Russland flog am Wochenende die bisher
schwersten Luftangriffe auf die Ukraine, melden die Zeitungen. Das Land wurde mit über
805 Drohnen, neun Marschflugkörpern und vier ballistischen Raketen angegriffen, berichtet unter anderem Christoph von Eichhorn in der
SZ. Der Regierungssitz in Kiew stand gestern in Flammen.
Sollte der Westen
Truppen in die Ukraine senden, ist es höchstwahrscheinlich, dass Putin die Nato angreifen wird,
meint Andreas Ruesch in der
NZZ. Und darauf ist Europa militärisch nicht vorbereitet. Viel eher sollten sich die Europäer auf die Stärkung der Ukraine im Moment konzentrieren, als über zukünftige Friedenstruppen zu diskutieren: "So ist klar, was es für eine erfolgversprechende Strategie braucht: nicht illusionäre Debatten über Friedensgespräche oder Rückversicherungstruppen in einer unbestimmten Zukunft, sondern eine
konsequente Stärkung der Ukraine in der Gegenwart. Dabei wird die Kunst darin bestehen,
Trump wenigstens teilweise im Boot zu halten: Amerikas Hilfe bei der Aufklärung, der Logistik, der Koordination innerhalb der Nato und als Verkäufer bestimmter Waffensysteme ist von unschätzbarem Wert. Dasselbe gilt für seine Rolle als strategischer Anker mit einer starken Militärpräsenz in Europa. Amerikanische Kooperation wird es auch brauchen, um Schlupflöcher bei den Russland-Sanktionen zu schließen."
"Der derzeitige Abnutzungskrieg ist das Ergebnis des
westlichen Zögerns sowohl punkto Waffenlieferungen als auch effektiver Sanktionen",
konstatiert der Osteuropa-Experte Alexander Rhotert in der
NZZ und vergleicht die Situation in der Ukraine mit dem Ende des Bosnienkrieges, das man mit militärischem Druck früher hätte herbeiführen können: "Einige Uno-Vertreter wollten ihre zögerliche Haltung, ihre vielbeschworene 'Neutralität' trotz 'Srebrenica' beibehalten, doch war das Markale-Massaker ein Massaker zu viel. Der Uno-Kommandeur in Sarajevo, der britische General Sir Rupert Smith, initiierte am 28. August Luftangriffe, die nach einigen Konsultationen am frühen Morgen des 30. August starteten. Die Operation 'Deliberate Force', der
damals größte Militäreinsatz in der Geschichte der nordatlantischen Allianz, dauerte zwei Wochen und erreichte genau das, was dreieinhalbjährige Verhandlungen nicht vermocht hatten: Kompromissbereitschaft aufseiten der Serben zu generieren."
In der
taz blickt Dominic Johnson auf den für Außenstehende unfassbaren Erfolg von
Nigel Farages Partei Reform UK. Hatten wir nicht gerade erst gelesen, dass die Briten mit dem Ergebnis des Brexit unzufrieden seien? Und jetzt führt der Verursacher die Partei mit den höchsten Umfrageergebnissen an?
Labour steht nach dem Rausschmiss der linken Vizepremierministerin Angela Rayner (die wegen einer Steueraffähre zurücktreten musste) vor einer Zerreißprobe: "Wenn Labour den
linken Flügel verprellt, steht die noch nicht offiziell gegründete neue Linkspartei von Jeremy Corbyn und Zarah Sultana als Auffangbecken bereit. Aber wenn der
linke Flügel sich durchsetzt, ist das noch mehr Wasser auf die Mühlen der rechten Opposition." Unterdessen segelt Reform UK von Erfolg zu Erfolg: Nigel Farage zählt in seiner Rede auf dem Parteitag "
sein Programm auf: Null Toleranz bei der Polizei, ausländische Straftäter deportieren, Ende der illegalen Bootsanlandungen, alle Illegalen festsetzen und deportieren, alle Organisationen mit Terrorverbindungen verbieten, Klimaneutralität beenden, Energie verbilligen, Großbritannien reindustrialisieren, Verschwendung von Steuergeldern beenden, arbeitende Menschen schützen, London zum globalen Führer in der digitalen Ökonomie und Kryptowährungen machen, die Superreichen im Land halten, mehr praktische Bildung einführen (...) Es ist
Populismus pur, sehr selbstbewusst mit der
Machtperspektive kombiniert."
Hat Farage denn wirklich Chance, 2029
in die Downing Street zu ziehen? Offenbar schon, hört man, was der Meinungsforscher
John Curtice dem
SZ-Korrespondenten Michael Neudecker erzählt: "Sollte Farage bis 2029 seinen vagen Ankündigungen auch konkrete Pläne folgen lassen, dann, sagt Curtice, sei das nicht auszuschließen. Vor allem in Anbetracht der aktuellen problematischen wirtschaftlichen und politischen Lage, in der 'ein schwacher Politiker Premierminister ist und ein starker Wahlkämpfer ihn bedrängt'. Das Fragezeichen, das ihn aber begleiten werde, sei das gleiche, das es auch bei
Boris Johnson gab, selbst als er schon in No. 10 saß: '
Kann er den Job auch?' Bei Johnson sei immer dieses Gefühl da gewesen, dass alles irgendwann auseinanderfällt, und dieses Gefühl gebe es durchaus auch bei Farage."
Eine seltsame Partei ist
UK Reform jedenfalls, berichtet Johannes Leithäuser in der
FAZ: Farage, der es immerhin erst im siebten Anlauf geschafft hat, überhaupt ins Unterhaus gewählt zu werden, hat die von ihm gegründete Partei bis vor einem Jahr "noch
als Firma geführt, eingetragen im Londoner Handelsregister und mit seinem Namen als Mehrheitseigner. Nun ist sie als Partei registriert, verfügt über Satzung und Vorstand und bleibt doch
vollständig in Farages Hand. Die Vorstandsmitglieder sind zu mehr als der Hälfte vom Anführer berufen, nur drei von ihnen wurden von den Parteimitgliedern gewählt. Ohnehin hat das Führungsgremium nur 'beratenden' Einfluss, allerdings kann es den Vorsitzenden - dessen Amtszeit fünf Jahre währt - eigenhändig für eine weitere Amtsperiode bestätigen, falls kein Gegenkandidat auftaucht." Auch die Mitglieder haben keine Mitbestimmungsrechte: "Die Satzung gibt ihnen zwar das Recht, Anträge zu stellen und zu beschließen, legt aber gleichzeitig ausdrücklich fest, diese hätten 'nur beratende Kraft'."
In Britannien, das immerhin noch eine funktionierende Regierung hat, läuft es noch gut, blickt man nach Frankreich: Dort feiert die
Destruktion fröhliche Urstände, berichtet Annika Joeres in der
Zeit: "Wer
Frankreich lahmlegen will, konnte schon über das Wochenende revolutionäre Gesänge einüben, Plakate kleben, Flugblätter verteilen, sich mit anderen Ärzten und Ärztinnen auf Demonstrationseinsätze vorbereiten oder Suppenrezepte für streikende Fabrikarbeiter entwerfen. In dieser Schicksalswoche für Frankreich bereiten sich Tausende Menschen der vor wenigen Monaten gegründeten Protestbewegung
Bloquons tout - 'Alles blockieren' - auf ihren Aktionstag am Mittwoch vor. Über Dienste wie Signal, WhatsApp oder Telegram schließen sich inzwischen Zehntausende an, stündlich kommen Hunderte hinzu. Doch kann die Bewegung das Land wirklich stilllegen, wie sie hofft? Geheimdienst und Umfrageinstitute sind bislang ratlos. Sie vermuten, die Bewegung sei inzwischen
klar links und linksradikal ausgerichtet, doch das Ausmaß der Aktionen bleibt unvorhersehbar." Gleichzeitig stellt heute
Premierminister Bayrou die
Vertrauensfrage im Parlament, die er ziemlich sicher mit den
vereinten Stimmen von Linken und Rechten verlieren wird. Und dann? "Das gegenwärtige Ausmaß an Destruktion, im Parlament und auf der Straße, ist zu einer
echten Bedrohung geworden", diagnostiziert Matthias Krupa, ebenfalls in der
Zeit.
Im Mai eröffnete Deutschlands erstes Dokumentationszentrum zum
NSU-Komplex in Chemnitz (
Website). Diba Shokri trifft sich dort für die
FAS mit Opferangehörigen: "Die Ausstellung gibt den Opfern und Hinterbliebenen endlich den Raum, der ihnen zusteht -
nach Jahren der Kriminalisierung und des Nicht-ernst-genommen-Werdens. Semiya Şimşek stellt im Gespräch noch einmal klar: 'Nach den Morden waren wir auf einmal die Kinder von 'Kriminellen'. Aber wir wussten immer: Unsere Väter waren nicht kriminell. Wir konnten es nur nicht beweisen und wurden nicht ernst genommen. 2011, als feststand, dass es Neonazis waren, waren wir auf einmal Opfer. Aber ich hätte die Hilfe 2000, mit 14 gebraucht.'"
Belgien ist nach dem 7.Oktober zu einem der Hotspots des neuen Antisemitismus geworden. Luc de Barochez
unterhält sich darüber für den französischen
Express mit
Joël Rubinfeld von der "Ligue belge contre l'antisémitisme". Die jüngeren Juden werden wohl mehr oder weniger alle
nach Israel auswandern, prognostiziert er. Er äußert sich unter anderem enttäuscht über die
belgischen Parteien, und hier besonders die Sozialisten, die mal gegen Antisemitismus und für Laizismus gestanden hätten. "Sie wissen, dass es in Belgien 30.000 jüdische Bürger und wahrscheinlich rund 900.000 muslimische Bürger gibt. Bei den Wählern kommt auf
dreißig Muslime ein Jude. Wer gegen Antisemitismus kämpft, lässt sich von ethischen Grundsätzen leiten, nicht von Zahlen. Wer an Zahlen denkt, opfert die Juden auf dem Altar des Wahlkampfs. Antisemitisch zu sein, ohne es zu zeigen, ist in der Hauptstadt Europas zu einem Vorteil bei den Wahlen geworden."