
Radim Kopáč
unterhält sich mit dem tschechischen
Schriftsteller Patrik Ouředník anlässlich von dessen neuem Buch "Antialkorán" über die Islamfrage. Hinsichtlich eines zukünftigen
religiösen Multikulturalismus in Europa ist Ouředník skeptisch: "Europa ist nicht Amerika. (..) Wir gehen von völlig gegensätzlichen historischen Erfahrungen aus. An der Wiege der amerikanischen Tradition steht die Suche nach dem irdischen Paradies von hundert Puritanern, die vor der religiösen Verfolgung Jakobs I. flüchteten; die europäische Tradition hingegen beginnt mit der Aufklärung und der französischen Revolution. Die amerikanische Verfassung
schützt die Kirchen vor der Einmischung des Staates; die europäischen Verfassungen
schützen den Staat vor dem Einfluss der Kirchen. (…) 'Alle Rechte dem Einzelnen, keine Rechte der Gruppe', hat Napoleon einst den Vorstehern der französischen jüdischen Gemeinde gesagt. Mit anderen Worten, der Staat schützt jeden einzelnen Gläubigen, weigert sich aber, der oder jener religiösen Gemeinschaft
spezifische Rechte zu erteilen. Und mit diesem Prinzip hat sich die gegenwärtige westliche Elite offenbar abgefunden." Was
Frankreich betrifft, so möchte Ouředník, der seit Jahren in Paris lebt, den Franzosen zugutehalten, dass weder der Anschlag auf
Charlie Hebdo noch der 13. November eine besondere antimuslimische Aggressivität im Land bewirkt hätten. "Frankreich ist nicht nur das europäische Land mit der
längsten Erfahrung in Sachen Masseneinwanderung - es hat vor Großbritannien, Holland oder Deutschland damit fast ein Jahrhundert Vorsprung -, sondern war jahrzehntelang auch das Land mit der
erfolgreichsten Integration von Immigranten. Was die Anzahl gemischter, also bi-ethnischer oder bi-konfessioneller Ehen betrifft, steht es konkurrenzlos auf dem
ersten Platz, und es hat auch nicht solche Rassenunruhen erlebt wie England (mehr
hier und
hier) oder Holland in den 60er- und 70er-Jahren. Deshalb herrscht unter den Menschen hier vor allem ein Gefühl der
Enttäuschung und Ernüchterung vor sowie die Überzeugung, dass die gegenwärtige Situation im gleichen Maß dem Teil der muslimischen Bevölkerung anzulasten ist, der den Verführungen der islamistischen Propaganda erlegen ist, wie dem mangelnden Weitblick der Politiker und der
ideologischen Blindheit der Medien."