härtesten, den düstersten Szenen: In 'Trouble Every Day' etwa beißt Beatrice Dalle als Vampir Core einem Jungen die Lippen und die Zunge weg, reißt ihm Löcher in die Schulter, bohrt mit ihren Fingern in der Wunde herum. Selbst wenn man den Film zum zweiten oder dritten Mal sieht und dementsprechend gewappnet an die Szene herangeht, mag man nicht hinschauen. Der menschenfresserische Akt hat eine über das Sichtbare hinausgehende Wucht; der Ekel ist zu groß."

Weitere Artikel: Robert Misik resümiert die Reaktionen auf die Anschläge von London: "Denn den Terror besiegen, heißt zunächst, mit ihm leben zu lernen". Gabriele Lesser stellt das gerade entstehende Warschauer "Museum der Geschichte der polnischen Juden" vor. In einem weiteren Fax aus Finnland macht uns Elina Kritzokat unter anderem mit dem schönen Wort Linnunkakka vertraut.

Fürs taz mag hat Barbara Mürdter den Wikipedia-Gründer und nunmehrigen zweifachen Grimme-Online-Preisträger Jimmy Wales besucht: "Anarchie, Demokratie, konstitutionelle Monarchie - von allem etwas ist hinter den Kulissen der Enzyklopädie zu finden. Wales meint: 'Die wirkliche innovative Erfindung bei der Wikipedia sind die Regeln, die eine große Gemeinschaft zusammenhalten, eine Politik, die Leute dazu bringt, gute Artikel zu schreiben.' Woran noch gefeilt wird. 'Man kann bei so einem offenen Freiwilligenprojekt nie verhindern, dass Leute stören, aber denen kann man es so unangenehm wie möglich machen.'"

Weitere Artikel: Alena Wagnerova porträtiert Marie Halke, die stellvertretend einen Preis "zur Würdigung der sudetendeutschen Antifaschisten" entgegennehmen durfte. Rudolf Walther schreibt eine kleine Geschichte der Enyklopädie. Karl Hübner macht sich Gedanken über Retro-Attitüden.

Besprochen werden Jorge Sempruns neuer Roman "Zwanzig Jahre und ein Tag", Kurt Aeblis Prosabuch "Der ins Herz getroffene Punkt", Richard Sennetts neues Werk "Die Kultur des neuen Kapitalismus", eine Biografie über Alexandra Ramm-Pfemfert, neue Bücher über Darwin und die Folgen und neue Jugendbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

FR, 09.07.2005

Im Interview erklärt Hortensia Völckers die Arbeit der von ihr geleiteten Bundeskulturstiftung: "Mit über 700 Projekten sind wir bekannt wie ein bunter Hund. Aber einer unserer Erfolge ist, dass wir nicht mit 'Staatskunst' in Verbindung gebracht, nicht als Repräsentantin deutscher Nationalkultur gesehen werden. Dann wären wir eine Identitätsfabrik, wie ich es nenne. Das wäre doch grauenhaft. Dass wir manchmal als beliebig bezeichnet werden, entspringt einer Absicht. Wir brauchen Vielfalt, den Mut zur Investition und Innovation, das Bekenntnis zum Gegenwärtigen. Wir müssen Dinge in Gang bringen, die später Früchte tragen."

Weitere Artikel: Ina Hartwig kommentiert die Anschläge von London als mediales Ereignis: Die Bilder "sagen vor allem: So ist das hier. So sieht das hier aus". Eine "Normalisierung des Terrors" konstatiert Peter Michalzik. Den Nachruf auf den Schriftsteller Heinrich Schirmbeck hat Heinz Ludwig Arnold verfasst. In times mager schreibt (nur im ePaper greifbar) Harry Nutt über Porzellan.

Besprochen werden das neue Album von Missy Elliott, ein Auftritt von Bryan Ferry und Roxy Music, "abendländische Fantastereien" beim Rheingau-Musikfestival, eine Inszenierung von Michael Cooneys "Und ewig rauschen die Gelder" bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen und eine "Woyzeck"-Erledigung im Frankfurter Gallus-Theater.

Im Magazin (lesbar auf ePaper) gibt es unter anderem ein Interview mit dem Hollywood-Star Ben Stiller.
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NZZ, 09.07.2005

Literatur und Kunst veröffentlicht die Dankesrede des ungarischen Autors Laszlo Földenyi für den Friedrich-Gundolf-Preis, eine Liebeserklärung an die deutsche Kultur: "In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre lebte ich fünf Jahre lang Tag für Tag mit Kleist, erwachte mit ihm und legte mich mit ihm schlafen, träumte zuweilen sogar von ihm, während ich mein Buch über ihn schrieb, und als ich seinen Briefwechsel übersetzte, fühlte ich mich ihm so nah, dass ich, als ich sah, welche törichten Schritte er zu tun beabsichtigte, ihm am liebsten wie einem Bruder zugerufen hätte: Bist du verrückt? Was machst du da?"

Weiteres in der heute mal wieder sehr lesenswerten Ausgabe des Samstagsmagazins: Susanne Ostwald liest Anthony Trollopes Roman "Barchester Towers", der erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Alexandra Stäheli sieht sich einige neue Filme aus den Nahen Osten an. Gunvanthi Balaram porträtiert den Galeristen Jack Persekian, der die die einzige Galerie für zeitgenössische Kunst im christlichen Viertel der Altstadt von Jerusalem leitet. Und Leopold Federmair liest einige (bisher nur auf englisch und spanisch erschienene) Borges-Biografien.

Im Feuilleton meditiert Uwe Justus Wenzel über das Unberechenbare, mit dem man rechnen muss: "Terror ist, wenn in unseren Breiten auch nicht alltäglich, so doch gewöhnlich; er ist 'unvermeidlich', aber in seiner Logik durchschaubar." Rüdiger Görner schildert Eindrücke aus der verletzten Stadt London. Außerdem stellt Marc Zitzmann die renovierte Website des Louvre vor. Und Ina Helweg-Nottrot besucht Christian de Portzamparcs Philharmonie in Luxemburg

Besprochen werden ein Auftritt der Kompanie Anne Teresa De Keersmaekers in Zürich sowiie Bücher, darunter Susan Sontags Essayband "Worauf es ankommt" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 09.07.2005

Die Ukraine gehört zu Europa, und basta. Juri Andruchowytsch lässt daran im Interview mit der Literarischen Welt keinen Zweifel. "Die Ukraine hat eine jahrhundertelange europäische Kulturtradition, die mit der europäischen Geschichte eng verbunden ist. Auch wenn das die Brüsseler Eurokraten nicht wissen wollen. Ich glaube, die Ukraine als künftiges EU-Mitglied würde die traditionelle europäische Trägheit ändern. Europa braucht Bewegung und Entwicklung. Sonst wäre das ein neuer Tod für Europa."

Abgedruckt ist außerdem die Geschichte, für die Thomas Lang den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat.

SZ, 09.07.2005

Ijoma Mangold war in Südkorea, dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse, und hat Schriftsteller der Gegenwart gesucht und gefunden: "'You are a funny Kafka', haben Kritiker zu Kim Young-ha gesagt. Ihm gefällt das, weil es zeigt, wie sehr er auch literarisch im westlichen Kulturkosmos lebt. Seoul, sagt er, sei eine Patchwork-City, das mache sie so spannend. Die Leute kaufen sich einen hochtechnologisierten BMW, aber vor der ersten Fahrt veranstalten sie ein schamanistisches Ritual, um die bösen Geister abzuwehren..."

Weitere Artikel: Eher skeptisch fällt Johannes Schloemanns Bericht über den Trend zum Wissenschafts-Marketing aus: "Auch der gelehrteste Mineraloge oder Hethitologe muss präsentations- und journalismuskompatibel gemacht werden." Wie die Gefasstheit der Briten in der Reaktion auf die Anschläge zu erklären ist, weiß Alexander Menden. Klaus Lüber stellt das neue Programm "Google Earth" vor, das die Welt noch ein Stück mehr zum Dorf macht. Ralf Dombrowski gratuliert der Sängerin Mercedes Sosa zum 70. Geburtstag. Gemeldet wird ein beängstigender Zuschauerschwund in deutschen Kinos.

Besprochen werden Christian Alvarts Serienkillerfilm "Antikörper", Emanuelle Haims Straßburger Inszenierung von Rameaus Oper "Les Boreades", eine Ausstellung über den Pietismus in Halle, eine Retrospektive des Architekten Bruno Taut in Istanbul, die Neupräsentation der Kunstsammlung des Centre Pompidou, eine Berliner Ausstellung über junge Araber in Dubai, das Gnaoua-Musikfestival im marokkanischen Essaouira und die gekürzte Hörbuchversion des finnischen Nationalepos "Kalewala" (dazu mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende eröffnet der Schriftsteller Georg Klein eine neue Serie mit dem Titel "Sprachatlas Deutschland". Deutsche Autoren berichten darin von Begegnungen mit der deutschen Sprache. Kleins Text "Altwerck Aspirator" wählt die gewiss ungewöhnliche Perspektive eines Teppichs als Ich-Erzähler, Sein Text fängt so an: "Als die bewusste Nacht novemberlich früh und von Braunkohlerauch schwefelig durchsäuert anhob, verharrte mein Held und Besitzer noch im Stande geistiger Unschuld. Thomas, der mich damals jünglingssanft mit Füßen trat, der mich heute mit gröber gewordenem Tritt beschreitet, war zu seiner Unbedarftheit auf eine liebreizende Art ungelenk. Nach mir wussten dies die Haushaltsgeräte am besten..."

Franziska Augstein hat den Verleger Klaus Wagenbach anlässlich seines 75. Geburtstags besucht und staunt über eine solche Erscheinung: "Man stelle sich vor: einen Linken, der einst den Kapitalismus bekämpfte und doch vierzig Jahre lang ein umsichtiger Unternehmer gewesen ist. Einen Intellektuellen, der Massen von Lesern für die anspruchsvollen Bücher gewonnen hat, die ihm Freude machen. Wagenbach ist Direktor in einem Flohzirkus, der zeigt, dass eine ganze Welt auf einem Buchdeckel Platz hat."

Weitere Artikel: Kurt Kister fängt schon mal an, die mutmaßliche neue schwarz-gelbe Regierung abzuschreiben. Willi Winkler erinnert an den Sommer 1955, in dem ein 14-jähriger Schwarzer gelyncht wurde, weil er einer weißen Frau hinterherpfiff. Tanja Rest stellt den Künstler Peter Dreher vor, der seit 33 Jahren immer dasselbe Mostglas malt (hier gibt es einen Eindruck). In der Reihe "Theater? Theater" schreibt Rainer Stephan über Peter Steins "Wallenstein" als "Weihefestspiele des Bildungsbürgertums". Im Interview spricht der mittlerweile 87-jährige Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke ("2001") über die Vergangenheit und die Zukunft: "Ich finde, die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren."