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Heute in den Feuilletons

Das Jahr des Exits

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2007. In der FR sagt der Schriftsteller Aharon Appelfeld: "Die einzige Moral eines Schriftstellers ist ein guter Satz." In der Welt schreibt Zafer Senocak: "Der Terror kommt aus dem Herzen des Islam." In der Blogbar meint Don Alphonso, dass viele auch der bekannteren Blogger Deutschlands demnächst aufgeben werden. Die Medienlese stellt eine Blütenlese der schönsten dümmsten Zitate über das Internet zusammen. In der taz geißelt Gabriele Goettle das Anti-Roma-Gesetz in Italien. Die SZ begibt sich unter die Dandys von Kinshasa. Die FAZ bedauert.

Welt, 31.12.2007

Diesen Text haben wir am Samstag übersehen. Eine unter dem Eindruck des Mords an Benazir Bhutto geschriebene geradezu verzweifelte Abrechnung mit dem Islam legt Zafer Senocak vor: "Der Terror kommt aus dem Herzen des Islam." Aber auch der Westen bekommt sein Fett ab: "Die freie Welt aber schaut wie paralysiert zu. Viel Häme gab und gibt es in Europa, was die amerikanische Irak-Politik anbelangt. Wenn es um Kritik geht, können die Europäer von niemandem übertroffen werden. An eigenen Ideen und Politikkonzepten aber fehlt es. Europäische Politik gegenüber dem muslimischen Terror erschöpft sich in der Demontage jeglichen effektiven Handelns. Verhandeln wollen einige, mit Hamas, mit Taliban. Atomreaktoren an Gaddafi, dem saudischen König wird der rote Teppich ausgerollt. Schließlich geht es um Petrodollars. Der Westen merkt gar nicht, wie sehr er sich selbst auflöst."

Im heutigen Feuilleton erinnert Julius H. Schoeps an eine Debatte über das Rauchen, die im Jahr 1890 von der Branchenzeitschrift Deutsche Tabak-Zeitung lanciert wurde und in der im Grunde die gleichen Argumente ausgetauscht wurde wie heutzutage. Hannes Stein besucht das New Museum of Contemporary Art in der New Yorker Bowery, das mit lustiger Bauweise zur Gentrification der Gegend beiträgt. Manuel Brug legt einen kundigen Aufsatz über eine allenthalben zu beobachtende Jacques-Offenbach-Renaissance vor. Peter Zander gratuliert Anthony Hopkins zum Siebzigsten. Und Thomas Lindemann unterhält sich mit dem Musikmanager und Gründer des Jazzlabels "Act" Siegfried Loch über seine erfolgreiche Arbeit. Gemeldet wird, dass sich Buchmessenchef Jürgen Boos zur nächsten Buchmesse mit ihrem Gastland Türkei Orhan Pamuk als Eröffnungsredner wünscht. Auf der Magazinseite berichtet Annette Kuhn, dass sich immer mehr Orchestermusiker mit Drogen und Beruhigungsmitteln gegen den Stress wappnen.

Besprochen wird eine Ausstellung über Herbert Achternbusch in München.

Aus den Blogs, 31.12.2007

Don Alphonso macht sich in seine Blogbar Sorgen über die vorletzte durch Dorf gejagt Sau, die Blogger (die letzte sind ja die Communities). Viele auch der bekannteren Blogger werden aussteigen, meint er: "2008 wird das Jahr der Exits. Ich vermute mal, dass bekanntere Blogger vermehrt nach Chancen suchen werden, schnellstmöglich umzusteigen, sich als Berater andienen oder nach Aufträgen für Verwandtes suchen. Damit noch etwas kommt, wenn man begriffen hat, dass nichts mehr kommt."

Unterdessen legt Ole Reißmann in der Medienlese eine Liste der 50 dümmsten Sprüche des Jahres 2007 über das Internet und das Web 2.0 vor. Zu den prominenten Autoren gehören etwa Christian Ströbele und Henryk Broder, die sonst nicht allzuhäufig Seite an Seite auftreten! Und Brigitte Zypries sagte nach einer entprechenden Anfrage zu ihren Internetusancen: "Browser. Was sind?n jetzt nochmal Browser?"

TAZ, 31.12.2007

Die Vorurteile gegen Zigeuner in Europa über die Jahrhunderte hinweg schildert Gabriele Goettle. Nach der Ermordung einer Römerin durch einen Roma sind sie in Italien gerade wieder besonders virulent. "Im Kielwasser dieser Bluttat ließen Behörden und Politiker ihren Ressentiments freien Lauf. Es ist wirklich erstaunlich, wie umstandslos in solchen Momenten jede Political Correctness beiseite gelassen und als leeres Gerede kenntlich gemacht wird. Jetzt werden offene Worte gesprochen, der Auftakt zur Pogromstimmung gegen jedwede Zigeuner, seien sie nun italienische Staatsbürger oder aus Osteuropa. Das Kabinett in Rom beschloss in einer Sondersitzung ein sofort wirksames Gesetzesdekret, das die umstandslose Ausweisung nicht nur krimineller EU-Bürger erlaubt, sondern auch die Ausweisung solcher EU-Bürger, in denen die Behörden eine 'Gefahr für die öffentliche Sicherheit' vermuten. Es ist belanglos, ob sie sich etwas zu Schulden kommen ließen oder nicht."

Auf der Meinungsseite beantworten Julia Franck (hier), Daniel Glattauer (hier), Feridun Zaimoglu (hier) und Renee Zucker (hier) den Fragebogen von Marcel Proust. Im Medienteil gibt Jan Feddersen Dieter Thomas Heck das letzte Moderatoren-Geleit.

Und Tom.
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FAZ, 31.12.2007

Das FAZ-Feuilleton veranstaltet zum Jahresende eine schöne Bescherung in letzter Minute, schlechtes Gewissen und gute Vorsätze inklusive. Die Redakteurinnen und Redakteure blicken zurück und bereuen, was sie 2007 falsch gemacht haben bzw. halten fest, was sie hätten besser machen sollen. So lobt Andreas Platthaus, nur viel zu knapp und auch zu spät, wie er bedauert, den 1000-Seiten-Comic "L'autre fin du monde" des Franzosen Ibn Al Rabin. Christian Geyer nimmt Andre Gorz' Liebeserklärung "Brief an D." (hier eine Leseprobe) sehr persönlich. Wir erfahren, warum Frank Farian daran schuld ist, dass Richard Kämmerlings nicht beim Led-Zeppelin-Konzert in London war. Patrick Bahners freut sich, dass der Kölner OB Norbert Schramma in Sachen Moscheebau Standfestigkeit bewiesen und damit des Feuilletonschefs Vorurteile widerlegt hat. Dieter Bartetzko lobt das Architekturbüro Herzog & de Meuron (für die Elbphilharmonie, hier eine Grafik) und tadelt im selben Atemzug Coop Himmelb(l)au (für die Europäische Zentralbank, hier eine Grafik) schon vor Fertigstellung der Bauten. Lorenz Jäger liebt, wie er fast zu spät festgestellt hat, "Gerede, Gelaber, Gerüchte" in Florian Havemanns Buch "Havemann". Niklas Maak betrachtet in komischer Verzweiflung, was sich an unbesprochener Kunst vor ihm türmt, während Gerhard Stadelmaier im Spiegel nicht Nabel- sondern "Provinzmuttermal"-Schau betreibt. Zu entschiedener Selbstkritik neigen Rose-Maria Gropp (in Sachen Badische Kulturgüterbeobachtung) und ein/e im epaper ins Leere laufende/r Musikkritiker/in (in Sachen Fehler überhaupt) sowie auch Joachim-Müller Jung, der den Hurrikan-Apokalyptikern auf den Leim ging. Ein paar Tage zu spät dran, bedauert Andreas Kilb, war er mit der Meldung zur endgültigen Berliner Stadtschlossneubauentscheidung.

Weitere Artikel: In der Glosse verharrt "thom." erst einmal in der Warteschleife. Jordan Mejias blickt in amerikanische Zeitschriften und stößt auf gute Ideen des vergangenen Jahres, aber auch auf Kritik an Alan Greenspan. Die Aleviten, findet Regina Mönch, erweisen sich ob ihrer Überreaktion auf einen "Tatort" als weit weniger liberal, als sie zu sein glauben. Tobias Döring gratuliert der Züricher Joyce-Eminenz Fritz Senn zum Achtzigsten.

Besprochen werden eine Anish-Kapoor-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst und Bücher, darunter Charles Lewinskys Krimi "Johannistag" und Dirk Baeckers "Studien zur nächsten Gesellschaft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 31.12.2007

Der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld spricht mit Nicole Henneberg über die Liebe seines Vaters zu Berlin, das heutige Israel als Ghetto und die Aufgabe des Schriftstellers dort. "Ich glaube nicht, dass es bei uns viele Schriftsteller gibt, die eine Utopie haben. In meiner Familie gab es viele Anarchisten und Kommunisten, die hatten eine Utopie, und wir wissen, was daraus geworden ist. Ich glaube nicht an utopistische Schriftsteller, überhaupt nicht ans politische Schreiben. Die einzige Moral eines Schriftstellers ist ein guter Satz, eine genaue Beobachtung."

Weitere Artikel: Volker Schmidt fragt sich, welche Verbindung der Focus-Redakteur Michael Klonovsky, der die Autoren des Bandes über "Die Wochenzeitung Junge Freiheit" angreift, zu der Publikation hat. In der Times mager verliert Sylvia Staude ein Wort zur Statistik und kommt von Winston Churchill bis zu Florence Nightingale.

Besprochen werden Christina Friedrichs dramatische Version von Chuck Palahniuks Roman "Fight Club" im Theater Halle, der Band "Michelangelo" von Thomas Pöpper, Christof Thoenes und Frank Zöllner sowie Martin Cruz Smiths Arkadi-Renko-Roman "Stalins Geist" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).

NZZ, 31.12.2007

Marc Zitzmann hat sich in die Hölle der Pariser Nationalbibliothek begeben. Hier finden sich ausschließlich Erotika: "'L'Enfer', so der französische Name der gemeinen Lesern lange Zeit verwehrten Bücherhölle, entstand nicht erst im prüden 19. Jahrhundert. Schon unter dem Ancien Regime enthielten die ersten Kataloge der Königlichen Bibliothek ein kleines Kapitel mit 'lizenziösen Werken', in dem Zusatzangaben wie 'tiroir' oder 'cabinet' darauf schließen lassen, dass die betreffenden Romane und Gedichtbände in separaten Schubladen oder Kabinetten aufbewahrt wurden. Aber der religiös konnotierte Begriff 'Enfer' tauchte erst zur Zeit des Bürgerkönigs Louis-Philippe auf. "

Die Publizistin und Übersetzerin Wei Zhang erzählt, wie Chinas Neureiche im alten Europa Stil und Identität suchen: "Lu Hanzhen war einst ein Popkornverkäufer, heute ist er Millionär. Außer seinem Heimatdialekt beherrscht er keine andere Sprache. Dennoch ließ er bei Sotheby's in London einen Agenten damit beauftragen, Yuan-zeitliches Porzellan zu kaufen. Heute gilt unter Chinas Geldadel anything goes. Der eine kauft sich eine Privatinsel, der zweite stellt sich ein Bordeaux-Château auf die grüne Wiese, der dritte sammelt Privatjets."

Weiter gibt es einen Rückblick auf "Best of 2007". Besprochen werden Bücher, darunter eine Biografie über Leo Perutz (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 31.12.2007

Jonathan Fischer mischt sich auf einem Konzert von Papa Wemba unter die Dandys von Kinshasha. "Schon seit über zwei Jahrzehnten zelebrieren die Sapeurs ihre exzentrische, dem Elend entrückte Parallelwelt, eine Welt der Haute Couture. Ihr Popkult kombiniert ein extremes Markenbewusstsein mit raffinierten Verhaltensregeln. Während einige junge Männer mit wippenden Hüften und rudernden Armen den 'Kwassa Kwassa', den 'Moto' oder den 'N'dombolo' tanzen, drehen sie das Innenfutter ihrer teuren Jacketts nach außen. Hauptsache, das teure Etikett ist für alle sichtbar. Und wenn Papa Wemba zum Mikrophon greift und sein Falsett in den Nachthimmel von Kinshasa schickt weiß jeder, dass sein Auftritt minutiös durchdesignt ist."

Weitere Artikel: Marcia Pally weist in einer kleinen Geschichte der amerikanischen Evangelikalen darauf hin, dass die eigentliche konservative Wendung erst 1980 erfolgte. Jörg Königsdorf stellt die Staatsoperette in Dresden vor, in der Intendant Wolfgang Schaller nun jedes Jahr mit einer Uraufführung für eine Wiederbelebung des Genres sorgen will. Burkhard Müller sieht sich in Jahresendstimmung die Entwicklung des Kalenders an. Auf der Medienseite lässt Willi Winkler die RAF-Protagonisten im Altersheim auf ihre Medienkarriere 2007 zurückblicken.

Das nächste Jahr gehört der Mathematik, und ausgerechnet auf der Literaturseite wird mit einer Reihe von Vignetten daran gedacht. Burkhard Spinnen stöhnt über die Textaufgabe, Ijoma Mangold gräbt bei Daniel Kehlmann, und Jens Bisky zitiert das mathematische Gesetz des Trauerspiels, das wohl Heinrich von Kleist zuzuschreiben ist. "Die Linie a-b bezeichne 'die extensive Größe der Begebenheiten' in der 'Fläche des menschlichen Lebens', auf ihr 'die Zwecke des Helden'. Senkrecht dazu verläuft die Linie b-c: 'die intensive Größe der Begebenheiten, der Charakter des Helden'. Der Zuschauer besetzt den wichtigsten Punkt: a. Von dort aus verfolgt er 'den Gang des Helden' und erwartet, dass er auf dem Punkt c enden werde. Die Linie a-c solle daher 'Direktionslinie der Erwartung' genannt werden. Dramaturgische Fehler und Kniffe lassen sich so veranschaulichen: Je kürzer die Linie der extensiven Begebenheiten und je länger die Linie der intensiven Größe des Helden, 'desto mehr muss das Interesse steigen, desto mächtiger ist der Drang der Begebenheiten'."

Besprechungen widmen sich der Ausstellung "1937 - Perfektion und Zerstörung" in der Kunsthalle Bielefeld, Nicolette Krebitz' zweitem Film "Das Herz ist ein dunkler Wald", DVD-Neuerscheinungen wie Johnnie Tos "Election" sowie politische Bücher, darunter zwei Biografien Barrack Obamas (mehr in unserer Bücherschau des Tages).