Magazinrundschau - Archiv

Wired

200 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 20

Magazinrundschau vom 02.08.2016 - Wired

Moxie Marlinspike ist eine jener Pflanzen, wie sie anscheinend nur in der amerikanischen IT-Branche gedeihen können: Ein Anarchist, Hacker und Aktivist, der sich nicht in die subkulturelle Nische zurückzieht, sondern mit seinen Kryptografie-Tools in den letzten Jahren vor allem auch die Aufmerksamkeit der großen Konzerne wie Google und Facebook auf sich gezogen hat, die sich brennend für die Implementierung seiner Tools in die eigenen Angebote interessieren. Andy Greenberg porträtiert Marlinspike, der nach Stationen in besetzten Häusern unter anderem auch die Sicherheitsabteilung von Twitter leitete: "Dort bewunderte man seine Sachkenntnis, erinnert sich ein Mitarbeiter. Doch sein höheres Ziel war es, die Plattform von innen heraus so umzuwandeln, dass die Nutzer-IPs nicht mehr geloggt werden würden, was es den Ermittlungsbehörden unmöglich gemacht hätte, die Herausgabe der Identität eines Nutzers einzufordern, wie es bei den Occupy-Protesten im Jahr 2012 geschah. Dieses Vorhaben scheiterte an den Prioritäten des Vorstands, so der Mitarbeiter. 'Moxie war es völlig gleich, ob Twitter viel Umsatz machte', erläutert der frühere Kollege. 'Er war vielmehr daran interessiert, die Nutzer zu schützen.'

Wie Facebook derzeit das mobile Internet im Sturm erobert, erfahren wir von Davey Alba: Die Zeiten, in denen der Internetgigant mit eher ungelenken Mobilauftritten das Nachsehen hatte, sind definitiv vorbei. "Die Werbung aus dem mobilen Bereich generiert 84 Prozent des Umsatzes, den die Firma mit Reklame macht. Mobil ist, wie Facebook funktioniert. Und im zunehmenden Maße ist Facebook, wie das mobile Internet funktioniert."

Außerdem kann man in Jason Tanz' Feature über Werner Herzog, dessen Internet-Doku "Lo and Behold: Reveries of the Connected World" gerade in den USA in die Kinos kommt und also ein gefundenes Fressen für die Wired-Techies ist, dem bajuwarischen Auteur ganz tief in die Augen blicken. Dazu passend: Der Hinweis auf dieses lange Gespräch, das The Verge mit dem Regisseur geführt und ihm dabei wieder einige unvergleichliche Bonmots entlockt hat.

Magazinrundschau vom 26.07.2016 - Wired

An Enthusiasmus und Selbstbewusstsein mangelt es den Leuten hinter dem Start-Up Ryot nicht, wenn man Abe Streeps Reportage folgt: Pikant wird das Sendungsbewusstsein dadurch, dass das Start-Up mit Virtual-Reality-Videos von Krisen und Katastrophen auf dem Markt reüssieren will - darauf setzend, dass VR-Videos geradezu perfekte Empathie-Erzeugungsmaschinen sind, die den Griff zum Spendengeldbeutel besonders schnell erfolgen lassen. Doch Streep ist nicht begeistert von dem, was er sieht: "Diese Vorstellung - dass die Welt schon heilen wird, wenn wir nur alle empathie-erweiternde Headsets aufsetzen und uns den VR-Videos mit ihren von Stars vorgelesenen Voice-Overs hingeben, um schließlich der Hilfsindustrie Geld zu spenden oder das Video zu retweeten - ist nett, aber auch naiv. Ich freue mich darauf, ein VR-Video mit der erzählerischen Durchschlagskraft des [2D-Films] 'Body Team 12' zu sehen. Doch Ryot hat noch keinen Weg gefunden, wie sich das erzählerische Talent, das sie in ihren 2D-Filmen unter Beweis stellen, in eine 360°-Umgebung übersetzen lassen. Vielleicht wird Ryot bald den Zauber finden, den es braucht, um Geschichte, Tonfall und technisches Wissen miteinander zu verschmelzen, doch bis dahin hat man dort sichtlich Spaß daran, ziemlich einfach gestrickten Content zu produzieren. Nehmen wir nur 'The Nepal Quake Proect' als Beispiel. Der Film geht einem durch Mark und Bein, liefert aber nur wenig Kontext, Analyse oder Geschichte und keine Figuren. Am Ende des Films wird der Zuschauer um Geld gebeten. Die guten Absichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei dem Film im wesentliche um immersive, für das iPhone zugeschnittene Katastrophen-Pornografie handelt."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Wired

Für Wired erzählt Kevin Poulsen die wahrhaft filmreife Geschichte, wie der ukrainische Hacker und Datendieb Popov sich in den um 2000 anbahnenden Cyberwars dem FBI stellte, dadurch im Zuge der Operation Ant City in dessen Dienste geriet, um die Behörde Jahre später schließlich selbst zu hacken und dabei auch die Karriere seines einstigen Vertauensmanns Hilbert zu zerstören. "In den Jahren, die auf Ant City folgten, weitete sich der osteuropäische Untergrund explosionsartig vom bloßen Köcheln zu einer Supernova aus. ... Hilberts Arbeit mit Popov war der erste Versuch, dieser Welt tatsächlich beizukommen, auch wenn die Aktion in vielerlei Hinsicht bloß auf eine veraltete Strategie der Strafverfolgungsbehörden zurückgriff. Sobald diese Behörden eine umfassende, kriminelle Maschinerie konfrontieren, versucht sie unausweichlich, diese aus dem Innern heraus zu sabotieren. Um dies zu bewerkstelligen, muss die Behörde ein funktionierender Bestandteil eben jenes kriminellen Apparats werden, den sie zu zerstören versucht. Diese Taktik stellt immer einen heiklen Balanceakt dar - und Ant City war nicht das letzte Mal, dass man sich ins eigene Fleisch schnitt."

Magazinrundschau vom 03.05.2016 - Wired

Wired setzt seine Reihe über Künstliche Intelligenzen mit Cade Metz' Porträt des Startups OpenAI fort, auf das sich in der dafür relevanten Branche derzeit alle Blicke richtgen. Einer der Clous: OpenAI versammelt zwar Spitzenforscher und -techniker, stellt die Ergebnisse aber (zumindest weitgehend) nach den Prinzipien von Open Source zur Verfügung. Warum dieser Ansatz? Die beiden Gründer "Musk und Altman haben Bedenken, dass, wenn man eine KI entwerfen kann, um damit gute Dinge zu tun, man auch eine KI bauen kann, um damit schlechte Dinge zu tun. Mit dieser Sorge vor robotischen Tyrannen stehen sie nicht alleine. Doch Musk und Altman gehen vielleicht kontraintuitiv davon aus, dass man böswillige KI am besten bekämpft, indem man KI nicht begrenzt, sondern erweitert. ... Als die beiden OpenAI präsentierten, stellten sie OpenAI auch als die beste Methode dar, eine bösartige, künstliche Superintelligenz zu neutralisieren. Gewiss, diese Superintelligenz könnte aus dem technischen Wissen, dass OpenAI zur Verfügung stellt, erwachsen. Doch sie bestehen darauf, dass jegliche Bedrohung dadurch gemildert wird, dass jeder diese Technologie nutzen kann. 'Wir denken, es ist doch um einiges wahrscheinlicher, dass viele, viele KIs so zusammenarbeiten werden, dass sie den gelegentlichen bösen Ausreißer stoppen werden', sagt Altman."

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - Wired

Ziemlich erstaunt ist Kevin Kelly über die Fortschritte, die derzeit auf dem Gebiet der Virtual und Augmented Reality vonstatten gehen. Insbesondere der an keine Pixel mehr denken lassende Realismus, mit dem die halbtransparenten VR-Apparaturen des von zahlreichen Konzernen umworbenen Start-Ups Magic Leap der äußeren Realität täuschend echte Digitalobjekte einpflanzen, wirft ihn um. "Die meisten bildschirmbasierten, auf dem Kopf getragenen VR-Displays zeigen einen sanften 'Bildschirmtor'-Effekt, der von einem sichtbaren Pixelnetz herrührt. Im Gegensatz dazu wirken Magic Leaps virtuelle Bilder geschmeidig und unglaublich realistisch. ... Verfügt ein nahe am Auge befindlicher Bildschirm über eine ausreichend hohe Auflösung, Helligkeit, Weite und Farbenpracht, kann er in sich jegliche Anzahl virtueller Bildschirme darstellen, gleich welcher Größe auch immer. Als ich das photonische Sichtgerät von Magic Leap trug, habe ich mir einen HD-Film auf einer virtuellen Leinwand angesehen. Das Bild war so hell und scharf wie auf meinem 55-Zoll-Fernseher zuhause. Mit HoloLens von Microsoft habe ich ein Fußballspiel live verfolgt - auf einem virtuellen Bildschirm genau neben einem Browserfenster, mit ein paar weiteren virtuellen Bildschirmen daneben. Ich konnte mein Büro mit beliebig vielen Bildschirmen füllen - egal, wie groß oder klein ich sie gerne hätte. Egal, wo ich mich in der echten Welt befinde, ich könnte einen Bildschirm darüber legen." Wen wundert es da noch, dass sich, wie Kelly weiter ausführt, auch Blockbuster-Spezialist Peter Jackson längst für die Technologie interessiert.

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - Wired

Wer heute von Künstlicher Intelligenz spricht, meint damit üblicherweise avancierte Projekte von Google, Facebook oder Apple, die im Netz hinterlegte Informationen per Data-Crawling absaugen und in ihren neuralen Netzwerken Algorithmen daraus Schussfolgerungen ziehen lassen: Ein automatisiertes, von außen moderiertes System. Eine andere Strategie stellt Cade Metz in seiner Reportage über Doug Lenat vor, der seit frühen Computerspieltagen in den 80ern und von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt an einem KI-System namens Cyc arbeitet - mit vielen Textbüchern und Mitarbeitern, von denen einige einen eher philosophischen Background haben: Das nicht-automatisierte Verfahren sieht vor, der KI über Schritt für Schritt vermittelte, logische Sätze eine Form von "gesundem Menschenverstand" beizubringen - eine "common sense engine" also. Die NSA ist hochinteressiert, denn Filter können die ungeheuren gesammelten Datenmengen zwar nach Schlüsselwörtern durchsuchen, "doch die subtilen Verbindungslinien zwischen einer Abfolge von Wörtern und einem drohenden Anschlag können sie nicht von alleine ziehen. Dazu bedarf es noch immer menschlicher Intelligenz ... Zumindest in gewisser Hinsicht ist Cyc in der Lage, diese Form von 'Verständnis' anzubieten, um solche Schlüsse zu ziehen. Aus diesem Grund haben Lenat und sein Team eine 'Terrorismus-Wissensdatenbank' mit Beschreibungen tausender terroristischer Anschläge auf Grundlage komplexer logischer Regeln angefertigt. Während Maschinen also die Kommunikationsströme analysieren, können sie auf Cyc zurückgreifen, um diese Daten besser zu 'verstehen'."

Außerdem unterhält sich Mark Yarm mit dem Cartoon-Meister Daniel Clowes, der mit "Patience" nach vielen Jahren wieder ein neues Werk veröffentlicht hat (passend dazu der Hinweis auf dieses noch ausführlichere Gespräch bei Longreads).

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Wired

Das Social-Media-Zeitalter gibt den Terroristen von Isis Möglichkeiten wie nie zuvor in die Hand, Menschen direkt zu agitieren - sei es, um Gesellschaften über Schreckensbilder zu erodieren oder um zahlreiche neue Mitglieder zu rekrutieren, schreibt Brendan I. Koerner in einer lesenswerten, detailliert aufgefächerten Darlegung der Online-Aktivitäten des islamistischen Terrornetzwerks. Und dieses gewinnt den Kampf um die Aufmerksamkeit derzeit schon alleine deshalb, weil es sich ziemlich clevere Strategien einfallen lässt, auf die amerikanische Behörden aufklärerisch, aber reichlich ungelenk reagieren. Was wäre stattdessen zu tun? "Zuerst und zuvorderst müssen sich die westlichen Nationen darauf konzentrieren, die Geschichten der Flüchtlinge zu streuen, erzählt in deren eigenen Worten. Worte, die das 'wir bleiben, wir expandieren'-Narrativ, das für die Identität des Islamischen Staates so grundlegend ist, widerlegen. In seiner digitalen Selbstdarstellung zeigt sich das Kalifat als veritabler Garten Eden ... Was, wenn wir den Flüchtlingen die digitalen Werkzeuge und den Internetzugang an die Hand geben, den es braucht, um Inhalte zu produzieren, die diese Darstellungen nicht nur widerlegen, sondern auch den alltäglichen Schrecken in einer Gesellschaft vermitteln, in der herzlose, gewalttätige Männer die Strippen ziehen. ... Wenn es uns ernst damit ist, dieses Medienscharmützel zu gewinnen, ist Zeit von zentraler Bedeutung", meint Koerner mit Verweis auf Libyen, wo die nächste Katastrophe droht.

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - Wired

Mit seinem Science-Fiction-Film "Midnight Special" hat Jeff Nichols gerade erst das Berlinalepublikum begeistert (unsere Kritik hier). Für den Regisseur von bislang drei vergleichsweise läppisch budgetierten Indiefilmen stellte die 20 Millionen Dollar schwere Produktion für Warner Brothers einen entscheidenden Schritt dar, ohne ihn gleich mit einem Riesenbudget zu überfordern. Doch diese sich langsam steigernden Übungsmöglichkeiten, erzählt er Amy Wallace, werden jungen Regisseuren immer seltener geboten: "Ein erfolgreicher 23-Millionen-Film wie Spike Jonzes 'Her' macht weltweit vielleicht seine 47 Millionen Dollar, doch zugleich besetzt er auch ein Veröffentlichungsdatum, das auch ein 150-Millionen-Film mit Aussicht auf 500 Millionen Dollar Ertrag nutzen könnte. Wie sollen talentierte junge Regisseure also ihr Handwerk lernen? Könnten Hollywood solche Debakel wie 'Fantastic Four' im vergangenen Jahr erspart bleiben, wenn es dessen jungen Regisseur Josh Trank nach seinem vielgepriesenen, extrem kostengünstig produzierten Debüt 'Chronicle' einen Versuch im Mittelfeld zugestanden hätte?"

Magazinrundschau vom 16.02.2016 - Wired

Wenn es darum geht, kommenden Entwicklungen einen Nährboden zu bereiten, ist Andy Rubin, der Entwickler des Android-Systems, das den Smartphone-Boom erst möglich gemacht hat, kein unbeschriebenes Blatt. Sein nächstes Ziel ist ein Hardware-Ökosystem für Künstliche Intelligenz, erklärt Jason Tanz in einem Wired-Porträt. Bisherige Versuche, eine KI zu entwickeln, basieren vor allem auf aus dem Netz akquirierten Daten - ein Denkfehler, meint Rubin: "Denn es gibt, auch wenn man dies schnell vergisst, eine Welt außerhalb des Internets. Damit KI ihr tatsächliches Potenzial ausschöpfen kann, sagt Rubin, müssen wir sie mit der physischen Welt verbinden. Zu diesem Zweck sollen Tausende Geräte entstehen, die aus ihrer Umwelt Informationen sammeln: Texte und Bilder, gewiss, aber auch Geräusche, Ortsangaben, Wetter und andere sensorische Daten." Rubin folge dabei der mit Android entwickelten Strategie, eine Grundlage zu schaffen, die von anderen aufgegriffen werden kann: "Das ist genau jene Art von Plattform, die ihm mit Playground vorschwebt, die all die grundlegende Hardware und Softwarekomponenten zur Verfügung stellt, damit Unternehmer sich darauf konzentrieren können, interessante Geräte zu entwickeln. ... 'Es handelt sich um modulare Hardware', sagt Rubin. 'In ein paar Jahren kann man hier mit einer Idee aufschlagen und wir arrangieren dann einfach die Module neu.'"

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - Wired

Chinas Tech-Szene ist beträchtlich im Kommen, berichtet Clive Thompson. Nicht nur das Risikokapital sitzt lockerer, auch ein Gesinnungswandel ist in der nachrückenden Generation festzustellen, schreibt er: "Vor zehn Jahren beschwerten sich High-Tech-Beobachter noch über den Mangel an kühnen Innovatoren im Land. Sicher gab es enorm erfolgreiche Unternehmen, doch nahmen sie selten kreative Risiken auf sich und kopierten im wesentlichen Erfolge aus dem Silicon Valley. Das Westküsten-Mantra - scheitere schnell, scheitere oft, um das Hitprodukt besser zu finden - klang für Jugendliche aus einem Bildungssystem, das auf Auswendiglernen fokussiert und Fehler hart bestraft, fremdartig, sogar gefährlich. Die Absolventen suchten Jobs in großen, soliden Firmen. Das Ziel war Stabilität: Das urbane China war gerade erst aus Jahrzehnten der Armut hervorgegangen und weite Teile der Provinz hatten das noch vor sich. Da duckte man sich lieber und ging auf Nummer Sicher. Doch diese Einstellung ist im Verschwinden begriffen, weggeschwemmt von einem steigenden Wohlstand, der ein neues Selbstbewusstsein und eine neue Kühnheit unter den jungen, urbanen Techies des Landes mit sich bringt. ... Sie wollen nicht mehr für Google und Apple arbeiten. Wie ihre Kollegen in San Francisco wollen sie das nächste Google und Apple bauen."